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Auch in Großbritannien stellte man sich an die Straße, um die Menschen zu feiern, die im Gesundheitssektor arbeiten.
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Auch in Großbritannien stellte man sich an die Straße, um die Menschen zu feiern, die im Gesundheitssektor arbeiten.

Corona-Krise

Philosoph Dieter Thomä über Corona-Heldentum: „Es kommt auf die an, die sich in Gefahr begeben“

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Der Philosoph Dieter Thomä über den schwierigen Umgang mit Heldenfiguren in Deutschland und warum Corona-Helferinnen und -Helfer mehr verdienen als eine Medaille.

Herr Thomä, der Bundespräsident will am 18. April in einer zentralen Feier der Corona-Opfer gedenken. Viele Menschen hierzulande tun sich mit dieser Idee schwer. Woran liegt das?

Trauer ist etwas sehr Persönliches. In einer zivilisierten Gesellschaft trauert man um die Nächsten, um Freunde und um Menschen, die einen prägen oder die man bewundert. Was wir überhaupt nicht mehr kennen, ist kollektive Trauer in einem solchen Ausmaß. Die Pandemie ähnelt da eher Kriegen oder Naturkatastrophen. Corona ist eine besondere Erfahrung, die wir jahrzehntelang nicht geübt haben. Hinzu kommt, dass die Pandemie allen viel abverlangt. Wir haben in unserer Lebenseinstellung einen Schwenk vollzogen, weg vom aktiven Erleben hin zum Überleben. Es gibt in diesen Zeiten einen Überfluss an negativen Neuigkeiten. Der Gipfel dieser Negativnachrichten ist der Tod.

Welche gesellschaftliche Funktion kann ein solches öffentliches Gedenken haben?

Ein solcher Gedenktag benötigt einen Moment des Innehaltens. Das ist aber gar nicht so einfach. Wir sind mitten drin in der Pandemie, Corona ist kein abgeschlossenes Kapitel. Wir können also nicht einfach abschließend ein Denkmal errichten und der Opfer gedenken wie etwa in New York beim Mahnmal für die Opfer der Anschläge des 11. September. Wir können auch nicht die Namen der Opfer in Stein eingravieren, weil die Liste nicht abgeschlossen ist. Leider. Wir stehen in der Gegenwart der Pandemie-Erfahrung, deshalb ist dieser Gedenktag so schwierig. Gedenken hat immer etwas mit Rückblick zu tun. Es ist sinnvoll innezuhalten, aber noch mehr wollen die Menschen nach vorne schauen und wissen, wie diese Krise gelöst werden kann. Insofern kommt dieser Tag fast zu früh.

Die Schwierigkeit des Gedenkens hängt auch mit dem ambivalenten Verhältnis hierzulande zum Heroischen zusammen. Die Corona-Krise schenkt uns jetzt plötzlich den Lieferhelden, die DDR feierte den Helden der Arbeit. Sie beklagen einen beliebigen Gebrauch des Begriffs Held und Heldin, inwiefern?

Ich wehre mich zum einen gegen die Heldenabschaffung, aber zum anderen auch gegen die Heldeninflation. Vom Pizzalieferanten bis zum Ministranten werden alle plötzlich zu Alltagshelden erklärt, bloß weil sie ihren Job machen. Bezogen auf die Menschen, die in Kliniken und Pflegeheimen eine schwierige Aufgabe erfüllt haben, bin ich schon geneigt, denen etwas Heroisches zuzugestehen, weil sie sich in Gefahr bringen und für andere einsetzen. Aber man muss aufpassen, ob diese Auszeichnung als Held – gerade in politischen Sonntagsreden – ein fauler Trost ist oder eine echte Anerkennung.

Vielfach ist von einer post-heroischen Gesellschaft die Rede. Sie plädieren für einen offensiven Umgang mit dem Begriff. Was zeichnet nach Ihrer Ansicht Helden oder Heldinnen aus?

Ich bin gegen die Heldenabschaffung, weil ich glaube, dass es auch in einer friedlichen Gesellschaft Menschen geben muss, die über sich hinauswachsen. Ein Held setzt sich nach meinem Verständnis für etwas Gutes und Großes ein. Und er nimmt dabei Gefahren in Kauf. Für mich zeichnet sich ein Held durch seine Bereitschaft aus, etwas Besonderes zu tun. Und zwar nicht um des Besonderen willen, sondern weil es einer höheren Sache oder einem hehren Ziel dient.

