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Historiker: Putins Essay ist „einfach verrückt“

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Von: Michael Hesse

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Nikolaus-I.-Statue in St. Petersburg: „Ihn und Putin eint die Furcht vor der Demokratie, die Russland destabilisieren könnte.“
Nikolaus-I.-Statue in St. Petersburg: „Ihn und Putin eint die Furcht vor der Demokratie, die Russland destabilisieren könnte.“ © Stephan Görlich/Imago

Der deutsch-britische Historiker Orlando Figes über Mythen für die Politik in Russland– und die Frage, was Putin mit Zar Nikolaus I. verbindet.

Professor Figes, Sie wollten nach dem Brexit EU-Bürger bleiben, sagten Sie im letzten FR-Interview, und daher die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Sind Sie mittlerweile deutscher Staatsbürger?

Ja, in der Tat. Ich bin als deutscher Staatsbürger mit einem deutschen Pass nach Berlin gereist.

Herzlichen Glückwunsch!

Vielen Dank!

In einem Interview hieß es, dass Sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich umbringen wollen. Ich habe mich gefragt, mit welchem Gegenstand Sie das tun wollen.

Nein, solche Pläne hege ich nicht. Nicht wirklich, nicht real. Ich hatte gesagt, dass ich ihn töten könnte für das, was er tut, aber das ist eher metaphorisch zu verstehen als Ausdruck meiner Wut, nicht als wirkliches Vorhaben.

Russland: Wladimir Putin hat „einen weichen Händedruck“

Ist ein Tyrannenmord dennoch angebracht?

Wenn es zur Folge hätte, dass das Regime verschwindet, wäre dies sicherlich die beste Sache, die passieren könnte.

Haben Sie Putin jemals persönlich getroffen?

Ich habe ihn getroffen, ja. Sogar schon zweimal. Einmal auf der Valdai-Konferenz im Jahr 2015. Wir haben ein paar Worte gewechselt. Die einzige nützliche Information, die ich nach dem Treffen mit Wladimir Putin weitergeben kann, ist die, dass er einen weichen Händedruck hat. Er ist nicht so, wie man es erwarten würde. Man könnte sagen: Hinter jedem Diktator steht ein kleiner Mann.

Putin: Was ihn mit der Geschichte von Russland verbindet

Sie haben bereits viele Bücher zur russischen Geschichte geschrieben. Welche neue Perspektive wollen Sie nun eröffnen?

Es ist sozusagen mein Lockdown-Buch, ich schrieb es in der Corona-Pandemie. Das Buch sollte all das zusammenfassen, was ich im Gegensatz zu der zunehmend imperialen Deutung der Geschichte durch das Putin-Regime über die russische Geschichte gedacht habe. Ich fand es wichtig, über die Deutung der Geschichte Russlands zu schreiben, die jetzt als Waffe zur Rechtfertigung des Krieges gegen die Ukraine missbraucht wird.

Man sollte wissen, dass kein anderes Land so häufig neu erfunden wurde wie Russland mit seinen in der Geschichte wechselnden Ideologien. Die Leser und die Leserinnen sollten daher ein Gefühl dafür erhalten, was die heilige Macht des Zaren, die besondere Mission Russlands bedeuten.

Russland: Putin hält den Mythos Großrussland am Leben

Putin hat in einem Essay von 2021 seine Position gegenüber der russischen Geschichte klar umrissen, Russen, Weißrussen und Kleinrussen, sie alle gehören zu Russland dazu. Ist das ein historisches Hirngespinst?

Man sollte sich fragen, was solche Rückbezüge auf das 12. Jahrhundert für die Gegenwart bringen sollen. Das hat rein gar nichts mit der Gegenwart zu tun. Was Putin geschrieben hat, ist einfach verrückt. Die Vorstellung, dass es ein Großrussland gibt, mit der Ukraine als ihrer Region, ist in diesem Sinne schon alt, sehr alter Stoff, ein Beispiel für den Übergang von Geschichte und Mythos. Putin hat sich da an der Geschichtsschreibung seit dem 12. Jahrhundert bedient und nutzt das zur innenpolitischen Mobilisation. Hinzu kommt noch die älteste Story der russischen Geschichte.

