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Picassos „Madame Soler“: Der Skandal eines fortgesetzten Raubs

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Von: Micha Brumlik

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„Madame Soler“ in der Pinakothek der Moderne in München.
„Madame Soler“ in der Pinakothek der Moderne in München. © picture alliance / dpa

Der Historiker Julius H. Schoeps arbeitet akribisch auf, wie Picassos „Madame Soler“ in den Besitz des Freistaats Bayern kam – und wie dieser die Rückgabe verweigert.

Der Nationalsozialismus war nicht nur ein mörderisches, sondern auch ein räuberisches Regime – nicht zuletzt von Kunstwerken, die entweder aus überfallenen und besetzten Ländern ins Reich gebracht wurden, oder auch von Kunstwerken, die dem jüdischen Bürgertum Deutschlands unter dem rassenideologischen Schlagwort der „Arisierung“ gestohlen wurden. Indes: als wäre das alles nicht schon schlimm genug, haben wir es heute – bald 80 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches – mit dem beschämenden Umstand zu tun, dass Personen und Institutionen des übriggebliebenen Nachfolgestaates in vielen Fällen nach wie vor nicht bereit sind, die in ihre Hände gelangten Kunstwerke zurückzuerstatten.

Und das dem Umstand zum Trotz, dass die Bundesrepublik Deutschland der sogenannten Washingtoner Erklärung vom 3. Dezember 1998 zugestimmt hat. Dort heißt es unter anderem: „5. Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, Kunstwerke, die als durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet identifiziert wurden, zu veröffentlichen, um so die Vorkriegseigentümer oder ihre Erben ausfindig zu machen. – 6. Es sollten Anstrengungen zur Einrichtung eines zentralen Registers aller diesbezüglichen Informationen unternommen werden. – 7. Die Vorkriegseigentümer und ihre Erben sollten ermutigt werden, ihre Ansprüche auf Kunstwerke, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, anzumelden. – 8. Wenn die Vorkriegseigentümer von Kunstwerken, die durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückgegeben wurden, oder ihre Erben ausfindig gemacht werden können, sollten rasch die nötigen Schritte unternommen werden, um eine gerechte und faire Lösung zu finden, wobei diese je nach den Gegebenheiten und Umständen des spezifischen Falls unterschiedlich ausfallen kann.“

Dass dies – obwohl inzwischen bald 25 Jahre vergangen sind – noch immer nicht ausreichend geschehen ist, belegt das neue Buch des Historikers Julius Schoeps, ausgewiesener Kenner der Geschichte der preußischen Juden. Schoeps ist selbst ein später Nachfahre der Familie Paul von Mendelsohns, die es vor 1933 zu einer beachtlichen Gemäldesammlung auch moderner Kunst gebracht hatte, einer Sammlung, die ihr in den Jahren der „Arisierung“ geraubt zu werden drohte. In dieser Sammlung befand sich auch ein frühes, noch gegenständlich expressionistisches Gemälde von Picasso – „Madame Soler“ aus dem Jahre 1905.

Das Buch:

Julius H. Schoeps: Wem gehört Picassos „Madame Soler“.

Hentrich & Hentrich, Berlin 2022. 183 S., 24,90 Euro.

Aus Angst, von den Nazis beraubt zu werden, wählte Paul von Mendelsohn den Weg, das Bild 1934 in die Schweiz zu schicken. Dort nahm es der Kunsthändler Justin Thannhauser in Kommission und emigrierte später mit diesem Bild nach New York, um es 1964 nach München zu verkaufen, wo es seither in der Pinakothek als Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlung hängt.

Seit 2009 sind nun die Erben Paul von Mendelsohns bemüht, das Gemälde zurückzuerhalten, was jedoch die Pinakothek bisher stets verweigert hat. So sehr man nun eingestehen mag, dass die Angelegenheit überaus komplex ist, so ist empörend gleichwohl der Umstand, dass das Land Bayern sich unverdrossen weigert, das auf der Washingtoner Erklärung beruhende Verfahren zu akzeptieren: nämlich sich gemeinsam mit den Erben vor der sogenannten „Limbach Kommission“ zu verantworten.

Deren Aufgabe aber ist so definiert: „Die unabhängige Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz, ist 2003 von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden eingerichtet worden, um bei Differenzen über die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter zu vermitteln.“

Der eigentliche Skandal dieser Affäre besteht weniger in dem Umstand, dass die Münchner Pinakothek dieses kunsthistorisch so bedeutsame Gemälde behalten will, sondern darin, dass das Land Bayern nicht bereit ist, die causa auch nur – gemeinsam mit den Erben – durch die Kommission überprüfen zu lassen. Das Land Bayern – kunstpolitisch gesehen ein Fall von postnationalsozialistischer Hehlerei? Die Haltung des Freistaats schädigt das Ansehen des ansonsten so kunstfreundlichen Bundeslandes Bayern.

Julius Schoeps’ Buch „Wem gehört Picassos ‚Madame Soler‘“ ist eine sorgfältige, alle Details berücksichtigende Darstellung eines der prominentesten Fälle von Raubkunst – von Raubkunst, an der sich auch die Bundesrepublik bereichert.

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