Katzen haben viel mehr zu sagen, als häufig angenommen wird.
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Katzen haben viel mehr zu sagen, als häufig angenommen wird.

Unter Tieren

Prinz Kullerauge

  • vonHilal Sezgin
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In der Juli-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ stellt Hilal Sezgin einen Kater namens Porto vor. Porto singt und redet, und schon streiten sich die Nachbarskatzen um ihn.

Ein Charmeur ist bei mir eingezogen. Er hat bernsteinfarbene Kulleraugen, ein orangefarbenes, gestreiftes Fell und erstaunlich große Pfoten. Genau vor einem Jahr fand ich ihn erstmals in meinem Garten, mich scheu von der Seite anblickend, in der Pose einer Sphinx. Ich fragte das halbe Dorf, wem er gehöre (niemandem), und begann ihn zu füttern, ließ ihn aber nicht ins Haus. Denn das Obergeschoss wird von meinem Kater Merlin bewohnt und das Untergeschoss von der Königin des Hauses, die keine anderen Katzen duldet.

Aber Porto – so nannte ich ihn, nach dem türkischen Wort Portakal für Orange – sang sich buchstäblich seinen Weg hinein. Es führt nämlich auf der Hausrückwand eine hölzerne Treppe nach oben zu Merlins Katzenklappe, und Tag für Tag hörte ich von dort die – in meinen Ohren – gar nicht nur lieblichen Gesänge, mit denen Porto für sich als Mitbewohner warb.

Die ersten Male sah ich Merlin noch drinnen neben seiner Katzenklappe sitzen mit einem Gesicht, das klar signalisierte: „Steck du nur eine einzige Pfote durch, und du wirst dein blaues Wunder erleben!“

Doch eines Abends, als ich Merlins Zimmer betrat, lagen er und Porto ganz einträchtig und entspannt auf der Matratze, als hätte zwischen ihnen seit jeher innige Brüderlichkeit bestanden. Dabei sehen sie denkbar unterschiedlich aus: Merlin schwarz, schmal und dünn; und Porto recht, na ja, kräftig. Er wiegt über sieben Kilo (er hat halt viel Fell).

Den ganzen Herbst und Winter über lag Porto da, er löste sich quasi nie von der Matratze. Er ist wohl schon acht Jahre alt, hat mehrmals vergeblich versucht, bei anderen Nachbarn einzuziehen, und hauste eine Zeit lang anscheinend unter Containern. Doch obwohl er nie mit Menschen lebte, ist er der zutraulichste kleine (na ja: kräftige) Kerl, den man sich denken kann. Er lässt sich hochnehmen, ist verschmust, er kratzt nie, wenn man eine dieser vielen absolut falschen Stellen erwischt, die Katzen beim Streicheln plötzlich an den Tag legen.

Er redet und redet und redet

Ich schrieb, dass er im Winter nie rausging, doch das ist nicht ganz richtig: Wenn ich bei den Schafen zugange war, zum Beispiel spätabends noch Medikamente geben musste, hörte ich immer das typische Klappern. Und wenig später erschien Porto an meiner Seite, um mir Gesellschaft zu leisten bei dem, was ich tat. Danach kletterte er zum Weiterschlafen wieder nach oben. Auch heute folgt er mir auf Schritt und Tritt. Wenn ich zum Briefkasten gehe oder zum Stall, immer höre ich es kurz darauf klappern. Und auch wenn die Gesänge aufgehört haben, redet er immer noch wahnsinnig viel mit Merlin.

Nun, mit allen anderen auch, aber Merlin kündigt er sich oft schon von weitem an, wenn er die Katzentreppe ansteuert. „Huhu, Merlin, ich komme nach Hause! Vorhin habe ich ’ne gaanz große Maus erlegt, also wie ich mich auf die gestürzt hab, das muss ich dir gleich mal vormachen. – Hm, an der Treppe müssen wir auch mal was machen, wenn’s geregnet hat, mag ich das gar nicht an den Pfoten. Überdachung vielleicht? – Wieso antwortet du nicht? Bist du etwa aus? Na, werd’s ja gleich sehen.“ Und dann zwängt er sich durch die Klappe, so knapp, dass man jedes Mal Angst hat, er könne stecken bleiben und die Hinterbeine würden auf immer hinten rausragen wie zwei mit orangefarbenem Filz bespannte Stöcke.

Nur bei den Nachbarn sorgt er für etwas Unfrieden. Die haben zwei junge weibliche Katzen, und neuerdings begannen die zu streiten. „Ich glaub, es ist wegen deinem“, sagte die Nachbarin verlegen. Klar, um Prinz Kullerauge wird konkurriert. Neulich abends saß er wohl vor der nachbarlichen Haustür und sang wieder seine Liedchen, aber statt der Katzendamen kam plötzlich der Hund heraus, der nämlich auch dort lebt, und jagte Porto hinterher, so dass dieser schließlich auf eine Magnolie flüchtete.

Ich glaube, ich weiß sogar, welcher Abend es war. Ich trat so gegen elf noch mal vor die Tür, ließ die Taschenlampe schweifen, und das Licht wurde von zwei fluoreszierenden Scheinwerferchen weiter oben am Weg reflektiert. Ein Maunzen und Murren begleitet ihr Näherkommen, und als ich Porto endlich aus der Nähe sah, wirkte er regelrecht erleichtert. Ich ahne nun, warum: Auf einer von einem Hund bewachten Magnolie ist es auf Dauer auch nicht so toll.

Darum lieber rasch die Treppe hoch, Merlin von den Abenteuern erzählt und relaxen auf dieser fantastischen menschlichen Erfindung namens Matratze!

Hilal Sezgin,Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Ihren neuen Roman „Feuerfieber“ gibt es nur per Crowdfunding: https://www.startnext.com/weisse-schnuten

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