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Pierre Cardin: Katastrophe, Konsum, Utopie

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Von: Arno Widmann

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In Rom, unter anderem im Garten der Villa Medici, wird 2011 eine neue Kollektion vorgestellt. Filippo Monteforte/afp
In Rom, unter anderem im Garten der Villa Medici, wird 2011 eine neue Kollektion vorgestellt. Filippo Monteforte/afp © AFP

Vor 100 Jahren wurde Pierre Cardin geboren.

Sein Haus in der Nähe von Cannes zählt zu den teuersten Immobilien der Welt: das Palais Bulles. Heute steht es auf der Liste der Kulturdenkmäler der französischen Republik. 1990 hatte der italofranzösische Designer Pierre Cardin, geboren am 2. Juli 1922, den aus einem Dutzend wie ineinander verwachsenen Kugelhäusern bestehenden Komplex erworben. Der ungarische Architekt Antti Lovag hatte ihn in den 70er Jahren für einen französischen Industriellen erbaut. Ein futuristisches Relikt aus einer Zeit, in der Utopien kein Schimpfwort, sondern machbar waren. Pierre Cardin starb nach 76 Jahren Berufstätigkeit am 29. Dezember 2020.

Christian Diors berühmter „New Look“ des Jahres 1947, bei dem – nach der Kargheit der Kriegsjahre – verschwenderische Stofffülle den Frieden auszurufen schien, sei, so geht die Legende, eine Erfindung seines Assistenten Cardin gewesen. Berühmt wurde der in den 60er Jahren mit Entwürfen, die uns heute an „Raumschiff Enterprise“ erinnern. Klare, einfache Linien, großflächige Farben. Ein Stück Zukunft für eine nach ihr hungernde Gegenwart.

So sehr wir dazu neigen mögen, Cardins Entwürfe als typisch für seine Zeit zu lesen, so erinnern gerade sie uns daran, dass eine Epoche nicht von einer einzigen Richtung definiert wird, sondern eher von den sie charakterisierenden Widersprüchen, von den Konflikten, die sie austrägt. Die Blumenkinder, die Hippies waren das Gegenmodell zu Cardins Techno-Chic der sechziger Jahre. Gegen die große Verweigerung der Protestgeneration stellte Cardin den ungezügelten Konsumismus.

Er mag stilistisch ein Genie gewesen sein. Als Geschäftsmann war er es auf jeden Fall. 1950 revolutionierte er die Haute Couture, indem er hochwertige Konfektionskleidung (Prêt-à-porter) herstellte, die man in Luxuswarenhäusern oder Boutiquen auf der ganzen Welt kaufen konnte. 2007 verfügte er über 800 Firmen in 180 Ländern, weiß Wikipedia, zum Imperium gehörten unter anderem 18 Restaurants, vier Theater, Hotels, Schlösser, Schiffe.

Pierre Cardin gehört zu den Erfindern der Konsumgesellschaft. Es gab nicht wenige Blumenkinder, die auch einem Rock, einer Bluse von Pierre Cardin Unterschlupf im Kleiderschrank ihrer Wohngemeinschaft gewährt hatten. Das erste schicke Hemd, das ich mir kaufte, war eines von Pierre Cardin.

Jahrzehnte später arbeitete ich bei der deutschen „Vogue“. In einer der ersten Sitzungen mit der Geschäftsführung ging es darum – ich kam gerade von der taz –, den Preis der Zeitschrift zu erhöhen. Man fürchtete, an Exklusivität zu verlieren. Davor hatte – das ist mein Eindruck – Pierre Cardin niemals Angst. Tatsächlich war die Marke Cardin immer ein Zeichen gewesen für das Ziel, den Ruch des Besonderen erreichbar für alle zu machen. Der kleine Unterschied war es auch preislich.

