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Die Frankfurter Paulskirche.
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Die Frankfurter Paulskirche.

Gesellschaft

Die Paulskirche in Frankfurt: Vom Museum ins Leben –  Demokratie sucht einen Ort

Frankfurts historische Paulskirche und ein zukünftiges Dokumentationszentrum als politische Herausforderung und Chance lebendiger Erfahrung. Ein Gastbeitrag von Nicole Deitelhoff.

Am morgigen Mittwoch findet im Kulturausschuss des Deutschen Bundestages eine wichtige Anhörung statt: Es geht um den Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Errichtung einer „Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte“ und das dazu gehörige Rahmenkonzept zur Weiterentwicklung der Orte deutscher Demokratiegeschichte.

Die Stiftung, so will es der Gesetzentwurf, soll ihren Sitz in dem in Frankfurt geplanten „Haus der Demokratie“ erhalten, das in räumlicher Nähe der Paulskirche entstehen soll. Diese Entscheidung ist aus Frankfurter Sicht zu begrüßen, denn sie unterstützt die Frankfurter Bemühungen, die dringend notwendige Sanierung der Paulskirche mit der Entwicklung eines Demokratiezentrums von nationalem Rang zu verbinden.

Wünschenswert wäre, dass über diese Entscheidung und die Ausrichtung der Stiftungsarbeit nicht nur im Bundestag debattiert und informiert, sondern auch mit der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern diskutiert wird. Auch wenn es um einen Demokratieort von nationaler Bedeutung geht, muss er in dieser Stadt verankert werden und wird zehren vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger.

Paulskirche in Frankfurt: Das Lernen aus der Geschichte ist von enormer Bedeutung

Diskussionsstoff bietet Gesetzentwurf und Rahmenkonzept durchaus. In beiden herrscht eine Vorstellung von Demokratieorten, die vor allem das Demokratiegedenken im Zentrum hat. Die Bedeutung von Demokratie in der Gegenwart und Zukunft soll durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der (deutschen) Demokratie vermittelt werden. Wie das gelingen soll, bleibt jenseits eines allgemeinen Bekenntnisses zum Ausbau und zur Ausgestaltung der jeweiligen Gedenkorte, von Hambacher Schloss über Erinnerungsstätte Rastatt bis Paulskirche, eher vage. Insbesondere bleibt offen, wie der Anspruch, dass Demokratie „gestaltet, gelebt und weiterentwickelt werden muss“, der den Gesetzentwurf immerhin einleitet, damit umgesetzt werden kann. Das Lernen aus der Geschichte ist unstrittig von enormer Bedeutung für die Wertschätzung von Demokratie, ihrer Prinzipien und Leistungen. Es zeigt, dass Demokratie nicht als Geschenk in die Welt kommt, sondern letztlich das Ergebnis von Kämpfen ist. Kämpfen um Rechte, um Freiheit, um Beteiligung, um Gleichheit. Ebenso lässt sich damit die Fragilität von Demokratie erläutern, wenn nicht nur die Fortschrittsgeschichte von Demokratie im Fokus steht, sondern ebenso ihre fundamentalen Krisen, Brüche und Rückschritte, von denen die deutsche Geschichte reichlich hat.

Die Autorin

Nicole Deitelhoff, geb. 1974, ist seit 2009 Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien Globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2016 ist sie die Geschäftsführende Direktorin des Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

Dem „Netzwerk Paulskirche“, das Deitelhoff mitinitiiert hat, haben sich die Stiftung medico international, der Verein „mehr als wählen“, das Institut für Sozialforschung, der Forschungsverbund Normative Ordnungen, die HSFK sowie die Forschungsstelle Demokratische Innovationen an der Goethe-Universität angeschlossen.

Aber wie steht es denn um die Wertschätzung der Prinzipien und Leistungen von Demokratie in unserer Gesellschaft? Die Lektüre von Gesetzentwurf und Rahmenkonzept legt nahe, dass es hier einen besonderen Aufholbedarf oder Gefährdungen gebe, die diesen starken Fokus auf Gedenken und Lernen begründen könnte. Gibt es die wirklich? Ein Blick in die Entwicklung der Zustimmung zu Demokratie ist dazu durchaus erhellend. Repräsentative Studien der Bertelsmann-Stiftung oder der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigen, dass die Zustimmung zu Demokratie als Ideal der Regierungsform nach wie vor auf hohem Niveau stabil ist. Die Zustimmung zur gelebten Praxis von Demokratie dagegen, d. h. dazu, wie Demokratie in Deutschland praktiziert wird, sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich. In der Studie „Vertrauen in die Demokratie“ von 2019 zeigen sich nur noch 46,6 Prozent der Befragten mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, sehr oder ziemlich zufrieden. 53,4 Prozent der Befragten geben dagegen an, weniger oder überhaupt nicht mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden zu sein.

In Deutschland gibt es hervorragende Orte des Demokratiegedenkens

Trotz aller Unschärfen und Interpretationsspielräume solcher Befragungen wird das zunehmende Auseinanderklaffen zwischen Zustimmung zur prinzipiellen Idee von Demokratie und der gelebten Praxis deutlich. Bürgerinnen und Bürger wissen abstrakt um die Bedeutung von Demokratie und schätzen sie. Das Verständnis von und die Geduld mit demokratischen Praktiken sinkt aber. Demokratie verliert ihren Halt im lebensweltlichen Alltag von Bürgerinnen und Bürgern. Diese Entwicklung ist zutiefst bedenklich. Sie fordert dazu auf, Strategien und Wege zu entwickeln, Demokratie wieder stärker im Alltag der Bürgerinnen und Bürger zu verankern, um ihr Verständnis für die Praxis von Demokratie mit all ihren Zumutungen, etwa der Notwendigkeit von Kompromissen oder der Zuspitzungen im Parteienwettbewerb wieder zu steigern.

In Deutschland gibt es hervorragende Orte des Demokratiegedenkens, die im vorliegenden Gesetzentwurf explizit Erwähnung finden, wie etwa das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn oder das Deutsche Historische Museum in Berlin. Was in der gegenwärtigen Situation benötigt wird, ist nicht ein zusätzlicher Ort des Gedenkens an die Geschichte der Demokratie oder ihrer Prinzipien, sondern ein Ort, der Demokratie mit allen Sinnen wieder erlebbar und zugänglich für alle macht als gesellschaftliche Praxis.

Paulskirche: Ein Ort der Demokratie

Praktisches Erleben von Demokratie sollte aber nicht als Gegensatz zum museal vermittelten Gedenken an Demokratie verstanden werden. Vielmehr kann es als Leitkonzept begriffen werden, das Geschichte und Geschichtsorte nutzt, um praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Wenn man das ernst nimmt, geht es nicht nur über die inhaltliche Ausgestaltung von Orten der Demokratie(geschichte) und das Verhältnis von musealen Formaten und aktivierenden Veranstaltungen oder Debatten. Auch der Weg dorthin ist dann Teil der Aufgabe.

Wer heute über einen Ort der Demokratie nachdenkt, sollte das als Praxisaufgabe verstehen. Gesucht wird ein Ort, an dem Demokratie praktiziert wird: Dazu gehört, dass diejenigen, die dieser Ort erreichen will, über seine Ausgestaltung mitdiskutieren und befinden sollten. In Frankfurt gibt es dazu sowohl vielfältige Ideen als auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die diesen Prozess mitgestalten möchte. Gibt es auch für sie einen Ort? (Nicole Deitelhoff)

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