Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein Militärposten in Paris während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870-1871.
+
Ein Militärposten in Paris während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870-1871.

FR-Serie

Auf der Spitze eines Blitzableiters

  • VonVolker Ullrich
    schließen

Die Machtverschiebung auf dem Kontinent und die Reaktion Englands und Russlands auf den 1871 entstandenen „Betonklotz“.

Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und mächtige Dinge erleben zu dürfen? Und wie wird man nachher leben?“, fragte der Historiker Heinrich von Sybel einige Tage nach der Kaiserproklamation in Versailles am 18. Januar 1871. „Was zwanzig Jahre der Inhalt alles Wünschens und Strebens gewesen ist, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt!“

Wie Sybel haben auch Generationen von Historikern nach ihm die Vollendung der deutschen Reichsgründung auf das überragende politische Geschick Bismarcks zurückgeführt. Dabei war sie entscheidend begünstigt worden durch eine ungewöhnliche außenpolitische Konstellation, jenes Wellental der internationalen Beziehungen nach dem Krimkrieg (1854 bis 1856), das die Mitte Europas vom Druck der Großmächte entlastete. Russland konzentrierte sich nach der Niederlage auf die Expansion in Ostasien und die Modernisierung seiner Gesellschaft. Auch die Aufmerksamkeit der englischen Politik war durch innenpolitische Probleme, vor allem durch die Kämpfe um die Wahlrechtsreform von 1867, dazu durch globale Verpflichtungen des Empire stark in Anspruch genommen.

Das zeitweise Desinteresse sowohl Russlands als auch Großbritanniens an Mitteleuropa erleichterte es Bismarck, den Krieg mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland 1866 und den Krieg mit Frankreich um die deutsche Einheit 1870/71 zu begrenzen. Überdies hatte er es verstanden, den französischen Kaiser Napoleon III. in die Rolle des Aggressors zu manövrieren. In Europa war man schockiert über das Vorgehen der französischen Regierung, die scheinbar ohne Grund den Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit lagen ganz überwiegend beim Norddeutschen Bund und den mit diesem verbündeten süddeutschen Staaten.

Nach der Schlacht von Sedan am 2. September 1870, der Abdankung Napoleons III. und dem Bekanntwerden der Pläne für eine Annexion Elsass-Lothringens schlug die Stimmung jedoch um. Sowohl in London als auch in Petersburg fürchtete man, dass Frankreich zu nachhaltig geschwächt werden könnte.

FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. In den Beiträgen geht es um ein politisches, soziales und nicht zuletzt mentales Erbe, das noch lange fortgewirkt hat.

Zum Auftakt erschien am 31.12.2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs, gefolgt von einem Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn (4.1.), einem Text über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung (9.1.) und einem Bismarck-Porträt (13.1.). Im Anschluss an die heutige Auseinandersetzung mit den Reaktionen im Ausland folgen noch die Themen Arbeiterbewegung, Frauenbewegung und Antisemitismus.

Die Sympathien der öffentlichen Meinung wandten sich der provisorischen französischen Regierung und der Bevölkerung in der belagerten Hauptstadt Paris zu, deren Außenforts seit Ende 1870 unter deutschem Artilleriebeschuss lagen. „Man erblickt in uns nicht mehr die unschuldig Bedrohten, sondern vielmehr die übermütigen Sieger, die sich an der Bezwingung des Gegners nicht mehr genügen lassen, sondern sein gänzliches Verderben herbeiführen wollen“, warnte Kronprinz Friedrich Wilhelm am 31. Dezember 1870.

Die Beunruhigung der politischen Kreise Englands über die Machtverschiebung auf dem Kontinent brachte unüberhörbar der konservative Oppositionsführer im britischen Unterhaus, Benjamin Disraeli, am 9. Februar 1871, wenige Tage nach Abschluss des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommens, zum Aus-druck: „Dieser Krieg bedeutet die deutsche Revolution, ein größeres politisches Ereignis als die Französische Revolution (...). Das Gleichgewicht der Macht ist völ-lig zerstört, und das Land, welches am meisten darunter leidet und die Wirkungen dieser Veränderung am stärksten spürt, ist England.“ Das vielzitierte Diktum mochte eine dramatisierende Zuspitzung sein, aber es kennzeichnete die Stimmung im Lande. Selbst in der lange Zeit deutschfreundlich gesonnenen Presse zeige sich jetzt „eine Leidenschaftlichkeit gegen Deutschland, wie sie bisher im Laufe des Krieges noch nicht hervorgetreten ist“, berichtete der deutsche Botschafter, Albrecht Graf von Bernstorff, Ende Februar 1871 aus London.

