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Diese Szene könnte sonstwo spielen, hat sich aber im polnischen Gleiwitz zugetragen. Foto: Nico Schmidt
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Diese Szene könnte sonstwo spielen, hat sich aber im polnischen Gleiwitz zugetragen.

Essay

Polen – das heißt nirgendwo

  • VonArtur Becker
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Wäre der Roman „Der Fänger im Roggen“ ein Kultbuch geworden, wenn er in Polen spielte? Über die tiefsitzenden Komplexe einer Nation.

Ein bekannter Lektor eines großen und traditionsreichen Verlags aus Deutschland schrieb mir neulich, er habe mein Romanmanuskript „Ein roter Ziegelstein für Izabela“ mit Vergnügen gelesen, der Deutsche interessiere sich aber nicht für Polen und seine Kindheits- und Jugendgeschichten, das Buch werde kein breites Lesepublikum finden. In seiner Ehrlichkeit ein wunderbar durchsichtiges Urteil – und ich musste staunen, habe ich doch schon viele Romane in den letzten 25 Jahren veröffentlicht, deren Handlung in Polen verankert ist, und solche wie „Wodka und Messer“ oder „Drang nach Osten“ sind ja außerdem nicht unbekannt. Schwamm drüber!

Denn vor allen Dingen musste ich, nachdem ich die Antwort des Lektors gelesen hatte, an Alfred Jarrys den Dadaismus und das Theater des Absurden und Grotesken vorwegnehmendes Stück „König Ubu“ denken, das 1896 in Paris uraufgeführt wurde und sofort für zahlreiche Skandale gesorgte, zumal es mit dem Wort „Scheißre“ beginnt („Merdre“ – das idiosynkratische R spiegelt bereits die subversive, dem gemeinen Bourgeois an den Kragen gehende Provokationslust des Autors wider). Jarry soll einmal über sein groteskes Drama gesagt haben, es spiele in Polen, also nirgendwo ...

Eine konzeptuelle Metapher International berühmt geworden ist „König Ubu“ erst nach seiner Publikation 1922, lange nach dem Tod des Exzentrikers und Poète maudit im Jahre 1907, dem die Pariser Literaturkritik konsequent aus dem Weg gegangen war. Es wurde aber in viele Sprachen übersetzt.

Das literarische Multitalent Tadeusz Boy-Zelenski übersetzte „König Ubu“ 1936 ins Polnische, und der Spruch „Polen – das heißt nirgendwo“ wurde schnell zu einem kulturgeschichtlich-idiomatischen Ausdruck, der stark an jene „konzeptuellen Metaphern“ erinnert, die es vermögen, mehrere komplizierte geschichtliche, soziologische und kulturgeschichtliche – auch idiosynkratische – Phänomene bildhaft und in wenigen Worten als ein geschlossenes Ganzes, wie aus einem Guss, zusammenzufassen.

In diesem Fall geht es ja nicht nur darum, dass Polen zur Zeit der Entstehung von Jarrys Stück (1888) auf der geopolitischen Karte gar nicht existierte – geteilt vom zaristischen Russland, dem Königreich Preußen und von der Habsburgermonarchie fristete es zum Ende des 19. Jahrhunderts politisch und wirtschaftlich ein kümmerliches, hoffnungsloses Dasein.

Seine Teilung dauerte schon mehr als hundert Jahre, alle Aufstände waren verlorengegangen – selbst die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche zwischen 1848 und 1849 konnte sich nicht dazu durchringen, die Polen bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterstützen, obwohl später, ausgerechnet unter Bismarck, polnische Abgeordnete durchaus Gehör für ihre Angelegenheiten im Deutschen Reichstag fanden, mehr aber nicht.

Denn auf der anderen Seite drückt der auch fatalistisch und defätistisch klingende Satz, es spiele „in Polen, also nirgendwo“ aus, dass die Polen stets darunter gelitten hatten und eigentlich immer noch darunter leiden – wobei es hier nicht ausschließlich um rechts- und nationalkonservativ Gesinnte geht –, in Europa ein östliches, peripheres Gelände zu sein. Ein Gelände, das weder richtig im Westen verankert sei, noch als Osteuropa bezeichnet werden könne, sondern eher als ein verlorenes, nach den Beschlüssen von Jalta dem sowjetischen Leviathan preisgegebenes Grenzland.

All diese Bedenken mögen einem Westeuropäer unverständlich erscheinen, sind doch seit der Aufnahme Polens, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns in die EU mittlerweile mehr als 15 Jahre vergangen. Komplexe und Vorurteile, die man in Polen unter den Intellektuellen kennt und kritisch betrachtet, sind allerdings im kollektiven Gedächtnis geblieben.

Der Autor

Artur Becker, 1968 in Bartoszyce in Polen geboren, lebt seit 1985 in Deutschland. Zuletzt publizierte er den Roman „Drang nach Osten“ (Weissbooks) und den Gedichtband „Bartel und Gusta-balda“ (Parasitenpresse). In diesen Tagen kommt der Band zu seiner DresdenerChamisso-Poetikdozentur heruas, „Von der Kraft der Widersprüche“ (Thelem Universitätsverlag).

Kunderas Zentraleuropa Jedenfalls denkt man in dem Zusammenhang, geht es doch um Missverständnisse zwischen West und Ost, auch sofort an den berühmten, 1983 publizierten Essay „Un occident kidnappé oder die Tragödie Zentraleuropas“ von Milan Kundera, in dem er zwar Mittel(ost)europa genau definiert, dem Westen jedoch ein stiefmütterliches Verhalten gegenüber den damaligen Volksrepubliken Ungarn, Tschechien (mit der Slowakei zusammen) und Polen attestiert. Seine These lautet, Westeuropa habe nach 1945 ihre „westlichen“ Verwandten im „Osten“ aufgegeben („kidnappen“ lassen), obwohl sie in all den Jahrhunderten ein fester Bestandteil einer christlichen und vor allem west-lich säkularisierten Kultur gewesen seien.

