Weggeräumt: Woodrow Wilson (M.) und Kollegen aus einem 2010 geschlossenen „Präsidentenpark“. 
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Weggeräumt: Woodrow Wilson (M.) und Kollegen aus einem 2010 geschlossenen „Präsidentenpark“. 

28. US-Präsident

Welle des Denkmalsturzes spült auch den Rassisten Woodrow Wilson weg

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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US-Präsident, Friedensnobelpreisträger und Rassist Woodrow Wilson ist kein guter Namensgeber für ein Institut der Universität von Princeton – aber ein exemplarischer und nachdenkenswerter Fall für Widersprüche.

  • Woodrow Wilson war von 1913 bis 1921 US-Präsident, 1919 erhielt er den Friedensnobelpreis
  • Nun hat die aktuelle Welle des Denkmalsturzes auch Wilson davongespült - wegen dessen rassistischer Einstellung
  • Die School of Public and International Affairs an der Princeton University trägt nicht mehr Wilsons Namen

Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten in zwei Amtszeiten von 1913 bis 1921, gilt in Deutschland als genuiner Außenpolitiker, der den Versailler Vertrag vorangetrieben und seine mal imperialistische, mal isolationistische Nation zu einer Großmacht erhoben hat. Er betrieb maßgeblich die Gründung des Völkerbundes und verfocht einen liberalen Internationalismus, der „die Welt sicher machen wollte für die Demokratie“. 1919 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen.

An der Princeton University, einer der führenden im Lande, an der Wilson akademische Meriten erworben und von 1902 an als Präsident gewirkt hatte, trägt die renommierte School of Public and International Affairs seinen Namen. Besser gesagt: trug. Denn die Denomination ist nach einem Beschluss des Hochschulrates Vergangenheit – auch Wilson hat die Welle des aktuellen Denkmalsturzes davongespült.

Schon lange hatten Studierende verlangt, Wilson auf Grund seiner rassistischen Einstellung und diskriminierenden Innenpolitik als Namensgeber zu entfernen. Darüber war es fünf Jahre lang zu erheblichen Kontroversen gekommen, die mit vagen Zugeständnissen an afroamerikanische Studierende nicht unter der Decke gehalten werden konnten. Jetzt, im Zuge der breiten Infragestellung rassistischer Traditionen, konnte die Erinnerung an Wilsons Friedenspolitik nicht mehr als Schutzschild herhalten. Der Hochschulrat begründete seinen Sinneswandel mit den jüngsten Morden an Breonna Taylor, Ahmaud Arbery, George Floyd und Rayshard Brooks.

Rassist Woodrow Wilson: Ku-Klux-Klan als Bollwerk aufrechter weißer Männer gewürdigt

Deren Tod rückte zu Recht auch einen Präsidenten ins Zwielicht, der in einem Buch über die Geschichte des amerikanischen Volkes 1908 den Ku-Klux-Klan als Bollwerk aufrechter weißer Männer gewürdigt hatte und 1916 im Weißen Haus D. W. Griffith’ Film „The Birth Of A Nation“, die rassistische Variante des amerikanischen Gründungsmythos, vorführen ließ. Damit nicht genug: Anzulasten ist Wilson auch die Wiedereinführung strikter Rassentrennung in den Bundesbehörden und der Armee, bis hinein in die Kantinen und Toiletten.

Das war in der Tat schon lange unhaltbar, ist aber nur die eine Seite. Die „Entehrung“ in Princeton, der weitere Universitäten folgen dürften, sollte auch Anlass sein, über den im Fall Woodrow Wilson exemplarischen Widerspruch zwischen einer damals weit verbreiteten rassistischen Einstellung und einer progressiven Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie der Abkehr von machtpolitischen Außenbeziehungen nachzudenken.

Exemplarischer Widerspruch: Rassistische Einstellung und progressive Sozial- und Wirtschaftspolitik

Welches Menschen- und Gesellschaftsbild ließ eine solche Schizophrenie durchgehen, die für die Vorreiternationen der europäischen Aufklärung ebenso typisch war? Wie konnten „wir“, falls dieses Kollektivpronomen für die damals wie heute dominante weiße Mehrheit passend ist, in Wilsons 14 Punkten das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamieren und es zugleich einem erheblichen Teil des eigenen Volkes und den kolonisierten „Subjekten“ (Unterworfenen) verweigern, ohne in eine schmerzhafte Dissonanz zu verfallen?

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Sie zu verstehen, heißt nicht, sie zu entschuldigen, es ist vielmehr die Voraussetzung, um heutige Dissonanzen zu erkennen, die man unter korrektem Sprechen und postumer Besserwisserei leicht verbergen kann. Und um rein symbolische Akte zu vermeiden, wie sie die Umbenennung einer berühmten Kaderschmiede der internationalen Politik erst einmal darstellt. Woodrow Wilson, dessen Idealismus weder die anderen Nationen noch sein eigener Kongress folgen wollten, war bei allen Widersprüchen und Halbheiten, ähnlich wie die derzeit inkriminierten Politiker und Philosophen, auf dem Weg zur Selbstaufklärung und dabei vielen Zeitgenossen (und Heutigen!) sogar voraus.

Die Namensänderung in Princeton war überfällig, aber die Nachgeborenen sollten schon darüber nachdenken, in welchem Glashaus sie womöglich sitzen.

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