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„Prinzip der wechselseitigen Freiheit“: Soziale Distanz auf einer Streuobstwiese in Frankfurt

Interview

Philosoph Otfried Höffe über die Corona-Krise: „Regierungen sind nicht für Glück zuständig“

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Der Philosoph Otfried Höffe über die Aufgaben des Staates in der Corona-Krise und über die freiwillige Ohnmacht derer, die dem Virus seinen Lauf lassen wollen.

Otfried Höffe, geboren 1943 in Leobschütz, Oberschlesien, ist Professor emeritus für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen. Er ist Mitglied der von NRW- Ministerpräsident Armin Laschet wegen der Corona-Krise einberufenen Expertenkommission. Für seine „Kleine Geschichte der Philosophie“ wurde er mit dem Bayerischen Literaturpreis (Karl Vossler Preis) für wissenschaftliche Werke von literarischem Rang ausgezeichnet.

Herr Professor Höffe, in der Corona-Krise hört man von den Philosophen wenig. Dabei sind sie doch eigentlich diejenigen, die am meisten über Moral, gegenseitige Verpflichtungen und auch in Bezug auf Entscheidungen über Leben und Tod zu sagen hätten. Warum ist es in Ihrer Profession so still?

Die Alleinzuständigkeit für sachgerechte Antworten auf die derzeitige Situation, die Gefahr einer Virus-Diktatur, beanspruchen wir Philosophen zwar nicht. Zu Wort melden sollten wir uns aber doch. Denn die verantwortlichen Politiker sollten bei ihren Entscheidungen auf mehr als nur die Kompetenz von Virologen, Ökonomen und Staatsrechtslehrern zurückgreifen können. Angesichts der zahlreichen Professuren für Politische Philosophie, Moralphilosophie und Angewandte Ethik und ihrer an Begriffen und Argumenten reichen Geschichte findet sich in der Philosophie fraglos viel Sachverstand. Allerdings hört man, die Bereitschaft, zu aktuellen Fragen Stellung zu nehmen, habe bei jüngeren Universitätsdozenten stark abgenommen.

Corona-Krise: „Herdenimmunität“ forcieren wäre Verrat an Humanität

Es gibt viele, die sagen: Es werden ohnehin Menschen sterben, also lasst es uns schnell hinter uns bringen und für den Großteil der Menschen eine Art „Herdenimmunität“ erzeugen. Ist das, aus moralischer Sicht, verwerflich?

Philosoph Otfried Höffe.

Dem Virus seinen Lauf zu lassen, wäre ein Zeichen von freiwilliger Ohnmacht, also für selbstverantwortliche und intelligente Wesen höchst unangemessen. Nur wenig zugespitzt wäre es ein Verrat an der Natur des Menschen, an unserer Humanität.

Der Grundgedanke dahinter ist: Statt im ganzen Land sofort strikte Maßnahmen zu ergreifen – mit dem Risiko von Massenarbeitslosigkeit, Familientragödien, zivilen Unruhen und vielen Virustoten in einer zweiten Welle –, akzeptiert die Regierung lieber, dass sofort eine Anzahl von Menschen stirbt. Wie lassen sich diese Güter gegeneinander abwägen?

Güterabwägungen sind heute ohne Zweifel vonnöten. Aber so einfach, wie der von Ihnen zitierte Grundgedanke unterstellt, sind sie nicht. Familientragödien zum Beispiel entstehen auch, wenn Lebenspartner, Eltern, eventuell sogar Kinder sterben, von denen die Angehörigen annehmen, das wäre zu verhindern gewesen. Daraus können erhebliche Unruhen entstehen, die sich durchaus gewalttätig entwickeln können, was Todesopfer, auch wirtschaftliche Schäden nicht ausschließt.

Corona-Krise: Menschen opfern auf keinen Fall erlaubt

Wenn man sich bestimmte philosophische Positionen ansieht, so sagen die sogenannten Utilitaristen: Man sollte stets so handeln, dass man für die größtmögliche Zahl an Menschen das größtmögliche Glück erzielt. Handelt unsere Regierung derzeit nach diesem Prinzip?

Für das Glück sind Regierungen gewiss nicht zuständig. Wenn sie es versuchen, werden sie eher totalitär und machen schon deshalb ihre Bürger nicht glücklich. Wenn Politiker überhaupt einem Utilitarismus folgen sollten, dann allenfalls einem negativen Utilitarismus, der möglichst viel Leid und Unheil vermeiden will. Dann stellt sich aber immer noch die Gerechtigkeitsfrage, die der Utilitarismus bis heute noch nicht überzeugend gelöst hat. Aus Gerechtigkeitsgründen zählt nach vielen Verfassungen demokratischer Rechtsstaaten, deutlich nach unserem Grundgesetz, an erster und letzter Stelle der einzelne, aber nicht vereinzelte Mensch in seiner unantastbaren Würde mit den für unveräußerlich und unverletzlich erklärten Menschenrechten. Nach diesem Prinzip darf, jetzt mit Kant gesprochen, niemand zum bloßen Mittel für irgendetwas oder irgendjemanden missbraucht werden.

