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Podiumsdiskussion kurz vor Ende der Documenta: Zu viele blinde Flecken überall

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Von: Lisa Berins

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Die Künstlerin Hito Steyerl sprach bei der Podiumsdiskussion in Frankfurt auch über ihre Gründe, ihr Kunstwerk bei der Documenta abbauen zu lassen. Foto:dpa
Die Künstlerin Hito Steyerl sprach bei der Podiumsdiskussion in Frankfurt auch über ihre Gründe, ihr Kunstwerk bei der Documenta abbauen zu lassen. (Archivbild) © Rolf Vennenbernd/dpa

Zum Ende der Documenta in Kassel soll der Antisemitismus bei einer Podiumsdiskussion aufgearbeitet werden. Postkolonialismus und Antisemitismus in der Kunst.

Kassel – Auf den letzten Metern vor dem Ende der documenta fifteen ein erneuter Versuch, das Debakel begreifbar zu machen: Auf einer Konferenz, die sich mit der Zukunft der Erinnerungskultur beschäftigte, hatte Meron Mendel am Donnerstagabend zu einem Podiumsgespräch über „Kunst und Kontext – von der Mbembe-Debatte bis zur Documenta 15“ eingeladen, in der ein „Kunst- und Kulturbetrieb zwischen Antisemitismus und Postkolonialismus“ analysiert werden sollte. (Vorweggenommen: Für die Mbembe-Debatte blieb keine Zeit.)

Drei Monate nach der ersten Diskussion zu „Antisemitismus in der Kunst“ – damals in Kassel – schien die Stimmung diesmal beträchtlich weniger euphorisch zu sein. „Es ist nicht so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben“, eröffnete Mendel das Podium. Im Juni habe es noch die Hoffnung gegeben, man könne während der Zeit der Documenta in einen Dialog treten und einen „guten Abschluss finden“.

Documenta Kassel: Deutschlands Rassismus- und Antisemitismusproblem bleibt blinder Fleck

Am Sonntag (25. September) endet die Documenta, und es liegt ganz offensichtlich noch einiges im Argen, wie auch die Absage eines Vertreters der palästinensischen Gemeinde Hessen zu unterstreichen schien, der als Gast eingeladen war. „Ich kann die Absage nicht erklären, sicherlich gab es Druck, aber ich möchte nicht spekulieren“, sagte Mendel dazu. Während der kommenden rund zwei Stunden blieb der Stuhl in der Mitte der Runde demonstrativ leer.

Die anwesenden Gäste – Autorin Nele Pollatschek, Videokünstlerin Hito Steyerl, die ihre Arbeit von der Documenta abgezogen hatte, und Julia Yael Alfandari, Leiterin Politische Bildung der Bildungsstätte Anne Frank, – hatten sich alle in den vergangenen Monaten via Zeitungsartikel in die Feuilletondebatte eingeschaltet.

Steyerl hatte ihren Beitrag noch vor Eröffnung der Documenta in der Zeit veröffentlicht; eigentlich war er für die dann abgesagte Diskussion „We need to talk“ gedacht gewesen. In dem Artikel wollte die Künstlerin auf einen blinden Fleck der postkolonialen Theorie hinweisen: Deutschlands eigenes Rassismus- und Antisemitismusproblem.

Documenta Kassel: Deutschland ist das Land von Halle und Hanau – nicht Halle oder Hanau

Aus Steyerls Sicht hatte die Documenta dahingehend eine Art „Ventilwirkung“, wie sie später in der Runde sagte. Die Sprachlosigkeit der Documenta, die Weigerung, in einen Diskurs zu treten, und die Polarisierung in der Debatte, in der man gezwungen gewesen sei, entweder dem Lager Antisemitismus oder dem Lager Rassismus beizutreten, hätten sie dazu gebracht, ihr Kunstwerk von der Ausstellung zurückzuziehen.

„Ich lebe im Land von Halle und Hanau. Ich lebe nicht im Land von Halle oder Hanau, und erst recht nicht im Land von Halle gegen Hanau“, sagte sie. Die Antisemitismusvorwürfe seien auf der Documenta mit Rassismusvorwürfen „gekontert“ worden, was die Lager unversöhnlich auseinanderdividiert habe. Wobei gesagt werden müsse, dass es auf der Documenta tatsächlich rassistische Angriffe gegeben habe.

