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Während der Revolution im September 1848 war der Vorgängerbau umkämpft: die Frankfurter Paulskirche, wie sie heute aussieht.
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Während der Revolution im September 1848 war der Vorgängerbau umkämpft: die Frankfurter Paulskirche, wie sie heute aussieht.

Paulskirche

Dezente Stätte der Demokratie

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Der 18. März ist ein gewichtiges Datum in Deutschland, auch für die Paulskirche. Woran erinnert sich die Republik, wenn sie an diese Gedenkstätte denkt?

Mitten im alten Frankfurt, aber nicht mehr in Frankfurts alter Mitte, denn die bildet seit 2019 natürlich die nagelneue Altstadt, befindet sich die Paulskirche, ein Gebäude, das an ein Doppeldatum erinnert – an das Jahr 1848 genauso wie an das Jahr 1948. Im Jahr 1848 an den 18. März, aber auch an den 18. März 1944. Zudem lässt sich bei der Paulskirche an einen Doppelort denken, kam doch der Tag, da wurde die Paulskirche als „Wiege der Demokratie“ ebenso begriffen wie als Demonstration ihres Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, auferstanden aus Ruinen, in bewusst karger Form.

Es gibt seit zwei, zweieinhalb Jahren wieder eine intensivere Beschäftigung mit der Paulskirche – und diese Debatte ist nicht dadurch akuter geworden, weil in diesen Tagen über den „Nazihintergrund“ der Deutschen spekuliert wird. Wer, weil er glaubt, die Nazihistorie für sich entdeckt zu haben, schwadroniert oder ignorant schwätzt, könnte sich kundig machen, dass auch Gebäuden so etwas wie eine Entnazifizierung überantwortet wurde, ohne dass deswegen die Paulskirche ein Nazibau gewesen wäre. Kollektivschuld eignet sich auch bei Gebäuden nicht.

Am 18. März 1944 im Feuersturm untergegangen, wurde in der Paulskirche zum Auftakt ihres Wiederaufbaus am 17. März 1947 ein Grundstein mit dem Bekenntnis zur Demokratie eingemauert, dem Baukörper so etwas wie eine Beteuerung der Demut einverleibt. Weil aus dem Wiederaufbau Bescheidenheit sprach, konnte Architektur, monumentalster Ausdruck der Großmachtphantasien der Nazis, wieder als Widerspruch in Stein gelten.

Gebaute Dezenz. Als architektonisches Glaubensbekenntnis der Demokratie, als Fundament einer an Schuldbewusstsein und Reue orientierten Nachkriegsordnung ist die Paulskirche seitdem bezeichnet worden. Man muss zur ihr nur aufschauen, um in der Kuppel, der abgeflachten Kalotte anstelle des sich auftürmenden „Deutschen Daches“, das zwischen die glühenden Grundmauern hinabgestürzt war, eine architektonische Absichtserklärung zu sehen, die Demonstration nicht nur architektonischer Schlichtheit, sondern mentaler Mäßigung.

Der karg gehaltene Wiederaufbau an Frankfurts Berliner Straße mit ihrer bewusst ausgemergelten Moderne war nicht unumstritten, aggressiv angegriffen, ja angefeindet wurde das Bekenntnis zur Zurückhaltung von Traditionalisten, auch weil die Paulskirche einem Tätervolk und einem Adenauerdeutschland aus Mitläufern als Sühnezeichen vor Augen stand.

Wenn die Paulskirche wieder in den Fokus von Auseinandersetzungen geraten ist, dann liegt das daran, dass sie, ein seit Jahren „ziemlich ungepflegter Baukörper“ (FR), unbedingt saniert werden muss. Allerdings ist die Paulskirche auch deswegen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt, weil Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann die Beschäftigung mit der Paulskirche nicht nur zur Chefsache erklärte. Er fasste sie als eigene Profilierungssache so durchschaubar wie dilettantisch an, so dass der Tag kam, an dem auch der Bundespräsident die Sanierung zu wiederum seiner Sache erklärte.

