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Ukraine-Krieg: Putins Spiel mit der Bombe weckt Ängste

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Von: Harry Nutt

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Wladimir Putin hat der Ukraine bei den Russland-Ukraine-Verhandlungen fehlende Ernsthaftigkeit vorgeworfen.
Wladimir Putin hat mit seinen Drohungen des potenziellen Einsatzes nuklearer Waffen das Prinzip einer strategischen Abschreckung aufgekündigt © Mikhail Klimentyev/dpa

Die erstaunlich verlässliche Sicherheit des Kalten Krieges ist mit dem Ukraine-Krieg zerstört. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Ängsten?

Als Janis Joplin bei ihrem Woodstock-Auftritt 1969 derart alkoholisiert vors Mikrofon trat, dass ihre Plattenfirma anschließend sogar die Freigabe einiger Aufnahmen für die filmische Dokumentation des legendären Festivals verweigern wollte, war es ihr doch gelungen, das Generationsereignis mit einem einzigen Satz auf den Punkt zu bringen. „Früher waren wir nur wenige“, sagte sie verblüfft beim Anblick der Menge, „jetzt gibt es Massen und Massen und Massen von uns.“

Das Erstaunen über die große Zahl derer, die sich kurz zuvor als gleichaltrige Nischenexistenzen wahrgenommen hatten, veränderte vieles. Die zeitgenössischen Formen der Politisierung mochten sehr unterschiedlich verlaufen sein, nach Woodstock aber wurden sie als gebündelte Kraft wahrgenommen. Das unter enorme Phonstärke gesetzte Massenerlebnis wirkte sich auch auf die Vorstellung aus, gemeinsam etwas erreichen zu können. Anders gesagt: Die an das Woodstock-Gefühl anknüpfende Friedensbewegung der 80er Jahre war in Ost und West auch das Phänomen einer Popkultur, die ein starkes Gemeinschaftserlebnis auf die Straße brachte.

Ukraine-Krieg: Verlässliche Sicherheit des Kalten Krieges zerstört

Wie steht es angesichts der Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die vom Ukraine-Krieg ausgeht, heute um den Haushalt unserer Gefühle? Wie weit trägt die Empathie, der sich ein fühlender Mensch angesichts des Leids der Ukrainerinnen und Ukrainer nicht zu entziehen vermag? Was daran speist sich aus dem Schuldgefühl, gerade als Deutscher? Und wie ist es um unsere Ängste bestellt, die Wladimir Putin auf perfide Weise strategisch ausgespielt hat? Zum besseren Verständnis hilft vielleicht eine kurze Geschichte der Angst der mittleren Nachkriegsjahre.

Als ich Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre zahlreiche politische Demonstrationen bevölkern half – für den Frieden, gegen Atomkraftwerke und bald auch aus Solidarität mit den West-Berliner Hausbesetzungen –, schien mich vor allem das Erleben in der Masse zu beflügeln, das auch Janis Joplin vernommen hatte. Zu den vielen zu gehören, regte an, verband, schweißte zusammen. Aber es machte nicht blind. Jedenfalls habe ich mich für keins der zu unterstützenden Anliegen stärker engagiert. Meine Sympathie gehörte der grünen Bewegung, aber anschließen wollte ich mich ihr nicht. Ich betrachtete mich als Teil der Friedensbewegung, aber zu deren Diskussionszirkeln gehörte ich nie.

Mit großer Bewunderung hatte ich an der FU Berlin zur Kenntnis genommen, wie der betagte Publizist Fritz Eberhardt, einer der fast ausschließlich männlichen Autoren des Grundgesetzes, mit einer Matratze unterm Arm zumindest symbolisch in ein besetztes Haus einzog. Ich indes wahrte Distanz zu der Bewegung, die sich in Teilen rasch radikalisierte.

Wladimir Wladimirowitsch Putin
AmtPräsident Russlands seit 2012
Geboren7. Oktober 1952
GeburtsortSankt Petersburg, Russland

Ukraine-Krieg: Politik der Abschreckung war weitgehend aufgegangen

Man könnte die mangelnde Bereitschaft, beherzt in die Kämpfe der gesellschaftlichen Konfliktphase einzugreifen, als charakterliche Schwäche oder Lethargie abtun. Tatsächlich aber witterte ich hinter den jeweiligen sozialen Bewegungen einen symbolpolitischen Überschuss, der mir nicht geheuer war. Und ohne allzu abgeklärt klingen zu wollen, mangelte es mir an Angst vor der nuklearen Katastrophe. Ich vermute, dass ich damit nicht allein war.

Die Kriegsangst wurde in vielfältiger Form beschworen, und es erzeugte starke Pressebilder, als Heinrich Böll, Walter und Inge Jens sowie andere Repräsentanten der Friedensbewegung von der Polizei weggetragen wurden, nachdem sie in der schwäbischen Kleinstadt Mutlangen gegen die dortige Stationierung von Mittelstreckenraketen des Typs Pershing II protestierend die Verkehrswege blockiert hatten. Die Szenen gehören zum kollektiv abgespeicherten Bildervorrat meiner Generation, den niemand gründlicher archiviert hat als der Fotograf Günter Zint. Wir betrieben Angstkommunikation auf allen Kanälen. Tatsächliche Furcht aber ging vom sogenannten Nato-Doppelbeschluss, der auch die Kanzlerpartei SPD in zwei Lager spaltete, nicht aus.

