Der große Festsaal des Hofbräuhauses in München, mit einer Wandmalerei, die an den Gründungstag der NSDAP erinnert.
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Der große Festsaal des Hofbräuhauses in München, mit einer Wandmalerei, die an den Gründungstag der NSDAP erinnert.

24. Februar 1920

NSDAP-Gründung vor 100 Jahren: „Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern“

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Am Abend des 24. Februar 1920 stellte sich die neu gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei im Münchner Hofbräuhaus vor.

  • Am 24. Februar 1920 gründete sich die NSDAP
  • NSDAP war nur eine von vielen ausländerfeindlichen Parteien in Europa
  • Nationalismus, weniger Rechte für Frauen und Fremdenfeindlichkeit

Die Pointe des Namens Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei war das „Nationalsozialistische“. Bis zum 20. Februar 1920 hatte die Partei noch Deutsche Arbeiterpartei geheißen. Am 20. Februar war die offizielle Ummeldung vollzogen worden. Angeblich hatten das Adolf Hitler, Dietrich Eckart, Hermann Esser, Rudolf Heß, Ernst Röhm und Gottfried Feder an der Parteiführung vorbei getan. Am Abend des 24. Februar 1920 wurde dann im Münchner Hofbräuhaus die neue Partei vorgestellt.

Nationalsozialistisch hieß nicht national und sozialistisch, es hieß so viel wie: Beides ist eins. Es muss also recht verstanden keinen Bürgerkrieg geben. Bürgerkrieg herrschte damals in Deutschland, in Europa, in Asien und Lateinamerika. Er war ein Produkt von Krieg und Revolution, eine Nachgeburt der auf den Ersten Weltkrieg folgenden Umstürze der alten Ordnungen.

NSDAP: Eine von vielen radikalen und ausländerfeindlichen Parteien

Die NSDAP war nur eine der zahlreichen antisemitischen, ausländerfeindlichen, radikal antidemokratischen Parteien, die damals in ganz Europa entstanden. Sie hatten Schlägertrupps und unterstanden einem Führer, dem sie bedingungslosen Gehorsam schworen.

Im 25-Punkte-Programm der NSDAP, das Hitler im Hofbräuhaus vortrug, fehlte noch das innerparteiliche Führerprinzip. Das sollte sich bald ändern. Hitler war nicht nur der erfolgreichste Redner der Partei, er war auch ihr PR-Chef. Er entwarf die Uniformen, choreografierte die Auftritte. Als man ihn Anfang Juli 1921 aus seiner zentralen Stellung hinausdrängen wollte, trat er am 11. des Monats aus der Partei aus und forderte für seinen Wiedereintritt die Einführung eines „diktatorischen Prinzips“ in die Parteisatzung. Er setzte sich durch. Vom 29. Juli 1921 an war er der „Führer“. Benito Mussolini schaute sich das ab: Als seine Führungsrolle in der italienischen faschistischen Bewegung im August 1921 infrage gestellt wurde, erklärte er: „Der Faschismus kommt ohne mich aus? Sicher, aber auch ich komme ohne den Faschismus aus.“ Erschrocken zogen sich die Angreifer zurück.

NSDAP: Die Hochzeit des Nationalismus

1918 mag das Ende des Weltkriegs gewesen sein, aber es war weltweit der Anfang einer Fülle von Bürgerkriegen. Die Forderung nach dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ spielte dabei fast überall eine treibende Rolle. Punkt 1 des NSDAP-Programms lautete: „Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland.“

Der Nationalstaat mag seine große Zeit im 19. Jahrhundert gehabt haben. Die Hochzeit des Nationalismus war das zwanzigste. 1911 war das älteste Weltreich, das chinesische Kaiserreich, zusammengebrochen und eine Republik trat an seine Stelle, die bald von Bürger- und Territorialkriegen zerschreddert wurde. Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, waren das russische, das osmanische, das österreichisch-ungarische und das deutsche Kaiserreich verschwunden. 

Eine Fülle von Nationalismen traten an ihre Stelle. Kein Selbstbestimmungsrecht der Völker ohne „ethnische Säuberung“. Zwischen 1918 und 1923 starben bei bewaffneten Konflikten in Nachkriegseuropa mehr als vier Millionen Menschen. Je mehr Reklame für das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ gemacht wurde, desto mehr Menschen hatten das Gefühl, dass man es ihnen vorenthielt. Die Empfindung der nationalen Demütigung wurde eine der bestgehegten, eine auch, aus der sich am leichtesten Kapital schlagen ließ.

Die NSDAP war nur eine von vielen Anlaufstellen für die national Gedemütigten und Beleidigten. Für alle galt: Je lauter nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker gerufen wurde, desto energischer wurde das des Einzelnen bekämpft.

NSDAP-Gründung vor 100 Jahren: Die Sehnsucht nach einem Führer

Das Stichwort der neuen Zeit lautete: „die Massen“. Der Nicht-mehr-Sozialist-und-noch-nicht-Faschist Mussolini hatte am 19. Mai 1918 erklärt: „Die jetzige Revolution, die ebenso ein Krieg ist, öffnet, wie es scheint, den Massen das Tor zur Zukunft.“ So wie die französische Revolution dem Bürgertum den Weg in die Zukunft geebnet hatte, so sollte die von 1918 nicht etwa die Epoche des Proletariats werden, sondern die der Massen. Gebildet wurden die von den durch Krieg und Revolution aus Familien, Freundeskreisen und Arbeitszusammenhängen gerissenen Menschen. Das meiste von dem, was sie gelernt, von dem, woran sie geglaubt hatten, war nichts mehr wert. Eine Ordnung musste her, eine Zucht und ein Züchtiger, einer der aufräumt.

