Nach dem Tod von George Floyd

Rassismus in den USA: Die Innenstädte brennen wieder

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

In den 60er Jahren trieben US-Regierungen ihr Land in einen Strudel der Gewalt. Sie nutzten Proteste der Afroamerikaner, um gegen sie vorzugehen. Ein erschreckter Rückblick auf eine für die ganze Welt damals verhängnisvolle Entwicklung.

  • In den 60er Jahren kam es in den USA vermehrt zu gewaltsamen Protesten und Unruhen
  • Die Parole der Demonstranten von 2020 ist die der Demonstranten von 1965: Gegen Rassismus und Polizeigewalt
  • Donald Trump könnte von den derzeitigen Unruhen ebenso profitieren wie Richard Nixon

Im August 1965 brannte es in Los Angeles, im Stadtteil Watts, sechs Tage lang. Auslöser der wilden Straßenproteste war die Verhaftung eines Afroamerikaners und seiner Familie. Im Laufe der Tage kam es zu einem Sachschaden von etwa 40 Millionen Dollar, zu 4000 Verhaftungen, mehr als eintausend Verletzten und 34 Toten. Die Nationalgarde marschierte damals in Watts ein und schlug den Aufstand nieder. Danach kam es zu ähnlichen Situationen in Washington D.C., New York City, Chicago, Cleveland, Baltimore und Detroit.

USA: 1966 wurden die Organisierten immer radikaler, je massiver Polizei und Militär vorgingen

Auch wer das damals nur im Fernsehen sah, wird sich angesichts der Bilder, die in diesen Tagen aus Amerika kommen, daran erinnern. Ihm fallen die bald aufkommenden Parolen jener Jahre wieder ein: Black Proud (Stolz) und Black Power. Der Afro-Look eroberte nach den Straßen die Modemagazine. 1966 gründeten sich die Black Panthers, eine militante, demonstrativ Waffen tragende Organisation, die den Schutz der schwarzen Nachbarschaften auch gegen Polizeiübergriffe als eine ihrer wesentlichen Aufgaben betrachtete. 

Je massiver Polizei und Militär gegen die bald überall sich organisierenden Schwarzen vorging, desto radikaler wurden sie. Desto entschlossener setzten immer mehr dem weißen Rassismus einen schwarzen Nationalismus entgegen. Es gab immer mehr Afroamerikaner, die das Ziel der Integration aufgaben und für die Segregation der Schwarzen eintraten. Womöglich auf einem eigenen Territorium.

Noch wenige Jahre zuvor waren weiße Studenten in die Südstaaten gezogen, um dort in Alphabetisierungskursen Schwarzen beizustehen, die sich in Wählerlisten eintragen wollten. Solche Aktionen gerieten jetzt in den Verdacht des Paternalismus. Die Bürgerrechtsbewegung zerfiel in verschiedene einander oft heftig bekämpfende Gruppen. Malcolm X war schon im Februar 1965 von einem Mitglied der „Nation of Islam“, deren Sprecher Malcolm X einst gewesen war, wegen Verrats erschossen worden. Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis von einem mehrfach vorbestraften weißen Rassisten erschossen. In mehr als 110 Städten der USA kam es danach zu Protestaktionen, bei denen insgesamt 39 Menschen ums Leben kamen, 2000 verletzt und 10 000 Personen festgenommen wurden.

Unruhen in den USA: Donald Trump hofft von Unruhen so zu profitieren, wie Nixon in seinem Wahlkampf 

„Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“ hatte Mao gesagt. Die Regierung der USA vertrat die gleiche Auffassung. Warum sonst hätte sie nicht nur in Vietnam, sondern immer wieder auch in andern Ländern Kriege geführt? Gegen die radikale Schwarzenbewegung führte sie nun auch einen Krieg im eigenen Land. Als am 6. Juni 1968 Robert Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, ermordet wurde, hatten viele Bürger der USA das Gefühl, das Land würde in Chaos und Gewalt versinken.

Die Präsidentschaftswahlen am 5. November 1968 gewann Richard Nixon. Er hatte 43,4 Prozent der Wählerstimmen, sein demokratischer Konkurrent Humphrey 42,7 Prozent. Nixon aber hatte 301 Wahlmänner auf seiner Seite. Humphrey nur 192.

