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Am 29. Januar 1968 bei einer Rede vor Jungdemokraten auf dem FDP-Bundesparteitag in Freiburg.
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Am 29. Januar 1968 bei einer Rede vor Jungdemokraten auf dem FDP-Bundesparteitag in Freiburg.

CD

Politische Reden von Rudi Dutschke: Seine Zuversicht

  • VonArtur Becker
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„Die Stimme der Revolution“: Sechs CDs lassen den Redner Rudi Dutschke in alter Größe erstrahlen.

In seiner Rede auf dem Vietnamkongress am 17. Februar 1968 an der TU Berlin sagt Rudi Dutschke: „Revolutionäre sind keine Illusionisten, sie sind dialektische Realisten, die fähig sind, die Realität in ihrem Widerspruch zu begreifen, sich nicht den Tatsachen anzupassen, sondern die Tatsachen als Ausgangspunkt des revolutionären Interesses zu nehmen.“ Ein schöneres Selbstporträt gibt es nicht – man möge mich natürlich eines Besseren belehren –, aber das war er: Dutschke der Dialektiker, der sich die Realität ideologisch und Marx-kompatibel geformt hat, weil er sie entzaubern wollte, eben ganz im Sinne der marxistischen Revolution.

Die seit vielen Jahren schon häufig zitierten Charakterisierungen des marxistischen Studentenführers haben dennoch an ihrer Aussagekraft nichts eingebüßt, obwohl sie klischeehaft wirken: Dutschke der „Berufsrevolutionär“ oder ein „hinreißender Rhetor“, wie es ihm Jürgen Habermas bescheinigte, und nach der kritisch ausfallenden Stimme von Rudolf Augstein ein „Redner“ und „sichtlich“ kein „Geistesheros“.

Doch Dutschkes unbewusst gezeichnetes Selbstporträt in der besagten Rede verrät über diesen Mann vor allem eines: Er war von der Revolution – natürlich im marxistischen Sinne – besessen. Das bezeugen auch folgende Worte, zitiert wieder aus der Rede an der TU in Berlin: „Marx spricht in den großartigen Entwürfen zum Bürgerkrieg in Frankreich von den Aufgaben einer solchen Form der Klassenherrschaft, dass ihr einziger Sinn in der Verhinderung der Emanzipation der produzierenden Massen liege. Für ihn ist diese Form der Klassenherrschaft die abscheulichste Form aller politischen Regimes.“

In derselben Rede spricht er auch davon, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis Taiwan endgültig wieder zur Volksrepublik China gehören werde. Das ist zwar nicht eingetreten, aber prophetisch ist diese damals in der Ekstase des revolutionären Eifers getätigte Aussage allemal: China, ein Imperium wie einst die Sowjetunion, fletscht die Zähne und will sich Taiwan unter den Nagel reißen – nur nicht im Namen der Revolution der Massen, sondern im Namen eines gierigen Imperiums.

Der Ousia-Leserkreis-Verlag hat nun für Dutschke-Fans und -Forscher, aber auch für noch nicht Eingeweihte eine bombastische CD-Box „Die Stimme der Revolution. Rudi Dutschke in zwölf Originalaufnahmen“ herausgebracht, die sich sehen und vor allem hören lässt: Sechs CDs, 700 Minuten aufgenommen zwischen 1965 bis 1979 und 128 Seiten in zwei Booklets. Es handelt sich dabei mehr oder weniger um eine Best-of-Sammlung, denn außer der Rede an der TU Berlin sind u. a. noch folgende Aufnahmen zu hören: Ein Auszug aus einer Diskussionsveranstaltung mit Herbert Marcuse am 11. Juli 1967 in der FU Berlin, die Rede auf der Beerdigung von Ernst Bloch in Tübingen am 9. August 1977 oder die Talkshow im Club 2 des ORF am 13. Juni 1978, an der neben Dutschke auch Daniel Cohn-Bendit, Matthias Walden und Kurt Sontheimer teilnahmen.

Bereichernd sind auch die zahlreichen Texte, die der CD-Box beiliegen, und so findet man in den beiden Heftchen nicht nur ein umfangreiches Glossar mit Informationen zu den Aufnahmen und Teilnehmern, sondern auch einführende Essays und selbst einen Text von Rudi Dutschke.

Erhellend sind vor allem die drei Essays von Carsten Prien, Gretchen Dutschke und dem Tandem Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker. Sie beschäftigen sich intensiv mit der Sprache und der Persönlichkeit des Redners und „Agitators“ Dutschke, bescheinigen ihm jedoch nicht schwarz-weiß, dass er vielen Irrtümern erlegen und deshalb heute lediglich auf eine historische Person zu reduzieren sei. Dutschkes Sprache wird zwar auf rhetorische und linguistische Spiele und Interaktionen mit dem Publikum untersucht, aber nicht bloßgestellt.

Neugierig auf die Aufnahmen macht Priens einführender Text „Rudi Dutschke – Stimme der Revolution“, weil er detailliert und linguistisch-rhetorisch die sogenannten „konzeptionellen Metaphern“ des marxistischen Redners und Studentenführers unter die Lupe nimmt. Solche mehrschichtigen, verschiedene historische und politische Inhalte und Kommentare transportierenden Metaphern wie zum Beispiel „zy-nisch gewordene Sozialdemokraten“ oder „Stalinismus der SPD“ sind bei Dutschke zahlreich, und der Begriff der Anspielung gibt nicht die ganze Tragweite dieser komplizierten sprachlichen Bilder wieder.

Gerade die historischen und politischen Subkontexte in den Reden von Dutschke lassen ein mehrdimensionales Bild vom Denken dieses von der marxistischen Revolution besessenen Mannes aufflackern. Prien schreibt: „Chronologisch kam der Stalinsche Terror nach den Morden der Eberts und Noskes. Weiß Dutschke das denn nicht? Dutschke geht es um etwas anderes: um den historischen Zusammenhang. Der ‚Stalinismus der SPD‘, der Verrat und die konterrevolutionäre Gewaltanwendung der Mehrheits-SPD gegen ihre Gegner innerhalb der Arbeiterbewegung in den Tagen der Novemberrevolution führte dazu, dass die ‚Revolution im Westen‘, an deren Gelingen Lenin das Schicksal des jungen Sowjetrusslands gebunden sah, scheiterte.“

So viel zum Politischen und Rhetorischen, denn Dutschke war vor allem ein großer Menschenfreund. Wir wissen es von den Zeitzeugen, seinen Freunden und natürlich von seiner Frau. Auch Dutschkes Freund aus den revolutionären Tagen in Berlin, Gaston Salvatore, den ich in seiner Wahlheimat Venedig mehrmals traf, sprach von ihm immer in warmen Worten.

Rudi Dutschkes angeborene Zuversicht, sein Vertrauen in den Menschen und in die Freiheit, gepaart mit der positiven Energie seines Idols Ernst Bloch, entschärfen das einseitige Bild, Dutschke sei zwar ein exzellenter Agitator gewesen, eine orale Wiedergeburt von Marx, aber mehr nicht. Denn in gewisser Hinsicht erinnert er an die französische Philosophin Simone Weil, die nach einer Synthesis, einer erlösenden Paarung zwischen den freiheitlichsten Ideen des Kommunismus und des Christentums gesucht hat.

Schade, dass wir nie erfahren werden, wie Dutschke diesen eigenartigen Synkretismus weiterentwickelt hätte. Aber seine Reden werden bleiben.

Die Stimme der Revolution. Rudi Dutschke in zwölf Originalaufnahmen. CD-Box. Ousia. 35,90 Euro.

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