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Raumschiff Enterprise: Unendliche Zeiten

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Von: Thomas Stillbauer

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Captain Kirk und Lieutenant Spock, circa 1967.
Captain Kirk und Lieutenant Spock, circa 1967. © Imago

Das Raumschiff Enterprise flog vor fünfzig Jahren in unsere Wohnzimmer. Die Galaxie war eine andere.

Frankfurt - Wir hatten einen Dschungel (hinter der Ballwand) und zwei Raumschiffe. Zuerst hielten wir uns viel im Dschungel auf, bis unsere Fantasie die Begrenztheit der Möglichkeiten auf ungefähr dreieinhalb Quadratmetern Weidengebüsch im Hof einer Kindertagesstätte auszupfeifen begann. Dann flogen wir mit dem Raumschiff davon. Captain Kirk und Mr. Spock. Wer sonst.

Wir verwendeten für unsere Fluchten jenes der beiden Raumschiffe, das dem ausrangierten Dschungel am nächsten (und vom Gebäude mit dem Aufsichtspersonal am weitesten entfernt) war. Für Unwissende mag es sich um einen Pflanzenkübel gehandelt haben, in den mit Ach und Krach zwei Sieben- bis maximal Neunjährige passten. Das knorrige Gewächs darin hielt erstaunlich lang durch. Es diente als Steuerarmatur für unsere Reisen in Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte.

Star Trek: Erstausstrahlung vor 50 Jahren im deutschen Fernsehen

Fünfzig Jahre soll das her sein, behaupten sie. Fünfzig Jahre sollen vergangen sein seit der Erstausstrahlung der US-Serie „Star Trek“ im deutschen Fernsehen, hier unter dem Titel „Raumschiff Enterprise“. Fünfzig Jahre, seit wir (heute noch jungen Menschen) selbst zu Commander und Vulkanier wurden. Entweder das, oder Zeitreisen sind möglich. Wahrscheinlich sind Zeitreisen möglich. Das waren sie ja damals schon.

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Fünf Jahre unterwegs? Wenn die gewusst hätten. Millionen Menschen können jenen Heldenmut atmenden Text noch heute auswendig, der den Folgen vorausging, von einer markanten Männerstimme gesprochen: Holger Hagen, wie die Internetseite alpha.fandom.com verrät, und, wie weitere Recherchen ergeben, der Mann, der auch in „Casablanca“, „Serengeti darf nicht sterben“ und „Timm Thaler“ als Erzähler zu hören ist.

Was alpha.fandom.com ebenfalls verrät: „Das Jahr 2200 ist nach der offiziellen Star Trek-Zeitlinie falsch, und in andere Galaxien dringt die Enterprise auch nicht vor, sondern sie bleibt, bis auf zwei Ausnahmen, innerhalb der Milchstraße.“

Nach 79 Folgen war erst mal Schluss mit Raumschiff Enterprise

Damit jetzt aber genug der Legendenzerstörung. Nur Vorsicht, bitte: Es gibt zwei verschiedene Intros auf Youtube, wo Sie sicher gerade sind, um den fantastischen Vorspann mal wieder anzuhören. Wenn Sie das falsche Intro erwischen, klärt Sie der Kenner mit dem Pseudonym „Hans Wurst“ auf: „Das ist nicht das Intro von 1972, sondern von der Version aus dem Jahr 2006. Ohne Gesang einfach nicht dasselbe.“ Und da hat er völlig recht. Die Streicher, die später die Melodie spielen, sind auch wunderschön anzuhören, aber das Original mit der Stimme von Loulie Jean Norman ist für weitaus mehr Gänsehautereignisse verantwortlich.

Noch bevor die Serie in Deutschland begann, war sie drüben in den USA schon wieder vorbei. Vorerst. Der Sender NBC sagte nach 79 Folgen: Schluss. Wegen schwacher Quoten. Unvorstellbar heute. Schwache Quoten? Bei diesen Abenteuern? Wer erinnert sich nicht mit Schaudern an die Folge „Kirk: 2=“, als der Captain durch den „allerersten Transporterunfall in der Geschichte Star Treks“ (startrek-index.de) in zwei Kirks aufgeteilt wird: einen guten und einen bösen. Sternzeit 1672,1, und James T. Kirk randaliert mit einer Flasche Brandy auf der Enterprise. Der Transporter ist das, womit gebeamt wird. Nein, der vielzitierte Satz „Beam me up, Scotty!“, fiel nie. Aber 1986 ließ sich Kirk im Kinofilm „Star Trek IV“ zur Abwandlung hinreißen: „Scotty, beam me up!“

„Die Enterprise, wie sie in warp speed springt“, lautet der alte Text hierzu. So schnell, dass sie schon halb aus dem Bild gesprungen ist. Imago I)mages/Paramount/Everett Collection
„Die Enterprise, wie sie in warp speed springt“, lautet der alte Text hierzu. So schnell, dass sie schon halb aus dem Bild gesprungen ist. Imago I)mages/Paramount/Everett Collection © imago images/Everett Collection

