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Blick vom Römerberg auf die bereits so titulierte „Republikanische Freitreppe“. Foto: Sandra Voss/ Holger Kleine/ HSRM /DAM
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Blick vom Römerberg auf die bereits so titulierte „Republikanische Freitreppe“.

Architektur

Paulskirche und Demokratiezentrum: Zusammenkommen in Umbruchzeiten

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt macht sich stark für „Salons der Republik“: Das ist so notwendig wie nobel. Aber leuchten die Vorschläge auch ein?

Rasch noch dieses Thema, bevor das nächste ansteht und durch Stadt, Land und Republik getrieben wird, denn irgendwas ist immer, und schon deswegen stellt sich die Frage, wie man nun dieses Thema angehen soll, zupackend oder eher besonnen? Immerhin wird die Aufgabe, die an die Architektur gerichtet wird, als eine „neue Bauaufgabe für Demokratien“ deklariert. Gibt es einen vornehmere?

Also sehen wir Baukörperstudien für Frankfurts Paulsplatz – darunter feine Zeichnungen von Räumen, entwickelt aus geometrischen Grundtypen, Kreis, Ellipse, Kubus. Zum Thema gibt es spitzfindige Vorschläge für den Berliner Spreebogen – Modelle von einer Dachgartenlandschaft, dazu bestimmt in „unterschiedlichsten Atmosphären“ die „unterschiedlichsten Gesprächsformen zu stimulieren“.

So soll es sein. Und doch möchte man sagen, gemach, handelt es sich doch beim Salon um ein besonderes Gelass – eine Einrichtung aus vergangenen Zeiten. Schon die „bloße Erwähnung des Wortes weckt Sehnsüchte, mit ihm werden Esprit und Mondänität verbunden, Beweglichkeit und Eleganz, Toleranz, Freiheit und Schwellenüberwindung, Duft und Licht“, wie es jetzt in einem Katalog heißt, zum Auftakt der Ausstellung „Salons der Republik“, ab sofort bis zum 15. Juli im Deutschen Architekturmuseum, in Frankfurts DAM.

Mit dermaßen aufregenden Assoziationen ist das Thema gesetzt, wie ja auch der Salon, dessen Kultur, Inbegriff einer gesetzten Stimmung zu sein scheint, für ein kultiviertes Kommunizieren, eine Diskurskultur nach zivilisierten Regeln, ob nun unter feudalen Umständen, freiheitlicheren, bürgerlichen oder republikanischen – zukünftig digitalen, wie am Donnerstagabend Redner und Rednerinnen bei einer im Netz übertragenen Ausstellungseröffnung betonten, darunter die hessische CDU-Ministerin für Digitalstrategie, Kristina Sinemus, die mehrfach Ausbildung und Schärfung der „Bewertungskompetenz“ in den digitalen Welten anmahnte.

Zu einem kompetenten Gespräch könnte allerdings der an dem Abend eher hintangestellte Gedanke gehören, dass die Anfänge des Salons zurückreichen in die Hochzeit der Aufklärung, in die Spätzeit der Aristokratie, in der im Salon wahrhaftig nicht nur die Herrenrunde im preußischen Tabakskolleg zusammenkam oder das kapriziöse Damenkränzchen bei Tee, Kakao und Gebäck. Nein, kein Gesetztsein unbedingt.

Saß man doch nicht nur so vor sich hin, beisammen und bequem, man wollte auf mehr hinaus, entschieden mehr, und dazu gehörte, dass man offenbar nicht selten aufstand, wenn man etwas zu sagen hatte. Ob aristokratisch oder bürgerlich, christlich oder jüdisch, politisch oder religiös: Nicht selten galt es, seine Meinung stehend zu vertreten, wie Bilder zeigen, Stiche, später Fotos. Der Salon bot eine Bühne, seine Meinung zu vertreten, bedeutete, sich zu zeigen. Habe Mut, bei deiner Meinung mit deinem Körper einzustehen. Zu einem solchen Credo gehörte Courage.