Die Gründung des kleindeutsch-großpreußischen Nationalstaats von 1871 leitete in der Tat eine neue Periode in der Geschichte des europäischen Staatensystems ein. An die Stelle der lockeren Föderation des Deutschen Bundes von 1815, die ein halbes Jahrhundert lang die Mitte Europas gegen äußeren Druck abgefedert hatte, war ein Machtblock getreten – „ein furchteinflößender Betonklotz, aus dem viele Kanonenrohre herausragten“, wie Sebastian Haffner bildkräftig formuliert hat. Das traditionelle Gleichgewicht war durch die neue Macht im Herzen des Kontinents empfindlich gestört.

Allein aufgrund seiner Größe, seiner Wirtschaftskraft und seiner im Krieg gegen Frankreich eindrucksvoll bewiesenen militärischen Stärke besaß das deutsche Kaiserreich eine halbhegemoniale Stellung in Europa. Und die Annexion von Elsass-Lothringen weckte den Argwohn, Bismarck werde auf dem einmal eingeschlagenen Weg der Eroberungen nicht haltmachen, sondern die halbe Hegemonie in eine volle verwandeln wollen. „Da ich ihn nun kenne, werde ich nicht länger überrascht sein, ihn die Landkarte Europas weit mehr ändern zu sehen, als von Kaiser Napoleon erwartet wurde“, hatte der englische Botschafter Odo Russell bereits im Dezember 1870 aus dem preußischen Hauptquartier gemeldet.

Bismarck war sich bewusst, dass er derlei Befürchtungen nur zerstreuen konnte, wenn er die deutsche Außenpolitik in ihren Zielen strikt begrenzte und allen weiteren territorialen Ansprüchen entsagte. Nur indem er das Reich für „saturiert“ erklärte, konnte er hoffen, Europa allmählich mit dessen Existenz zu versöhnen.

Mit einer schweren Hypothek hatte die deutsche Außenpolitik allerdings seit 1871 zu rechnen: der unversöhnlichen Gegnerschaft Frankreichs. Waren die militärische Niederlage und die Kaiserproklamation ausgerechnet im Prachtsschloss Ludwigs XIV. schon demütigend genug – dauerhaft vergiftet wurde das beider-seitige Verhältnis erst durch die Annexion von Elsass-Lothringen.

Bismarck ging davon aus, dass jede französische Regierung „die Revanche als ihre Hauptaufgabe betrachten wird“: „Es kann sich nur darum handeln, welche Zeit die Franzosen brauchen werden, um ihre Armee so weit zu reorganisieren, dass sie ihrer Ansicht nach fähig ist, den Kampf wiederaufzunehmen.“ Um dieser Gefahr zu begegnen, war der Reichskanzler bestrebt, Frankreich nachhaltig zu schwächen und es bündnispolitisch zu isolieren.

Auch die Beziehungen zu Russland gestalteten sich nach 1871 schwieriger. Durch seine wohlwollende Neutralität hatte das Zarenreich die Reichsgründung überhaupt erst möglich gemacht. Dafür erwartete es jetzt deutsche Gegenleistungen. In einem Telegramm an Zar Alexander II. vom 27. Februar 1871 erkannte der frisch gekrönte Kaiser Wilhelm I. die deutsche Dankesschuld ausdrücklich an: „Preußen wird niemals vergessen, dass es Ihnen zu verdanken ist, wenn der Krieg nicht die äußersten Dimensionen angenommen hat.“

Auch Bismarck legte auf die traditionell guten Beziehungen zu Russland den größten Wert. Dabei ließ er sich freilich nicht von monarchischer Gefühlspolitik, sondern von Staatsräson leiten. Eine zu enge, einseitige Bindung an das Zarenreich lehnte er ab. Daher suchte er bereits seit November 1870 einen Ausgleich mit Österreich, dem Besiegten von 1866. Erleichtert wurde die Wiederannäherung dadurch, dass Ende 1871 mit dem Ungarn Julius Graf Andrássy ein verständigungsbereiter Politiker das Außenministerium am Wiener Ballhausplatz übernahm. Er wurde zum wichtigsten Partner Bismarcks in der internationalen Arena der kommenden Jahre.

