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Ramona Lenz über die Notwendigkeit von Utopien: „Die Fähigkeit, über sich selbst hinauszudenken“

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Von: Thomas Kaspar

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„Das Festhalten daran, dass ein besseres Leben möglich ist, ist die Grundlage für tatsächliche Veränderungen“ - das lehre die Stiftungsarbeit immer wieder, sagt Ramona Lenz.
„Das Festhalten daran, dass ein besseres Leben möglich ist, ist die Grundlage für tatsächliche Veränderungen“ – das lehre die Stiftungsarbeit immer wieder, sagt Ramona Lenz. © Henadz Zhinkov/XinHua/dpa

Ramona Lenz von der Medico-Stiftung spricht im Interview über die Notwendigkeit von Utopien, die Kraft des Kosmopolitismus und das Frankfurter Symposium zur globalen Demokratie

Frau Lenz, Sie sind Sprecherin der Medico-Stiftung und Kulturanthropologin. Haben Sie einen utopischen Hintergrund?

Vielleicht habe ich einen utopischen Hintergrund insofern, weil ich mir immer von dort, wo ich gerade war, andere Räume erdacht, sie oft auch mit Leben gefüllt habe. Außerdem bin ich Kulturanthropologin, das hat sehr viel damit zu tun, das Zusammenleben von Menschen an verschiedenen Orten der Welt verstehen zu wollen – so wie es ist, aber auch so, wie sie es sich vielleicht erträumen.

Die Medico-Stiftung engagiert sich in sehr konkreten Hilfsprojekten. Wie passen Utopie und praktische Hilfe zusammen?

Wir haben es tatsächlich in verschiedenen Regionen der Welt häufig eher mit dystopischen Situationen zu tun. Mit Katastrophen und Krisen, in denen Menschen auf das reine Überleben zurückgeworfen sind. Selbst in solchen scheinbar ausweglosen Situationen tun sich Menschen zusammen, um etwas zu bewegen. Darin steckt wahnsinnig viel Utopie. Alle unsere Partnerinnen und Partner lehren uns immer wieder, dass das Festhalten daran, dass ein besseres Leben möglich ist, die Grundlage für tatsächliche Veränderungen ist.

Die Medico-Stiftung beteiligt sich an dem Projekt „Der utopische Raum“. Was ist Ihre Motivation dafür?

Dieser Zusammenschluss wurde zusammen mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau 2019 gegründet. Die Gegenwart ist für viele von Angst geprägt, sie ziehen sich eher zurück, sie schotten sich ab. Uns geht es darum, dem Rückzug in Nationalismus und Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung etwas entgegenzustellen. Der utopische Raum wurde geschaffen, um einen Ort zu haben, der Utopien überhaupt denkbar macht – und dabei auf Menschen zurückgreift, die konkrete utopische Konzepte entwickeln und teilweise schon leben.

Wenn man sich den utopischen Raum als Gebäude vorstellt, gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven darauf. Eine habe ich bei Seyla Benhabib gefunden, die sich viel mit der theoretischen Fundierung von Menschenrechten beschäftigt hat. Beim Symposium an diesem Wochenende zum Thema „Globale Demokratie“ wird sie den Eröffnungsvortrag in der Paulskirche halten. Welchen Blick auf Kosmopolitismus erwarten Sie von ihr?

Ich will nicht zu viel verraten. Aber sie wird mit einem eher düsteren Bild beginnen. Sie spricht vom Hass auf Frauen, die Natur und das Andere – diese Verachtungen sind ja eng miteinander verbunden. Für sie ist dies eine Gegenrevolution gegen den Kosmopolitismus. Sie fordert, sich dagegen zu organisieren in einem solidarischen kosmopolitischen Sinn, indem genau die Rechte derer gestärkt werden, die marginalisiert werden. Ich erwarte mir ein kämpferisches Manifest gegen den Hass.

Ramona Lenz ist promovierte Kulturanthropologin. Seit 2011 arbeitet die Migrationsexpertin als Referentin für die Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. Foto: Privat
Ramona Lenz ist promovierte Kulturanthropologin. Seit 2011 arbeitet die Migrationsexpertin als Referentin für die Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. © Privat

Dystopie gibt dem schlechten Ort ein Wort. Das Gegenteil wäre doch der gute Ort. Utopie meint aber wörtlich den Nichtort. Das ist sehr neutral. Liegt in diesem „nicht“ die Offenheit überhaupt zuzuhören, welche Orte bewohnbar sind?