Dieser Mut ist nicht zu verwechseln mit der Dreistigkeit, selbstherrlich seine eigenen Vorurteile zu bewirten, weshalb in der Ausstellung der Hochschule RheinMain unter Anleitung von Holger Kleine die schwindende Dialogfähigkeit als Motiv genannt, der „Salon“ zum Korrektiv von in ihren Echokammern sich verschanzenden „Selbstbestätigungsmilieus“ (Bernhard Pörksen) erklärt wird. Anstelle der Anonymität in den narzisstischen Netzwerken verlangte der Salon eine andere, exquisite Art, Gesicht zu zeigen. Zum Salon gehörte die Performance, zur Salonkultur der performative Auftritt. Im Mittelpunkt des Salons das Ich – mit seinen Ideen, mit seinen Interessen.

Wer die Wiederbelebung des Salons als Institution wünscht, als Ort der Kommunikation, als Ort des Austauschs, könnte auf den Gedanken kommen, das Individuum an den Anfang aller Überlegungen zu stellen, und nicht das Objekt, die Architektur. Nicht die Hülse, sondern den Kern. Ein Salon sollte von innen nach außen gedacht werden.

Barocker Monumentalismus einer Freitreppe anstelle der klassizistischen Bescheidenheit der Paulskirche.

Die Form folgt der Funktion. Zumal der Salon für das Gespräch gemacht ist, eher auf räumliche Intimität berechnet ist, so extrovertiert oft die Formen der Geselligkeit. Tatsächlich wird im DAM eine Ansammlung von Bühnen versammelt, kleinen, größeren, riesigen, als gelte es den Echokammern des Internets Arenen entgegenzusetzen. Auf Frankfurts Paulsplatz eine Agora, in der kein Menschenmaß Widerhall findet, sondern der Auftritt von Massen.

Man könnte über die Entwürfe der Architekturstudierenden salopp hinweggehen – man kann die Ausstellung mit Arbeiten angehender Architekten allerdings nicht mehr ernst nehmen, als dass man sie bitterernst nimmt. Erschreckend geradezu, wenn im DAM tatsächlich der Vorschlag für eine gigantische Treppenanlage unterbreitet wird, eine sich aus dem vom Bundestag soeben beschlossenen „Haus der Demokratie“ verlängerte Schräge. Von Kleine selbst erdacht, soll neben der Paulskirche einer Freitreppe Raum gegeben werden, in Anlehnung an existierende – etwa die Spanische Treppe in Rom. Nicht nur barocke Bilder werden durch Assoziationen aufgerufen, auch solche an die Oper Oslo oder La Grand Arche in Paris. Wollte man das wirklich, implantierte man Frankfurts Paulsplatz die totale urbane Öde.

Dessen ungeachtet: Die „Treppenskulptur überzeugte uns am meisten“, heißt es vom DAM, sie „strahlt Präsenz aus, ohne zu dominieren“ – man schaue sich die Abbildung auf dieser Seite an und urteile selbst. Groß war immer schon der Mut von Urbanisten und Raumplanern, so dass der öffentliche Raum nicht nur unter der Fragmentierung seiner Funktionen leidet, sondern unter der Gedankenarmut der Mutwilligen.

Warum ist es „naheliegend, den Platz zum Römer und zur Paulskirche zu öffnen“ – aufzureißen, wenn man die Skizzen sieht. Warum überhaupt wird die Bauaufgabe „Salon“ mit einem Platz assoziiert, mit einer „Republikanischen Treppe“. Ohne weiteres ließen sich auch andere fesche Aufkleber finden, etwa: Frankfurts Forum Humanum. Man muss nicht von einer anachronistischen Wiedergängerei des Salons sentimental träumen, um erhebliche Zweifel an einer monumentalen Treppe zu haben, obwohl dem urbanen Marketingjargon heute schon nach so etwas wie My step outdoor zumute sein dürfte.

