1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Putins langer Schatten von Leningrad

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Mit seiner Mutter Maria Ivanovna in St. Petersburg, circa 1970.
Mit seiner Mutter Maria Ivanovna in St. Petersburg, circa 1970. © Imago

Wieso Putin zum gnadenlosen Kriegsverbrecher wurde? Womöglich ist ein Trauma aus der Kindheit schuld – ein Erklärungsversuch aus psychoanalytischer Perspektive. Von Wolfgang Leuschner.

Zu Recht nennt man Putin einen gnadenlosen Kriegsverbrecher, Lügner, Massenmörder, berechnend und unberechenbar. Deshalb verlangen viele, ihn an einer Ausweitung des Krieges mit Gegengewalt zu hindern. Für den Fall, dass man ihn militärisch in die Knie zwingt und aus der Ukraine vertreibt, droht er seinerseits damit, einen Atomkrieg auszulösen. Als ob sie Putin in den Kopf gucken könnten, tun das manche als bloße Rhetorik, Drohgebärde, Propaganda und Angstmache ab. Wäge er die Atomkriegsgefahren nämlich für sich und sein Land ab, würde er nachgeben und sich aus der Ukraine zurückziehen.

„Harte Kante“ brächte demnach einen gerade eben für „wahnsinnig“ Erklärten zur Vernunft – eine alte psychiatrische Therapie, die jedoch niemals Erfolg hatte? Wer so argumentiert, spielt va banque und riskiert den Untergang.

Den Schlüssel für Putins Verhalten findet man in seiner Lebensgeschichte

Gibt es vielleicht eine Möglichkeit herauszufinden, ob Putin mit seiner Drohung ernst macht? Zwar scheint er die gegenwärtige Situation, die er über Jahrzehnte systematisch geplant und praktisch vorbereitet hat, unter Kontrolle zu haben. Was aber, wenn ihm der Prozess entgleitet, wenn er am Ende unter äußerem Druck in regressiv-infantiles Denken verfällt und Destruktion bis hin zum Atomkrieg in Kauf nimmt? Wenn er von wahnhaftem Denken überflutet wird, obwohl er bisher frei von Affektdurchbrüchen oder „Affektinkontinenz“ scheint, noch eingefasst und zusammengehalten im Charakterpanzer einer pseudonormalen Persönlichkeit eines Apparatschiks?

Auch wenn klassisch-psychiatrische Diagnosen auf ihn nicht zutreffen, schließt das nicht aus, einem Verstehen näher zu kommen, wenn man davon ausgeht, dass er ein Wiederholungstäter ist; dann nämlich ließen sich die wiederholten Verbrechen auf das Auftreten typischer Muster oder zentraler Szenen hin analysieren, die man als Aufgüsse wichtiger, eher unbewusster früherer Erlebnisse auffassen kann. Zu suchen ist dann nach persönlich und kollektiv bedeutsamen Ereignissen in seinem Leben, die er mit Gewalt und geradezu reflexhaft immer neu inszenieren muss, weil er sie anders offenbar nicht los wird. Über die Deutung seiner kriegerischen Inszenierungen, die nicht aus Militärhandbüchern stammen, käme man so seinem Denken, seinen Motiven, andere Völker zu überfallen und eben einer Neigung zu Kontrollverlust auf die Spur. Den Schlüssel für ein bestimmtes Verhalten fände man also in seiner Lebensgeschichte. Putins heutige öffentliche Erklärungen sind eher irrelevant.

Alle Berichte dazu betonen bemerkenswert stereotyp Putins Herkunft aus Leningrad und der Leidenszeit dieser Stadt zur Zeit der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg. Offenbar ahnen auch Biografen, dass hier eine entscheidende Erklärung für Putins Denken zu finden sein könnte.

Das heutige St. Petersburg war von 1942 bis 1944 von deutschen Truppen nicht kriegerisch erobert, sondern eingekesselt, dann der totalen Verelendung ausgesetzt; die Menschen gezielt durch Aushungern ermordet. Mehr als eine Million Einwohner kam dabei ums Leben. Auszugehen ist davon, dass alle Überlebenden für immer an seelischen und körperlichen Schäden litten. Bei allem was Wladimir Putin welthistorisch ins Werk gesetzt hat, könnte es sich dann um Rekapitulationen der Leningrader Katastrophe und ihre Beendigung 1944 handeln: Die Ereignisse bedrängen ihn so obsessiv, als ob der Sieg über Hitler-Deutschland noch nicht wirklich errungen sei.

Diese Behauptung erscheint auf den ersten Blick eher hergeholt, weil es sich dabei nicht um persönliche Erlebnisse Putins handelt, der ja erst 1952 geboren wurde. Dennoch ist für ihn die persönliche Bedeutung der tödlichen Belagerung dieser Stadt offenbar enorm: von dem späteren Sieg über Hitler-Deutschland nur scheinbar beruhigt, ist er von der Möglichkeit einer ähnlichen Wiederholung bis heute regelrecht getrieben, und was er fürchtet, muss er nun nach dem Zerfall der UdSSR in variierter Form aktiv wiederholen, als Selbstheilungsversuch einer historisch begründeten Störung, die man als seinen „Leningrader Trauma-Komplex“ bezeichnen kann.

