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Politische Symbolik: Die Bilder der Macht

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Von: Michael Hesse

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Alle Blicke auf Scholz gerichtet (links): G20-Gipfel in Indonesien
Alle Blicke auf Scholz gerichtet (links): G20-Gipfel in Indonesien. © Bundesregierung via Getty Images

Fotos sagen oft mehr als tausend Worte - Regierungssprecher Steffen Hebestreit ist ein solches beim G20-Gipfel in Bali gelungen.

In der Politik geht es selten nur um Inhalte. Es geht um Symbolik, Ausdruck, um Bilder. Ein Augenblick reicht manchmal schon, um eine Nachricht in die Welt zu setzen: Eine Hand vor dem Mund, als würde einen das Entsetzen packen, aufgestützte Hände auf einem Schreibtisch, als wäre man Herrin der Lage, schon vermittelt das Bild einen einzigartigen und unwiderlegbaren Eindruck von dem Treffen zweier oder mehrerer Staat- und Regierungschef:innen. Anders gesagt: Schnappschüsse können Politik machen.

Fotografiert vom offiziellen Fotografen des Weißen Hauses. Hillary Clinten (rechts) führt die Hand zum Mund. Foto: afp
Fotografiert vom offiziellen Fotografen des Weißen Hauses. Hillary Clinton (rechts) führt die Hand zum Mund. © afp

Genau ein solcher war Regierungssprecher Steffen Hebestreit (früher ein Hauptstadtredakteur der FR) auf dem G20-Gipfel auf Bali gelungen. Mit seinem Handy hatte er „seinen“ Kanzler, Olaf Scholz, in den Mittelpunkt des Weltgeschehens gesetzt. Das Bild ging um die Welt, fast alle deutschen Zeitungen zeigten es auf ihrer Titelseite.

Scholz kann es gut gebrauchen, er gilt als zögerlicher Regierungschef, der Probleme mit der Führung seiner Ampel-Koalition hat und international Deutschland eher isoliere, so seine Kritikerinnen und. Dieses Bild vom G20-Gipfel soll das Gegenteil demonstrieren. Alle Blicke richten sich auf ihn.

Die Blicke auf Scholz

Die „taz“ aus Berlin witzelte, wie schlimm es wirklich stehen müsse, wenn alles auf Scholz anzukommen scheine. Was an dem Bild dennoch bleibt, ist der Ausdruck der Macht, für den Scholz in diesem Moment steht und mit ihm Deutschland. Im Osten Polens ist eine Rakete vielleicht russischer, vielleicht ukrainischer Herkunft eingeschlagen - vieles spricht für das letztere -, die Welt scheint am Rande eines großen Krieges zu stehen. Muss der Nato-Bündnisfall ausgerufen werden? Und Scholz ist der, der das Wort führt und dem die Staats- und Regierungschefs ihre Aufmkersamkeit schenken, dem sie zuhören. Er hat Gewichtiges zu sagen.

Die Wirkung des Fotos verrät ebenso viel über die Haltung seiner Betrachterinnen und Betrachter und über die gesellschaftliche Stimmung, wie über die Gemütslage der abgebildeten Spitzenpolitiker:innen. Es ist ein Emotionsgewitter.

Ex-Kanzlerin Merkel im Kreise der G7. Wer drückt hier die Macht aus? Trump (sitzend) oder sie? Foto: afp
Ex-Kanzlerin Merkel im Kreise der G7. Wer drückt hier die Macht aus? Trump (sitzend) oder sie? © afp

Dabei könnte dieses Bild auch etwas ganz anderes ausdrücken. Zu sehen sind die Nachkommen der Nachkriegsgenerationen. Sie alle verfügen über das historische Wissen, dass es eine Person wie Hitler gegeben hat, der die Welt in den bislang schlimmsten Krieg aller Zeiten gestürzt hat. Hitler hat gelogen und betrogen, bis er seinen Krieg hatte. Unzählige Bücher sind über die Konferenz in München und die gescheiterte Appeasement-Politik geschrieben worden. Man muss gar nicht den Vergleich von dem russischen Präsidenten zu Hitler ziehen, um sich die Ratlosigkeit bewusst zu machen, die diese Gruppe von poltischen Lenkern und Lenkerinnen förmlich ergriffen zu haben scheint. Man kann es aber. Wie soll man mit jemandem wie Putin umgehen, wenn die Rakete aus Russland gekommen ist, wenn es kein Fehlläufer gewesen ist, sondern eine absichtlich auf die Grenzregion zielgerichtet abgefeuerte Waffe, um den westlichen Staaten mal wieder zu zeigen, was für „Weicheier“ sie sind? Das zumindest ist Putins Sicht auf die politische Welt Europas und Nordamerikas. Und man sieht den von Scholz halb abgewandten französischen Präsidenten Emmanuel Macron, ein Ausdruck der derzeitigen Spannungen im deutsch-französischen Verhältnis.

Man bewegt sich stets im Feld der Deutung, der Interpretation und so auf schwankendem Grund. Die Betrachtung eines Bildes gleicht einer Fantasiereise ins Reich der inneren, emotional fantasierten Bilder. Im Selbstgespräch tauscht man sich über die eigenen Wahrnehmungen aus. Man beschreibt, man interpretiert das Bild und spekuliert darüber, was es dem Betrachter sagen will.

Eine ähnliche Aufnahme hatte es einst mit der früheren Kanzlerin Angela Merkel im Kreise der G7 in Kanada gegeben. Donald Trump saß mit verschränkten Armen auf einem Stuhl, während Merkel ihre Hände auf dem Tisch abstützte und ihren Körper leicht nach vorne gerichtet hat. Das Bild, aufgenommen vom preisgekrönten Fotografen Jesco Denzel, der für die Bundesregierung arbeitete, hatte eine klare Botschaft: Merkel hat das Sagen, während Trump trotzig wie ein kleiner Schuljunge dasitzt.

Entsetzen im Gesicht

Das Bild galt als absoluter PR-Sieg für die Kanzlerin. Die Politik- und Sprachforscherin Elizabeth Wehling von der University of California, Berkeley, hingegen sah das Bild als Punktsieg für Trump. Denn der etabliere ja seine Autorität, erklärte sie, indem er sitze.

Berühmt wurde auch ein Foto aus dem Situation Room des Weißen Hauses. Die Spitzen aus Politik und Militär verfolgen die Tötung des Terroristen Osama bin Ladens. Während der damalige US-Präsident Barack Obama konzentriert zusieht wie bei einem Basketball-Spiel, scheint Hillary Clinton, die damalige US-Außenministerin, das Entsetzen im Gesicht zu stehen. Sie hält sich die Hand vor den Mund. Später erklärte sie: Sie habe gegähnt, da sie völlig übermüdet gewesen sei, was nicht für Angst, sondern eine gewisse Lässigkeit angesichts der Dramatik der Ereignisse sprach. Ein Bild ist immer nur so gut wie seine Geschichte.

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