Es ist eine etwas wilde Assoziationskette, in die mich die Bilder aus den USA und die Erklärungen des derzeitigen Präsidenten treiben. Donald Trump, der sich seinem Wählervolk empfahl, indem er Mitglieder des rassistischen, lynchenden Ku Klux Klan lobte – sein Vater Fred hatte den Kapuzenträgerverband schon in den zwanziger Jahren unterstützt –, setzt zur Zeit ganz auf die Demonstration der Stärke. Er hofft von den Unruhen so zu profitieren, wie Nixon es in seinem Wahlkampf tat.

2012 fragte Sozialhistoriker Katz: „Warum brennen die amerikanischen Städte nicht?“

Es wäre angesichts des Verhältnisses des Präsidenten zu rechtsstaatlichen Prinzipien naiv, es für unmöglich zu halten, dass an den nächtlichen Gewalttaten nicht auch regierungsamtliche Provokateure beteiligt sein könnten. In der „New York Times“ wies ein Kommentator darauf hin, dass Donald Trump nicht der Typ sei, der eine Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen am 3. November einfach eingestehen würde. Die US-amerikanische Gesellschaft ist zutiefst gespalten, der Trump-Teil hat die Waffen und er scheut sich eher, von ihnen keinen Gebrauch zu machen.

Der 2014 verstorbene Sozialhistoriker an der University of Pennsylvania Michael B. Katz stellte 2012 die Frage „Warum brennen die amerikanischen Städte nicht?“ Er erinnerte daran, dass eine Kommission, die sich mit der Erforschung der Ursachen der Aufstände in den 60er Jahren beschäftigt hatte, zu dem Ergebnis kam, dass sich kaum etwas zum Besseren verändert habe, im Gegenteil, sehr viele grundlegende Bedingungen – zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Drogen – sich seitdem noch verschlimmert hätten. Warum war „social violence“ dennoch rückläufig.

Proteste in den USA: Die Empörung der Afroamerikaner der 60er Jahre war Ausdruck einer Enttäuschung

Katz nannte viele Gründe, zwei davon scheinen mir besonders wichtig: Die Empörung der Afroamerikaner der 60er Jahre war Ausdruck einer Enttäuschung. Viele von ihnen waren gerade erst aus dem Süden in den Norden gekommen und waren schockiert von dem ihnen dort entgegenschlagenden Rassismus auch der Amtsträger. In den Jahren danach verschwanden viele Weiße in die Vorstädte und überließen den Schwarzen die heruntergekommenen Stadtzentren. 

Die bekamen immer mehr auch schwarze Bürgermeister. Es bildete sich eine in erster Linie, so Katz, von der öffentlichen Verwaltung getragene neue Schicht eines kleinen schwarzen bürgerlichen Mittelstandes. Schon 1980 gab es auch im US-Süden 45 Mal so viele Schwarze in Wahlämtern – etwa in Schulvorständen oder als Sheriffs – wie ein Vierteljahrhundert zuvor.

Nixons Berater John Ehrlichman, berühmt als einer der Watergate-Verschwörer, soll 1994 zum „Krieg gegen die Drogen“ erklärt haben: „Die Nixon-Kampagne 1968 und die folgende Regierung hatte zwei Feinde: Die linken Kriegsgegner und die Schwarzen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber dadurch, dass wir die Öffentlichkeit dazu brachten, die Hippies mit Marihuana und die Schwarzen mit Heroin zu assoziieren, und beides heftig bestraften, konnten wir diese Gruppen diskreditieren. Wir konnten ihre Anführer verhaften, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Versammlungen beenden und sie so Abend für Abend in den Nachrichten verunglimpfen. Wussten wir, dass wir über die Drogen gelogen haben? Natürlich wussten wir das!“

Unruhen in den USA: Obama hatte es verstanden, die Antipolitik zum ertragreichen Feld der Politik zu machen

Der „Krieg gegen die Kriminalität“ wurde mit demselben Zynismus betrieben. Alle Erfahrungen der Experten sagten: Je stärker die politischen Organisationen in einer Nachbarschaft, desto schwächer die Kriminalität. Jeder hatte beobachtet, wie der Zerfall der Black Panthers in den betroffenen Stadtteilen zu einem Aufblühen einander bekriegender Gangs führte. Der Staat aber sah seine Hauptaufgabe darin zu verhindern, dass die Schwarzen ihre eigenen politischen Organisationen aufbauten. Das Anwachsen der Kriminalität nahm er dafür in Kauf.