Weit davon entfernt, es einzugestehen, ahnten wir, dass die Politik der Abschreckung, die den sogenannten Kalten Krieg schon seit mehreren Jahrzehnten strukturierte, weitgehend aufgegangen war. Das vielfache Vernichtungspotenzial, das in den nuklearen Waffenarsenalen lauerte, empörte uns, viel mehr aber wurden an ihm die Protestrituale einer sich liberalisierenden Gesellschaft erprobt. Ich bin daher weit davon entfernt, die damalige Friedensbewegung als naiv zu bezeichnen. Ihr ist ein wesentlicher Beitrag zur Demokratisierung der Bundesrepublik zu verdanken.

Heinrich Böll (hinten re.), bei der Blockade des Mutlangen Army Airfield gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen vom Typ „Pershing II“ in Mutlangen.
Heinrich Böll (hinten re.), bei der Blockade des Mutlangen Army Airfield gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen vom Typ „Pershing II“ in Mutlangen. © Manfred Kunst/epd

Ukraine-Krieg: Zerstörungskraft einer Atombombe unvorstellbar

Aus den Texten von Günther Anders, dessen Denken stark an Martin Heidegger geschult war und der später als Apokalyptiker und Theoretiker der Bombe belächelt wurde, konnte man lernen, welchen Mustern die Apokalypseblindheit folgte. Lieferte unsere Generation nicht ein signifikantes Beispiel für die Wirksamkeit der prometheischen Scham?

Mit dem Begriff beschreibt Anders in seinem Hauptwerk „Die Antiquitiertheit des Menschen“ jenen Umstand, dass das Gattungswesen die Dinge, die es selbst hervorgebracht hat, sich nicht mehr vorstellen kann. Während ein Tischler immer zu erklären in der Lage ist, wie er den Stuhl gefertigt hat und wie man diesen benutzt, schwindet in der arbeitsteiligen Wissenschaftsgesellschaft die Vorstellung von der Multifunktionalität der Geräte.

Die Zerstörungskraft der Bombe ist unvorstellbar, vor ihr verstummen selbst die Ingenieure, die sie zu entfesseln geholfen haben. Staunend steht der Mensch vor seinem Werk, als sei es eine göttliche Gabe. Der später als philosophischer Alarmist bezeichnete Anders hatte also dezidiert beschrieben, wie sich die wissenschaftliche Perfektion, die gerade auch in Massenvernichtungswaffen eingeht, der menschlichen Vorstellung entzieht.

Das Ausmaß der Katastrophe, wie es sich in den Atomreaktorunfällen von Tschernobyl, von Harrisburg und sehr viel später im japanischen Fukushima zeigte, wurde auf seltsame Weise durch die Routinen der Angstkommunikation beschwichtigt.

Ukraine-Krieg: Putin droht mit Einsatz von Atomwaffen

Das lang anhaltende Grundgefühl, im Schatten maximaler Zerstörungskräfte einigermaßen sicher zu leben, ist durch Putins Krieg stark beeinträchtigt. Als bizarr umkämpftes Kriegsziel tritt Tschernobyl wieder aus unserem Angstgedächtnis hervor. Zu den Todesängsten, die Millionen Menschen in der Ukraine Nacht für Nacht durchleben müssen, kommt die diabolische Zerstörungswut eines Potentaten, der seine Macht über uns auch aus der vermeintlichen Unberechenbarkeit bezieht. Gegen die emotionale Wucht, die das auslöst, gibt es kein probates Mittel.

Putin hat mit seinen Drohungen des potenziellen Einsatzes nuklearer Waffen das Prinzip einer strategischen Abschreckung aufgekündigt. Er kratzt am kosmologischen Urvertrauen, das in der Zeit des Kalten Krieges kaum beeinträchtigt war.

Nach dem abrupten Ende ganz vieler Illusionen steht nicht weniger auf der Agenda als die Aushandlung einer neuen Weltordnung. Die Hoffnung jedenfalls, dass die Ökonomie im Namen einer gelingenden Globalisierung alles regelt, hat sich erledigt. Fortan wird es auch um die Wiedererlangung eines inneren Gleichgewichts gehen, für das es neue und andere Mittel der Angstkommunikation bedarf, die, selbst wenn der Krieg beendet ist, weit über das politische Vermögen von Krisenmanagement und Diplomatie, wie wir es kannten, hinausgehen müssen. Es ist Zeit für ein gesellschaftliches Bewusstsein, das jenseits nationaler Befindlichkeit geopolitische Kompetenz mit kühlem Pragmatismus und demokratischen Überzeugungen zu verbinden vermag – jetzt erst recht. (Harry Nutt)

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