Wann wurde Cardin so etwas wie ein VW der Modeindustrie? Die Konsumgesellschaft jedenfalls, die er wesentlich mitgeprägt hatte, weckte bei immer mehr Menschen den Appetit nach immer größeren Happen vom Chic der Schönen und Reichen. Von der Haute Couture lebt schon lange keiner mehr. Roberto Saviano schildert in einem seiner Bücher, wie eine Schneiderin in einem Elendsviertel vor Neapel die Oscar-Gala im Fernsehen verfolgt und das Kleid sieht, das sie einige Wochen zuvor in ihrer verrottenden Wohnung hergestellt hat. Wenn Ihnen Saviano als Quelle zu sehr Romancier ist, besorgen Sie sich „The Fashion Conspiracy“ von Nicholas Coleridge, einem der ehemaligen Topmanager von Condé Nast. Heute ist er Chairman des Victoria & Albert Museums. Er beschreibt in diesem Buch von 1989, wie die teuerste Haute Couture in indischen Slums hergestellt wird. Die Basis des Exklusivsten ist die gemeinste Ausbeutung.

Auch die Prêt-à-porter-Mode wird längst in Bangladesch hergestellt. Die großen Modehäuser machen ihr Geld inzwischen mit Parfums. Da ist die Relation zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreisen deutlich günstiger als im Modegeschäft.

Pierre Cardin war der erste, der groß ins Lizenzgeschäft einstieg. Die Marke verbreitete sich so in nahezu alle Lebensbereiche. Nach eigenen Angaben erstellte er jährlich etwa hundert Design-Zeichnungen für seine Kunden. Cardin-Unterwäsche gibt es inzwischen laut Wikipedia auch bei Lidl. Cardin war der erste Modedesigner, der sich selbst als Konzernmarke betrachtete. Er tat das mit umwerfendem Erfolg und – so stelle ich mir vor – völlig unbehelligt von Zweifeln an den Auswirkungen des Konsumismus.

Politisch kannte er schon gar keine Hemmungen. 1995 schloss er einen Vertrag mit der VR-China, die die Uniformierung von Armee, Polizei und Post der Volksrepublik durch Pierre Cardin vorsah. Gerne wüsste ich Einzelheiten über diesen Vertrag, der ja Kleidung für Millionen Menschen vorsah. Gab es nur eine einmalige Lizenzgebühr für die Erlaubnis „Pierre Cardin“ zu tragen oder gab es auch eine noch so kleine Beteiligung am Umsatz?

Cardin hat die kleine Welt der Mode in das Milliardengeschäft der Bekleidungsindustrie katapultiert. Er fand dann Nachfolger, die das Geschäft wohl ebenso gut verstanden wie er. Da ist Karl Lagerfeld und da ist das Gespann Yves Saint-Laurent und Pierre Bergé. Namen, die mehr für Luxus und Exklusivität stehen als Cardin, die aber ebenso begriffen, wie sie aus einer Nische heraus ein weltweites Millionenpublikum erreichen konnten.

Die erste Welle des Konsums brachte der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die zweite Welle wurde durch den Fall der Berliner Mauer, das Ende der Sowjetunion und durch die Entstehung nicht nur von Milliardenvermögen, sondern auch einer von dort aus reisenden und kaufenden Schicht ausgelöst. Die dritte war der Aufschwung Chinas.

Cardin war bei jeder dieser Entwicklungen ganz vorne dabei. Er – oder seine Angestellten – hatte geschäftlich immer wieder den richtigen Riecher. Vielleicht aber war der Futurismus seiner frühen Jahre, dieses Bewusstsein, dass das Schöne noch vor uns liegt, etwas, in dem all diese nachfolgenden Konsumentinnen und Konsumenten in den unterschiedlichsten Weltgegenden sich wiedererkannten. Pierre Cardin stand immer wieder für eine Zukunft, die keine Katastrophe, sondern eine Verheißung ist. Und natürlich auch ein Riesengeschäft.

Pierre Cardin 2016 auf einer retrospektiven Modenschau. F. Guillot/afp
Pierre Cardin 2016 auf einer retrospektiven Modenschau. F. Guillot/afp © AFP

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