Warum braucht eine Demokratie Menschen, die über sich hinauswachsen?

In Deutschland haben wir es schwer mit diesem Begriff, weil er im Ersten Weltkrieg und der Nazi-Zeit missbraucht worden ist. Andere Nationen wie die USA oder Frankreich haben es einfacher. Die feiern Freiheitshelden wie Abraham Lincoln. Diese Freiheitshelden werden in gewisser Weise Opfer ihres eigenen Erfolges. Denn sie schaffen sich unfreiwillig selbst ab, wenn sie ihre Mission erfüllt haben: Dann übernehmen Bürokratie und Institutionen die Bewahrung der Demokratie.

Die Beschaffung von Impfstoff, Organisation von digitalem Unterricht – in Corona-Zeiten stellen hierzulande viele fest, dass diese Institutionen manche Aufgaben nicht mehr meistern ...

Gefragt sind erstmal logistische Leistungen, und dabei geht es nicht um heroische Alleingänge. Es kommt aber – im Kleinen und im Großen – immer auch auf Einzelne an, also auf diejenigen, die sich zum Beispiel in Krankenhäusern in Gefahr begeben und über die Grenzen der Belastbarkeit hinausgehen, und auf diejenigen, die den Mut haben, im unsicheren Gelände neue Wege zu beschreiten und Verantwortung zu übernehmen. Helden wachsen in solchen Situationen über sich hinaus. Demokratie funktioniert nicht wie ein VW-Käfer. „Er läuft. Und läuft. Und läuft.“ Demokratie lebt vom Engagement der Menschen.

In welchen Bahnen kann sich dieses Engagement vollziehen?

Zur Person

Dieter Thomä, 61, ist gebürtiger Heidelberger und studierte nach seiner Journalismusausbildung an der Henri-Nannen-Schule Philosophie. Er lehrt Philosophie an der Universität St. Gallen. In seinen Arbeiten beleuchtet er zeitgenössische Fragen aus philosophischer Sicht. So setzte er sich in dem Buch „Zur Philosophie des Störenfrieds“ mit der produktiven Kraft des Unruhestiftens auseinander. Thomä lebt in Berlin.

„Warum Demokratien Helden brauchen“ (Ullstein, 272 Seiten, 20 Euro) ist der Titel eines seiner Bücher, darin befasst er sich mit einem zeitgemäßen Heroismus.

Der demokratische Held streitet für eine höhere Sache. Das kann einmal darin bestehen, sich für den Erhalt der demokratischen Ordnung einzusetzen, etwa wenn Bürgermeister sich unter persönlicher Bedrohung gegen Fremdenfeindlichkeit in ihrem Ort einsetzen. Heldenhaftes Tun kann sich aber auch darin auszeichnen, sich außerhalb der Ordnung für eine Bewegung zu engagieren. Ein Beispiel hierfür wäre etwa Black Lives Matter in den USA oder Greta Thunbergs Einsatz für mehr Klimaschutz. Eine Gesellschaft steht immer vor der Frage: Verändere ich mich oder bleibe ich, wie ich bin? Diese Auseinandersetzung kann nicht allein im Parlament stattfinden, sie muss auch in der Gesellschaft ausgetragen werden.

Ein Kennzeichen des Heldischen ist nach Ihrer Ansicht, dass sich zu diesen Menschen aufschauen lässt. Widerspricht das nicht der Idee der Gleichheit?

Demokratie beruht auf Gleichheit und Augenhöhe, insofern ist das Aufschauen eher verstörend. Aber in vielen anderen Bereichen wie Musik oder Sport lieben wir es durchaus, zu anderen aufzuschauen, die Unglaubliches vollbringen, was wir selbst gar nicht leisten können. Daran merkt man: Wir Menschen sind verliebt ins Gelingen. Das können einem manche besser vorleben als man selbst. Und das kann Ansporn sein, den eigenen Alltag besser zu bewältigen. Das Entscheidende ist, wie Menschen uns diese besondere Gabe vorleben. Die Helden, die die Demokratie braucht, sind ermutigende Helden.

