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Philosoph Otfried Höffe: „Es gibt auch bei Gott demokratische Züge“

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Von: Michael Hesse

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Statue des heiligen Bonifatius in Fulda. „Die Religionsgemeinschaften haben zumal in Deutschland noch ein erhebliches Gewicht“.
Statue des heiligen Bonifatius in Fulda. „Die Religionsgemeinschaften haben zumal in Deutschland noch ein erhebliches Gewicht“. © Frank Rumpenhorst/dpa

Der Philosoph Otfried Höffe über die Bedeutung des Christentums in einer aufgeklärten und weltoffenen Gesellschaft.

Herr Höffe, stört das Christentum mittlerweile in einer offenen und kosmopolitischen Gesellschaft? Ich denke da an die Debatte über den biblischen Spruch an der Kuppel des Humboldt-Forums und das beim G7-Außenministertreffen abgehängte Kreuz in Münster.

Man kann bezweifeln, dass in der Humboldt-Debatte und beim Abhängen des Kreuzes politisches Augenmaß und Weisheit vorherrschten. – Wir liberalen Denker lieben zwar, ausschließlich Contra-Argumente gegen einen kosmopolitischen Charakter des Christentums zu suchen. Wer aber in neutraler Einstellung auch Pro-Argumente erlaubt, könnte auf die schon genannte Gottebenbildlichkeit verweisen und darauf, dass das Christentum „alle (!) Menschen guten Willens“ willkommen heißt.

Sie haben gerade ein Buch vorgelegt mit dem Titel: „Ist Gott demokratisch?“ Warum sollte Gott ein Demokrat sein, wenn er doch mit absoluter Gewalt regiert?

„Demokratie“ und „absolute Gewalt“ sind politische Begriffe, die der in vieler Hinsicht grundlegend anderen Welt, der einer monotheistischen Religion wie Judentum, Christentum und Islam, wesensfremd sind. Mit diesem Vorbehalt kann man in der Religion doch beides entdecken, sowohl absolute Gewalt als auch demokratische, besser: quasi-demokratische Elemente. Für die erste Seite spricht beispielsweise, dass im Alten Testament Gott die Ägypter mit zehn Plagen bestraft, Lot zur Salzsäule erstarren lässt, Abraham mit einem Kindesmordversuch auf die Probe stellt, aber auch das Rote Meer zerteilt, um die Flucht nach Ägypten zu ermöglichen. Weder dort, wo Gott gnädig, noch dort, wo er strafend agiert, sind nun die für eine Demokratie grundlegenden Elemente, Mitbestimmung oder Partizipation, zu erkennen. Einen gewissen demokratischen Charakter hat hingegen, dass nach der „Genesis“ der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wird, weshalb alle Menschen in jener Würde gleich sind, auf die demokratische Verfassungen und die UN-Charta Wert legen. Ferner kann man zumindest als quasi-demokratisch die christliche Trinitätslehre ansehen: Die Gottheit existiert in drei aufeinander bezogenen Gestalten. Noch bedeutsamer dürfte die Inkarnation sein: dass dem Neuen Testament zufolge der Gottessohn Mensch wird und für die Menschheit erst leidet, dann aufersteht.

Besonders durch den islamistischen Terrorismus wird man hellhörig, wenn Gott und Demokratie in einem Atemzug genannt werden. Auch in der Geschichte des Christentums gab es viele gewaltsame Verirrungen, so dass die Skepsis in heutigen offenen Gesellschaften groß ist, wenn es um Einflussmöglichkeiten von Religionen geht.

In der Tat könnte der islamistische Terrorismus Vorsicht gegenüber der Verbindung von Gott und Demokratie empfehlen. Vernünftige Muslime verurteilen aber den angeblich im Namen ihrer Religion verübten Terror. Und das Christentum, dessen Geschichte keineswegs von Gewalt frei ist, lehnt schon lange, ansatzweise sogar seit Beginn – man denke an Jesu Aufforderung an Petrus, sein Schwert in die Scheide zu stecken – alle Gewalt ab. Nach meiner Einschätzung sind nun offene Gesellschaften in erster Linie nicht deshalb gegen zu viel Einfluss der Religionen skeptisch, weil sie deren Rückfall in Gewalt fürchten, sondern weil ihre Gemeinwesen religiös und weltanschaulich neutral sind. Im Übrigen haben die Religionsgemeinschaften zumal in Deutschland noch ein erhebliches Gewicht. Man mag es als richtig oder aber als falsch ansehen: in Ethikkommissionen, Rundfunkräten usw. sind sie berechtigt, Vertreter zu senden.

