Ost-Berlin, 4. November 1989: „Die eigenen, andersartigen Leistungen und progressiven, liberalen Impulse der Wendezeit“.
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Ost-Berlin, 4. November 1989: „Die eigenen, andersartigen Leistungen und progressiven, liberalen Impulse der Wendezeit“.

„Empowerment Ost“

„Das Ostdeutsche muss aufhören, für etwas Zweitklassiges zu stehen“

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, besinnt sich in seinem Buch „Empowerment Ost“ auf seine ostdeutsche Herkunft.

Herr Oberender, in Ihrem Buch „Empowerment Ost“ heißt es zu Beginn: „Rückblickend fällt mir auf, dass ich nie Ostdeutscher sein wollte, weder in der DDR noch danach. Ich habe mich auch lange nicht als solcher empfunden.“ Das hat sich mittlerweile offenbar geändert. Warum?

Identität ist ja immer ein Stück Konstruktion. Und die ist auch ein gesellschaftliches Produkt – ich werde zum Ostler gemacht, oder zum Westler. Wahrscheinlich waren es bei mir die überproportionalen Wahlerfolge der AfD, die medial ein Wiederaufleben des Klischees bewirkt haben, wonach die Ostdeutschen immer noch auf die Abendschule der Demokratie gehen. Das hat mir in Erinnerung gerufen, dass ich selbst aus dem Osten komme, und mich angestachelt, dieser Sichtweise zu widersprechen.

Warum?

Weil ich glaube, dass die Wahlerfolge der AfD nicht nur mit der ostdeutschen Geschichte zu tun haben, sondern noch viel mehr mit der Geschichte der Wiedervereinigung.

Sie schreiben weiter: „Mit dem Einheitsvertrag kam das neue Geld und der neue Staat, kamen die neuen Experten aus dem Westen, die Vorgesetzte wurden. Es fand eine ungeheure Verdrängung des Ostens aus dem Osten statt.“ Ferner beklagen Sie einen „kolonialen Gestus der westdeutsch dominierten Politik und Medien“. Sehen Sie die politischen Probleme von heute als Reaktion darauf?

Zu großen Teilen ja. Aber es geht nicht ums Beklagen. Mein Buch nimmt lediglich eine Perspektive ein, die in der Regel zu kurz kommt. Wichtige Bausteine kommen in der Erzählung der gesamtdeutschen Vereinigungsgeschichte nicht vor, und diese Puzzle-Teile müssen wir mit Farbe bedrucken und einfügen. Dazu gehört auch die Behandlung der ehemaligen DDR als eine Art Entwicklungsland. Die Entwicklungshelfer waren Westdeutsche mit ihrer „Buschzulage“ für den Einsatz im Osten. Diese Normalsicht unterschlägt, dass die Ostdeutschen sich mit ihrer Revolution von ihrer Diktatur selbst befreit haben, es eine breite demokratische Mobilisierung gab, mit eigenen Vorstellungen von einer anderen Zukunft. Die sind mit dem Beitritt zur Bundesrepublik größtenteils im Nichts verlaufen.

Ist das auch die Erklärung dafür, dass im Osten zuletzt so vieles ins Negative umgeschlagen ist?

Die ostdeutsche Geschichte des Aufbruchs in eine andere Gesellschaft hat leider die AfD missbraucht mit Slogans wie „Vollende die Wende“. Lernen funktionierte 30 Jahre immer nur als Lernen vom Westen, so dass es in den neuen Ländern kaum mehr ein natives Selbstbewusstsein der eigenen, andersartigen Leistungen und progressiven, liberalen Impulse der Wendezeit gibt.

AfD und Pegida wären dieser Lesart zufolge die dunkle Seite gescheiterter Emanzipationsbestrebungen der 90er Jahre.

Die AfD ist keine ostdeutsche Erfindung und hat auch in Ostdeutschland westdeutsche Köpfe. Der erste Widerstand der neuen Länder gegen die Härten der Vereinigung hat sich links artikuliert, durch die PDS. Und die planmäßige Nicht-Beteiligung dieser linken Partei hat irgendwann zu der Erfahrung geführt, dass es keinen Sinn hat. Dem folgte der Rechtsschwenk. Obwohl gerade Gregor Gysi ein gesamtdeutsch liebgehabter Politiker geworden ist, war die Geschichte der Assimilation der ostdeutschen Linken eine ziemlich fatale. Generell ist ein großes Ungleichgewicht entstanden. Und die ostdeutsche Geschichte erscheint nach wie vor wie eine bloße Erweiterung der westdeutschen Geschichte. Das müssen wir relativieren.

