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„Was wir wirklich brauchen, ist eine kulturelle Transformation“, sagt Rebecca Solnit.

Feminismus

„Wir haben etwas gewonnen, das es wert ist, gewonnen zu werden“

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Die Schriftstellerin und Aktivistin Rebecca Solnit über Fortschritte der Frauenbewegung, die Notwendigkeit dranzubleiben und ihr autobiographisches Buch „Unziemliches Verhalten“.

Ms. Solnit, Ihr neues, autobiographisches Buch „Unziemliches Verhalten“ hat im Original den Untertitel „a memoir“, aber darin steht der Satz: „Ich bin keine richtige Memoiren-Schreiberin“. Und in der Tat lassen Sie das meiste Persönliche weg.

Wissen Sie, die Leute lieben, was wir auf Englisch „dirt“ (Dreck) nennen. Sie haben das Gefühl, es gibt eine Variante des Selbst, das nur in romantischen, erotischen Zusammenhängen existiert. Aber es gehört so viel mehr zum Selbst, was oft weggelassen wird. Aber auch das wirkt auf uns ein. Es gibt ältere Memoiren, „Aus der nahen Ferne“ (2014), die zum Teil von der Beziehung zu meiner Mutter handeln. Aber diesmal wollte ich mich darauf konzentrieren, was es bedeutet, in der Öffentlichkeit eine Stimme zu haben. Und auf meinen Kampf, als sehr junge Frau, um eine Stimme als Autorin in einer Gesellschaft, die auf vielfältige Art gar nicht möchte, dass Frauen eine Stimme haben. Statt auf Freunde, auf Sex. Tatsächlich hatte ich in meinen Zwanzigern einen ganz reizenden Freund, aber es fühlte sich nicht an, als sei dies ein wichtiger Teil der Geschichte. Und so habe ich das Kapitel rausgenommen.

Ich hatte den Eindruck, Sie machen sich zu einem exemplarischen Beispiel.

Ja, genau. Und ich habe das nicht geschrieben, weil ich mich für außergewöhnlich hielt. Es gibt bereits eine Menge Lebensgeschichten über sexuelle Gewalt, über Fälle, in denen Extremes passiert ist. Von Roxane Gay, die mit 12 von einer Reihe von Männern vergewaltigt wurde, von Chanel Miller, die auf dem Gelände der Standford University angegriffen wurde, Fälle wie diese. Und es fühlte sich an, als würden wir sogar im feministischen Diskurs der letzten paar Jahre dauernd darüber reden, dass, auch wenn dir nichts Besonderes, Ungewöhnliches passiert, du oft zutiefst und schrecklich beeinträchtigt bist. Indem du in einer Atmosphäre lebst, in der solche Dinge Menschen zustoßen, die du kennst. Indem sie Menschen zustoßen, von denen du in den Nachrichten hörst. In denen dir in so vielen unterschiedlichen Situationen Dinge zustoßen, auf der Straße, im sozialen Umfeld, am Arbeitsplatz. Wie ich es im Buch formuliere: Es erwischt dich, auch wenn es dich nicht erwischt. Und das ist natürlich etwas sehr Persönliches, wissen Sie. Denn wie beeinflusst es deine Beziehung? Deinen Umgang mit Männern, einschließlich jenen, die du liebst und begehrst. Wie beeinträchtigt es sogar deine Fähigkeit zu begehren, wenn du dauernd in einer Welt navigierst, in der Männer Frauen verletzen?

Sogar Abgeordnete. Als Vorbereitung auf das Gespräch mit Ihnen habe ich mir die Rede angesehen, die die US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez hielt, nachdem der Republikaner Ted Yoho sie auf den Stufen des Kapitols laut beschimpft und unter anderem eine „fucking bitch“ genannt hatte.