Der Tycoon oder die Wirtschaftsführerin fällt für Sie durch als Held oder Heldin, warum?

Der Held wird schnell ausgerufen. Deshalb wende ich mich gegen die inflationäre Verwendung des Begriffs. Die Frage ist, welche Menschen hervorgehoben werden. Beliebt sind große Unternehmer, die sich selbst gern als Macher inszenieren. Sie leisten ohne Zweifel Besonderes, wenn wir etwa an Steve Jobs oder Elon Musk denken. Unabhängig davon, was man von ihnen als Personen halten mag: Wirtschaftsführer scheiden aus einem systematischen Grund als Helden aus: Heroen handeln mit Blick auf die Allgemeinheit, Wirtschaftsmagnaten eher aus Eigeninteresse und vor allem zum Eigennutz. Deshalb sind sie denkbar schlechte Kandidaten fürs Heldentum.

Auch die militärische Bewährungsprobe fällt als heldenhaftes Tun für Sie aus. Warum?

Historisch wird der Held oft mit Krieg in Verbindung gebracht. Wenn wir auf die deutsche Geschichte schauen, dann ist diese Inszenierung von Soldaten als Helden oft mit Ordnungen verbunden, die autoritär oder faschistisch waren. Heldentum wird dann mit Opferbereitschaft gleichgesetzt. Allein das ist problematisch. Es geht aber um einen anderen Punkt. Der demokratische Held bewährt sich in der Gefahr, um Leben zu retten oder um die Lebensumstände zu verbessern. Der Kriegsheld wird in die Gefahr geschickt, in der es um Töten oder Getötetwerden geht.

Zurück zur Pandemie. Sind Pflegekräfte in Kliniken und Heimen für Sie heldenhaft?

Die, die sich im Gesundheitswesen an exponierter Stelle bewährt haben, wehren sich interessanterweise häufig gegen den Begriff. Ihr Argument ist: Ich habe nur als Mensch gehandelt. Das ist bei Helden übrigens oft zu beobachten, sie loben sich selbst nicht über den grünen Klee. Das nimmt uns aber nicht die Möglichkeit, sie als Helden zu würdigen. Was die Skepsis der Pflegekräfte betrifft, so steckt dahinter aber auch die Befürchtung, mit einer billigen Medaille abgespeist zu werden. Nach dem Motto: Heute bist du ein Held, morgen bist du aber wieder um sieben Uhr da. Diese Menschen haben unsere Anerkennung verdient und nicht nur warme Worte. Vieles von dem, was Sie getan haben, hat etwas Heldenhaftes.

Eines der Probleme in der Corona-Krise ist die Sprachlosigkeit der Politik – auch nach Angela Merkels Fehlerkorrektur. Hat Sie dieses Kommunikationsdefizit überrascht oder hängt das auch mit den Schwierigkeiten der postheroischen Gesellschaft zusammen, in Zeiten, in denen eher die Ich-AGs gefeiert werden, über Helden zu sprechen, die sich für die Allgemeinheit einsetzen?

Der Modus des politischen Handelns in der Demokratie hat sich verlagert von Personen zu Prozessen und Institutionen. Die Sachthemen sind da, aber die Behandlung der Themen wird entpersonalisiert und anonymisiert. Dann wird eben eine Kommission oder ein Beirat einberufen, die das Problem eher verwalten als lösen.

Dann wird sich auf Zuständigkeiten und Vorschriften berufen und dann werden Entscheidungen externalisiert wie in der Europäischen Union bei der Impfstoffbeschaffung?

In der Komfortzone einer Kommission lässt sich persönliche Verantwortung leicht verstecken. „Da bin ich nicht zuständig“, das ist die eleganteste Antwort, die sich geben lässt. Entsprechend fällt es dann auch schwer, Menschen hervorzuheben, die sich jetzt herausragend bewähren. Es ist im regelbasierten Institutionendenken schlicht gegen die Gewohnheit, dass es auf mich als einzelnen ankommt, wenn Impfstoffe beschafft und Leben gerettet werden sollen. Die Demokratie braucht Menschen, die Besonderes leisten. Und sie muss diese auch würdigen.

Interview: Peter Riesbeck

Dieter Thomä.

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