Hat sich daran in den letzten Jahren nicht einiges geändert? Gerade im Journalismus gibt es mittlerweile viele starke ostdeutsche Stimmen.

Ja, es gibt eindeutig eine Entwicklung zum Guten, vor allem publizistisch, vielleicht irgendwann auch strukturell. Es gibt heute starke ostdeutsche Stimmen und Raum für andersartige Perspektiven, weil sie nicht mehr reflexartig als rückwärtsgewandt abgelehnt werden. Das empfinde ich als sehr wertvoll.

Das heißt, die AfD hat ungewollt etwas Positives bewirkt?

Das Buch

Thomas Oberender:Empowerment Ost. Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 112 S., 12 Euro.

Sie ist eine Art Trugbrecher, denn sie hat den liberalen Konsens der alten Bundesrepublik zerstört – sie ist offen rechtsextrem, europa- und diversitätsfeindlich. Die AfD zwingt uns, wirkliche Fragen zu stellen – Fragen der Identität, der Heimat, es geht um Angst, Sachen, die mit Geld nicht unmittelbar zu reparieren sind, aber mit Neugier, Aufmerksamkeit, Augenhöhe. Wofür die AfD absolut die falsche Partei ist. Trotzdem muss es den demokratischen Kräften um die Korrektur einer demütigenden Politik gehen, nur das stoppt die Rechten.

Genauso gut können sich rechtsextreme Milieus auch verfestigen, in Teilen Ostdeutschlands tun sie das.

Sie gehen dahin, wo wir wegschauen. Sagen Sie dreißig Jahre lang Leuten, dass ihre Herkunft aus einer Diktatur ein Problem ist, sie politisch naiv waren und so viel Geld bekommen haben, dass es keinen Grund zur Klage gibt, und Sie heben die AfD-Quote weiter. Die ostdeutsche Revolution war die einzige in der deutschen Geschichte, die gut ging und einen Überschuss an alternativen, progressiven Ideen erzeugt hat – da könnte man ansetzen. Gesamtgesellschaftlich haben wir aber leider kein ausreichendes Gefühl dafür entwickelt, welche systemische Gewalt dieser Takeover des Ostens durch den Westen entwickelt hat.

„Empowerment Ost“ klingt so, als sollte der Osten jetzt vor allem sein eigenes Ding machen. Ist das Ihr Plan?

Das Ziel von „Empowerment Ost“ ist, wie der Titel sagt, Kraft zu geben für die Zukunft. Ich habe es für eine jüngere Generation geschrieben. Es gibt so viele Menschen im Osten, die sich engagieren – gegen rechts, aber auch dafür, den Schatz an Differenz, den es innerhalb der andersartigen Entwicklung im Osten gab, neu zu betrachten und nutzbar zu halten. Es gab 1990 einen ostdeutschen Verfassungsentwurf, eine starke Umweltbewegung, eine ebenbürtige Kunstgeschichte. Das zu kräftigen, ist der Sinn des Buches.

Viele Westdeutsche werden trotzdem sagen: „Ach, immer noch die alte Platte.“

Aber man fängt langsam an, die Traumata und Träume wirklich zu hören, nicht nur als Hintergrundrauschen. Es hat auch 25 Jahre gedauert, bis man begonnen hat, die Nazizeit in ihrer Tiefe aufzuarbeiten. Offenbar braucht es immer eine Generation Abstand. So wird es mit der Wendezeit auch sein.

Sie sind also nicht pessimistisch.

Im Gegenteil. Meine Hoffnung ist, dass wir realistischer werden. Die Jungen graben den Acker der Geschichte auf ihre Weise um – die finden schon, was sie zur Heilung brauchen.

Nochmal zurück: Dass das Ostdeutsche für Ihre Identität jetzt eine größere Rolle spielt – was bedeutet das genau?

Dass ich anfange, andere Freundschaften zu schließen, andere Bücher zu lesen, andere Ressourcen zu entdecken. Ich möchte mich weiterhin nicht als Ostdeutscher definieren, sondern ich möchte, dass das Ostdeutsche aufhört, für etwas Zweitklassiges zu stehen. Diese Komplexe, die ich tief verinnerlicht hatte, habe ich erst in den letzten Jahren abgelegt. Ich war demütig für jede Chance und fleißig ohne Ende – vielleicht wie ein syrischer Flüchtling heute. Ich hatte stets Glück; ich war nie Opfer. Ich wehre mich nur gegen diesen Rahmen, den mein Leben oft noch erhält.

Flapsig könnte man sagen: Für einen Ossi haben Sie es ziemlich weit gebracht?

Das ist ein schrecklicher Satz. Aber noch schrecklicher ist, dass ich ihn mir manchmal selber sage.

Interview: Markus Decker

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