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Philosoph Gáspár Miklós Tamás: Anarchist und Konservativer

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Von: Michael Hesse

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Der ungarische Philosoph und Dissident Gáspár Miklós Tamás ist gestorben

Man nannte es in der Zeit des Kommunismus „Klärung eines Sachverhalts“. Ein Staatssicherheitsoffizier hatte in Ungarn den Philosophen Gáspár Miklós Tamás vorgeladen. Er teilte ihm mit, dass es ihn seine nächste Westreise kosten werde, wenn er seine Aktivitäten in der Opposition nicht mäßige. Stirnrunzelnd fügte der Offizier hinzu: „Das ist nämlich unser einziges pädagogisches Druckmittel.“

Das berichtet der ungarische Historiker und Dissident György Dalos in seinem Buch „Für, gegen und ohne Kommunismus“. Tamás war Teil der oppositionellen Kräfte, die sich gegen die autoritäre kommunistische Herrschaft aufgelehnt hatten.

Man kann sagen, er war eine prägende Erscheinung der ungarischen Dissidenten-Szene im Kommunismus sowie ein Mitgestalter der demokratischen Wende 1989/90. Er war Mitbegründer und regelmäßiger Autor der im Untergrund herausgegebenen Zeitung „Beszelö“ (Sprechzimmer) sowie Mitbegründer des liberalen Bundes Freier Demokraten (SZDSZ), dessen Geschäftsführer er von 1988 bis 1990 war und dem er im Jahr 2000 den Rücken kehrte. Von 1990 bis 1994 war er Abgeordneter im ersten frei gewählten Parlament Ungarns.

Gáspár Miklós Tamás wurde 1948 in eine jüdisch-ungarische Familie im rumänischen Cluj geboren. 1978 siedelte er nach Schikanen der rumänischen Geheimpolizei Securitate nach Ungarn um. Doch auch dort erhielt er wegen seiner Tätigkeit für „Beszelö“ Berufsverbot. Von 1991 an war er am Philosophischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) tätig. Von dort wurde er 2011 nach der Machtübernahme durch den rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orban vorzeitig in Rente geschickt.

Als Philosoph reflektierte Tamás seinen Standpunkt immer wieder neu. Vom Anarcho-Syndikalismus der frühen Jahre wandte er sich in der Wendezeit einem konservativen Liberalismus zu. Von den 2000er Jahren bis zu seinem Tod vertrat er einen undogmatischen Marxismus und Ökologismus, wobei er dem Denken und der Rationalität der französischen Aufklärung verpflichtet blieb. Zugleich warnte er schon früh vor der Wirkungsmacht rechtspopulistischer und post-faschistischer Politik im globalen Maßstab. Er war Mitgründer der ungarischen Attac-Bewegung.

Auf Deutsch erschien von Tamás 2015 der Essayband „Kommunismus nach 1989: Beiträge zu Klassentheorie, Realsozialismus, Osteuropa“.

Nach langer Krankheit ist Tamás am Sonntag im Alter von 74 Jahren gestorben. MH/dpa

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