1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit: Der Ukraine-Krieg als „Angriff auf uns alle“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Am Berliner Gorki-Theater bei der Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“, 2014: Philipp Ruch (l.) und Gorki-Intendantin Shermin Langhoff.
Am Berliner Gorki-Theater bei der Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“, 2014: Philipp Ruch (l.) vom Zentrum für Politische Schönheit und Gorki-Intendantin Shermin Langhoff. © Christian Mang/Imago

Philipp Ruch vom „Zentrum für Politische Schönheit“ über den Zusammenhang von Zorn und Rache, von Fantasie und Empathie – und den Krieg in der Ukraine.

Herr Ruch, können Sie Ihre Arbeit ohne Zorn machen?

Nein. Herkömmlich wird der Zorn ja als etwas Schlechtes betrachtet, das man zurückdrängen muss. Ich sehe den Zorn als eine der produktiveren Emotionen. Das ist jetzt nichts wirklich Neues. Aber ich wuchs in den 80ern und 90ern auf und da gab es immer wieder den Versuch, den Zorn wegzusozialisieren. Später, als ich mich dann dem Studium der Antike zuwandte, entdeckte ich, dass man damals den Zorn als eine große Kraft betrachtete. „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus...“, so beginnt Homers Ilias. Der Zorn soll besungen werden – das ist der Anfang der europäischen Literatur.

Was ist Zorn?

Angesichts von Ungerechtigkeit schäumt in mir Zorn auf. Ich fühle mich von der Wirklichkeit provoziert und reagiere zornig auf sie.

Der Zorn über erfahrene Gewalt führt oft zum Wunsch nach Rache.

Das stimmt. Im antiken Griechenland war die Rache eine Tat ausgleichender Gerechtigkeit. Hier ist ein blinder Fleck der Gegenwart: das Bedürfnis nach Rache. Auch es kann eine Produktivkraft sein. Das Verlangen nach Rache gehört zur Wut dazu.

Philip Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit im Interview: „Rache stellt Würde wieder her“

Ist, was Sie als Aktionskünstler tun, auch so etwas wie Rache?

Definitiv. Wir sind eine arbeitsteilige Gesellschaft. Die einen reparieren Autos, und Leute wie ich, die lassen sich, in begrenztem Maße, freiwillig traumatisieren. Von Krieg, von Unrecht.

Wie Jesus.

Soweit würde ich nicht gehen. Aber ich traf einmal in einer Bar einen Mann, der kam an unseren Tisch und sagte – wohl nach dem Genuss der in einer Bar einschlägigen Getränke: Was du machst ist eine Mischung aus Tucholsky, Gandhi und dem Islamischen Staat. Das trifft es ganz gut. Also in gewaltfrei. Aber wir stellen uns dem Leid und wir suchen nach Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun. Wir wollen die Hoffnung verbreiten, dass man viel bewirken kann, wenn man will. Das bedarf einer großen Kraftanstrengung. Rache ist dabei wohl nicht der erste Impuls. Das ist sicher die Wut. In einem tieferen Sinne stellt aber die Rache die Würde wieder her. Das ist ein zentraler und sehr widersprüchlicher Faktor in einer Gesellschaft, die in der Verfassung festschreibt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Würde die Würde in der Verfassungswirklichkeit doch einmal angetastet, wäre die Rache eine Möglichkeit, sie wieder herzustellen?

So könnte es sein, insbesondere in Fällen des Völkerrechts, wo es keine zentrale Gewalt gibt und der Internationale Strafgerichtshof noch nicht optimal arbeitet. Der erste Satz des Grundgesetzes hat eine merkwürdige Nonchalance im Umgang mit der Realität. Rechtsphilosophisch läuft er auf die Behauptung hinaus, dass, was immer man einem Menschen antut, seine Würde unangetastet bleibt. Der Satz beschreibt nicht die Welt, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Die Welt, in der wir leben, kennt Völkermord und Völkermörder. Hätte man zum Beispiel Karadžic und Mladic hingerichtet, statt sie aus lauter Gutmenschentum ins Gefängnis zu stecken, hätte das vielleicht einen Spielraum eröffnet für die Wiederherstellung der Würde der Opfer. Diese Form der Würdigung hätte auch auf Leute wie Putin möglicherweise eine Wirkung. Unsere Großmut im Umgang mit Mladic gönnen wir uns auf Kosten seiner Opfer.

