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Rassismus an Schulen: „Nicht rassifizierte Schüler:innen bekommen oftmals bessere Noten“

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Von: Moritz Serif

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Rassismus ist an Schulen immer noch ein Thema. © IMAGO/Taylor Callery

Laut der Lehrbeauftragten Rahel El-Maawi ist Rassismus an Schulen vor allem in der Bildsprache immer noch vorhanden. Workshops können helfen. Ein Interview.

Frankfurt – Mani Owzwar, Rahel El-Maawi und Tilo Bur haben zusammen ein Buch verfasst, das sich damit auseinandersetzt, wie Lehrkräfte rassismuskritisch unterrichten können. Außerdem beschreiben sie in „No to Racism“, wie es gelingen kann, eine rassismussensible Schule zu gestalten.

Das Grundlagenwerk zeigt auf, wie Rassismus in der Schule auftreten kann. Zwar werden viele rassistische Bezeichnungen nicht mehr gebraucht. Bei der Bildwahl hat sich allerdings nicht viel getan. Hinzu kommt, dass das Lehrpersonal oftmals nicht ausreichend geschult ist, um rassistische Stereotype zu erkennen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Buch zu verfassen?

Tilo Bur: Bei unserer Arbeit in der Schule sehen wir immer wieder, wie wichtig es wäre, dass sich dort bezüglich Rassismus die Denkweise ändert. Nach den geleisteten Workshops fehlte uns eine geeignete Publikation, die wir den Schulakteur:innen an die Hand geben können. Uns ist kein Werk bekannt, dass die Basics für den Kontext Schule praxisnahe vereint. In Deutschland gibt es einige wichtige Grundlagenbücher. In der Schweiz hingegen nicht. 

Rahel El-Maawi: In Schulen werden Normen weitergegeben, leider zurzeit auch rassistische. Ich hoffe für die künftigen Generationen, dass wir einen anderen Umgang haben und anders über Rassismus sprechen. 

Mani Owzar: Gerade in den frühen Jahrgängen spielt man extrem mit stereotypen Beispielen. 

Können Sie Beispiele nennen?

Tilo Bur: Schulbücher stellen Native Americans mit Pfeil und Bogen dar und sie werden in Fibeln neben Tieren abgebildet. 

Mani Owzar: Wir haben uns im Kindergarten als „afrikanische“ Prinzessinnen verkleidet und uns allen wurde das Gesicht schwarz angemalt, nicht aus böser Absicht, sondern, weil das Bewusstsein für die Problematik der Praxis des Blackfacings gefehlt hat. 

Rahel El-Maawi: Oftmals wird Wissen über andere produziert, aber nicht über einen selbst. Das eigene schaut man sich nicht an. Immer wieder höre ich, wie zum Beispiel afrikanisch gelesene Kinder vorspielen müssen, wie man zu Hause mit den Händen isst und dabei auf dem Boden sitzt. Selbst wenn das zu Hause gar nicht stattfindet und nicht der Realität entspricht. Die Kita oder die Schule möchte einfach dieses Bild bedient wissen. Das ist irritierend und verletzend. Und durch solche Praxen werden rassistische Vorannahmen verfestigt.

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Rahel El-Maawi. © Christian Senti

Zur Person: Rahel El-Maawi

Rahel El-Maawi ist Mitgründer:in von Bla*Sh, einem Netzwerk non-binärer Menschen und Schwarzer Frauen in der Deutschschweiz. Sie ist bei der Alternativen Liste, einer Partei in Zürich, aktiv. Außerdem ist El-Maawi Lehrbeauftragte an Hochschulen und berät Institutionen bei der Entwicklung einer rassismuskritischen und diversitätsorientierten Betriebskultur.

Wie lässt sich das aufbrechen? Gerade bei Alltagsrassismus?

Mani Owzar: Eines unserer Hauptziele in unseren Workshops und auch jetzt mit dem Buch ist, dass Menschen erkennen, dass alle rassistisch sozialisiert wurden. Allerdings macht uns das nicht zu schlechten Menschen. Es geht nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Rassismus ist ein System, das sich durch Handlungen reproduziert.

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Mani Owzwar. © Christian Senti

Zur Person: Mani Owzar

Mani Owzar arbeitet als Lehrperson für Allgemeinbildung am Zentrum für Ausbildung im Gesundheitsweisen (ZAG) in Winterthur. Owzar hat einen Bachelor in Volkswirtschaftslehre und einen Masterabschluss in Weltgesellschaft und Weltpolitik. Sie ist Mitgründer:in von Diversum, einem Verein für rassismuskritisches Denken.

