„Wir sind alle Geschwister der Farbe“: Anti-Rassismus-Demo in diesen Tagen in Düsseldorf.
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„Wir sind alle Geschwister der Farbe“: Anti-Rassismus-Demo in diesen Tagen in Düsseldorf.

Kein Wort wie jedes andere

Abwerten, ausgrenzen: „Rasse“ – wie ein Begriff in Deutschland endgültig seine Unschuld verlor

Der Begriff „Rasse“ ist noch immer im Grundgesetz zu finden. Ein Blick in die Geschichte des Wortes.

  • Der Begriff „Rasse“ soll aus dem Grundgesetz getilgt werden.
  • Zunehmend regt sich Kritik an dem Wort.
  • Das Wort „Rasse“ hat eine lange Geschichte in Deutschland.

Von verschiedenen Seiten wird derzeit gefordert, das Wort „Rasse“ in Verfassungstexten, insbesondere im „Grundrechtekatalog“ des deutschen Grundgesetzes Art. 1 (3), aber auch in Gesetzen, die gegen Diskriminierungen gerichtet sind, zu tilgen und durch eine weniger anstößige Formulierung zu ersetzen.

Das Wort „Rasse" hat im Deutschen eine besondere Geschichte

Einem ähnlichen Begehren wird man sich außerhalb Deutschlands nicht so leicht anschließen, hat doch „Rasse“ als Diskriminierungsfaktor seit der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen von 1948 (Art. 2) einen festen Platz im internationalen Rechtsbewusstsein.

Doch Wörter haben ihre Geschichte, und „Rasse“ hat eine eigene, insbesondere eine deutsche Geschichte. „Rasse“ war im Deutschen lange Zeit ein Fremdwort, das im 19. Jahrhundert nach seiner Entlehnung aus dem Französischen konsequent „Race“ geschrieben wurde. Die Geschichte des Begriffs reicht indes viele Jahrhunderte zurück.

Werner Conze und Antje Sommer haben 1964 in dem historischen Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ (Art. „Rasse“, Bd. 5) die verschiedenen Phasen des Wortgebrauchs, die wechselvollen Stationen seiner semantischen Entfaltung sehr gründlich nachgezeichnet.

Ab- und Ausgrenzung als frühe Motive des Begriss „Rasse“

Am Anfang einer vorwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Phänomen unterschiedlicher Menschentypen ab dem 16. Jahrhundert steht das Wort „Rasse“ mit Begriffsvarianten zunächst in einem sehr engen Bezugsfeld und wird als Bezeichnung für die Zugehörigkeit zu einer sozial herausgehobenen Familie bis hin zu einem Herrscherhaus verwendet. Bezeichnend ist, dass eine der Wortvarianten auch die (gemeinsame) Abstammung einbezieht: „Genus“. Daraus lassen sich bereits für die weitere Begriffsgeschichte zwei wesentliche Richtungen ableiten: zum einen ein stolzes Bewusstsein, einer sozialen Gruppe anzugehören, sowie eine letztlich genetische Begründung einer solchen Gemeinschaft – beides allerdings mit der Tendenz, Nichtzugehörige auszugrenzen und abzuwerten.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an zeichnet sich zunächst durch das Bemühen vornehmlich von Medizinern und Völkerkundlern aus, ihre Befunde so objektiv wie möglich zu analysieren und zu systematisieren. Dabei zeigt sich aber auch schon früh, dass die Sichtweise zumindest immanent europazentriert und selten ohne Werturteile ist, etwa wenn die europäischen Populationen einer „kaukasischen“ = „weißen“ Rasse – im übrigen unter Einbeziehung der Semiten – zugeordnet und ihnen Vorzüge vor allen anderen zugeschrieben werden.

Die Zäsur: Der Mensch unterteilt in verschiedene „Rassen“

Das gilt auch für die entscheidende Zäsur in der biologischen Theoriebildung, als um die Mitte des 18. Jahrhunderts Carl von Linné Tier- und Menschenwelt, auch die Pflanzenwelt als umfassendes „regnum animale“ definierte. Auch er wies dabei den menschlichen Rassen unterschiedliche Eigenschaften zu, neben den somatischen Spezifika auch unterschiedliche intellektuelle Fähigkeiten, moralische und mentale Einstellungen. Deutlicher als Linné aber konnte man beim damaligen Rassenranking kaum werden, da er beispielsweise dem Afrikaner eine „boshafte, faule und lässige Gemütsart“ attestierte.

