Tierwohl

Pelzträger müssen draußen bleiben

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der Münchner Klub Bahnwärter Thiel setzt ein exklusionspolitisches Zeichen.

Bahnwärter Thiel“ – aufmerksame Teilnehmer am Deutschunterricht erinnern sich – ist eine Novelle von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1887, in der das Leben eines redlichen und arbeitsamen Mannes nach dem Tod seiner Frau aus den Fugen gerät.

Zum obligatorischen Schulstoff wurde Gerhart Hauptmanns Geschichte nicht zuletzt deshalb, weil er in dem kurzen Prosastück nicht gerade mit gesellschaftspolitischen Symbolen geizt. Das Wärterhäuschen steht gewissermaßen für gefestigte soziale Verhältnisse, die von den vorbeirasenden Eisenbahnen auf dramatische Weise erschüttert werden. Thiels Sohn findet schließlich den Tod, und der brave Bahnwärter gleitet hinüber in eine schwere psychische Erkrankung.

„Bahnwärter Thiel“ ist stets auch als Kritik an der zerstörerischen Kräften der alle Lebensbereiche erfassenden Industrialisierung des späten 19. Jahrhunderts aufgefasst worden. Der artige Bahnwärter vermag weder sich noch seinen Sohn vor seiner dominanten zweiten Frau zu schützen, und als diese auch noch in sein Wärterhäuschen eindringt, driftet die Geschichte, deren Anlass für Hauptmann ein historisches Bahnunglück an der Strecke von Erkner nach Fürstenwalde war, langsam, aber bestimmt in die Katastrophe ab.

In München dient der Titel von Hauptmanns Novelle seit einiger Zeit als Name für ein Kulturprojekt im örtlichen Schlachthofviertel, das laut Selbstauskunft „Kunst und Kultur miteinander verbindet und für jedermann erlebbar macht.“ Das Bahnwärter Thiel ist ein Klub im Stil des „industrial chic“. Gondeln, ausrangierte U-Bahnen und kunstvoll bemalte Seecontainer – es gibt auch auf anderen Arealen des ausrangierten Industriezeitalters ganz ähnliche Kultureinrichtungen.

Gesteigerte medienöffentliche Aufmerksamkeit hat das Bahnwärter Thiel nun aber mit einer symbolpolitischen Entscheidung erlangt, die weit hinreicht in die Sphären von Mode, Lebenswelt und Politik und Schluss macht mit dem Prinzip sozialer Egalität.

Pelzträger müssen ab sofort draußen bleiben, die Betreiber verstehen ihr Verdikt ausdrücklich im Sinne des Tierwohls. Man wolle ein Zeichen setzen, sagt Betreiber Daniel Hahn, der sich insgesamt für mehr Nachhaltigkeit in der Gastronomie stark macht. So bietet das Bahnwärter Thiel keine Plastikstrohhalme an, ferner befindet sich ein Urban-Gardening-Projekt auf dem Areal.

Hinsichtlich der Durchsetzung des Pelzverbots gibt man sich kompromisslos. Weil Pelz-Imitate kaum von echten Pelzen zu unterscheiden sind, schon gar nicht im Einlassgedränge, wird die Spezies der Pelzträger ganz grundsätzlich abgewiesen.

So nachvollziehbar diese kulturelle Exklusionspraxis in modischer Hinsicht sein mag, wirft sie doch die Frage auf, wie man einem inflationär gesteigerten Bedürfnis nach Ausschluss und Regeln künftig begegnen soll. Ganz wie sein literarisches Vorbild jedenfalls scheint das Bahnwärter Thiel symbolpolitisch stark übercodiert.

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