Putin sieht sich als ein vom Hungertod bedrohter „Leningrad-Mann von 1943“

Damit „Leningrad“ aber diese Folgen hervorrufen konnte, muss etwas sehr Persönliches hinzugekommen sein, so dass Putin sich als ein vom Hungertod bedrohter „Leningrad-Mann von 1943“ sieht und dann als ein Stellvertreter des Kampfes um eine Wiederauferstehung und Erlösung des alten Leningrad-Russlands empfinden kann. Der Leningrader Belagerungsring muss in Kriegen mit neuen Feinden – Georgien, Tschetschenien, Syrien, Ukraine, Nato – endgültig und für immer und ewig aufgebrochen werden.

Welche verheerenden innerseelischen Schäden solche realen Schicksale von Familien auch in deren Nachkommen anhaltend anrichten und wie sie nachwirken, das wissen wir aus allen Geschichten von Überlebenden. Nachgeborene Kinder werden unweigerlich und auf vielfältige Weise zum Ersatz für die Toten. Nie sind sie freie Wesen, nie ganz selbst gemeint, sondern Schatten anderer, Wiedergutmacher, Tröster und Rächer.

Im Leben Putins finden sich für diese Annahme wichtige Indizien, speziell in seiner Familie. Die deutsche Belagerungszeit Leningrads traf ihn besonders hart, gewissermaßen schon den Schoß seiner hochtraumatisierten Mutter, die man mit dem französischen Psychoanalytiker André Green als „psychologisch tote Mutter“ bezeichnen kann. Am Ende war sie nämlich fast verhungert, für tot erklärt, dann aber von ihrem Mann aus einem Leichenraum herausgeholt und ins Leben zurückgebracht worden. Schon zuvor waren in dieser Zeit zwei ihrer Söhne, Brüder Putins, verstorben beziehungsweise den Hungertod gestorben.

Von Geburt an wird der kleine Putin also in ein auf Dauer von Schrecken gezeichnetes Gesicht seiner in die Ferne blickenden Mutter geschaut haben, die im Nebel der zurückliegenden Hungerzeit den Tod ihrer Söhne und ihr eigenes Sterben immer vor Augen gehabt haben muss. Man kann sicher sein, dass sie in Folge ihres Leidens innerlich, emotional, mimisch und gestisch für ihn nicht wirklich „da“ war, schwer erreichbar, nicht oder nur eingeschränkt schwingungsfähig. Ihre innere Abwesenheit und erlebte Todesnähe dürfte also nicht nur ihr eigenes, sondern auch Putins Wesen, sein Selbstbild, seinen Charakter, seine Mitleidlosigkeit dauerhaft geprägt haben. Das macht ihn zu dem, was man heute als traumatisiertes „Kind der zweiten Generation“ bezeichnet. Von daher war der Junge ein Kriegsopfer.

Im Sommer 1958 auf dem Schoß seiner Mutter. Imago Images
Im Sommer 1958 auf dem Schoß seiner Mutter. Imago Images © imago images/ZUMA Wire

Putin verwirklicht sich als großartiger Befreier und Führer

Putin wendete das in Aktivität, bezog daraus das Mandat, die Folgelasten der Geschichte der Familie, Verwandtschaft, Freunden, Nachbarn und der Stadt Leningrad auszutragen und abzuarbeiten. Von hier aus wird er auch seinen inneren Auftrag abgeleitet haben, Bruderersatz, Wiedergutmacher und vor allem aber Rächer zu werden, sein Leitmotiv, das er zu seiner Lebensaufgabe machte und seither ständig in Szene setzen muss.

Gerade weil er für diese eher unbewussten, ihn prägenden Quellen – zumindest ihr gewaltiges Ausmaß – immer blind gewesen sein dürfte, diese Geschichte unbetrauert ließ, behielten sie eine enorme Kraft: Die Geschichte seiner Familie wurde ein Fluch und, wie sich heute zeigt, Fluch und Verhängnis dann auch für unsere Zeit und vielleicht sogar für die ganze Menschheit. Für Putin erwuchs daraus ein Zwang, ein altes, seiner Familie, seinem Land zugefügtes Großverbrechen innerlich nicht loszulassen, um es nachträglich vielleicht doch noch zu verhindern oder ungeschehen zu machen. Was ihn innerlich nicht loslässt, ist primär nicht die alte UdSSR, sondern Leningrad.

Details aus seinem Leben belegen, dass er das schon früh mit misstrauischen bis paranoischen und hochaggressiven Tendenzen verbunden hat, etwa wenn er als Junge dafür bekannt war, wie besessen Ratten zu fangen und zu vernichten. Solche Tendenzen richteten sich bald nicht mehr nur auf privates Handeln. Vielmehr wurden sie sein politisches und berufliches Ziel, die tödliche Belagerung Leningrads und Russlands zuerst überall zu entdecken und dann überall zu bekämpfen. Dazu gehört, dass er sich schon als junger Mann dem russischen Geheimdienst und damit dem „Kampf gegen alle Feinde Russlands“ anschloss. Er machte daraus seinen Beruf und dabei Karriere. Schlussendlich erreichte er es, dass der russische Geheimdienst und der gesamte Staatsapparat ineinander aufgingen.

