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„Rache“ im Jüdischen Museum: Reuwen Atlas, räche deine Frau und deinen einzigen Sohn

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Von: Judith von Sternburg

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James Sturm, „The Golem’s Mighty Swing“. James Sturm
James Sturm, „The Golem’s Mighty Swing“. © James Sturm

Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt eine anregende Ausstellung zu einem schillernden Thema: „Rache. Geschichte und Fantasie“.

Rachedurst ist ein starker und häufig auftretender Affekt, wie wir aus der Barockoper wissen. Durch seine Unvernunft schwächt er sich nicht ab, im Gegenteil, jedoch gerät er dadurch in Verruf. Unvernünftig ist er, weil das Unrecht entweder bereits vollbracht und ein gutes Ende nicht mehr möglich ist. Oder weil die Person, die auf Rache aus ist, im Begriff sein könnte (dürfte), sich selbst ins Unrecht zu setzen.

Und man befindet sich in Wahrheit auf noch viel schillernderem Gelände. Denn wer nimmt wie an wem für was Rache, und darf man das?

Schillerndes Gelände, und im Zusammenhang mit der Ausstellung, um die es hier geht, lohnt sich auch der Hinweis darauf, dass Rache vor allem für Täter sowie für Täterinnen etwas sehr Unangenehmes ist. Kein Wunder, könnte man sagen, wenn sie es zuallererst sind, die (nach der Tat) für Besonnenheit, Vernunft und auch Versöhnung plädieren.

Doron Kiesel, Jahrgang 1949 und Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland, erzählt vorab, wie er als Zehnjähriger mit seinen Eltern von Israel in die Bundesrepublik kam. Als er vom Holocaust erfahren habe, sei er als 14-Jähriger entschlossen gewesen, die Mörder seiner Großeltern zu finden und zu töten. So kam es dann nicht, wie es überhaupt verhältnismäßig gesehen eine verschwindende Zahl von Racheakten und auch -plänen gegen Deutsche gab (wer in Büchern nachliest, wie die befreiten KZ-Insassen und Zwangsarbeiter die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten, wird noch einmal daran erinnert, dass die Deutschen durchaus wussten, welche Stunde geschlagen hatte, und also auch, warum). Der von einer Gruppe jüdischer Deutscher und Polen verfolgte „Plan A“, im vergangenen Jahr durch einen Film bekannter geworden, war eine Ausnahme. Die grauenhaft naheliegende Idee: sechs Millionen Deutsche zu ermorden.

Stattdessen warteten die meisten Überlebenden auf juristische Gerechtigkeit, eine angesichts des Holocaust kaum vorstellbare Sublimationsleistung, so Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt. Und dies, ergänzt der Publizist Max Czollek, mit dem Ausgang, dass die Rechtssprechung bekanntlich keine Gerechtigkeit herstellte. Stattdessen starben die Überlebenden, und, so Czollek, während die eine Seite die emotionale Regulierung durch die Versöhnung erhoffe und auch einfordere, habe die andere das Bedürfnis nach Raum für die Untröstlichkeit. Das, betont Czollek, sei ein Thema in der jüngeren jüdischen Generation in Deutschland – und eine Grundlage der Ausstellung, die er mit Mirjam Wenzel konzipiert und anschließend mit ihr und Erik Riedel sowie Janis Lutz im Jüdischen Museum Frankfurt kuratiert hat. Das Kapitel über Rache in Czolleks Buch „Desintegriert euch!“ habe 2018 den Weg gewiesen, berichten Czollek und Wenzel.

Zur Sache:

„Rache. Geschichte und Fantasie“ ist bis zum 17. Juli im Jüdischen Museum Frankfurt zu sehen. Zum Begleitprogramm gehören unter anderem auch ein Podcast – dessen erste Folge schon am gestrigen Donnerstagabend online gehen sollte – und ein Artist-in-Residence-Programm, in dem fünf Künstlerinnen und Künstler mit eigenen Arbeiten auf das Thema der Schau reagieren.

Führungen gibt es vor Ort und online, die erste (online) heute, Freitag, 12 Uhr mit Mirjam Wenzel und Max Czollek.
www.juedischesmuseum.de

Der Katalog ist ein Kompendium zum Thema, erschienen im Hanser Verlag, 176 Seiten, 26 Euro.

Eine Ausstellung, schillernd wie der Gegenstand – eine Diskussionsplattform, ohne fertige Thesen, geradliniges Narrativ, abschließendes Urteil, betont Erik Riedel. Und sieht man auch gleich selbst. Von der Decke hängen Sprechblasen-Dialoge aus der Vorbereitungsarbeit. Man will und soll auch selbst mitreden.

Das heißt nicht, dass „Rache. Geschichte und Fantasie“ sich ihrem Gegenstand nicht mit Vehemenz nähern würde. Am Anfang nämlich ein gediegen ausgeleuchteter und in Szene gesetzter Baseballschläger: ein Originalrequisit aus Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“, mit dem dort ein Jude namens Donny Donowitz einen Wehrmachtssoldaten erschlägt. Mit dem Schläger, erfährt man, ist Donny Donowitz zuvor durch Boston gezogen und hat Leute im jüdischen Viertel gebeten, die Namen von Vermissten und mutmaßlich Ermordeten aufs Holz zu schreiben, ins Holz zu ritzen (eine Szene, die im Film selbst nicht mehr vorkommt). Ein Racheakt nach Pulp-Fiction-Art, aber ein enormer Vorgang, da jedermann beim Zuschauen weiß, dass es genau das nie gegeben hat.

Die Ausstellungsarchitektur führt anschließend in einen großen Raum mit vielen Nischen und eingebauten Räumchen, eine expressionistische Schrägheit liegt in den schmalen Gehwegen. Das Ganze überhaupt eine Engführung, optisch und in der Sache, denn während in alle möglichen Richtungen weitergedacht werden kann, ist eine kondensierte und konzentrierte Zusammenstellung zu sehen.

Judith und Samson stehen für jüdische Geschichten zur Rache – und alles schillert wieder, wenn auch das seinerzeit umstrittene Bild des Barack-Obama-Porträtisten Kehinde Wiley zu sehen ist, auf dem eine schwarze Judith den Kopf einer jungen weißen Frau schwenkt. Der Golem und Lilith treten als Rächerfiguren auf – nachher auch im Comic, von den 30er, 40er Jahren bis heute. Wer Golem in seiner Mannschaft hat, bereitet dem Gegner echtes Kopfzerbrechen.

Verfolgt werden die Spuren von jüdischen Unterwelt-Ganoven (Kosher Nostra) und jüdischen Piraten, dass Rache und Wehrhaftigkeit zusammenhängen, ist triftig, selbst wenn die Motivlage nicht immer glasklar ist. Unvergessen in diesem Zusammenhang: die Überraschung über die jüdischen Mafiosi um Alfie Solomon in der interessanten britischen Serie „Peaky Blinders“.

Unterdessen nähert sich die Ausstellung wieder dem Holocaust. Eine große Nische, wenn man es recht bedenkt eigentlich das Herz der Ausstellung, widmet sich letzten Nachrichten von dann Gemordeten. Sie sind verzweifelt. Sie rufen nach Rache, nicht alle, aber viele. Dazu gehören die Sätze, die Eingesperrte im September 1942 auf die Wände der Synagoge von Kowel in der Ukraine schrieben, während sie auf ihre Mörder warteten. Gina Atlas schrieb: „Reuwen Atlas, wisse, dass deine Frau Gina und dein Sohn Imush ermordet wurden. Unser Sohn weinte bitterlich. Er wollte nicht sterben. Zieh in den Krieg und räche deine Frau und deinen einzigen Sohn. Man führt uns in den Tod, und wir sind unschuldig.“

Der Jude, der sich rächt: Darauf war die feindlich verächtliche Umgebung einerseits de facto nicht eingestellt. Andererseits gehört der rachsüchtige Jude zu den bestvertrauten judenfeindlichen und dann antisemitischen Stereotypen bis heute, um Gewalt gegen Juden zu rechtfertigen. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ein so schamlos missbrauchter Satz, dass man ihn hier gar nicht erneut aufschlüsseln will. In der Ausstellung begegnet uns die große Ritualmordlüge als „Fake News“. Darauf aber reagiert die Schau nicht mit Überzeugungsversuchen, sondern durchaus mit Verve. Auch in dieser Hinsicht ist die Ausstellung eine klassische Ermächtigung.

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