Documenta Kassel – „Du kannst nicht sagen: ,Aber die Documenta ist trotzdem toll.‘“

Nele Pollatschek sah eine „Instrumentalisierung der Antisemitismuskritik“ und plädierte dafür, Rassismus und Antisemitismus als zwei unterschiedliche Diskussionsaspekte getrennt zu besprechen. Die Autorin hatte am 1. Juli in der Süddeutschen einen Beitrag mit dem Titel „Eine Bitte“ aus der Sicht einer mit Vorurteilen konfrontierten Jüdin geschrieben. Es ging um ein Gespräch mit einem Malermeister, der offensichtlich „antisemitischen Gedankenmustern“, wie es Pollatschek nennt, aufgelaufen ist.

Menschen wüssten oft nicht, dass ihre Denkweise über Juden als „Macht, Geld und Kontrolle“-Besitzende antisemitisch sei – da müsse man aufdecken und miteinander reden. In Bezug auf die Antisemitismusdebatte auf der Documenta wollte sie mit ihrer „Bitte“ klarstellen: „Deutschland, pass auf deinen Diskurs auf. Du kannst nicht sagen: ,Aber die Documenta ist trotzdem toll.‘“ Eine Entschuldigung der Kollektive wegen vermeintlich verletzter Gefühle reiche im Übrigen nicht aus.

Documenta Kassel: Antisemitismus als „Problem der Migranten“?

So sah es auch Julia Yael Alfandari: „Es geht nicht um Emotionen.“ In ihrem Artikel, den sie mit Meron Mendel zusammen geschrieben hatte und der Anfang September in der Süddeutschen erschien, erzählen die beiden von ihren Erfahrungen am Stand der Bildungsstätte auf der Documenta.

Frustrierend sei die erlebte Spaltung gewesen, sagte Alfandari auf dem Podium: Menschen aus dem bürgerlichen Milieu hätten teilweise die Meinung vertreten, Antisemitismus sei kein Problem in der Mitte der Gesellschaft, sondern ein „Problem der Migranten“.

Documenta Kassel – Antisemitismus in Bildsprache scheint eine Bildungslücke zu sein

Auf der anderen Seite sei die Kritik an der Ausstellung von einigen als Zensur begriffen und sogar mit der Diffamierung als „Entartete Kunst“ im Nationalsozialismus verglichen worden. Es sei generell erstaunlich gewesen, wie wenig die Leute über antisemitische Bildsprache wüssten.

Die fehlende Reflexion lege den strukturellen Charakter des Antisemitismus in der Gesellschaft noch einmal offen. Über die Reichweite des strukturellen Antisemitismus bis nach Indonesien – darüber hätte man Alfandari zufolge auf der Documenta sprechen müssen.

Documenta Kassel: „Der nächste Skandal wird kommen“

Dass das Antisemitismusdebakel auf der Documenta ein „Stellvertreterkampf“ mit „identitätspolitischen und erinnerungspolitischen“ Faktoren sei (Alfandari), der durch blinde Flecken und Klischees aus beiden Lagern angetrieben werde, darin schienen sich die Beteiligten einig zu sein.

Konsens herrschte auch darüber, dass die Debatte über das Ende der documenta fifteen hinaus bestehen werde. Alfandari: „Der nächste Skandal wird kommen, das ist garantiert.“ Die Gefahr, dass auch dieser Dialog scheitern könnte, ist aus Nele Pollatscheks Sicht groß: Es hingen generell zu viele Konsequenzen an einzelnen Äußerungen, der moralische Druck sei zu hoch.

Ausgewogen oder verletzend

Auf die letzte, pikante Frage von Moderator René Aguigah, ob eine Kunstausstellung „ausgewogen“ sein müsse, antworteten die Rednerinnen sehr unterschiedlich. Hito Steyerl wollte lieber die Frage in den Raum stellen, ob es die Documenta geben müsse – und plädierte dafür, dass zumindest der Repräsentationsanspruch hinterfragt werden müsse.

Alfandari fand, dass erst einmal das Selbstverständnis der Documenta geklärt werden solle. Und Pollatschek war der Meinung, dass Kunst nicht ausgewogen sein müsse, aber dass durchaus der Kontext – im Fall der Documenta als vom Bund unterstützte Ausstellung – eine Rolle spiele.

Daraufhin wollte Steyerl noch etwas loswerden: Eine Kunstausstellung brauche natürlich keineswegs ausgewogen sein, aber es müsse auf jeden Fall vermieden werden, dass eine Gruppe verletzt zurückbleibe. (Lisa Berins)

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