Aus dem Jahre 1920 gibt es ein Plakat von Viktor Nikolaevich Deni, das zeigt Lenin auf der Weltkugel stehend, wie er mit einem Besen Kapitalisten, Kleriker und Könige vom Erdball fegt. „Genosse Lenin säubert die Erde vom Unrat“, steht unter dem Bild. Dieser Traum vom starken Mann, der Schluss macht mit der alten Welt, wurde damals rechts wie links geträumt. Das Führerprinzip galt an beiden Extremen des Parteienspektrums. Massen organisieren sich nicht. Sie verlangen nach einem, dem sie nachlaufen konnten. Sie sind keine Demokraten.

Die am 24. Februar 1920 gegründete NSDAP war keine reaktionäre Partei. Sie wollte nicht zurück in die Monarchie. Sie wollte die Demokratie abschaffen und durch eine Diktatur ersetzen. Für die alten Eliten, die bürgerlichen und die aristokratischen, hatte sie nur Verachtung übrig. Das hinderte die Partei nicht, hinter deren Geld und Unterstützung her zu sein und sie auch zu bekommen. Die NSDAP hatte eine Utopie: die Herrschaft der germanischen Rasse.

NSDAP: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist“

Noch wichtiger aber war ihr die Vernichtung des Judentums. Davon war im Programm von 1920 nicht die Rede. Aber Punkt 4 lautete: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist, Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“ Punkt 7 lautete, wir bewegen uns auf aus der Gegenwart vertraute Töne zu: „Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremder Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.“ Punkt 8: „Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, dass alle Nicht-Deutschen, die seit dem 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.“

Gewalt wurde nicht nur gefordert. Sie wurde auch ausgeübt. Die NSDAP saß im Parlament, um es zu zerstören und sie hatte Schlägertrupps auf den Straßen. Der politische Mord gehörte zu ihrem Instrumentarium wie der Putsch und das Becircen der alten Mächte. Das alles wurde nicht im Geheimen praktiziert. Die Nationalsozialisten rühmten sich ihrer Verbrechen. In der großen, auf jeder Versammlung in die Zuhörer hineingeschrieenen Erzählung der NSDAP schlugen die Siegermächte mit Hilfe des Versailler Vertrags auf die Deutschen ein wie auf einen Amboss. Die Partei aber werde den Deutschen wieder helfen, Hammer zu sein.

Die Gewalt war nicht nur ein Mittel zur Durchsetzung des Programms, sie war Programm. Es war eine Männerfantasie. Aus der Ohnmacht geborene Gewalt.

NSDAP-Gründung: Ein Programm gegen die Frau

Diese Ohnmacht war nicht nur politisch. Sie war auch sexuell. Bei den Wahlen vom Januar 1919, den ersten, bei denen in Deutschland Frauen wählen durften, waren 2,8 Millionen mehr Frauen wahlberechtigt als Männer. Die Demokratie war eine Frau. Die Weimarer Republik war bis 1924 Bürgerkrieg und Gewalt. Sie war aber auch die Bühne der neuen, der emanzipierten Frau. Ihr Auftreten verschärfte die Konflikte. Im Punkt 21 des 25-Punkte-Programms der NSDAP heißt es, der Staat habe durch den Schutz der Mutter und des Kindes für die Hebung der Volksgesundheit zu sorgen. Das ist eine Antwort auf die Frauen, die mit Bubifrisur und rauchend auf dem Weg in die Büros sind, den Männern die Arbeitsplätze wegnehmen und jetzt sogar an den Universitäten zugelassen sind.

Die Weimarer Republik: Nicht von Anfang an zum Scheitern verurteilt

Man hört immer wieder, die Weimarer Republik sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Nichts falscher als das. Deutschland gehörte zu den wenigen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Demokratien, die das erste Jahrzehnt überlebten. Also nicht nur Putschversuche von rechts und links, sondern 1923 auch die gewaltigste Inflation der deutschen Geschichte, die den Staat zwar sanierte, dem Volk, der Bevölkerung, den Bürgern aber ihr Geld raubte.

Selbst das überlebte die angeblich von Anfang an bei allen verhasste Weimarer Republik. Sie war keine Demokratie ohne Demokraten. Der Hals wurde ihr gebrochen. als superschlaue Reaktionäre glaubten, die Nationalsozialisten am Nasenring durch die Arena führen zu können. Davor hatte es noch eine Weltwirtschaftskrise gegeben. Die Nazis haben im Jahr 1933 die Macht nicht ergriffen. Sie ist ihnen zu Füßen gelegt worden. Von denen, die die Demokratie seit 1930 schon untergraben hatten.

Die Wetterauer Geschichtsblätter haben die Ursachen des Erfolgs der NSDAP auf dem Lande untersucht: Die Nazis zogen damals tonangebende Leute wie die Pfarrer und Lehrer auf ihre Seite und kaperten die Organisation der Landwirte. 

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