Während der Ausstellungseröffnung wurde mehrfach vor diesem Monstrum gleichsam vorauseilend niedergekniet, auch durch den Urheber selbst. Während soeben noch die Polarisierung als Übel der Digitialisierung ausgemacht wurde, bezeichnete die Digitalministerin des Landes, Sinemus, die wahrscheinlich extrem polarisierende Treppe als einen „wohltuenden Kontrapunkt“. Auch fiel das Wort von der „Wiedererlangung gesellschaftlicher Kohärenz.“ Wie wiederum Kleine als Initiator der Ausstellung die Treppe als „Abkehr von vordemokratischen Architekturgesten“ einstufte – obwohl sich für Menschen, die sich nicht bluffen lassen, unmittelbar Assoziationen an die französische Revolutionsarchitektur nach 1789 oder die russische nach 1918 einstellen.

Historisch war der Salon nie ein öffentlicher Raum, wie es die Ausstellung nahelegt. Er war nicht Straße oder Platz, sondern ein Rückzugsraum – und dabei nicht etwa neutral, so dass der Optimismus verwundert, die „ Salons der Republik“ müssten allen offenstehen, wirklich allen, wie unisono betont wurde. Das verwundert, nutzten doch gerade Republikfeinde auch Salons zur Zerstörung der (Weimarer) Republik. Was die Straße für die SA, war der Salon für Nazi-Strategen, wie Wolfgang Martynkewicz in seinem Buch „Salon Deutschland“ erzählt über die Geselligkeit von Musikern, Künstlern, Gelehrten und Dichtern, seit 1924 unter ihnen Habitués wie Adolf Hitler, Alfred Rosenberg oder Rudolf Heß im Münchner Verleger-Salon Bruckmann.

Bereits Teile der bürgerlichen Salonkultur des 19. Jahrhunderts waren aggressiv antisemitisch. Man sollte die Salonkultur also nicht sentimental verklären. Die Salonliteratur ist voll von Mitteilungen über ungezogenes Betragen und „wenig Behagen“ über seine „stacheligen Mitglieder“. Und dennoch, die Zusammenkunft im Salon, im bürgerlichen oder weiblichen oder jüdischen war gleichzeitig dem Individuum und einer Idee verpflichtet. Der Enthusiasmus, von dem die Geselligkeit lebte, drängte auf die eigene Emanzipation und die allgemeine Freiheit, die Würde der eigenen Person ebenso wie die Bedingungen einer menschenwürdigen Politik. Das muss man deswegen betonen, weil es zu einem Vorschlag einer „Wandelhalle“ in Berlin heißt, deren Tribünen eigneten sich „für größere Veranstaltungen und zum ‚Herumlungern‘.“ Kann man das Leitbild des Salons mehr verfehlen, sich bei einer faszinierenden Idee mehr verrennen?

Innenruamentwürfe.

Es geht nicht darum, Paulsplatz und Paulskirche unangetastet zu lassen, im Gegenteil. Gerade ein seriöser Salon richtete sich auf das unvollendete Projekt der Paulskirche ein – unvollendet, weil die Paulskirche, als Ort des ersten frei gewählten deutschen Parlaments, als Gedächtnisort an 1848, als Schauplatz der Demokratie, zukünftig um ein Demokratiezentrum erweitert werden soll. Wie ja überhaupt jeder Ort der Demokratie etwas Unvollendetes ist, so dass die Art, wie die Paulskirche seit Jahrzehnten behandelt wird, nämlich museal, unter demokratischen Gesichtspunkten heikel ist.

Im Katalog wird zurecht mit den Worten von Jürgen Habermas über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ räsoniert. Gerne, immer! Auch an Immanuel Kant ließe sich denken, prägte er doch das Wort vom „öffentlichen Zusammenstimmen“, worin mehr Dialog, Debatte, Diskurs mitgedacht scheint als in Hegels Wort von der „öffentlichen Meinung“. Bei Kant ein qualitativer, bei Hegel eher ein quantitativer? Wie auch immer, das Zusammenstimmen verweist auf einen auf Rede und Gegenrede basierenden Diskurs, einen Gleichklang der Interessen, bei einem Vielklang an Ideen, unter der Schirmherrschaft der Vernunft, jenseits flotter Verheißungen. Worauf aber will das Wort der Ministerin hinaus, der Salon solle „Lust machen auf Demokratie“?