Zentrum für Politische Schönheit: Philip Ruch über den Krieg in der Ukraine

Warum, finden Sie, sollten die Täter getötet werden?

Wurden in Den Haag die überlebenden Opfer nach einem gerechten Strafmaß gefragt? Dass man das nicht tat, bleibt mir unverständlich. In Nürnberg gab es die Todesstrafe. Zehn Männer wurden erhängt. Göring hatte sich in der Nacht vor dem Hinrichtungstermin mit einer Zyankalikapsel entzogen. Die toten Nazigrößen wurden verbrannt und ihre Asche wurde, wie man so hört, in den Conwentzbach in München-Solln geschüttet. Sie waren übrigens verurteilt worden wegen der Führung eines Angriffskrieges und „crimes against humanity“. Man übersetzt das besser nicht mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, sondern mit „Verbrechen an der Menschheit“. Schon deshalb ist der Angriff Russlands auf die Ukraine ein Angriff auf uns alle.

Es gibt den in Ihnen angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse, der politischen Konstellationen, aufsteigenden Zorn. Es gibt aber auch den Zorn, den Sie wecken bei den Gegnern Ihrer Aktionen. Da ist die Kunst nicht das Produkt des Zorns, sondern sie produziert ihn.

So sehr, wie die Toten im Mittelmeer mich provozieren, so tief reicht keine künstlerische Provokation. Dass Teile der Gesellschaft sich von unseren Aktionen mehr provoziert fühlen als von Toten im Mittelmeer, sagt eigentlich alles.

Zur Person:

Philipp Ruch, 1981 in Dresden geboren, hat politische Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin studiert, am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung im Bereich Geschichte der Gefühle gearbeitet und seine Dissertation über „Ehre und Rache – Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ geschrieben.

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ gründete er 2009 und sorgt damit immer wieder für Furore. Es sei an zwei von mehr als 20 Aktionen erinnert: Beim „Ersten Europäischen Mauerfall“ verlegte das Zentrum Kreuze der Mauertoten aus Berlin an die Außengrenzen der Europäischen Union, um darauf hinzuweisen, dass die EU sich zu den Flüchtlingen aus Nahost wenig anders verhält als das DDR-Regime es gegenüber der eigenen Bevölkerung getan hatte. 2017 setzte das Zentrum eine Miniaturausgabe des Berliner Holocaustmahnmals vor das Haus von Björn Höcke, des thüringischen Chefs der AfD. Blickt er aus seinem Fenster, sieht er auf das von ihm geschmähte Holocaustmahnmal. Die Installation steht heute noch.

Philip Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit fordert Parlaments-Ausschluss für AfD

Sie haben keine Probleme, Ihren Zorn auf die Gesellschaft zu schleudern, wenn die aber zurückzornt, dann nehmen Sie übel?

Ich plädiere für einen reflektierten Zorn: Wie ist es möglich, dass in einem Land, das der Rechtsextremismus so konsequent in die Katastrophe geführt hat, heute schon wieder eine rechtsextreme Partei im Parlament sitzt? Wie kann man den Nationalsozialismus als Vogelschiss bezeichnen? Ich bin für eine neue Parlaments-Hürde. Eine Partei, die den Holocaust negiert oder relativiert, sollte wie an einer Fünf-Prozent-Hürde beim Einzug in den Bundestag scheitern.

Eine schreckliche Vorstellung.

Wieso?