Mit Russland und Österreich-Ungarn zugleich gute Beziehungen zu unterhalten, ohne für die eine oder andere Seite optieren zu müssen – das wurde zu einer Leitmaxime Bismarck’scher Außenpolitik. Anders als es die Bismarck-Orthodoxie lange glauben machen wollte, verwandelte sich der Reichskanzler nach 1871 jedoch nicht sofort in einen konsequenten Friedenspolitiker. Seine Diplomatie der frühen 1870er Jahre war vielmehr gekennzeichnet durch eine gewisse Unsicherheit über die richtigen Mittel und Wege. Bismarck bedurfte eines Lernprozesses, um sich in die ungewohnte Rolle der Selbstbeschränkung zu finden.

Eine wichtige Zäsur markierte hier die „Krieg-in-Sicht-Krise“ vom Frühjahr 1875. Mit einer von ihm entfesselten Pressekampagne wollte Bismarck das überraschend schnell wieder erstarkte Frankreich einschüchtern; gleichzeitig sollte an der Reaktion der übrigen Mächte getestet werden, wie groß der Manövrierspiel-raum der deutschen Politik war.

Doch diesmal hatte der Reichskanzler das Spiel überreizt. Gegen seine Drohgebärden schlossen sich England und Russland zur konzertierten Aktion zusammen. Unmissverständlich stellten sie in Berlin klar, dass sie eine nochmalige Verschiebung der Machtverhältnisse in Mitteleuropa zu Deutschlands Gunsten nicht dulden würden. Das war eine schwere Schlappe für Bismarck, vielleicht die schwerste seiner diplomatischen Laufbahn überhaupt.

Aus dieser Erfahrung zog der Reichskanzler eine Lehre: Sichern ließ sich die exponierte Stellung des jungen Nationalstaats nur durch eine defensive Politik, die vom Status quo als dem Maximum des Erreichbaren ausging und das deutsche Interesse an die Vermeidung eines Krieges in Europa band. Unter dieser Prämisse entwickelte Bismarck eine neue außenpolitische Strategie, die darauf angelegt war, die Spannungen zwischen den Großmächten an die europäische Peripherie zu verlagern, um den Druck von der Mitte zu nehmen.

Die Grundidee skizzierte er in dem berühmten „Kissinger Diktat“ vom Juli 1877. Darin entwarf er das Bild einer „politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“. Dem diente das komplizierte Bündnissystem, das Bismarck seit Ende der 1870er Jahre aufbaute – mit dem Zweibund mit Österreich-Ungarn als Fundament. Durch ein fein geponnenes Netz von Verträgen suchte der Reichskanzler seinen „cauchemar des coalitions“, den Alptraum einer gegen Deutschland gerichteten übermächtigen Koalition, zu bannen.

Tatsächlich schien dieses Ziel in der ersten Hälfte der 1880er Jahre erreicht. Das Deutsche Reich war – in den Worten Bismarcks – zur „Bleigarnitur am Stehaufmännchen Europa“ geworden, zu einer Macht also, die den Frieden verbürgte, zugleich aber dafür sorgte, dass die Reibungen zwischen den Mächten an der Peripherie erhalten blieben. Um diese für Deutschland so vorteilhafte Konstellation zu konservieren, war der Reichskanzler allerdings zu immer waghalsigeren diplomatischen Manövern gezwungen – zuletzt mit dem Rückversicherungsvertrag von 1887, der Russland noch einmal an das Reich binden sollte.

Bismarck blieb sich der Zerbrechlichkeit seiner Schöpfung stets bewusst. „Wir balancieren auf der Spitze eines Blitzableiters“, hatte er im Dezember 1870 erklärt, nachdem er die deutsche Einheit unter Dach und Fach gebracht hatte. Dieses Gefühl für die Gefährdung des neuen Nationalstaats in der Mitte Europas sollte seinen Nachfolgern verloren gehen. Das Deutschland unter Wilhelm II. gab die Kultur der Zurückhaltung auf und verschrieb sich dem lockenden Ruf nach „Weltpolitik“. Mit dem Griff nach der Weltmacht aber begann der Weg in den Untergang.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare