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Putins Krieg: Die europäische Zivilgesellschaft als weiteres Opfer?

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Von: Gert Heidenreich

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Wie Krieg aussieht: einstiges Wohnhaus in Borodjanka.
Wie Krieg aussieht: einstiges Wohnhaus in Borodjanka. © dpa

Der russische Angriff ist auch ein Angriff auf das Friedensprojekt Europa. Die Stichwahl in Frankreich wird unter anderem entscheiden, ob Putin seine Ziele erreicht.

Moskau – Wer im Geheul von Geschossen, Bomben und Sirenen geboren und in Trümmerfeldern aufgewachsen ist wie ich, Jahrgang 1944, lebt seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine erneut mit den traumatischen Bildern seiner Kindheit und kann gar nicht anders als Trauer zu empfinden über die Opfer dieses Massakers.

Denn nichts anderes ist dieser Krieg. Ein Massaker. Wie es jeder Krieg war und ist. Es gab und gibt keinen guten, sauberen Krieg, einen ohne gefolterte, hingeschlachtete Zivilisten, ohne vergewaltigte Frauen und Kinder und Männer. Spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg, also seit vier Jahrhunderten, hat sich das Zahlenverhältnis zwischen toten Soldaten und toter Zivilbevölkerung immer mehr zur Seite der Zivilbevölkerung – jetzt mindestens 80 Prozent – verschoben: Ihre Ermordung, Verängstigung und Demütigung war und ist das Ziel jeglicher Angriffsoperationen. Die salvierende Propaganda des Kreml bleibt für die Geschichtsschreibung als das aufgehoben, was sie ist: ein Haufen Lügen, gesprochen aus lächelndem Mund.

Ukraine-Krieg und Europa: Es wird ausschließlich Verlierer geben

Wie immer dieses Entsetzen ausgehen wird, nach dem Ende des Kampfs – möge es so schnell wie möglich eintreten – sind nur Verlierer in Sicht. Eine zerstörte Ukraine mit unzähligen Toten, eine traumatisierte Jugend und sich vererbende Ängste, gegen die auch die Erinnerung an Helden nicht hilft. Und Russland? Wladimir Putin wird ein für Generationen geächtetes Land hinterlassen, wirtschaftlich in beispiellosem Niedergang und irgendwann im Innern der Gesellschaft von Selbstzweifeln erschüttert: Warum haben wir das alles mitgemacht? Die Deutschen kennen die Mühe mit dieser Frage und die Hilflosigkeit der Antwortversuche.

Es wird am Ende, fürchte ich, ein weiteres Opfer geben: die europäische Zivilgesellschaft und damit das unvergleichliche Friedensprojekt Europa. Nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges und dem amerikanischen Abwurf von Atombomben auf die Zivilbevölkerung in Hiroshima und Nagasaki schien unumstritten, dass in der Mitte Europas Krieg nie mehr ein Mittel zur Durchsetzung politischer Interessen sein wird.

Ukraine-Krieg und Europa: „Die Schule der Nation ist die Schule“

Meine Generation lernte, nationalistische Ideologien zu durchschauen; die großmäuligen Hitzköpfe des Kalten Kriegs gerieten ins Hintertreffen, und irgendwann war es so weit, dass Willy Brandt den programmatischen Satz sagte: „Die Schule der Nation ist die Schule“. Er widersprach damit explizit der Behauptung, das Militär sei der Hort der Nation. Bei allen politischen Unterschieden und Gegensätzen schien klar: Gefechte finden von nun an und auf immer mit Worten statt. Die europäischen Völker waren am Ende ihrer blutigen Geschichte zivilistisch geworden. Dass auch im Frieden Gefahren lauern, politische Schläfrigkeit und vertrauensselige Naivität, konnte man wissen. Aber weil wir so vieles, das wir wissen, einfach nicht glauben wollen, schoben sich auch hier die Wünsche vor die Augen.

Und nun steht, als seien wir das hilflose Publikum eines Sandsturms, das Kanzlerwort von der Zeitenwende über der Gegenwart. Tatsächlich wenden sich nicht die Zeiten, sondern wir gewärtigen, dass es Putin gelingt, Europas Selbst-Erzählung zu manipulieren. Sprachlich wird nicht nur in deutschen Medien aufgerüstet, die Trompeten sind gezückt, Halali und Tschingderassabum kehren in den öffentlichen Diskurs zurück.

Der Ukraine-Krieg und Europa: Gewinnt Marine Le Pen die Wahlen in Frankreich?

Das ist zugleich die Stunde der Autokraten, die – siehe Istanbul, Budapest und Warschau – unter Freiheit ihr Vorrecht zur Machtbereicherung verstehen. Der Spalter in Moskau, der rechtsstaatliche Demokratie bekämpft, ist ihr Bruder im Geiste. Dass die als Patrioten kostümierten Rechtsextremisten in Paris und in Berlin sich Putin anbiedern, ist Folge ihrer reaktionären Ideologie; bekäme Marine Le Pen Regierungsmacht in Frankreich, wäre das Ziel Putins erreicht: die Zerstörung der Idee Europa. Von der Hoffnung, die aus der Asche des Zweiten Weltkriegs gekeimt war, bliebe die Trauer um eine Vision, gegen die der Diktator im Kreml seinen Krieg gewonnen hätte.

Der Schriftsteller Gert Heidenreich, 78, war von 1991 bis 1995 Präsident des Deutschen PEN. Er publizierte zuletzt den Roman „Schweigekind“.

Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg im News-Ticker.

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