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Panzerpolitik von Bundeskanzler Scholz: Eingekreist und verspottet

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Von: Michael Hesse

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Mutete seinen Untertanen einiges zu: Kaiser Wilhelm II.
Mutete seinen Untertanen einiges zu: Kaiser Wilhelm II. © IMAGO/Heritage Images

Führt die Panzerpolitik von Kanzler Scholz Deutschland in die Isolation? Das gab es schon einmal. Nämlich im Kaiserreich.

Deutschland ist militärisch schwach, politisch feige – und wird zum Gespött.“ Das internationale Echo ist, wie hier in der „NZZ“, verheerend. Kritisch äußerte sich sogar der „Guardian“, ein der Sozialdemokratie zugewandtes Medium, über die zögerliche Haltung Deutschlands bei Panzerlieferungen in die Ukraine. Und sogar der Historiker Timothy Garton Ash, ein regelrechter Deutschen-Sympathisant, setzte auf Twitter spöttisch einen Tweet zu einem von ihm geschaffenen Neologismus: „scholzing“: „communicating good intentions only to use/find/invent any reasons imagineable to delay these and /or prevent them from happening.“ Auf Deutsch: „Gute Absichten nur zu kommunizieren, um alle vorstellbaren Gründe zu nutzen/zu finden/zu erfinden, um diese Absichten zu verzögern und/oder zu verhindern, dass sie geschehen.“

Man muss lange zurückdenken, um Deutschland im Zentrum des Gespötts und der internationalen Isolation wiederzufinden. Doch es gab diese Zeit: Im Kaiserreich. Der eiserne Kanzler Otto von Bismarck hatte längst unter dem kraftstrotzenden neuen Kaiser Wilhelm II. demissionieren müssen, bevor das Unheil seinen Lauf nahm. Bismarck selbst hatte für eine kühle Interessenpolitik gestanden, die auch Verbündete vor den Kopf stoßen konnte. So geschehen auf dem Berliner Kongress von 1878, als es um die sogenannte osmanische Frage und Gebietsansprüche des Russischen Reiches ging. Bismarck trat als „ehrlicher Makler“ auf und sorgte auf Kosten der Russen für einen Ausgleich, was man ihm dort äußerst übelnahm. Sie sahen in ihm den Verantwortlichen für die Abtretung ihres „Siegfriedens“ in San Stefano. Das Verhältnis sollte anschließend merklich abkühlen. Die britische Presse hingegen war entzückt von dem aufrichtigen deutschen Kanzler, der auf deutsche Ansprüche gänzlich verzichtet hatte. Sie sprach von ihm und dem britischen Premier Disreali nur noch von „Bizzy“ und „Dizzy“. Durch seine Politik des ausgeschlossenen Dritten – keiner darf sich mit einem anderen zusammen gegen das Deutsche Reich verbünden – hielt der Reichskanzler Europa in einem Gleichgewicht, das Berlin dienlich zu sein schien. Doch das sollte sich ändern.

Russland auf Distanz

Spätestens seit Bismarcks Tod im Jahr 1900 wähnten sich die deutschen Politiker in der Falle und sahen sich von Gegnern umzingelt. Diese Wahrnehmung wuchs sich zu einer regelrechten Paranoia aus und sollte sich als Selffulfilling Prophecy erweisen. In den Jahren 1905/06 war es soweit. Die Deutschen hatten wieder einmal eine gefährliche Isolierung in Europa erkannt. Das Vereinigte Königreich und Frankreich schienen Hand in Hand Politik zu machen. Russland war für ein Bündnis trotz mehrfacher Anläufe von Berliner Seite nicht mehr zu haben. Also kam man im Auswärtigen Amt auf die fatale Idee, durch Druck auf Frankreich das Bündnis zwischen London und Paris auseinanderzudividieren. Zum Anlass nahm man die französische „friedliche Durchdringung“ Marokkos.

Es war die hohe Zeit des Imperialismus, in der sich das Deutsche Reich Teile aus der Welt sichern wollte. Nur in der Frage um nordafrikanische Gebietsansprüche ging es Berlin einzig um die Spaltung des gegnerischen Zweibundes, um die „Einkreisung“ Deutschlands zu durchbrechen. Das Ergebnis war ein Desaster. Kaiser Wilhelm II. hatte eigens seinen Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow nach Tanger geschickt, um Marokko aufzuwerten und den Franzosen klarzumachen, dass ohne Deutschlands Zustimmung in Marokko für sie nichts gehe. Das sorgte in Paris naturgemäß für Wut. Dennoch gelang es Deutschland, eine Konferenz zur Marokko-Frage in Algeciras einzuberufen. Die wichtigsten Staaten nahmen daran teil.

Doch Berlin hatte sich massiv verschätzt. Das Bündnis zwischen London und Paris war bereits viel enger als gedacht. Zudem war der Einfluss dieser Allianz auf andere Staaten viel größer, als die Deutschen es angenommen hatten. In der „Algeciras-Akte“ wurde festgelegt, dass internationale Institutionen zur Kontrolle Marokkos geschaffen werden sollten, allerdings wurde Frankreich zum deutschen Verdruss eine besonders exponierte Stellung eingeräumt. Kurzum: Deutschland stand am Ende der Konferenz als Verlierer und tatsächlich in Europa isolierter Staat da.

Dass es durchaus noch schlimmer kommen konnte, stellte wenig später der deutsche Kaiser Wilhelm II. unter Beweis, als er 1908 der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ ein Interview gab. Darin brüstete er sich, dass er seiner Großmutter, Queen Victoria, einen Schlachtplan für das militärische Vorgehen gegen die Buren in Südafrika geschickt hätte, der dann dem Kriegsgeschehen tatsächlich entsprochen habe - als wären die Briten quasi seiner Anleitung gefolgt. Die Empörung war groß, in Großbritannien, aber vor allem im Deutschen Reich. Der Kaiser dachte sogar an seine Abdankung, obwohl er sich zu Unrecht in der Rolle des Schuldigen sah.

Wilhelm II. hatte das Interview Kanzler Bülow zur vorherigen Durchsicht geschickt, der den Text weiterdelegiert hatte. Das sollte sich als Fehler erweisen. Bülow wollte zunächst nicht als Bauernopfer seinen Rücktritt einreichen. Später tat er es dennoch.

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