Die da wäre?

Dass Russland durch westliche Mächte bedroht ist. Es gibt die Vorstellung, dass der Westen Russland einnehmen und den russischen Charakter, seine Werte und Religion zerstören will. Das ist der Plot von Eisensteins Film: Die Nazis kommen, um die Russen zu erniedrigen, und man benötigt einen starken Führer, um Russland zu retten. Diese Story hält sich quer durch die russische Geschichte.

Russland: Putin und die russische Staatskunst

Kann Putin durch andere frühere Herrscher erklärt werden?

Er rechtfertigt seine Herrschaft durch die historischen Beispiele seit Peter dem Großen. Er ist eher ein Antibolschewist und setzt sich nicht mit Stalin gleich, auch wenn er einen ähnlichen Personenkult wie dieser um sich aufbaut: als Autokrat, der die Verantwortung für das ganze Land auf seinen Schultern trägt. Stalin sagte, dass die Russen einen Zaren brauchen. Das hat mit den besonderen Vorstellungen von Autorität in der russischen Staatskunst zu tun. Das hat Putin offensichtlich inspiriert.

Eher als mit Stalin vergleicht er sich aber mit den Zaren, die im Kreml als Statuen zu sehen sind: Peter der Große, Katharina die Große, Alexander, der Napoleon besiegte, und Nikolaus I. Die Statuen stehen hinter dem großen Tisch, an dem er andere Staats- und Regierungschefs empfängt.

Zur Person

Orlando Figes, geboren 1959 in London, lehrt dort als Professor für Geschichte am Birkbeck College. Seit kurzem ist Figes deutsch-britischer Staatsbürger. Er zählt zu den renommiertesten Historikern Großbritanniens und ist Verfasser international hochgelobter Bücher zur russischen Geschichte.

Zu seinen wichtigsten Werken zählen Bücher wie sein preisgekröntes Standardwerk „Die Tragödie eines Volkes“, „Hundert Jahre Revolution“ oder „Der Krimkrieg“.

Sein neues Buch „Eine Geschichte Russlands“, a. d. Engl. v. Norbert Juraschitz, ist soeben bei Klett-Cotta erschienen, 448 Seiten, 28 Euro.

Russland: Putin und seine Furcht vor der Demokratie

Was verbindet ihn mit Zar Nikolaus I.?

Nikolaus I. ist das Paradigma eines ideologischen Reflexes auf die revolutionären Bewegungen in Europa nach dem Wiener Kongress. Ein Beispiel antiwestlicher Haltung, ihm ähnelt Putin am ehesten von den vier genannten Zaren. Beide eint die Furcht vor der Demokratie, die Russland destabilisieren könnte.

Nikolaus I. zog ganz Europa in den Krieg um die Krim im 19. Jahrhundert, er verlor schließlich, was ein Desaster für Russland war. Er hält sich an die Vorstellung eines heiligen Russlands, der Einheit der Slawen, der Autokratie, Orthodoxie und Nationalismus, allesamt Dinge, die Putin teilt. Putin erscheint so als ein Verteidiger Russlands gegen den Westen.

Auch für Putin könnte die Sache schlecht ausgehen.

Ich glaube nicht, dass Russland den Ukraine-Krieg unbegrenzt weiterführen kann, sondern eher die eroberten Gebiete verteidigen will. Aber Putin wird darauf setzen, dass der Westen aufgrund seiner politischen Instabilität wegen der hohen Lebenshaltungskosten nachgeben wird. Es wird wichtig sein, dass die Menschen in der Ukraine, die den Krieg für sich und für uns führen, aus einer Position der Stärke heraus diesen Krieg beenden können. Am Ende bleibt der einzige Weg aus bewaffneten Konflikten die Diplomatie.

Putin: Russland, die russische Seele und eine historische Mission

Sie betonen in Ihrem Buch die Bedeutung der Mythen für die russische Geschichte.