Darin steckt auch, dass es nicht unbedingt um ein bestimmtes Ziel, sondern auch um einen Prozess geht. Der utopische Raum, den wir füllen wollen, ist verbunden mit einer Haltung, einem bestimmten Blick auf die Welt. Er ist verbunden mit dem Wunsch, in Austausch zu treten und Verantwortung zu übernehmen über das eigene Leben hinaus. Kosmopolitismus ist kein Endprodukt, sondern ein Weg – das ist im Begriff des Nichtortes ganz gut ausgedrückt.

Am zweiten Tag des Symposiums werden in drei Foren konkrete Projekte vorgestellt. Das sind, um im Bild zu bleiben, Räume der Realität mit einem Fenster, durch die man in den utopischen Raum blicken kann.

Das Kosmopolitische, das Utopische nimmt ja immer seinen Anfang an den Orten, an denen wir gerade sind. Wir reden immer aus einer bestimmten Perspektive über Kosmopolitismus, sprechen, von da aus, wo wir gerade stehen. Da kann dann auch Veränderung beginnen, die über den konkreten Ort hinauswirkt. Wir haben Menschen eingeladen, die das schon erproben. Die versuchen, nachhaltiges Handeln für die Wirtschaft oder die Landwirtschaft umzusetzen. Das beginnt erst einmal für sich selbst und die unmittelbare Umwelt, ist aber zugleich bestimmt von einem Bewusstsein für eine globalisierte Welt, in der alles, was wir tun, auch Auswirkungen hat für andere.

Ein Beispiel vielleicht?

Wir haben etwa Bea Schwager eingeladen aus Zürich, die die Züri City Card mit anderen zusammen entwickelt und etabliert hat. Durch diese Karte werden die Stadtbürgerrechte aller in Zürich lebenden Menschen anerkannt – vor allem auch derer, die keinen gültigen Aufenthaltsstatus haben –, und sie bekommen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Bildung. Das ist ein Kosmopolitismus, der nicht nur für Privilegierte gilt, sondern bei denen ansetzt, denen ein würdiger Platz in der Welt verweigert wird, die aber dennoch Rechte haben und diese auch beanspruchen.

Das Symposium

Globale Demokratie – wie diese aussehen könnte, dem geht ein kostenlos zugängliches Symposium vom 1. bis 3. Oktober 2022 in Frankfurt nach. Eröffnet wird die Tagung am Samstag um 18 Uhr in der Paulskirche mit einer Rede der New Yorker Menschenrechts-Professorin Seyla Benhabib.

Konkrete Projekte stellt der zweite Tag im Haus der Kulturen am Samstag vor, Beginn 9.30 Uhr. In drei Foren berichten unter anderem Aktive aus Klimaschutz, Armutsbekämpfung, Demokratie- und Menschenrechtsbewegungen.

Ein Eröffnungskonzert mit Musik und Wort gibt das Ensemble Modern mit Schriftsteller Ilija Trojanow am Sonntag um 20 Uhr unter dem Titel „Der universelle Kompass“ im Festsaal der Goethe-Universität. Hierfür sind Tickets nötig (Abendkasse).

Einen Ausblick gibt die Matinee am Montag um 10 Uhr im Offenen Haus der Kulturen. Unter anderem spürt Alberto Acosta Espinosa, ehemaliger Präsident der Verfassunggebenden Versammlung Ecuadors, der Frage nach, wie ein würdiges Leben für Mensch und Natur möglich ist.

Das Programm zur Veranstaltung kann online nachgelesen werden. Eine Anmeldung ist einfach vor Ort für jeden einzelnen Tag oder das gesamte Symposium möglich. www.stiftung-medico.de/symposium

Der utopische Raum wird von der Frankfurter Rundschau als Partnerin begleitet. Alle Berichte sind im Internet aufrufbar unter: FR.de/utopischer-raum

Wer in Zürich lebt, bildet in dem einen Prozent der Weltbevölkerung, denen es besonders gut geht, noch einmal ein Prozent der Bessergestellten. Wieso haben solche Menschen dennoch eine Sehnsucht nach einer Utopie, die auch andere einschließt?

Die Züri Card ist in einem Volksentscheid mit 51,7 Prozent sehr knapp befürwortet worden. Sehr viele Menschen sind also auch gegen diese Utopie, vielleicht weil sie sich um ihre Privilegien sorgen oder schlicht Angst haben. Da ist es schön zu sehen, dass sich trotzdem eine Mehrheit gefunden hat, die sich ein gutes Leben nur vorstellen kann, wenn es auch anderen, auch denen gut geht, die weniger privilegiert sind. Damit ist die Züri City Card ein wunderbares Beispiel für eine utopische Idee, die Wirklichkeit geworden ist.