Ich habe mir ihre Rede zweimal angehört, ich liebe sie. An einem Punkt sagt sie: Meine Eltern haben mich nicht dazu erzogen, Beschimpfungen von Männern zu akzeptieren. Ich fand es toll, dass sie das gesagt hat. Gleichzeitig dachte ich darüber nach und muss sagen: Meine Eltern haben mich dazu erzogen, ihre Beschimpfungen hinzunehmen. Und ein Teil des aktuellen Kampfes für viele junge Frauen – und mein Kampf, als ich jung war – ist, um Rilke falsch zu zitieren aus der ersten Duineser Elegie: „Wer, wenn ich den Mund aufmachte, hörte mich“. Wenn ich rede, ist die Bestrafung nicht schlimmer, als wenn ich nicht meine Stimme erhebe? Als junge Frauen wurden wir so oft veranlasst zu denken, oh, das war ja nicht schlimm, das ist keine große Sache, in Wirklichkeit ist es mein Fehler, keiner wird deswegen irgendwas tun, also gibt es keinen Grund, etwas zu sagen … So viele Geschichten haben uns entmutigt zu tun, was Alexandria Ocasio-Cortez getan hat, nämlich ihr Recht zu verteidigen, dass sie respektvoll behandelt wird.

In Ihrem Buch betonen Sie trotz allem, wie groß die Distanz ist, die in Sachen Gleichberechtigung zurückgelegt wurde.

Ja, denn Alexandria Ocasio-Cortez wäre noch vor einiger Zeit nicht gewählt worden, sie ersetzt einen weißen Mann, der viele, viele Jahre Abgeordneter war. Oft haben wir ein Bezugssystem im Kopf und denken entweder, alles ist geregelt, oder, nichts ist passiert. Aber wir stehen dazwischen. Ungeheuer viel hat sich verändert. Es gab einst kaum Frauen im Kongress, im Senat bis 1992 keine Woman of Colour. Und Alexandria Ocasio-Cortez wäre gar nicht in einer Position gewesen, zu antworten auf die Beschimpfung. Aber sie konnte zuerst die Entscheidung treffen, es abzuhaken und dann, nach Yohos erbärmlicher Entschuldigung, ihre Meinung ändern und das Wort ergreifen. Das alles ist komplex, immer. Wie können wir nun darüber sprechen, dass in der Tat eine Menge passiert ist, dass aber viele Probleme nicht beseitigt wurden, dass der Job nicht getan ist.

Ich habe die Befürchtung, dass wir in einem riesigen Rollback, oder jedenfalls einem Rollback-Versuch einflussreicher Männer stecken.

Und es ist unser Job sicherzustellen, dass sie nicht gewinnen (lacht). Das ist wie Trumps „Make America Great Again“, diese Leute wollen zurück in die Vergangenheit. Das ist das Zeichen dafür, dass wir etwas gewonnen haben, das es wert ist, gewonnen zu werden. Das gleiche gilt für Rassendiskussionen, auch da gibt es einen Backlash. Aber auf eine kuriose Art ist das ein Zeichen für den Sieg, dafür, dass du etwas erreichst hast und sie wollen, dass du es niederreißt und zurückkehrst zu der Zeit vor dieser Errungenschaft. Ja, ich sehe die Backlashes in Polen, Ungarn, Brasilien, den USA, anderswo. Aber es geht auch darum, welchen Maßstab du nimmst. Als Feministin versuche ich von der Welt aus zu messen, in die ich geboren wurde. In der wir nicht einmal die Sprache und die Konzepte hatten, um Ungleichheit zu betrachten. Feminismus war ein zutiefst kreatives Projekt. Feministinnen mussten sich selbst beibringen, Dinge wahrzunehmen, die nicht wahrgenommen, nicht zugegeben wurden. Mussten sie dann zu vom Gesetz erfasste Kategorien machen wie sexuelle Belästigung, Vergewaltigung in der Ehe, Diskriminierung; nichts davon wurde vorher ernst genommen. Die Dinge haben sich immens verändert – aber nicht genug. Da das Patriarchat Tausende von Jahren alt ist, finde ich, wir haben das ganz gut gemacht für bloß 50 Jahre. Aber wir müssen dranbleiben.

Sie haben gerade Rassismus erwähnt. Da werden jetzt sogar Statuen gestürzt. Sollten wir auch die Misogynisten, vor allem die Frauenschläger stürzen?