Derlei Verquickungen somatischer Befunde mit geistig-seelischen Qualitäten verschärften im 19. Jahrhundert die Bewertung einzelner Rassen. Die Analyse körperlicher Merkmale wurde mehr und mehr von Urteilen über angeblich rassisch bedingte Werthaltungen überlagert. Der immer deutlichere europazentrierte Blick führte schließlich dazu, dass der französische Autor Joseph Arthur de Gobineau in seinem „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ (1853-55) einen ethnologisch gedeuteten Sprachterminus gleichsam nach Westen holte und auf seine Rassentheorie übertrug – „arisch“ – und damit seine Vorstellung von einer „Herrenrasse“ verband. Juden gehörten bei ihm noch dazu.

Vermeintliche „Rassen-Theorie“ wird zur Rassenideologie

Eine geografische wie inhaltliche Verschiebung der Termini wurde in der Folgezeit noch einmal vollzogen, als deutsche Rassenideologen glauben machen wollten, die „arische Rasse“ stamme eigentlich aus Nordeuropa und sei eine „nordische Rasse“. Der gleichzeitige deutsche Germanenkult identifizierte sie geradezu selbstverständlich als „germanische“. Die darin angelegte terminologische Flexibilität ermöglichte es im 20. Jahrhundert, die Wortvarianten „arisch“, „nordisch“, „germanisch“ und „deutsch“ je nach Bedarf einzusetzen.

Gobineaus Theorie beeindruckte zahlreiche deutsche Intellektuelle, darunter Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Der aber versuchte, sich trotz verbaler Entlehnungen von Gobineaus Sprachgebrauch von der zeitgenössischen „verlognen Rassen-Selbstbewunderung … als Zeichen deutscher Gesinnung“ und auch vom aktuellen Antisemitismus deutlich abzugrenzen. Das hinderte freilich nicht, ihn für eine nur an Schlagworten wie „Herrenmensch“ und „Herrenrasse“ interessierte Ideologie zu vereinnahmen.

Vom religiösen Antijudaismus zum weltlichen Rassenantisemitismus 

Der jahrhundertelang vor allem religiös motivierte Antijudaismus mutierte schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zum weltlich und dabei vornehmlich rassenideologisch argumentierenden Antisemitismus. 1879 wurde „antisemitisch“ durch den Publizisten Wilhelm Marr in seiner Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ geradezu zum Programmwort. Der Boden für diesen Wandel in der Deutung der traditionellen Judenfeindschaft war in Deutschland aber längst schon bereitet.

Bereits 1793 ging Johann Gottlieb Fichte so weit zu behaupten, dass das Judentum Europas ein „mächtiger, feindselig gesinnter Staat sei, der mit allen übrigen im beständigen Kriege“ liege. 1811 entwarf Achim von Armin, um zu begründen, warum Juden im Romantikerzirkel „Christlich-deutsche Tischgesellschaft“ nicht Mitglied werden dürften, ein wahres Kompendium übelster Gehässigkeiten. Sein Fazit: Juden gebühre bestenfalls „ein Fußtritt“. Prominente Freiheitskämpfer wie Ernst Moritz Arndt oder Hoffmann von Fallersleben hatten keinerlei Probleme, ihre Suche nach deutscher Einheit mit übelsten Invektiven gegen Juden zu verbinden. Denn inzwischen hatte sich die Rassenfrage zu einer Frage von nationaler und völkischer Einheit verengt.

Die deutsche Freiheitsbewegung und die „Rassenfrage“

Ausgerechnet die deutsche Freiheitsbewegung verengte die Rassenfrage zu einer Frage von nationaler und völkischer Einheit. Der Weg fort von der freundlichen Inklusion der Juden als Teil der weißen arischen Rasse wie bei Gobineau hin zur Behauptung einer eigenen, natürlich minderwertigen jüdischen Rasse war vorgezeichnet. Und damit nicht genug. 1927 erklärte einer der zahlreichen Vertreter der arisch-deutschen Rassenideologie, Arno Schickedanz, – bar jeder biologischen Rationalität – die Juden sogar zur „Gegenrasse“. Der NSDAP-Chefideologe Alfred Rosenberg übernahm 1930 in seinem millionenfach verlegten „Mythus des 20. Jahrhunderts“ die Argumentation von Schickedanz teilweise wörtlich.