Die Leistungsgesellschaft belohnt eher die eigene Vorteilsnahme. Woher kommt dieses Engagement für andere?

Das hat sehr viel mit dem zugrundeliegenden Menschenbild zu tun. Die Menschen, die wir in den utopischen Raum des Symposions eingeladen haben, eint, dass sie grundsätzlich auf die Fähigkeit von uns Menschen vertrauen, über uns selbst hinauszudenken und zu handeln und Verantwortung zu übernehmen. Ein solches Menschenbild ist die Grundlage dafür, an der Möglichkeit einer besseren Welt festzuhalten und auch darauf hinzuwirken.

Ist Kosmopolitismus nicht ein wenig naiv?

Das Überzeugende ist ja, dass wir es auch mit ganz konkreten Lebensweisen und Projekten zu tun haben. Das ist dann manchmal auch ein Kosmopolitismus, der aus der Not heraus entsteht, weil Menschen nur in transnationalen Zusammenhängen ihr Überleben sichern können. Der Kosmopolitismus, der sich in der Idee eines verantwortungsvollen und friedlichen Zusammenlebens in der gemeinsam geteilten Welt ausdrückt, wird in ganz praktischen Projekten bereits erprobt. Sie zeigen, dass die Umsetzung solcher Ideen möglich und eben nicht naiv und abgehoben ist. Ich frage im Gegenteil: Ist es nicht unglaublich brutal, wenn wir über die grausame Welt, in der wir gerade leben, nicht hinausdenken? Wenn wir eine Welt akzeptieren, in der wir Flüchtlinge ertrinken lassen? In der wir ein Außen akzeptieren, dessen Ressourcen wir für uns ausbeuten und uns nicht darum kümmern, welche Konsequenzen dieses Handeln hat?

Die Argumentation der Gegnerinnen und Gegner ist, dass sie selbst realistisch und Utopien weltfremd und nicht machbar seien.

Das Reale wird von vielen als das einzig Mögliche gedacht. Es braucht Vorstellungskraft und Mut, über das, was ist und scheinbar immer schon so war, hinauszudenken. Da ist es gut, so ein wunderbares Beispiel wie das von Alberto Acosta zu haben, der am dritten Tag des Symposions über die Verfassung von Ecuador spricht, in der das Recht auf ein gutes Leben, also auf ein Leben, das nicht auf der Ausbeutung von Natur noch anderen Menschen beruht. Er zeigt, dass es möglich ist, aus vielleicht zunächst naiv scheinenden Ideen nicht nur Realität, sondern einklagbares Recht werden zu lassen.

Das Symposium ist nur eine Zwischenstation im Prozess zu einer Globalen Versammlung. Welche utopische Idee steht dahinter?

Zum Jubiläum der Paulskirche werden 2023 Menschen aus aller Welt in der Paulskirche zusammenkommen und in einer Global Assembly über das Zusammenleben auf diesem Planeten sprechen. Das erfordert Engagement und Vorstellungskraft. Es geht darum, wie man eine gemeinsame Zukunft gestalten kann aus den Perspektiven völlig unterschiedlicher Regionen und Erfahrungen. Das war vor 175 Jahren nicht anders. Wenn man aus der Kleinstaaterei kommt, war die Paulskirchenversammlung ein riesiger Schritt, den man gedanklich von der unmittelbaren Lebenswelt in den utopischen Raum einer gemeinsamen Nation gehen musste. Genau das braucht es jetzt auf der globalen Ebene. Wir müssen jetzt den Schritt über die Nationalgrenzen hinausgehen, weil wir vor globalen Herausforderungen stehen wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Deshalb haben wir auch eigentlich keine Wahl. Wir sind gezwungen, uns Gedanken zu machen über eine globale Gestaltung der Welt.

Dann ist das quasi die Tür vom ersten utopischen Raum zu einem anderen, den wir jetzt noch gar nicht erkennen?

Wir können immer nur mit begrenzten Perspektiven auf die Welt blicken. Deswegen ist es so wichtig, in Austausch zu treten. Was wir von unseren Partnerinnen und Partnern weltweit hören, ist, dass die Räume für offenen Austausch kleiner werden und die Gefahren für diejenigen größer, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Oftmals ist es bereits gefährlich, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Paulskirchenjubiläum eröffnet eine einzigartige Gelegenheit, Menschen zusammenzubringen. Es gibt leider immer weniger dieser Orte in der Welt. Wir sind froh, dass es möglich ist, in Frankfurt an diesem besonderen Ort der Paulskirche so einen utopischen Raum herzustellen, an dem Menschen aus allen Regionen der Welt sicher und frei miteinander reden können.

Interview: Thomas Kaspar

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