Gewalt gegen Frauen passiert in den USA in jedem Augenblick. Donald Trump soll seine erste Frau vergewaltigt haben, ihm werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Ich weiß nicht, ob es Statuen von Frauenschlägern gibt, aber Gewalt gegen Frauen ist schrecklich verbreitet. Wahrscheinlich haben wir also viele Statuen von Männern, deren Frauen nicht einmal die Chance hatten, sich zu äußern. Wir wissen nichts über das häusliche Leben der meisten Männer des 19. Jahrhunderts und was sie getan haben. Diese Veränderungen im öffentlichen Raum – wir bauen Statuen ab und benennen Dinge um – sind großartig. Symbolische Repräsentation hat wirklich Macht, wie auch Gesetze, die häusliche Gewalt gegen Frauen zu etwas machen, das Konsequenzen hat. Aber ich möchte nicht Männern einfach Angst einjagen, sondern wünsche mir eine Welt, in der es Menschen gar nicht einfällt, jemanden zu vergewaltigen, wenn ihnen danach ist. Wie schaffen wir eine Kultur, in der solche Übergriffe unvorstellbar sind? Gesetze sind nur ein kleiner Teil dessen, was der Feminismus benötigt, es muss auch darum gehen, wie Eltern ihre Kinder aufziehen oder welche Botschaften die populäre Kultur vermittelt.

Zur Person:

Rebecca Solnit , geboren 1961 in Bridgeport, Connecticut, ist Schriftstellerin, Kulturhistorikerin, Essayistin, auch Aktivistin. So wurde der Begriff „Mansplaining“ durch ihre Schriften bekannt. Bereits mit 17 ging sie zum Studium nach Paris, machte ihren Abschluss an der San Francisco State University. Zu ihren ins Deutsche übersetzten Büchern gehören „Hoffnung in der Dunkelheit: Unendliche Geschichten, wilde Möglichkeiten“ (Pendo, 2005); „Aus der nahen Ferne“, in dem sie sich mit ihrer Mutter auseinandersetzt (Hoffmann und Campe, 2014); „Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens“ (Matthes & Seitz, 2019). Nächste Woche erscheint bei Hoffmann & Campe: „Unziemliches Verhalten“ über Solnits feministisches Erwachen in den 80er Jahren.

Ja, viele tun das. Jungen und Mädchen werden gleichberechtigter erzogen. Allerdings nicht überall, in den USA gibt es einige sehr reaktionäre, konservative kulturelle Umfelder. Die sind auch oft sehr militarisiert, man sieht kleine Jungs, wie sie im Alter von drei, vier, fünf Waffen und Tarnkleidung tragen. Die USA bestehen, vereinfacht gesagt, tatsächlich aus zwei Kulturen, die sich in unterschiedliche Richtungen bewegen. Meine Großnichten sind wild und frei und selbstbewusst, wie es kleine Mädchen nicht waren, als ich in ihrem Alter war. Aber jede soziale Veränderung, die Bedeutung hat, besteht aus Millionen von winzigen Veränderungen der Vorstellungskraft. Zum Beispiel, wie behandelst du eine Person of Colour, eine schwule Person, wie laufen all die täglichen Interaktionen ab? Wie unterscheiden sie sich von denen stärker homophober, rassistischer Leute in einer stärker homophoben, rassistischen Gesellschaft? Wir brauchen Gesetze, aber Gesetze sind die letzte Zuflucht, wenn Dinge schon passiert sind. Was wir wirklich brauchen, ist eine kulturelle Transformation.

Und diese ist im Gange?

Der Mann zum Beispiel, der Alexandria Ocasio-Cortez beleidigt hat, wurde aus diversen Organisationen geschmissen, sein Verhalten hatte echte Konsequenzen. Das kann ein Signal an Männer wie ihn sein, dass sie nächstes Mal damit nicht durchkommen, weil Frauen eine Stimme haben. Ein großer Teil meiner Erinnerungen, meines Buches handelt von der Ungleichheit des Mitspracherechts. Der Grund, dass dir als Frau Sachen zustoßen, ist, dass du nicht das Sagen hast, wenn du Grenzen definierst, wenn du deine eigenen Entscheidungen triffst, wenn du nein sagst. Männer setzen darauf, dass deine Stimme keine Rolle spielt, wenn du dann Zeugnis ablegst, dass dir etwas Bestimmtes passierte. An mindestens drei Stellen in meinem Buch erzähle ich davon, dass mir nicht nur etwas zugestoßen ist, sondern dass, als ich versucht habe, Leuten davon zu erzählen, sie mir nicht geglaubt haben. Das war wesentlich, denn du musst Leute davon überzeugen können, dass du auch in der Lage bist, Zeugnis abzulegen in eigener Sache.

