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Putin vergleicht sich mit Peter dem Großen: Unter dem Zugriff eines Zaren

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Von: Christian Thomas

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Peter der Große in der Schlacht bei Poltawa, 1709.
Peter der Große in der Schlacht bei Poltawa, 1709. © imago images/Classic Vision

Wladimir Putins selbstherrlicher Vergleich mit Peter dem Großen ist betrügerische Geschichtsklitterung und zugleich Bedrohung für die baltischen Staaten sowie Schweden und Finnland

Animiert durch Peter den Großen fühlt sich Wladimir Putin nicht zum ersten Mal. Es muss für ihn ein beseelender Anblick gewesen sein, als er in den 1990er Jahren in seinem Büro im Rathaus von St. Petersburg ein Porträt des Zaren aufhängte. Unübersehbar verwies Putin auf ein Vorbild, doch auf welches? Den Vertreter eines entschieden proeuropäischen Kurses, wie ihn Peter zu Beginn des 18. Jahrhunderts Russland aufzwang? Kräftigte die stille Gegenwart eines Autokraten Putins Selbstbewusstsein? Stärkte die stumme Anwesenheit eines rücksichtslosen Aggressors einem skrupellosen Aufsteiger vor bereits 30 Jahren den Rücken?

Autorisiert durch Peter I. sieht sich Putin weiterhin. Habe doch der Zar das Gebiet um St. Petersburg den Schweden nicht etwa abgenommen, vielmehr im Nordischen Krieg (1700–1721) zurückgewonnen, wie der Kremlchef soeben ausführte: „Offenbar ist es auch unser Los: Zurückzuholen und zu stärken.“ Eine Geschichtsklitterung erneut – nicht anders als beim Überfall auf die Ukraine. Wiederum eine putineske Strategie, die „Heimholung“ als völkisch motivierte Genealogie verbrämt. Tödlich für Zehntausende war das „Sammeln der russischen Länder“ bereits bei Iwan IV., unter „Iwan Grosny“: Iwan dem Schrecklichen. Es sind Ikonen des Grauens, durch die sich Putin legitimiert sieht.

Russland, zu Beginn des 18. Jahrhunderts ohne Einfluss in der Ostsee und damit ohne Zugang zu den Weltmeeren, sollte zu einer Seemacht aufgerüstet werden. Für dieses Ziel war der junge Monarch in den Werften von Amsterdam durch eine harte Lehre gegangen, inkognito. Bemerkenswert ebenfalls, dass Peter für seine Expansionspläne im damaligen Polen einen Verbündeten fand: der Russe in August dem Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, einen Gleichgesinnten. Erwiesenermaßen aus Unmengen von Alkohol stieg am Horizont beider das Ostseeabenteuer auf, der Vormarsch gegen die Schweden. Obendrein eine Vision Peters war der Neubau einer Stadt, die Neugründung schlechthin: St. Petersburg, auf dem Reißbrett entworfen, widrigsten Bedingungen abgetrotzt, an erster Stelle den Sümpfen der Newa-Mündung. Ein Sprichwort in Russland sagt, dass das monumentale urbane Wunder „auf Knochen gebaut“ wurde.

Die Entscheidungsschlacht um den Zugang zur Ostsee fand gegen ein hochmodern ausgestattetes Schwedenheer auf (übrigens) ukrainischem Territorium statt, bei Poltawa. „Poltawa“ gehört in Russland zu den hochgradig ideologisierten Erinnerungsorten einer Nation, die auf einem Imperialismus gründet, der zu Zarenzeiten messianisch ausstaffiert wurde. Wenn Putin solche Phantasien revitalisiert, so illustriert das eine Metaphysik der Macht – jenseits historischer Fakten. Peter beließ es nicht beim „Wiedergewinn der alten russischen Gebiete am finnischen Meerbusen“, wie man aus einem Standardwerk erfahren kann, Günther Stökls „Russischer Geschichte“. Das von Peters Expansionsgelüsten berauschte und von einer angeblichen Mission beseelte Russland griff auf Territorien zu, „die niemals russisches Land, aber seit Iwan IV. russisches Eroberungsziel waren“.

Peter dehnte noch im ukrainischen Poltawa seine Ansprüche aus – auf das Baltikum. Deshalb, angesichts von Putins skrupelloser Geschichtsklitterung, gilt waffengestützte Alarmbereitschaft in Tallinn, Riga, Vilnius, nicht zuletzt in Warschau weiterhin. Nach Putins kruder Logik könnte der Kremlchef auch auf Mecklenburg zurückgreifen, waren doch Stralsund und, nein, nicht die damalige Staatskanzlei in Schwerin, aber doch Greifswald Orte einer Allianz mit dem Zaren, vor 300 Jahren. Dass allerdings die Putinpropaganda auch in Frankfurt am M. oder Berlin aggressiv Zulauf hat, zeigen Autokorsos, die den völkischen Heimholungsphantasien hupend Beifall zollen.

Putins antiquarische Analogien wirken jedoch nicht nur außenpolitisch, sie dürften es im gegenwärtigen Russland auch innenpolitisch tun. Ging doch dem Krieg gegen den Schwedenkönig, Karl XII., ein innenpolitischer Rachefeldzug unmittelbar voraus, regelrecht ein Massaker. Eine mehrmonatige Auslandreise ausnutzend, Peters berühmt gewordene Exkursion durch Holland, England, Österreich, Sachsen, hatten sich die Regimenter der Strelitzen gegen ihren Monarchen erhoben. Nach seiner Rückkehr nach Moskau verfolgte Peter Tausende Aufrührer in einem über Wochen nicht abreißenden Terror, mit entsetzlichsten Torturen, Folterungen und Hinrichtungen, an denen der Monarch sich selbst beteiligte. Eine in die unmittelbare Gegenwart hineinreichende Analogie besteht darin, dass selbst unter den größten Denkern Westeuropas die Peterversteher angesichts der Schreckensnachrichten bloß irritiert sich zeigten. Aber auch abwandten?

Putin, sich aufmendelnd zur Wiedergeburt eines Zaren, beruft sich auf den „Imperator“ Peter. Diesen Titel hatte sich Peter I. ebenso zugelegt wie seinem Land den Namen „Imperium“ feierlich verliehen – mit allen Folgen auch für die Nachbarn. Mit Eroberungsfeldzügen im Norden und im Süden, gegen die Osmanen, wurde eine Mission erfüllt, eine vermeintlich historische Berufung aufgeladen durch eine religiöse. Darin besteht auch Putins so irrsinniger wie eiskalt verabfolgter Plan, berechnet auf Angstmache in den baltischen Staaten, in Finnland und Schweden.

Bei seinem Rückgriff auf den Reformer und „Westler“ Peter revitalisiert Putin allein den Gedanken vom Krieg als Inbegriff alles Politischen. Ins Bild passt, dass die Epoche Peters auch deswegen als eine neue Zeit ausgemacht wurde, weil sie den Übertritt von der „Selbstherrschaft“ zur noch selbstherrlicheren „Eigenmacht“ markierte, beherrscht von einem Monarchen, „der niemandem auf der Welt über seine Handlungen Rechenschaft abzulegen hat“. Mit dieser Doktrin aus dem Jahr 1693 leben sie in Putins Diktatur rund um die Uhr.

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