Hat sich die Situation in der Schweiz verbessert?

Rahel El-Maawi: Ich habe eine Schulbuchuntersuchung durchgeführt. Es gibt die These, dass sich etwas verändert hat. Viele rassistische Bezeichnungen werden nicht mehr gebraucht. In der Bildsprache ist Rassismus allerdings nach wie vor deutlich vorhanden. Menschen von anderen Kontinenten als Europa werden leicht bekleidet dargestellt. Die Darstellungen sind teilweise sehr archaisch, unzivilisiert. Diskussionen über die Kolonialzeit finden lediglich aus europäischer Perspektive statt. Das Schulpersonal ist nicht darin geschult, das zu erkennen. Verantwortliche Institutionen wie Lehrmittelverlage müssten hier Verantwortung übernehmen.

Tilo Bur: Man weiß, dass gewisse Worte nicht zu sagen sind. Aber warum das so ist, dieses Wissen fehlt noch. Wenn wir mit unseren Workshops Lehrpersonal weiterbilden, spüren wir Begeisterung. Es kann jedoch schnell passieren, dass Einzelne versuchen, dagegenzuhalten. Selten fragen uns weiße Schulleiter:innen an. 

Bur, El-Maawi, Owzar: „No to Racism“

2022, Hep verlag, ISBN-978-3-0355-2164-1

Taschenbuch, 25 Euro, 152 Seiten

Was geben Sie den Lehrer:innen an die Hand und wie läuft ein Workshop ab?

Mani Owzar: Es geht nicht darum, jemanden zu verbieten, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Oder ein Lehrmittel als tabu zu erklären. Ziel ist es, eine gemeinsame Sprache zu finden um darüber respektvoll sprechen zu können. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Brille mit auf den Weg und kann sich die Dinge neu anschauen. Das kann sehr spannend sein. 

Tilo Bur: Viele Menschen denken bei Rassismus an eine Beleidigung oder eine sonstige Handlung zwischen Menschen. Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. In Workshops ist es unser Ziel, dass Teilnehmende Rassismus beginnen als koloniales System zu verstehen und lernen, wie sie ihr Denken hinterfragen und Rassismus entgegenwirken können.

Tilo Bur
Tilo Bur. © Christian Senti

Zur Person: Tilo Bur

Tilo Bur ist ebenfalls Lehrperson und Mitgründer:in von Diversum. Bur setzt sich für Chancengleichheit und Inklusion ein und ist bestrebt, Ausschlussmechanismen nachhaltig entgegenzuwirken. Wie Owzar und El-Maawi bietet Bur Workshops an Schulen an, um Rassismus entgegenzuwirken.

Wie ist die Resonanz auf Ihre Workshops?

Mani Owzar: Sehr unterschiedlich. Schulakteur:innen sind herausfordernd. Sie identifizieren sich mit dem Unterricht und denken, dass sie alle Schüler:innen gleich behandeln. 

Rahel El-Maawi: Dabei vergessen sie, dass rassifizierte Kinder eine andere Voraussetzung haben und in unserer Gesellschaft nicht gleichbehandelt werden. Es braucht die Wachsamkeit, das immer wieder zu reflektieren und in Entscheidungen zu berücksichtigen.

Tilo Bur: Von Kanton zu Kanton gibt es Unterschiede. Im offiziellen Lehrplan 21 ist Rassismus jedoch kein Thema. Manche Kantone haben bereits seit einigen Jahren Aktionswochen gegen Rassismus eingeführt und haben einen Vorsprung, was sich auch an den Schulen zeigt. In Teams, die sich schon länger mit der Thematik auseinandersetzen, können wir tiefer eintauchen. Die Nachfrage ist hoch. Wir können nicht überall helfen, wo Hilfe nötig wäre. Wir hoffen, „Not o racism“ kann da unterstützend sein.

Gibt es Unterschiede bei der Bewertung? Dass Schüler:innen aufgrund äußerlicher Merkmale unterschiedliche Noten bekommen.

Tilo Bur: Nicht rassifizierte Schüler:innen bekommen oftmals bessere Noten. 

Rahel El-Maawi: Laut der Studie „Max versus Murat“ kann ein Schüler mit einem ausländischen Namen bis zu 0,46 Notenpunkte schlechter abschneiden. Selbst wenn das Diktat gleich ist und beide Schüler die gleichen Fehler gemacht haben. 

Tilo Bur: Eltern ist das teilweise bewusst. Das kann sich auf die Namensgebung auswirken. Da sehen wir, wie tief Rassismus die individuelle Freiheit einschränkt.

(Interview: Moritz Serif)

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