Zur nationalen Sache, ausdrücklich. Steinmeier hat dabei nicht nur einen nationalen Erinnerungsort erwogen, sondern angemahnt. Der Gedanke wird jetzt von der Direktorin des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte, Evelyn Brockhoff, in dem von ihr herausgegebenen Buch „Die Frankfurter Paulskirche“ aufgegriffen, wenn sie deren „erinnerungspolitische Verortung“ auf das „175. Jubiläum im Jahr 2023 bezieht – auf 1848 also, nicht auf 1948. „Am Ehrgeiz“, so der Bundespräsident, „die Paulskirche zu einer modernen Erinnerungsstätte für die Demokratie zu machen“, habe es ebenso gefehlt wie, so muss man hinzufügen, am Ehrgeiz, die 1948 nachgeordnete Rolle von 1848 zu korrigieren. Hätte es sonst dazu kommen können, dass die Stadtabgeordneten Frankfurts bei der notwendigen Sanierung der Paulskirche eine Wiederherstellung vor den Stand von 1945 verworfen haben? Eine ahistorische Absage, allerdings bezeichnend für viele ähnlicher Art, wie sie in Frankfurt architekturpolitisch vorgenommen wurden. Auch dieser Umgang mit der Historie der Stadt erklärt wiederum die große Kompensation, das Klischee von einer Altstadt.

Seit dem Tag, an dem sich der Bundespräsident in die Belange eines nationalen Denkmals eingeschaltet hat, stellt sich die Frage, ob der Frankfurter Magistratsbeschluss erinnerungspolitisch haltbar oder eine Eigenmächtigkeit ist – wie sie durch einen Architekturwettbewerb korrigiert werden könnte, bei dem die vollständige Paulskirchengeschichte nicht einem ebenfalls beschlossenen Dokumentationszentrum überantwortet würde, das Gedenken nicht nur an 1948, sondern ebenso nachdrücklich 1848, nicht nur an den „demokratischen Neuanfang“, wie es in der Publikation vielfach heißt, sondern an den demokratische Uranfang, um den sich die Publikation verdient macht.

Sie rekonstruiert, wie die Paulskirche zum „Dom der Freiheit“ erklärt wurde, was auch damit zu tun hat, dass sie, von 1782 an barock im Kopf des Architekten Andreas Liebhardt, seit 1789 errichtet werden sollte, wobei sich der lutherische Gegenentwurf zum gotischen und katholischen Dom enorm verzögerte. Allein die Planungsgeschichte zog sich aberwitzig hin, blockiert auch durch die Revolutionswirren blieb ein Fortschritt aus. Über Jahre gab es Zwist um den rechten Entwurf – über Jahrzehnte, schon in den 1790er Jahren wurde an einen Grundriss auf einem spätbarocken Oval gedacht, wie Lucia Seiß berichtet, eine nicht vollkommen unbekannte Geschichte, spannend aber alle Male wegen, sagen wir mal, dialektischer Verwicklungen. Entwürfe, Gutachten, mit ihnen Gegenentwürfe, Intrigen, Rivalitäten. Frankfurt hatte, das ist interessant, einen erheblichen Architekturzwist, den ersten um die Paulskirche, nicht den letzten.

Nach 50 Jahren kam es zur Verwirklichung, tatsächlich auf einem ovalen Grundriss ein ungewöhnliches Bauwerk, eines, das den klassizistischen Standards ausgerechnet im mittelalterlichen Stadtgewimmel entsprach, wobei der Klassizismus dem Selbstbewusstsein der Bürger schmeichelte (weit mehr als der Barock). Die Paulskirche, die Rohbau für Jahrzehnte geblieben war, Warenlager, auch Ankerplatz für einen Fesselballon, wäre 1848 nicht zum Versammlungsort des ersten deutschen Parlaments geworden, wenn nicht die Kirchengemeinde sie der Politik überlassen hätte. Am 18. März 1848 die Bitte um Freigabe – und zum 18. März in Deutschland ließe sich überhaupt viel sagen.