Der Kulturhistoriker Michael Cherniavsky sagte einmal, dass die Menschen in Russland, je härter das Leben wird, umso mehr Hoffnung und Erlösung in Mythen suchen, die die alltägliche Realität transzendieren. Diese Idee wurde von Staat und Kirche über viele Jahrhunderte hinweg kultiviert. Die religiöse Kontinuität für das russische Selbstverständnis, der heilige Zar, das heilige Russland, die russische Seele, die historische Mission.

Das alles ist sehr lebendig in Russland. Diese Auffassung spiegelt die Meinung wider, dass es nicht ausreicht, einfach nur einen besseren Lebensstandard zu haben; man benötigt etwas Größeres, eine höhere Mission. Diese Idee hat sich in vielfacher Ausprägung in der russischen Geschichte erhalten.

Woher rührt der heutige Nationalismus in Russland?

Der Nationalismus hat seinen Grund in einer Enttäuschung nach dem Fall des Kommunismus und den Versprechen des Westens. Das Ressentiment rührt von fehlender Anerkennung durch den Westen her. Der Sieg über die Nazis hat den Nationalismus ebenso bestärkt, wie der Kalte Krieg erneut dem Nationalismus neue Energie zugeführt hat.

Putin: Russland gegen den Westen, gegen die Nazis

Schon Peter der Große sah die Ukraine in der russischen Interessensphäre. Hätte die Nato da nicht tatsächlich sensibler sein müssen?

Die Mongolen hatten diese Regionen eingenommen, genau wie später die Polen, die Nazis fielen dort ein. Und nun sieht man aus russischer Perspektive die Bedrohung durch die Nato. Die Ukraine hat für Russland eine besondere Signifikanz. Aber der kriegerische Einfall hat vielmehr damit zu tun, eine Landbrücke zur Krim zu schaffen. Putin hat den Fall der Sowjetunion 1991 erlebt, er will Einfluss auf die Ukraine gewinnen. Es ist eine Art Rache des früheren KGB-Spions für das Desaster seiner Vorgesetzten, das zum Fall der Sowjetunion geführt hat.

Seit wann gibt es diese Trennung zwischen West und Ost, die wir in der heutigen Ukraine beobachten?

Sie geht auf die Herrschaft der Mongolen zurück. Die westlichen Provinzen der Ukraine gerieten unter Protektion Polens und später der Habsburger, der Rest lag auf dem Herrschaftsgebiet der Mongolen. Das ist genau die Frontlinie, die 2014 von den Russen abgetrennt wurde. Diese Grenze ist mittlerweile zu einer globalen Frontlinie geworden zwischen den westlichen Staaten und Russland mit China, Iran, vielleicht sogar Indien. Es ist ein globaler Konflikt.

Russland: Putin und Selenskyj werden einen Kompromiss finden müssen

Wie finden Sie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj? Wie wirkt er auf Sie?

Absolut erstaunlich. Ein inspirierender Präsident. Er ist sehr clever. Wie er mit seinen Bürgern und Bürgerinnen spricht, einfach großartig. Aber er steckt in einer sehr schwierigen Situation. Im Augenblick hält er die Idee des Sieges hoch: Wir werden Putin schlagen und die Gebiete zurückerobern, wie damals von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg.

Aber eine Nation wie Russland mit ihren Atomwaffen bezwingen zu wollen, wird kaum möglich sein. Von einem gewissen Punkt an wird der Westen vermutlich Druck auf Wolodymyr Selenskyj ausüben, um zu einem Kompromissfrieden zu kommen. Das wird ein hoher Preis für ihn sein. Denn er wird den versprochenen Sieg nicht liefern können.

An welche Ära erinnert Sie das heutige Russland am stärksten?

Schwer zu sagen. Aber am stärksten erinnert es mich an das Russland von 1916. Die Menschen wollten nicht mehr kämpfen, die Wirtschaft war schwer beschädigt. Wer weiß, Revolutionen kommen schnell und überraschend, das ist der Charakter von Revolutionen. Vielleicht steht auch jetzt eine Revolution bevor.

(Das Interview führte Michael Hesse.)

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