Ging es im Zweiten Weltkrieg in Leningrad um das Verhungern, so könnte der Krieg gegen die Ukraine unbewusst ein Gegenmittel darstellen. Das eroberte Land als „Kornkammer der Welt“ würde für immer und ewig dagegen sichern.

Wenn immer wieder erstaunt registriert wird, dass Putin bei sehr vielen Russen trotz seiner Kriegsverbrechen „gut ankommt“, dann auch deswegen, weil er eben jene alten kollektiven russischen Angst- und Rettungsphantasien aufgreift und ebenso die den Russen häufig unterstellten Unterwerfungswünsche, die in Russland untergründig immer virulent waren und sind. Er rettet seine russischen Brüder, Mütter, Väter, Leningrader, ein ganzes Volk aus einer feindlichen Umklammerung und vor dem Hungertod. So verwirklicht er sich nun als großartiger Befreier und Führer und erzeugt im nationalen Kollektiv eine Form emotionaler Erhabenheit, Größe und Mitleidlosigkeit. Das prägt sein „Handlungsschema“. Letztlich ist es diese Fiktion, die ihn für die verheerenden Folgen dieses Krieges endgültig indolent macht und vermutlich sogar immun gegen die Folgen eines von ihm angerichteten atomaren Desasters.

Indem er so handelt, wird er am Ende paradoxerweise selbst ein „Belagerer“, Verbrecher und Zerstörer fremder Völker, jetzt der Ukraine, dann Europas, und damit selber eine „Ratte“. In der Verwendung mancher Taktiken übernimmt er das Tun der deutschen Wehrmacht, wird also den einstigen Nazi-Belagerern Leningrads ähnlich.

Der Autor

Wolfgang Leuschner ist Arzt für Psychiatrie und Psychoanalytiker. Er war Leiter einer sozialpsychiatrischen Klinik und stellvertretender Leiter des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt. Außerdem ist er Gründer und Leiter des Labors für experimentelle Traum- und Gedächtnisforschung. Leuschners Arbeitsschwerpunkte sind psychoanalytisch orientierte
experimentelle Untersuchungen von Traum- und Wahrnehmungsprozessen, Telepathie, die Arbeitsweise des
Vorbewussten und Ich-Veränderungen beim Einschlafen.

Putins innere Motive sind seit frühester Lebenszeit notorisch „einbetoniert“

Mit all dem sei hier deutlich gemacht, aus welchen traumatisch-pathologischen Quellen Putins Ukraine- und Russlandpolitik hervorgegangen sind, was ihn so mörderisch und unbeeinflussbar macht. Das heißt dann auch: so berechtigt der Widerstand vieler Völker gegen den Eroberungskrieg in der Ukraine (Tschetschenien, Syrien) ist, jeder, der Putin das ausreden, ihn militärisch „besiegen“ oder gar „wie eine Ratte vernichten“ will, muss sich klar darüber sein, dass dessen innere Motive seit frühester Lebenszeit notorisch „einbetoniert“ waren und weiterhin auf dem Sprung sind, sich in Handlungen wieder zu äußern. Man muss also feststellen, dass man es bei ihm auch psychisch mit einer „Megabombe“ zu tun hat. Überflüssig darauf hinzuweisen, wie wertlos die Regeln des Völkerrechts für ihn sind – auch eine Form der Unfähigkeit zu trauern.

Allerdings liegt im Vorgehen der Nato, ihn durch Sanktionen einzuschränken, dennoch eine gewisse Chance, den Krieg zu beenden und am Ende einen Atomkrieg zu vermeiden. Denn eine Beendigung oder Abschwächung von Sanktionen läge dann auch in Putins Hand. Er könnte so als aktiver Gestalter einen Kompromiss „herbeiführen“, sich auf diesem Wege als Retter präsentieren. Mehr noch: er könnte sich auf diese Weise von seiner eigenen Psychopathologie, von seinem Wiederholungszwang gewissermaßen selbst erlösen.

Eine kompromisslose militärische Niederlage dagegen wäre für ihn so unerträglich, so „negativ besetzt“, dass er sie niemals wird anerkennen können. Sie wäre sein und seiner Mutter „Tod“. Wenn Putins abnormes Verhalten einen Sinn bekommt, dann durch diese Nachwirkung von Geschichte. In seinen „kriegerischen Interventionen“ wird Altes auf Neues übertragen. Die Gnadenlosigkeit, Rücksichtslosigkeit, die Inkaufnahme schwerer Leiden der Opfer und der eigenen Soldaten finden darin eine Form. (Wolfgang Leuschner)

Auch interessant

Kommentare