Erinnern ließe sich an den 18. März 1793, an die Ausrufung der Mainzer Republik nach dem Vorbild der Revolution in Frankreich. Erinnern ließe sich an den 18. März 1848, den revolutionären Aufstand in Berlin. Und vielleicht noch dieses Detail: Die „Aktion 18. März“, im Januar 1979 in der FR bekannt gemacht, um eben diesen Tag zu einem Feiertag in beiden Deutschlandteilen zu machen, scheiterte an den real existierenden deutsch-deutschen Verhältnissen. Dennoch kam für die DDR der 18. März 1990, der Tag der ersten freien Volkswahlen.

Eine Abschweifung, gewiss, wie überhaupt geschichtsträchtige Daten gelegentlich Abschweifungen im historischen Kontinuum sind. Was die Neuerscheinung in einer Reihe von Paulskirchenpublikationen betrifft, so basiert sie auf einem Symposion, das das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte im September 2019 zusammen mit der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung veranstaltete. Im Buch kommt es zu einem sinnfälligen Beieinander unterschiedlicher Einsichten und Positionen. Deutlich die Parteinahme für einen politischen Pragmatismus, moderat die Linken-Schelte, maßvoll die Kritik an Liberalen und Konservativen.

Es ist ein ewig munteres Thema, warum die Kathederdiskussionen die Revolution auf der Stelle treten, die Mobilisierung für Schwarz-Rot-Gold ins Leere laufen ließen, auch wenn die Verfassung „ein ehrwürdiges Dokument in der freiheitlichen Tradition amerikanischer und französischer Vorbilder“ war, so der Mitherausgeber Alexander Jehn: eine Verfassung ohne „eigentliche Geltung“, ohne Durchsetzungsmöglichkeiten. Die Autorität der alten Kräfte basierte nicht auf Argumenten, sondern gebot über die Armee. In der Machtfrage, die über den Ausgang der Revolution entscheiden sollte, war, fabelhafter Abiturstoff, „die Paulskirche völlig machtlos“ (Jehn).

Die Paulskirche, die von Anfang an so etwas wie ein Projekt war, ein modernes Bauprojekt, stand dann für einige Monate auch für ein politisches Projekt der Moderne. Wobei der Prozess der politischen Willensbildung von der Form der politischen Gruppenbildung beherrscht wurde, nicht so sehr Fraktionen in einem heutigen Sinne, aber von Fraktionierungen und Sektierertum. So großartig die Vision, die auf der Verfassung gründete, die die Paulskirchenversammlung verabschiedete - der parlamentarische Alltag war beherrscht von widerstreitenden Interessen. Der Seufzer Jacob Grimms, der als Sprachwissenschaftler wahrlich wusste, was es bedeutete, sich in eine Aufgabe über beide Ohren hineinzuknien, war aufschlussreich, beklagte er doch das so unproduktiv „Pedantische“.

Dennoch, und trotz alledem und alledem, trotz radikaler Realitätsferne und realer Ohnmacht: Nach 99 Sitzungen hinterließ das Paulskirchenparlament eine Urkunde, die die „Grundrechte des deutschen Volkes“ fixierte, in der Hoffnung auf Freiheit und Demokratie – es war eine Verfassung, die vorbildlich wurde für die von Weimar und das Bonner Grundgesetz.

Daran wurde 1948 feierlich erinnert, während die Festgäste sich am 18. Mai der Paulskirche näherten, um zu ihr aufzuschauen, auch zu der flachen Kuppel. Nackter Materialnot geschuldet, ließ diese sich gewiss metaphysisch überhöhen. Gelesen wurde sie als eine große Allegorie der Wiederaufbauära, die heute noch an den dachlosen Torso des kriegszerstörten Bauwerks erinnert. Gebaute Dezenz.