Die meisten Utilitaristen denken, der Sinn des Lebens bestehe im Wesentlichen aus Vergnügen. Sie sagen: Alles, was im Leben zählt, ist die Frage, wie gut es einem Individuum geht. Wie lässt sich dieser Gedanke auf die gegenwärtigen Herausforderungen übertragen?

Diese Ansicht trifft nur auf den hedonistischen Utilitarismus zu. Nur für ihn gilt die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen, also das persönliche Wohlergehen, als höchster Wert. Glücklicherweise gibt es andere Spielarten, bei denen als höchster Wert etwa gesellschaftliche Anerkennung oder Erkenntnis oder eine Verbindung dieser und anderer Sinnbestimmungen gilt. Nur wenn man den Utilitarismus auf einen Hedonismus und diesen auf einen negativen Hedonismus, das Vermeiden von Leid und Unheil, festlegt, könnte man diese Position auf die gegenwärtige Situation anwenden wollen. Dann bleiben aber immer noch zwei Probleme. Zum einen fragt sich, wieso Menschen, die ihr eigenes Wohl für das wichtigste halten, daran Abstriche um des Wohlergehens der Mitmenschen machen wollen und sollen. Darin liegt ein weiteres grundsätzliches Problem: Wie verträgt sich ein auf das eigene Wohl verpflichteter Hedonismus mit dem Übermaß an Altruismus, den das utilitaristische Prinzip des größten Glücks der größten Zahl, des maximalen Kollektivwohls, fordert? Weder hedonistische Bürger würden der Politik erlauben, dass sie zum Instrument des Kollektivwohls herabgewürdigt werden, noch ist dies, so das zweite Problem, von den Prinzipien der Menschenwürde und Menschenrechte zulässig.

Otfried Höffe

Sein Buch „Für ein Europa der Bürger!“ ist soeben bei klöpfer, narr erschienen. Zu Höffes Büchern gehören auch „Die Macht der Moral im 21. Jahrhundert“ und „Ist die Demokratie zukunftsfähig“. 

Wie würde ein Moralphilosoph wie Immanuel Kant die Krise bewerten, wenn etwa einige sagen: Wir können das Leben von älteren Patienten opfern, denn aufs Ganze betrachtet, wird es der Gesellschaft womöglich nutzen.

Mit seinem Verbot, einen Menschen als bloßes Instrument seiner Mitmenschen zu behandeln, würde Kant ein klares Veto einlegen: Auf keinen Fall erlaubt!

Können Philosophen so klassische Dilemmata überhaupt lösen? Ein Beispiel: Wenn eine führerlose Straßenbahn den Hügel herunterrollen und fünf Menschen töten würde: Würde man sie, wenn man es könnte, so umleiten, dass nur einer stirbt?

Kluge Philosophen würden das Dilemma gar nicht akzeptieren, sondern nach Auswegen suchen: Wenn man die Fähigkeit hat, die Straßenbahn umzulenken, warum soll man sie nicht noch woandershin lenken oder die bedrohte Person warnen können? In realen Situationen pflegen sich, wenn man denn gründlich und kreativ genug nachdenkt, Notausgänge finden zu lassen.

Corona-Krise: Extrem vorsichtig mit Freiheitseinschränkungen sein

Steht dieses Dilemma stellvertretend für die Situation, in der wir uns befinden?

Auf diese Frage lautet meine Antwort schlicht: Nein.

Welche Denkweise werden Sie in der NRW-Expertenkommission ihren Mitgliedern empfehlen? Gibt es Dinge, auf die Sie besonders hinweisen wollen?

Da die Kommissionsmitglieder wie selbstverständlich Kants Begriff der Aufklärung beherzigen, nämlich Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, werden sie kaum meine Empfehlungen brauchen. Wenn aber doch, dann zwei: Geben wir den Grundrechten unseres freiheitlichen Staates das verfassungsrechtlich gebotene Gewicht und seien mit Freiheitseinschränkungen extrem vorsichtig. Geben wir der Hoffnung mehr Chancen als den Ängsten und der Panikmache.

Welchen Philosophen ziehen Sie aus dem Bücherregal zur Lektüre in diesen besonderen Zeiten?

Wie bei mir immer greife ich zu Kant, hier sowohl zu seinem Verbot der bloßen Instrumentalisierung als auch dem Prinzip der wechselseitigen Freiheit. Zweitens erinnere ich mich des Aristoteles, jetzt insbesondere seiner Gedanken zur Phronesis, einer sittlich-politischen Urteilskraft. Wer diese zwei Philosophen ernst nimmt, kann auch in Zeiten einer drohenden Virus-Diktatur politische Vernunft walten lassen.

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