Ein Marketingmotto ebenfalls? Deshalb noch eine Bemerkung zum Verhältnis von Salon und Sinnlichkeit: Nicht nur schriftlich haben wir es, sondern auch literarisch, dass man sich wegen eines verführerischen Wortes gegenseitig an den Lippen hing. Zur Erotik der geistigen Salon-Geselligkeit gehörte, dass Augen und Ohren auf einen vielversprechenden Mund gerichtet waren.

Auch heute wären sterile Gelasse einer snobistischen Debattierkultur anstelle einer sinnlichen Salondemokratie wahrhaftig nicht erstrebenswert, erst recht nicht an diesem Ort, auf historischem Terrain. Deshalb sieht man in der Ausstellung gern Raumschalen, die einen Ort umfangen. Oder eine offene, aber auf einen Binnenraum verweisende Struktur. Zur Vielfalt der Vorschläge gehören eine expressive Höhle oder eine fließend gestaffelte Landschaft. Fein, wenn sich, angemessen all der Ambivalenzen der digitalen Moderne, mit introvertierten öffentlichen Räumen weitermachen ließe, zumal Salons auch für Köln und München entworfen werden sollen.

Erfreulich auch, dass im Katalog, der im Jovis-Verlag erschienen ist, nicht etwa von Demokratinnen und Demokraten die Rede ist, sondern von „Demokratieakteur*innen“. Wie auch immer Menschen zu dem Sternchen stehen mögen, und in Demokratien steht man dazu vielfältig, so steht hinter dem Wort der Gedanke, dass es heute nicht mehr ausreicht, wenn Bürgerinnen und Bürger die Demokratie auf sich zukommen lassen, entspannt, gelassen – gesetzt.

Über ihre Unzulänglichkeiten hinaus verweist die Salon-Initiative auf eine grundsätzliche Krise, sind doch insbesondere politische Salons nicht nur Institutionen einer Umbruchzeit, deren Agenturen und Domizile, sondern geradezu deren Sinnbilder.

Deshalb ist es mutig, das Problem rund um die Paulskirche, und dazu gehört nun mal die Paulskirche selbst, in die Hände von Studierenden zu geben. Mutiger wäre es, für die Zukunft der Paulskirche einen Architekturwettbewerb auszuschreiben. Nur das nicht, rief mir auf meinen Vorschlag hin (FR v. 18.03.21) ein bekannter Architekt zu. Ob mir klar sei, was ich da vorschlage? Wieso, er sei doch selbst durch Wettbewerbe groß geworden, nicht nur erfolgreich, sondern enorm einflussreich, sogar mächtig. Warum also kein Wettbewerb? Weil Architekturwettbewerbe Murks seien. Auch der Wettbewerb zu einem anderen deutschen Parlamentsgebäude, mit dem Ergebnis der gläsernen Kuppel von Norman Foster? Erst recht Murks.

Wie auch immer man dieses Urteil beurteilt: Der Unwille gegenüber einem Wettbewerb für die Paulskirche offenbart eine erstaunliche Mentalität, ausgerechnet an diesem Ort eine – Schlussstrichmentalität. Als bestünde das Vermächtnis der Paulskirche nicht in der Aufforderung zu einem Meinungsaustausch über sie.

Frankfurt braucht nicht nur mittelfristig einen „Salon der Republik“. Bitter nötig hat es bereits einen Architektursalon.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis zum 15. Juli. Der Katalog ist im Jovis-Verlag erschienen. Am kommenden Dienstag, den 22. Juni, wird aus dem DAM eine Veranstaltung live übertragen. Eine zweite zum Thema am 13. Juli. www.dam-online.de

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