„Ich bin Lehrer“: Gedenken an den Mord an Samuel Paty am 16. Oktober in einem Vorort von Paris.
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„Ich bin Lehrer“: Gedenken an den Mord an Samuel Paty am 16. Oktober in einem Vorort von Paris.

Islamistische Messerattacken

„Es ist eine Generation im Zeichen der De-Kulturalisierung des Islam“

  • vonMichael Hesse
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Der Politikwissenschaftler Olivier Roy spricht über die Anschläge in Dresden und Paris – und Täter, die den Koran nicht lesen.

  • Die FR führt ein Interview mit dem Wissenschaftler Roy.

Professor Roy, sind nach den islamistischen Anschlägen von Dresden und Paris gemeinsame Muster erkennbar?

Ja, es gibt ein allgemeines Muster. Nach dem Attentat auf den Nachtklub Bataclan 2015 dominieren individuelle Aktionen mit Messern. Es gibt keine Gruppen mehr, die mit Kalaschnikows Menschen umbringen. Es ist eine neue Generation von Terroristen. Das gleiche findet sich in Großbritannien und Deutschland. Eine Art individueller Terrorismus. Und es gibt immer noch eine suizidale Dimension. Die Angreifer werden meistens durch die Polizei getötet. In Frankreich gab es einige Dutzend Attacken, in Deutschland gab es auch einige. Sie werden durch die Polizei getötet. Die Faszination des Todes wirkt in dieser Generation immer noch nach.

Woher kommt die Radikalisierung dieser Menschen?

Man kann nicht von einer religiösen Radikalisierung per se sprechen. Viele von ihnen wurden vorher nicht bei den Salafisten gesehen. Es gibt Ausnahmen, gewiss. Wenn sie sich radikalisieren, übernehmen sie jedoch die salafistische Lebensweise. Es ist das, was ich Islamisierung der Radikalisierung nenne. Sie nutzen die islamistischen Narrative, also solche von Al-Kaida und Daesh. Vermeintliche junge Helden, die die muslimische Umma gegen eine Gesellschaft wenden, die völlig häretisch ist. Sie glauben daran, ins Paradies einzuziehen. Die meisten von ihnen sind Außenseiter, sie kommen nicht aus dem islamischen Mainstream muslimischer Gemeinschaften. Viele von ihnen trifft man nicht in den Moscheen.

Menschen werden in Gefängnissen radikadisiert

Wo findet die Radikalisierung dann statt?

Die Hälfte von ihnen wird in Gefängnissen radikalisiert. Der französische Justizminister hat lange gebraucht, um das einzusehen. Dort werden sie gezielt angesprochen. Oft sind es Kleinkriminelle, die keine religiöse Vergangenheit haben. Sie stammen vor allem aus der zweiten Generation. Der jetzige Täter war in einem Kampfsport-Club, das ist auch ein regelmäßig wiederkehrendes Muster. Aber er war nie in Haft.

„Es ist nicht so, dass sie den Koran lesen und dann ihre Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht schauen sie manchmal in den Koran hinein und ziehen drei Verse heraus für ihre Taten. Aber ansonsten scheren sie sich nicht um die Theologie.“ 

Olivier Roy, Politologe

Ist die Wahrnehmung richtig, dass viele aus Tschetschenien kommen?

Ja, sie sind überrepräsentiert. Dabei handelt es sich um eine kleine Bevölkerungsgruppe. Bei Daesh gibt es viele Tschetschenen. Es gab sogar eine tschetschenische Kampfgruppe in Syrien. Es gibt ein großes Problem mit den Tschetschenen. Diese jungen Männer sind Kämpfer, sie haben oft eine dunkle Vergangenheit. Viele von ihnen zählen zur zweiten Generation.

Was macht sie aus?