Die Deutung der Geschichte als Rassengeschichte hatte ihren Vorlauf. 1899 veröffentlichte der später naturalisierte Engländer Houston Stewart Chamberlain seine Schrift „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“, in der er das 19. Jahrhundert zum „Jahrhundert der Rassen“ erklärte. Trotz Berufung auf anatomische Erkenntnisse zur Unterscheidung von Rassen fokussiert Chamberlain seine Darstellung auf die kulturellen Leistungen der „nördlichen Europäer“, der germanischen Rasse. Geradezu abenteuerlich mutet unter anderem seine Beweisführung an, dass die Renaissance gar keine originär italienische Entwicklung gewesen sei. „Germanisches Blut, und zwar germanisches Blut allein ... war hier die treibende Kraft und das gestaltende Vermögen“.

Blut galt lange Jahrhunderte als der Träger von Erbinformationen schlechthin und spielte in dieser Funktion in manchen Rassentheorien eine wichtige Rolle. In deren ideologischen Engführungen wurde Blut eigentlich zur bloßen Metapher. „Germanisches/ slawisches/ jüdisches … Blut“ war darum seit dem 19. Jahrhundert kaum noch ein biologisches Kennzeichen, wurde aber mit allerlei anderen außerbiologischen Zuschreibungen von menschlichen Wesenszügen mehr und mehr zu einer mystischen Größe stilisiert.

Rassen im Kampf ums Dasein 

Einen folgenreichen Wandel erfuhr die biologische Sichtweise insgesamt durch die Adaption von Darwins Evolutionstheorie, nach der die Entstehung der Arten, also auch der menschlichen Rassen im „struggle of life“ (1859) durch natürliche Selektion als Prozess verstanden werden müsse. Das musste sich eigentlich gegen Vorstellungen von einer statischen Existenz einer Rasse wenden. Doch zog man im sogenannten Sozialdarwinismus aus der Veränderbarkeit biologischer Bedingtheiten einen besonderen Schluss: Man könne die Selektion auch aktiv beeinflussen und damit zur Verbesserung der Qualität einer Rasse beitragen.

Während die Engländer von „eugenics“ sprachen, nannte man die neue Wissenschaft in Deutschland „Rassenhygiene“. Führender Rassenhygieniker wurde Alfred Plötz, der 1895 „Grundlinien einer Rassen-Hygiene“ veröffentlichte. In deren erstem Teil mit dem Titel „Die Tüchtigkeit unsrer [!] Rasse und der Schutz der Schwachen“ erweist er sich gar als Vordenker der NS-Euthanasie-Morde und systematischer Sterilisationen.

Dem Wort „Rasse“ fehlt die wissenschaftliche Neutralität

Schwächlichen oder missgestalteten Neugeborenen solle ein „sanfter Tod“ bereitet werden, „sagen wir durch eine kleine Dose Morphium“, erwachsene Behinderte solle man an die Stelle bringen, „wo man hauptsächlich Kanonenfutter braucht“.

Mit solchen Positionen wurde schließlich die deutsche „Rassen-Selbstbewunderung“ in der NS-Diktatur in den Zusammenbruch aller ethischen Maßstäbe und Millionen rassisch Diffamierter in den Tod getrieben. Das Wort „Rasse“ mag außerhalb Deutschlands noch von dem guten Glauben an eine wissenschaftliche Neutralität seiner Bedeutung bewahrt bleiben, unsere historischen Erfahrungen aber sollten das Misstrauen in seinen manipulierbaren Gebrauch leiten.

Horst Dieter Schlosser war von 1972 bis 2002 Professor für Deutsche Philologie an der Frankfurter Goethe-Universität. Im Böhlau-Verlag veröffentlichte er die Bücher „Sprache unterm Hakenkreuz“ (2013) und „Die Macht der Worte. Ideologien und im Sprache im 19. Jahrhundert“ (2016). 

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