Was zum Beispiel war so ein Vorfall für Sie?

Es gab bei meinem zweiten Buch diese Person, die mit mir arbeiten sollte, sich aber sehr seltsam verhielt. Die versuchte, mein Buch zu begraben und meine Stimme zu unterdrücken. Und im Verlag hörte mir niemand zu.

Sie sprechen im Buch auch von „culture heroes“, Geistes- und Kunstgrößen, deren Arbeit wichtig ist, aber, wie Sie es formulieren, „nicht für mich oder Leute wie mich“, also für Frauen. Es gibt bereits eine Diskussion über Schriftsteller, Musiker etc., die Gewalt ausübten gegen Frauen. Aber was macht man mit ihnen, vom Sockel stoßen?

Das ist eine sehr komplizierte Sache. Ich persönlich habe Frauenverächter satt. Und ich entdecke in Büchern, die ich einmal sehr geliebt habe, immer noch Dinge, die mir früher nicht aufgefallen sind. Und dann bin ich überrascht, dass mir das vorher entging. Es gibt ein Kinderbuch über Arthus, „Der König auf Camelot“ von T. H. White, und an einer Stelle spricht White über Königin Guinevere und nebenbei kommt der Satz, sinngemäß: „falls Frauen sich überhaupt mit abstraktem Denken befassen …“. Da wird ganz beiläufig das intellektuelle Vermögen von Frauen nicht ernst genommen. Und ich habe darüber nachgedacht, wie es kam, dass dies eines meiner Lieblingsbücher war. Autoren wie Jack Kerouac – ich weiß nicht, welche ähnlichen Autoren Sie in Deutschland haben – werden weiterhin gelesen werden, aber wenn es um Lehrpläne geht, darum, was wir lesen wollen und unterstützen, sollten wir Entscheidungen treffen. Ich weiß nicht, wie sich das in zehn oder zwanzig Jahren entwickelt haben wird. Aber das 21. Jahrhundert hat andere Werte, die den universellen Menschenrechten mehr verpflichtet sind, der Gleichheit von Rasse, Geschlecht und Klasse. Es gibt eine Menge neuer Werke, die diesen Werten verpflichtet sind, und übrigens auch alte Werke, so dass es schwierig ist vorauszusehen, wie sich unsere Wahrnehmung verändern wird.

Sie beschreiben das Lesen als Zufluchtsort. Hat es das Kind Rebecca gerettet?

Ich kann nicht sagen, was ich getan hätte, wäre ich nicht in einer Bildungskultur aufgewachsen mit Zugang zu Büchern. Sie haben mich auf merkwürdige Art gerettet, indem ich in ihnen verschwunden bin. Aber sie haben mir nicht dabei geholfen, dort zu bestehen, wo ich bestehen musste, nämlich in meiner Familie. Doch haben sie mir die Chance gegeben, außerhalb dieser Dinge zu sein. Was Bücher für uns tun können ist, dass sie uns Zugang zu Welten verschaffen, die andere Kriterien haben, wo wir uns vorstellen können, jemand anderes zu sein, in einer anderen Kultur und Zeit, einschließlich Fantasie-Kulturen. Und Bücher befreien dich bis zu einem gewissen Grad vom Urteil deiner eigenen Kultur. Von den Grenzen, die andere Leute dir ziehen.

Glauben Sie, dass die Covid-19-Pandemie, in der die Gewalt gegen Frauen und Kinder noch zugenommen hat, Veränderungen verlangsamen wird?

Ich denke, das Gegenteil könnte der Fall sein. Es gibt ja in den USA genügend Kleidung, Essen, Unterkünfte, aber viele Menschen können es nicht bezahlen. Natürlich hängt die Entwicklung davon ab, wer unser nächster Präsident wird, aber ich denke, die Pandemie könnte ein Argument sein, um unser soziales Netz zu verbessern, das seit Ronald Reagan abgebaut wurde. Wir waren bereits vorher eine katastrophale Ökonomie mit schrecklicher Ungleichheit, Covid hat es nur noch extremer gemacht. Es gab bereits eine große Sehnsucht nach Veränderung, sie wird an Intensität zunehmen.

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