Es ist eine Generation im Zeichen der De-Kulturalisierung des Islam. Es gibt also nicht einfach eine Transformation des traditionellen Islam. De-Kulturalisierung und Rekonstruktion des Islam sind die beiden Pfeiler, auf die sich ihre Radikalisierung stützt. Sie halten ihre Väter für Verlierer. Genauso ist es bei den Konvertiten. Der Grund der Gewalt sind die De-Kulturalisierung und der narzisstische Kult des Heroismus. Auf dem Marktplatz der Religionen findet sich eine Form des Islam in der Ideologie des Kampfes. Die Terroristen treten ein in das Narrativ der Apokalypse. Es ist nicht so, dass sie den Koran lesen und dann ihre Schlüsse daraus ziehen. Vielleicht schauen sie manchmal in den Koran hinein und ziehen drei Verse heraus für ihre Taten. Aber ansonsten scheren sie sich nicht um die Theologie.

Olivier Roy.

Zur Person

Olivier Roy, Jg. 1949, ist Politologe und Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum in Paris. Er hat zahlreiche Bücher über den Islam und den islamistisch motivierten Terrorismus veröffentlicht, darunter auf deutsch „Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen“ sowie „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod. Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors“.

Ein Generationenkonflikt?

Ja, es ist ein Generationenkonflikt. Sie sprechen nicht die Sprache ihrer Großväter, sie folgen nicht der Tradition des Islam, denen ihre Eltern oder Großeltern gefolgt sind. Sie glauben, eine reinere Religion zu praktizieren. Nach dem Motto: Sehr her, ich bin ein besserer Muslim als mein Vater, mein Vater ist ein Loser. Ich bin der Hero. Meine Eltern haben keine gute Religion, ich habe eine bessere. Das ist das Narrativ. Zudem haben sie viele Konvertiten. Das sind allgemeine Muster der zweiten Generation, die sich in vielen Ländern finden. Das gilt auch für Deutschland oder Großbritannien. Es gibt viele Konvertiten, rund 20 bis 25 Prozent der radikalen Islamisten.

Das hat nichts mit der Religion des Islam zu tun?

Nein. Früher war es Baader-Meinhof, heute Daesh. Sie gehen ins Paradies ein, so glauben sie. Das hat nichts mit Theologie zu tun. Sie kümmern sich nicht um die theologische Software.

„Es kommen keine Kämpfer mehr nach Europa.“

Olivier Roy

Stützen sie sich noch auf die Islamisten in anderen Teilen der Welt?

Der globale Dschihadismus fasziniert sie nach wie vor. Aber es kommen keine Kämpfer mehr nach Europa. Boko Haram in Nigeria zieht keine globalen Kämpfer an und sendet auch keine nach Europa. Für Daesh war es Selbstmord, Terroristen in den Westen zu schicken. Zuerst funktionierte es, dann gab es einen harten Rückschlag, weil sie die Amerikaner angegriffen haben. Die Amerikaner kümmern sich nicht um den Frieden in der Welt, aber wenn man sie angreift, schlagen sie zurück. Es war ein Fehler, den globalen Terrorismus realisieren zu wollen.

Wie sollen Lehrer nun mit dem Thema Meinungsfreiheit in Bezug auf die Mohammed-Karikaturen umgehen?

Wenn sie diese nicht zeigen, wird der Terrorismus siegen, tun sie es, werden sie für Aufmerksamkeit sorgen. Es war ein sehr guter Lehrer, geschätzt bei den Schülern. Es ist der Preis der Integration, dass die Bilder gezeigt werden. Das Problem ist nicht der Multikulturalismus, sondern die Frage der Werte. Präsident Macron spricht von den Werten der Republik. Das Problem ist, Meinungsfreiheit lässt es eben auch zu, dass man das Zeigen von Mohammed-Karikaturen nicht akzeptiert. Und was die Werte der Republik angeht, was ist dann mit den konservativen Juden oder den konservativen Katholiken. Ein Mönch folgt nicht den Werten der Republik: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das System in Frankreich, das eine abgehobene Bildungselite erzeugt, hat wenig zu tun mit Brüderlichkeit. Das Problem sind nicht die Werte, sondern ist die Gewalt. Wenn man den radikalen Islamisten mit Gleichheit und Brüderlichkeit kommt, dann lachen sie.

Interview: Michael Hesse

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