Kundera schreibt: „Die Polen, die Tschechen, die Ungarn blicken auf eine sehr bewegte, von Brüchen gekennzeichnete Geschichte zurück sowie auf eine Tradition schwächerer und unbeständigerer Staatswesen als die großen europäischen Völker. Eingezwängt zwischen den Deutschen auf der einen und den Russen auf der anderen Seite erschöpften sich die Kräfte dieser Nationen im Kampf um ihr Überleben und um ihre Sprache zu sehr.

Nicht imstande, sich ausreichend ein europäisches Bewusstsein nahezubringen, blieben sie der am wenigsten bekannte und zerbrechlichste Teil des Westens, verborgen zudem hinter dem Vorhang von seltsamen und schwer zugänglichen Sprachen.“

Das heutige Polen sieht selbst in mancher entlegenen Provinz, wo es einst verschlafene Dörfer aus den Erzählungen Andrzej Stasiuks gegeben hat, wie die Niederlande aus: Es gibt Fahrradwege, Spielplätze und Einkaufszentren, die in allen EU-Ländern einander ähneln – ach ja, jede Menge Autobahnen gibt’s in Polen mittlerweile auch. Aber in den Köpfen und Herzen der Menschen in Mitteleuropa – von Budapest über Prag und Warschau bis nach Danzig – herrschen nach wie vor die erprobten Atavismen, die nicht nur die Zeit der sowjetischen Besatzung hervorgebracht hat, sondern eben auch jene historische Unbeständigkeit, von der Kundera spricht: Die Angst vor dem russischen Imperium ist geblieben, ebenso vor der Untreue des Westens.

Feiglinge und Helden Während also der tschechische Schriftsteller Josef Skvorecky seine Nation mit seinem ersten, 1958 publizierten Roman „Feiglinge“ vor den Kopf stieß, weil er es gewagt hatte, ihre Rolle im Kampf gegen die Nazis kritisch zu beleuchten, wimmelt es in der polnischen Literatur nur so von Geschichten, die die doppelte Tragödie Polens thematisieren: heldenhafte, jedoch aussichtslose Kämpfe gegen die Nazis oder die Stalinisten. Der 1947 veröffentlichte Nachkriegsroman „Asche und Diamant“ von Jerzy Andrzejewski zum Beispiel ist auch im Westen bekannt geworden, nicht zuletzt durch Andrzej Wajdas geniale Verfilmung und Zbigniew Cybulskis Paraderolle als Heimatarmeesoldat Maciek, der nun gegen die Kommunisten kämpft.

Ein anderes Polenbild findet sich bei Milosz oder Witold Gombrowicz – das Spielen der ewigen Opferrolle wird in ihren Werken demontiert und auf der Müllhalde der Weltgeschichte entsorgt.

Intellektuelle hatten in Kunderas „Zentraleuropa“ nach 1945 dennoch versucht, sich mit den Kommunisten zu arrangieren, ihre eigene marxistische und linke Gesinnung den Umständen anzupassen. Doch sie scheiterten alle – wobei es, wie es auch Kundera in seinem Essay betont, nach den Aufständen 1956 in Ungarn, 1968 in Tschechien und 1970, 1976 oder 1980 in Polen keine Illusionen mehr gegeben hatte. Leszek Kolakowski, der geniale Marxismus-Theoretiker und -Kritiker emigrierte schon 1968 in den Westen und lehrte in Oxford Philosophie, während Georg Lukács – zunächst Liebling der DDR-Ideologen, aber auch der polnischen oder westlichen Linken – nach seiner Kritik an der Zerschlagung des Ungarischen Volksaufstands 1956 bei den kommunistischen Machthabern in Ungnade fiel; bei Theodor W. Adorno ebenso, aber aus ganz anderen Gründen: Ihm gefiel Lukács Kritik am deutschen Pessimismus nicht, er hielt es für einen groben Affront, dass der ungarische Neumarxist Nietzsche schlicht und einfach zu einem Faschisten gemacht hatte.

Wer ist König Ubu? Nun, worum geht es aber in dem Stück „König Ubu“? Natürlich, es geht um Polen und den Despoten Ubu, der aus Frankreich kommt und in Polen eine mörderische Diktatur installiert – ein verstörendes Werk, zumal Jarry in seinem grotesk-absurden Drama auch für die Russen und ihren Zaren Alexis eine wichtige Rolle vorgesehen hat, nämlich die des Befreiers von der Diktatur des hässlichen, grausamen, fetten und machthungrigen Königs Ubu ...

Kurz gesagt: Jarrys literarische Erfindung sollte sich als prophe-tisch erweisen, denn das mörderische 20. Jahrhundert brachte vor allem über Mittel(ost)europa schreckliche Zerstörung, eine grausame Okkupation durch die Nazis und die kommunistische Diktatur, und Ubu stehe letztendlich, so der kongeniale polnische Übersetzer Boy-Zelenski, symbolisch für das Scheitern der Menschheit und ihrer Kultur.

Übrigens: Das Kultbuch „Der Fänger im Roggen“ habe ich auf Polnisch, Deutsch und Englisch gelesen, und jedes Mal hatte ich das Gefühl, es spiele nirgendwo ... und damit überall.

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