Nicht erst diese Neuerscheinung, aber doch auch dieses Buch macht anschaulich, wie sehr die Paulskirche immer schon heftigste Meinungsverschiedenheiten ausgelöst hat. Wie die Gestalt der Kirche seit dem ersten Entwurf bereits hochumstritten war. Wie der Meinungsstreit um die Gestaltung der Demokratie 1848 in das Gebäude einzog. Wie ein Wiederaufbau zu gestalten sei, und dazu gehörte 1948 ganz entscheidend die Frage, wie mit dem „Riesenraum“ umzugehen sei. Wie immer, wenn es in der Architektur um Fragen grundsätzlicher Art geht, werden drastische Bilder bemüht, so wurde die Ruine als „riesiger Gasometer“ verunglimpft.

Der Historiker Thomas Bauer zeichnet nach, wie die Sorge im Raum stand, ob nicht der Wiedereinbau der Galerie, auf der das Volk Debattenhitze angemessen folgte, also erregt, erst das Innere strukturiere. Die Planungsgemeinschaft Paulskirche unter Führung von Rudolf Schwarz setzte sich mit ihrem Konzept eines monumentalen Einheitsraums durch, wie tausende Besucher seit der Wiedereröffnung wissen, wenn sie, von den „Weltschöpfungsplänen“ des gewiss großen Kirchenbaumeisters Schwarz angeleitet, durch einen dräuend niedrigen, von zyklopischen Säulen gestützten, kryptaniedrigen Raum aufsteigen ins Plenum, ins Licht! Dezenz? Wiederaufbau aus dem Geist expressionistischer Erweckungsmystik.

Allein mit dieser Art Aufladung eines weltlichen Ortes haben seitdem zehntausende Paulskirchengäste ohne weiteres leben können. Kein Friedenspreisträger, der an dieser Orientierung Anstoß genommen hätte, keine Adornopreisträgerin, aber wie auch, die Architektur ist für die Kritische Theorie ein blinder Fleck. Allerdings auch keine Person, die im Namen des Frankfurter Ghettokindes Ludwig Börne den Preis entgegennahm, nahm Anstoß daran, die Paulskirche durch eine Wandelhalle nach Art einer christlichen Unterkirche betreten zu müssen. Dabei hat die Paulskirche als Resonanzraum der Meinungsverschiedenheiten Geschichte geschrieben, im Spannungsfeld von Stimme und Gegenstimme, was die Gestaltung der Demokratie betrifft, aber auch die Gestalt des Baukörpers selbst. In der Bundesrepublik gibt es ungezählte Baudenkmäler, die an den Wiederaufbau von 1948 erinnern. Und wie viele Gedächtnisorte an 1848 gibt es so?

Es gibt die Paulskirche. „Einst ein ,symbolisierender Sakralraum“‘, wurde einstmals aus dem Paulskirchenbuch von Architekturkritiker Dieter Bartetzko zitiert (FR 12. März 1999), „gibt das Bauwerk heute einen sakralsierendern Symbolraum“ ab. Was Dieter Bartetzko (1949-2015) schrieb, war so vortrefflich wie versöhnlich.

Man muss heute, 22 Jahre später, nicht für das Comeback einer historischen Kopie von 1848 sein, wenn man im Sinne einer zeitgenössischen Weiterentwicklung der Paulskirche für einen Architekturwettbewerb mit klaren Kriterien plädiert, allerdings ohne die durch die Stadtverordnetenversammlung verabschiedete restriktive Auflage. Zu den zwei Seiten dieses Baukörpers gehört, neben seiner Physis, gewiss auch eine metaphysische Dimension. Gehört der Gedanke, dass das Obdach, das aus der totalen Obdachlosigkeit aufgemauert werden musste, nicht nur ein Gedächtnisraum für das nüchterne Pathos eines Baukörpers von 1948 ist, sondern für den so emphatischen wie epochalen Schwung eines Parlaments, den von 1848.

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