Als Barack Obama 2008 „Yes we can“ zu dem zentralen Slogan seines Wahlkampfes machte, war das ein genialer Schachzug. Es ging nicht mehr um die eine oder die andere Partei, nicht mehr um den einen oder den anderen Kandidaten, sondern darum, dass die eigene Stimme etwas wert war. Ob man wählte oder nicht, das machte einen Unterschied. „Yes we can“ war ein Aufschrei gegen den Zynismus der Macht. Bald stellte sich heraus: Obama hatte es verstanden, die Antipolitik zu einem besonders ertragreichen Feld der Politik zu machen. Auch die Enttäuschung darüber hat Trump triumphieren lassen.

Einige der Bilder von heute gleichen einigen der Bilder der 60er Jahre. Aber natürlich gab es damals keine Corona-Masken tragenden Demonstranten. Nirgends habe ich heute eine Gruppe gesehen, die der Meinung war, die Weißen hätten bei ihrem Protest nichts verloren. Aber ganz sicher ist, dass je gewaltsamer die Staatsmacht vorgeht, desto mehr Protestler sich auch verteidigen können sollen. Die Bilder der 60er Jahre stammen aus einer Zeit, in der ein Afroamerikaner als Präsident undenkbar war. Wir leben heute in der Post-Obama-Epoche.

Proteste in den USA: Die Präsidentschaft Obamas scheint rassistisch-reaktionären Teil des weißen Amerikas als Versehen

Dem rassistisch-reaktionären Teil des weißen Amerikas erscheint die Präsidentschaft Obamas als ein Versehen, ein raffiniert geglückter Coup, ein Verrat am wahren Amerika, das natürlich weiß ist. Rache für Obama war das Ticket für Trumps Trip ins Weiße Haus. Der amerikanische Menschenrechtler und Pan-Afrikanist W. E. B. Du Bois erklärte 1895, deutlich mehr Angst als vor einer schlechten schwarzen Regierung hätten die Weißen vor einer guten schwarzen Regierung. Genau das ist mit Barack Obama passiert. Darum ist die Wut so groß.

Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Es gibt kein Afroamerikaner-Problem. Es hat niemals eines gegeben. Es gab immer nur Weiße, die auf dem Heimvorteil ihrer weißen Haut bestanden. Sie wollten und wollen einfach besser sein. Nicht weil sie irgendetwas besser können als andere, sondern weil sie qua Geburt, dank ihres bloßen Daseins etwas Besseres sind. Man versteht das gut. Wer wäre nicht gerne ein reicher Erbe, ein Königssohn? Aber das sind Märchenfiguren, dumme Allmachtsfantasien.

Nichts anderes ist Rassismus. Der weiße Polizist, der glaubt, ein Recht darauf zu haben, einem Schwarzen die Luft abzudrehen, gehört angeklagt. Wegen Mordes. Dass das nicht oder nur sehr verspätet passiert, treibt die Menschen zum Protest. Wenn daraus hilflose Wut wird, strudeln die USA wieder in jene Spirale der Gewalt, die wir in den 60er Jahren beobachteten. Es ist deprimierend genug, dass die Parole der Demonstranten von 2020 die der von 1965 ist: Gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Von Arno Widman

Donald Trump droht, die Proteste in den USA notfalls mit Militärgewalt zu stoppen. Hat er überhaupt das Recht dazu?

Hunderte demonstrierten an der Hauptwache in Frankfurt gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA. Zugleich machten sie darauf aufmerksam, dass es das Problem auch in Deutschland gibt.

Rubriklistenbild: © Lindsey Wasson/rtr

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare