Kapitalismus weltweit

Ökonom Milanovic im Interview: Kapitalismus werde in Zukunft noch bedeutender

  • vonMichael Hesse
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Der Ökonom Branko Milanovic über die hart arbeitenden Superreichen von heute, Unterschiede zwischen den USA und China und einen Kapitalismus, der nicht weniger wichtig wird.

  • Die Welt ist vom Kapitalismus durchdrungen, Gegentrends zeichen sich derzeit keine ab.
  • Dabei ist das System Kapitalismus ständig in Bewegung und entwickelt neue Formen – manche zuungunsten der Menschheit
  • Der Ökonom Branko Milanovic entwirft im Interview Zukunftsperspektiven für das allgegenwärtige System Kapitalismus

Professor Milanovic, erleben wir den Fall der USA als Weltmacht?

Ich weiß nicht, das klingt etwas zu extrem. 1990 standen die USA auf dem Zenit ihrer Macht, militärisch, wirtschaftlich und politisch. Wenn man das mit dem heutigen Zustand vergleicht, ist es ein großer Unterschied. Schaut man auf die politische Seite, ist der Aufstieg Chinas die größte Herausforderung und der größte Unterschied zu 1990. Und die Demokratie in den USA scheint nicht mehr so zu funktionieren wie früher, als man ideologisch behauptete, das beste System der Welt zu haben. Es wird sehr schwierig sein, wieder auf das Niveau von 1990 zurückzukehren.

Kampf der Systeme oder Annäherung? Kapitalismus in USA und China wird ähnlicher

Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen dem liberalen und dem politischen Kapitalismus. Die eine Form steht für das westliche, die andere für das chinesische Modell. Sehen Sie heute eine Konvergenz zwischen den USA, die sich immer mehr zu einer Oligarchie entwickelt haben, und China?

Beide Systeme sind unterschiedlich, der politische Kapitalismus unterscheidet sich vom liberalen Kapitalismus in dem Sinne, dass er ein nicht-demokratisches System darstellt. Der politische Kapitalismus will die Menschen davon abbringen, sich mit der Politik zu beschäftigen. Es gelingt ihm vor allen Dingen dann, wenn die Frustrationen über demokratische Politik hoch sind. In China sehen wir, dass die politische Macht oft genutzt wird, um ökonomische Macht zu erlangen. Das lässt sich bei vielen chinesischen Familien beobachten, die über eine politische Macht verfügen und diese nutzen, um von der ökonomischen Seite zu profitieren. In den USA ist es so, dass Menschen ihre ökonomische Macht nutzen, um zu politischer Macht zu gelangen. Reiche Leute streben in den USA in die politische Arena und in die Medien. Es gibt Tausende von Lobbyisten, die für die Reichen tätig sind. Eine gefährliche Konsequenz: Das politische System wird zunehmend plutokratisch. Insofern könnte es eine Annäherung der Systeme geben, da das demokratische System immer undemokratischer wird.

Was erwarten Sie für beide Systeme?

Je mehr die politische mit der wirtschaftlichen Macht verschmilzt, desto plutokratischer wird der Kapitalismus. Für das Modell des liberalen Kapitalismus bedeutet das, dass es dem politischen Kapitalismus immer ähnlicher wird. Überdies glaube ich nicht, dass aus China eine Demokratie wird. Wer naiv war, glaubte 1990, es werde ein politisches System für alle geben: liberal, kapitalistisch, demokratisch. Die Welt ist jedoch ein sehr komplexer Ort mit sehr unterschiedlichen historischen Hintergründen.

Kapitalismus in China: Export des eigenen Modells

Das chinesische System gilt als effizienter. Das glauben zumindest westliche Eliten.

China ist historisch gesehen ja nie besonders daran interessiert gewesen, das eigene Modell zu exportieren. Im 15. Jahrhundert verfügte das Land über mehr Menschen und auch mehr Schiffe als Europa. Man nutzte seine Möglichkeiten jedoch eher für Erkundungszüge und nicht dazu, anderen das eigene System aufzuzwingen. Anders als die Europäer unter Kolumbus, wie wir wissen. Die Europäer haben die Länder erobert, und zwar aus ökonomischen Gründen; man kann sagen, dass es Raubzüge waren. In Chinas Fall ändert sich die Haltung gerade durch Chinas Belt-and-Road-Initiative („Neue Seidenstraße“): China hat mehr Interessen, sein Modell zu exportieren. Und die westlichen Eliten finden das Modell interessant.

West-östlicher Kapitalismus, hier in Hongkong.