Zurück zur gespaltenen Persönlichkeit. „Spock fordert den guten Kirk auf, sich in die Lage seiner bösen Hälfte zu versetzen und zu überlegen, wo er sich verstecken würde“, fasst startrek-index.de zusammen. „Daraufhin begeben sich die beiden auf das Maschinendeck in die Lagerhallen. Dort finden sie tatsächlich die böse Hälfte und mit Hilfe von Spocks Nackengriff können sie diesen Kirk überwältigen, der vorher allerdings noch den Transporter unbrauchbar machen konnte.“ Schwache Quoten? Die Enterprise fliegt bis heute in unzähligen Star-Trek-Staffeln und -Filmen über Bildschirme und Leinwände.

Der Nackengriff! Immer und immer wieder wurde er in Kindergärten und Grundschulen angewendet, wenn auch nicht mit dem unmittelbaren Erfolg, den Mr. Spock hatte. Seine Kontrahenten sanken zu Boden, schneller als ein Meteoritenhagel an der Enterprise vorbeirauschte. Unsere Kontrahenten nie. Oder der Vulkanische Gruß. Zwei Finger nach links abgespreizt, zwei nach rechts, so grüßte Spock und sagte gelegentlich dazu: „Lebe lang und in Frieden“ (Vulkanisch: „Dif-tor heh smusma“).

Dabei sollte Spock, gespielt vom unvergessenen Leonard Nimoy, ursprünglich gar nicht dabei sein. Der Sender wollte weder ihn noch Frauen in Führungspositionen, und selbst den Kirk, Pardon, Captain Pike (!) spielte im ursprünglichen Pilotfilm von 1964 gar nicht William Shatner. Was für Zustände. Aber es wurde dann ja doch noch alles besser, wenn auch nicht gut. Überall Gefahren. Überall feindselige Weltraumbewohner. Was haben wir alles erfahren über das Leben da draußen im All. Was haben wir uns darüber gewundert, dass trotzdem nie ein Klingone bei „Wetten, dass…?“ auftrat oder einen Oscar gewann.

Star-Trek-Reihe gilt als Vorbild der Völkerverständigung

Die Sternzeiten änderten sich, die Aufgaben der Enterprise auch. Ging es anfangs noch darum, dass Außerirdische von zweifelhaftem Charakter dringend Salz brauchen, erfuhr man später von Schwarzen Löchern, einmal wurde Spocks Gehirn gestohlen, und noch krasser: In Staffel zwei stieß ein Russe (Chekov) zur Crew, ehe in Staffel drei der erste Kuss eines weißen Mannes mit einer schwarzen Frau im US-Fernsehen gezeigt wurde. Angeblich mussten Shatner und die wunderbare Nichelle Nichols (Lieutenant Uhura) bei den Dreharbeiten darauf achten, dass sich ihre Lippen nicht wirklich berührten. Trotzdem sollen Sender in den Südstaaten die Ausstrahlung verweigert haben. Man kann dem Raumschiff Enterprise nur dafür dankbar sein, dass es so viele Tabus brach. Mögen manche Szenen aus den ersten Staffeln durchaus noch einen gewissen Rassismus verbreitet haben, gilt die Reihe doch längst als Vorbild der Völkerverständigung. Solange die anderen uns nicht mit einer Photonischen Kanone angreifen. Oder mit einem Schallwellenwerfer.

Hier die Namen weiterer Lieblingsfiguren, weil es Spaß macht, sie auszusprechen: Dr. McCoy (Pille). Lieutenant Sulu. Captain Jean-Luc Picard. Lieutenant Commander Data. Und eine besondere Anhimmelung für das flirrende Hintergrundgeräusch auf der Enterprise-Brücke. Jeder Mensch will es als Klingelton fürs Mobiltelefon haben. Jeder.

Und hier noch, wie ein kleiner Junge indirekt durch das Raumschiff Enterprise etwas fürs Leben lernte. Wir hatten den ganzen Tag draußen gespielt, und wir durften nicht vor den Fernseher zu Kirk und Spock, ohne unsere Schmutzschicht abgetragen zu haben. Bevor wir zu zweit in die Badewanne einstiegen, zeigte mir der Kumpel etwas, damit ich mich nicht wunderte. Das hatte ich vorher wirklich noch nie gesehen, die Familie war jüdisch, jetzt war ich schlauer, und zehn Sekunden später war das intime Detail schon vergessen. Vor allem mussten wir jetzt darauf achten, erst kaltes Wasser einzulassen und dann heißes, und zwar möglichst zügig, denn direktes Beamen aus der Wanne vor den Fernseher ging nicht. Wo war Scotty, wenn man ihn brauchte? (Thomas Stillbauer)

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