Gibt es einen Gott der Philosophen, der jenseits der Religionen existiert. Also eine Idee, an die man anknüpfen könnte?

Vollständig jenseits aller Religion existiert Aristoteles’ Gott als Letztinstanz aller Naturprozesse: der unbewegte Beweger. Daran wird freilich kaum jemand anknüpfen wollen. Eher anschlussfähig ist die Idee eines Gottes als Schöpfer der danach sich selbst überlassenen Natur. Anknüpfen lässt sich auch an Gott als Letztinstanz für eine universale Moral. Dieser Gedanke lässt sich allerdings mit dem modernen Moralprinzip, der Autonomie, der Selbstgesetzgebung des Willens, nicht leicht vereinbaren. Schließlich empfiehlt sich Luhmanns Vorschlag, die Religion als „Angebot einer Möglichkeit“ anzuerkennen, „der Welt und dem eigenen Leben Sinn zu geben“.

Welchen Mehrwert hat es, wenn man heute über Gott auch im politischen Kontext nachdenkt?

Das Grundgesetz und manch andere Verfassungen berufen sich auf eine „Verantwortung vor Gott“. Darin liegt eine Absage an staatliche Hybris und an weitere Allmachtsphantasien, die nicht nur in der Verfassungstheorie willkommen sein, sondern auch die Praxis der Politik und Politiker mitbestimmen sollte.

Die Zeiten, in denen Philosophie und Religion einen Schulterschluss hatten, waren eher durch absolutistische Herrscher und zuvor durch kirchliche Macht geprägt. Kann uns daran etwas reizen?

Zur Person:

Otfried Höffe, geboren 1943 in Leobschütz, Oberschlesien, ist Professor emeritus für Philosophie und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen. Für seine „Kleine Geschichte der Philosophie“ wurde er mit dem Bayerischen Literaturpreis (Karl Vossler Preis) für wissenschaftliche Werke von literarischem Rang ausgezeichnet.

Seine Arbeiten zur Politischen Philosophie, Moralphilosophie und angewandten Ethik sowie zu Aristoteles und Kant sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt worden.

Dieser Zusammenschluss reizt uns gewiss nicht, obwohl er – glücklicherweise in einer mehr symbolischen Form – in skandinavischen Ländern mit Staatskirchentum und in England mit dem Monarchen als Oberhaupt der anglikanischen Kirche noch nicht überwunden ist. Auch darf man an den glücklichen Umstand erinnern, dass in der Geistes- und Sozialgeschichte das Zusammenspiel keineswegs die Regel war. Schon Aristoteles’ höchst wirkungsmächtige Moral- und Politikphilosophie, später etwa die des Kirchenlehrers Thomas von Aquin und die von Nikolaus von Kues, ohnehin das in der Aufklärung ab Hobbes und Spinoza vertretene Denken kommen ohne die genannte Verbindung aus. Andererseits beginnt unsere Verfassung, das Grundgesetz, mit einem Schulterschluss, um bei diesem Ausdruck zu bleiben, eines religiösen mit einem demokratischen Element. Die Präambel hebt nämlich mit dem „Bewusstsein seiner“ (des Deutschen Volks) „Verantwortung vor Gott“ an und fährt wenige Zeilen später mit „kraft seiner“ ( wieder des Deutschen Volks) „verfassungsgebenden Gewalt“ fort.

Haben wir es nicht besonders Immanuel Kant zu verdanken, dass Gott aus philosophischen Systemen außen vor bleibt?