Eliten im globalisierten Kapitalismus: Doch mit Arbeit reich geworden

Was hat sich bei den Eliten in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Die westlichen Eliten haben sich signifikant verändert. Im Vergleich zur Zeit vor 50 Jahren erzielen die obersten zehn Prozent mehr Kapitaleinkommen und ein höheres Einkommen durch Arbeit. Wenn man sich den klassischen Kapitalismus ansieht, sind die Einkommen der Eliten seit Ende der 1990er Jahre und 2000er Jahre höher als vor dem Ersten Weltkrieg und auch höher als nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab damals viele reiche Leute, die ihr Einkommen jedoch nicht durch Arbeit bezogen, sondern allein durch Kapitalanlagen.

Dabei ist es geblieben?

Was man nun sieht bei der US-amerikanischen Elite: Ein Drittel davon ist sowohl bei den obersten zehn Prozent der Kapitaleinkommen als auch bei den obersten zehn Prozent des Einkommens durch Arbeit. Das ist ein großer Wandel. Die Menschen haben viel Vermögen durch Eigentum, aber auch durch Arbeit. Viele von ihnen arbeiten sehr hart. Sie arbeiten in der Woche oft viel mehr als die Leute, die in der Hierarchie unter ihnen stehen. Aus ethischer, steuerökonomischer Sicht ist es schwieriger, mit dieser Elite nicht übereinzustimmen.

Macht im globalen Kapitalismus – Eliten bleiben lieber unter sich

Eine hart arbeitende Elite?

Man kann nicht mehr sagen: Sie tun nichts und verdienen viel. Nein, sie arbeiten hart. Das Zweite ist, dass sie nicht selten untereinander heiraten. Es sind hoch ausgebildete Frauen, die hoch ausgebildete Männer heiraten. Beide bleiben berufstätig. Für ihre Kinder suchen sie Schulen, die extrem teuer sind. Nur wenn man sehr reich ist, kann man sich diese Schulen leisten, die 60 000 Euro im Jahr kosten. Die Kinder gehen auf die besten Schulen und bekommen später die besten Jobs. Das bedeutet, diese Elite ist extrem effizient darin, ihre Macht zu festigen und über Generationen weiterzugeben. Die gute Ausbildung wird noch durch ein extrem gutes Netzwerk ergänzt.

Zur Person:

Branko Milanovic , geboren 1953 in Belgrad, ist ein serbisch-US-amerikanischer Ökonom. In der Weltbank arbeitete er in der Forschungsabteilung und beschäftigte sich vor allem mit Fragen der sozialen Ungleichheit.

Er hatte in den USA diverse Gastprofessuren inne und erhielt für seine Veröffentlichungen zahlreiche Auszeichnungen, etwa den Bruno-Kreisky- und den Hans-Matthöfer-Preis.

Was man braucht, sind Steuererleichterungen für die Mittelschicht. Die Menschen können so mehr Zugang zu Finanz- und Immobilienvermögen erhalten. Dann muss es eine stärkere Besteuerung der Reichen geben. Und man muss zu höheren Erbschaftssteuern zurückkehren. Das Ziel muss es sein, die hohe Konzentration der Vermögen in den Händen Einzelner zu reduzieren.

Für einen sozialen Kapitalismus müsse der Plutokratie Einhalt geboten werden

Wie steht es mit der Bildung?

Damit sich hier etwas ändert, muss das öffentliche Schulsystem besonders in den USA viel besser und attraktiver werden. Und natürlich muss Bildung frei sein, zumindest müssen die Kosten niedrig genug sein, damit sie nicht nur für die Mittelschicht, sondern auch die unteren Einkommensgruppen zugänglich ist. Es ist nicht besonders schwierig, das zu erreichen. Man braucht nur Geld. Die Mittel für das öffentliche Schulsystem müssen deutlich aufgestockt werden. Wenn man viel Geld gibt, haben auch diese Schulen die besten Lehrkräfte.

Die Eliten haben aber auch einen gewaltigen Einfluss auf die Politik, vor allem in den USA.

Man muss die Möglichkeiten für reiche Menschen begrenzen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Das bedeutet, dass man politische Kampagnen ausschließlich öffentlich finanzieren muss. Das ist alles nicht besonders komplex.

Technischer Wandel im Kapitalismus: Mehr Chancen als Gefahrn

Nun steht eine technologische Revolution an. Wie stark wird das die Welt verändern?

Ich bin grundsätzlich ein Optimist, wenn es um technologischen Wandel geht. Ich würde aber nicht sagen, dass er für alle von Vorteil ist. Es wird Jobs geben, die durch den Wandel überflüssig werden. Wir denken an Roboter mit menschenähnlichen Zügen, die uns eines Tages ersetzen, das ist etwas irreführend, denn es geht wie immer in der Geschichte um Maschinen, die Tätigkeiten von Menschen übernehmen. Wir haben 200 Jahre technologischer Innovation hinter uns, die natürlich fast alle betroffen hat. Der Anthropomorphismus der Roboter ruft Furcht und Faszination gleichermaßen hervor. Aber darüber hinaus ist technologischer Wandel gut.

Das sehen viele anders.

Er sorgt dafür, dass Dinge billiger werden, wir mehr Sachen genießen können. Und wir können nicht voraussehen, welche neuen Jobs geschaffen werden. Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Jobs durch neue Technologien wegfallen, und fragen uns, was wir mit den Arbeitslosen machen. Aber es wird eben auch neue Jobs geben. Wir haben das in unserer Lebenszeit doch schon mit der Informationstechnologie gesehen. Bislang haben neue Technologien am Ende mehr Jobs geschaffen als vernichtet. Zudem waren diese Jobs besser als die, die verloren gingen.

Neue Ideen für eine vom Kapitalismus durchdrungene Welt: Grundeinkommen für alle

Viele fordern ein Grundeinkommen, um die Folgen des technologischen Wandels abzumildern. Was denken Sie darüber?

Unsere Grundsicherungssysteme sollten auf alle erdenklichen Eventualitäten während unserer Lebenszeit reagieren. Sie versichern uns gegen Risiken und sollen dafür Sorge tragen, dass wir im Fall der Erwerbslosigkeit unseren Lebensstandard halten können. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ignoriert diese Risiken vollkommen. Es verteilt das Geld zu gleichen Teilen an alle Bürger. Für ein Grundeinkommen benötigt man also eine andere Philosophie unserer sozialen Demokratie. Der Wohlfahrtsstaat müsste komplett neu definiert werden. Linke glauben, dass so ein Grundeinkommen die Ungleichheit verringern und die höchsten Einkommen begrenzen würde. Die Rechte geht vom genauen Gegenteil aus. Es ist auch nicht klar, ob die Menschen einen Job suchen würden, wenn sie ein Grundeinkommen hätten. Zudem könnte es zu einer Spaltung unserer Gesellschaft beitragen: Neben jenen, die nicht arbeiten wollen, würden die stehen, die es aufgrund geerbter Vermögen nicht müssen, und diejenigen, die weiterhin arbeiten. Allerdings hat sich meine Position durch die Pandemie gewandelt. Ich bin skeptisch gewesen. Jetzt sehe ich es anders: Ein Grundeinkommen würde jetzt sehr helfen. Man bräuchte keine Kongressentscheidung über eine Ausweitung der Arbeitslosenhilfe, und auch andere Unterstützungen wären unnötig. Man wüsste, dass alle auch in der Krise überleben könnten.

Ewiges System Kapitalismus: Eine scheinbar unverwüstliche Idee

Warum ist der Kapitalismus das einzige System, das langfristig überlebt hat? Und warum ist kein dritter Weg zu erkennen, nach dem sich so viele sehnen?

Der Kapitalismus hat sich durchgesetzt, weil er ein äußerst effizientes System für die Produktion von Gütern ist und auch die Vermögen und das Einkommen auf ein höheres Niveau gehoben hat. Das System selbst und die Werte, die wir besitzen, müssen koordiniert werden. Damit das System weiter expandiert, müssen Menschen mehr arbeiten, mehr investieren, mehr konsumieren. Kapitalismus war in dem Sinne erfolgreich, die Vermögen sind auf Toplevel. Vermögen ist das, für das sich Menschen am stärksten bewegen. Menschen wollen mehr arbeiten, um mehr zu verdienen, um sich mehr leisten zu können. Inzwischen hat es der Kapitalismus bis in unser Heim geschafft. Nun vermieten wir unsere Wohnungen, um Geld zu verdienen. Früher hat man das gemacht, wenn man mal ein Jahr wegzog. Heute ist es jederzeit möglich. Es ist wirklich ein alles einschließendes System geworden. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Leute sagen, der Kapitalismus befinde sich in der Krise; im Gegenteil, der Kapitalismus wird immer bedeutender werden.

(Das Interview führte Michael Hesse)

Rubriklistenbild: © Philippe Lopez/AFP

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