Welche Kommission legt denn fest, was eine Relativierung des Holocaust ist? Ist das schon die Infragestellung der These von der Einzigartigkeit des Holocaust? Und: Wie viel Prozent der Bevölkerung hätten dann keine Vertretung mehr im Bundestag?

Früher hieß es, es gebe ein verlässliches rechtsradikales Potenzial von zehn Prozent. Dann lag die AfD in einigen Bundesländern plötzlich bei weit über 20 Prozent. In Ländern wie Frankreich empfindet man das als normal. Aber ich denke: Daran dürfen sich Demokratien nicht gewöhnen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gab es viele bei uns, die sich in ihrem Deutschsein gedemütigt fühlten. Wir müssen das heute auf die Menschheit übertragen. Wo immer Menschen gedemütigt werden, da werde auch ich gedemütigt. Wer das Menschsein in irgendjemandem verachtet, der verachtet es auch in mir. Diese Erfahrung machen viele, sehr viele von uns gerade angesichts der Vernichtung der Ukraine durch russische Truppen. Unsere Gesellschaft wird empathisch. Ein Augenblick politischer Schönheit.

Philip Ruch im Interview: „Kunst erlaubt es, die Wirklichkeit zu ertragen“

Als 2014 Zehntausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, gab es zunächst eine Welle der Solidarität. Macht das einem nicht Hoffnung, dass es doch so etwas gibt wie einen guten Kern, der angesprochen werden kann. Der aber auch angesprochen werden muss? Machen Sie nicht genau das? Erwecken Sie nicht Empathie durch Zorn?

Durch Fiktion und durch die Macht der Fantasie. Ich würde nicht von einem guten Kern sprechen. Ich halte Humanismus für eine Aushandlungssache. Das ist deprimierend, wenn man daran denkt, wie oft um das Selbstverständlichste gestritten werden muss. Das spielt sich auf jedem Schulhof ab, und es gibt keine Gesellschaft, die nicht vom Bürgerkrieg bedroht wäre. Oder über einen Nachbarn herfällt oder von den Nachbarn angegriffen wird. Wenn im Grundgesetz steht „Die Würde Menschen ist unantastbar“, dann muss das doch erst recht für Flüchtlinge gelten. Aber viele betrachten den Artikel 1 des Grundgesetzes als ihr Privileg als deutsche Bundesbürger. Aber da steht „die Würde des Menschen“! Im tiefsten Innern eines jeden Menschen gibt es ein Streben nach Schönheit. Das sprechen wir mit unseren Aktionen an. Wir zapfen die Macht der Köpfe und der Herzen an. Wir lassen nicht einfach die Wirklichkeit sprechen, sondern wir legen etwas zwischen die Wirklichkeit und uns, das uns hilft, sie handhabbar zu machen. Kunst ist ein Verfahren, das erlaubt, die Wirklichkeit, die wir ohne sie nicht ertragen können, zu ertragen. Wir werden durch Kunst beim Blick auf die Wirklichkeit nicht mehr mit unserer eigenen Hilflosigkeit konfrontiert, sondern mit den Möglichkeiten, wo wir handeln können. Fiktive Möglichkeiten. Aber die befreien.

Ein Beispiel?

2014 machten wir die Aktion „Kindertransporthilfe des Bundes“. Es gab eine Webseite, Werbespots, Broschüren und eine siebenteilige Anzeigenserie, mit denen sich die Bundesregierung an die Bevölkerung wandte und sie darum bat, syrische Flüchtlingskinder aufzunehmen. Alles ganz real. Nur dass es nicht die Bundesregierung war, die sich an die Bevölkerung wandte, sondern das Zentrum für Politische Schönheit. Das Ganze sah so täuschend echt aus, dass über 50.000 Familien sich meldeten, die bereit waren, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Wir waren aus dem Zynismus des bloßen Kommentierens herausgekommen und hatten die Herzen erreicht. Das ist so etwas wie politische Schönheit.

Interview: Arno Widmann

Auch interessant

Kommentare