Wie von einem überragenden Denker zu erwarten, verdanken wir Kant beides: den Ausschluss Gottes aus den philosophischen Denkgebäuden und seine Gegenwart in ihnen. In der „Kritik der reinen Vernunft“ wird zum einen jede Möglichkeit eines Gottesbeweises bestritten. Andererseits darf man sich diesem Werk zufolge das Ideal der systematischen Einheit und absoluten Vollständigkeit der Erkenntnis als eine außerweltliche Intelligenz, mithin als Gott, vorstellen. Außerdem entwirft Kant eine philosophische Gottesvorstellung, die auf dem Begriff der Moralität gründet. Für diese „Moraltheologie“ sei eine besondere Art des Fürwahrhaltens, keine objektive Erkenntnis, kein doktrinaler, aber ein moralischer Glaube und ein philosophisch begründetes Hoffen zuständig: Gott als ein Postulat der praktischen Vernunft. Ferner lehnt Kant jede Theonomie, alles Verständnis der moralischen Verbindlichkeiten als Gebote Gottes, ab. Trotzdem behauptet er in seiner Religionsschrift, die Moral führe „unumgänglich … zur Idee eines machthabenden“, nämlich für eine zur Glückswürdigkeit proportionale Glückseligkeit zuständigen „moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen“. Andererseits spielen in beiden Teilen von Kants System der praktischen Philosophie, der „Rechtslehre“ und der „Tugendlehre“, weder Gott noch die Religion eine Rolle. Und der „Beschluss“ der „Tugendlehre“ erklärt schon im Titel: „Die Religionslehre als Lehre der Pflichten gegen Gott liegt außerhalb der Grenzen der reinen Moralphilosophie“.

Kant gilt zwar als Deist, einige meinen, dass er von Religion nicht viel gehalten hat. Hat er vielleicht sogar gar nicht an Gott geglaubt?

Kant befasst sich seit Beginn seiner Jugendschrift „Von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“ so gut wie bis zum Lebensende, mindestens bis zur „Kritik der Urteilskraft“ und der Religionsschrift, immer wieder und sehr intensiv mit dem Verhältnis von Philosophie und Religion. Zuvor, in seiner Kindheit, erhält er von seiner zeitlebens verehrten Mutter eine „tiefe Ehrfurcht vor dem Schöpfer aller Dinge“, die er nie wirklich aufgibt. Ohnehin bleibt er noch lange von seiner christlich-pietistischen Erziehung beeinflusst. Auch glaubt Kant zumindest im Sinne des in der vorangehenden Antwort erwähnten moralischen, nicht doktrinalen Glaubens sein Leben lang an Gott. Selbst der doktrinale Glaube ist ihm nicht vollständig fremd. Seine Abhandlung „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ ist eine Art von philosophischer Fundamentaltheologie, die jeder Theologe jeder Konfession gründlich studieren sollte. Denn hier schließt Kant mit rein philosophischen Argumenten weder die Möglichkeit einer übernatürlichen Offenbarung aus, noch verwirft er die Grundlehren des Christentums. Ohne sich einer der Hauptkonfessionen anzuschließen, bietet er erstens für die Erbsünde, zweitens für die Christologie (nicht Sokrates, sondern Christus sei das Ideal der Menschheit), drittens für die Theorie der letzten Dinge, die Eschatologie, viertens für die Lehre der Kirche und schließlich, fünftens, für die Gnaden- und Rechtfertigungslehre geradezu atemberaubende (Um-)Interpretationen. Die Trinitätslehre hingegen wird zurückgewiesen, ebenso jedes Element einer Theokratie. Nicht zuletzt werden die biblischen Geschichten ihrer „mystischen Hülle entkleidet“, womit sie ihre historische Bindung verlieren. Nirgendwo ist von einer geschichtlichen Person, Jesus von Nazareth, die Rede. Christus, der keineswegs eine einmalige Person sein muss, gilt deshalb als Vor- und Urbild der Menschheit, weil er jenes „Ideal der moralischen Vollkommenheit“ repräsentiert, das für eine universale Vernunft- und Moralreligion unverzichtbar ist.

Wenn man sich den Materialismus von Thomas Hobbes vor Augen hält: Lässt der Materialismus, der ja auch heute viele Fürsprecher hat, eine Integration des Gottesgedankens zu?

Hobbes’ Materialismus ist theologisch, genauer: jüdisch-christlich abgeschwächt. Denn unser Philosoph erkennt Gott als allmächtigen Schöpfer an und erklärt im einschlägigen Kapitel 26 seines Hauptwerks, des „Leviathan“, das mittels der Vernunft einzusehende natürliche (Moral-)Gesetz zum „ewigen Gesetz Gottes“.

Kommen wir in der Moral überhaupt ohne einen Gott aus?

Schon der Dekalog verzichtet in der hierfür zuständigen zweiten Tafel auf eine Berufung auf Gott. Deutlich heißt es in dem ersten Gebot dieser Tafel und dem insgesamt vierten Gebot sehr pragmatisch: Du sollst Vater und Mutter ehren, „auf dass es dir wohlergehe auf Erden“.

Interview: Michael Hesse

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