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Nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange

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Ein Blumenfeld nahe des Taiwaner Taoyan-Flughafens, November 2021.
Ein Blumenfeld nahe des Taiwaner Taoyan-Flughafens, November 2021. © AFP

Was macht ein Land, wenn es von einer Großmacht bedroht wird? Ein Auszug aus Alice Grünfelders Buch „Wolken über Taiwan“.

Kann ein Volk Resilienz lernen, wenn es regelmäßig von einem anderen bedroht – mal subtil, mal mit roher Gewalt –, wenn es gezwungen wird, die Fäden zur Welt zu kappen, bis es alleine dasteht?

Wie zeigt sich diese Bedrohung im Alltag, wenn ein anderes Land sich in den Kopf gesetzt hat, dieses einzunehmen, das nicht einmal Feindesland ist, sondern dieselbe Sprache spricht, auf dieselbe Tradition zurückblickt? Wenn der große Bruder will, dass man zur Familie zurückkehrt, der kleine Bruder aber lieber draußen in Freiheit spielen möchte, wie es eine Radiojournalistin ausdrückte?

Gibt es Worte für diesen Zustand des Ausharrens, Abwartens?

Sind die Menschen gewappnet? Wie sehen die Schuppen einer möglichen Widerstandsfähigkeit aus?

Hält man sich an das „Wasser“, wie es die Hongkonger Protestbewegung als Motto gegen die unverhältnismäßige Polizeigewalt formulierte, was zu einem Revival von Bruce Lee führte? „Empty your mind, be formless, shapeless — like water. Now you put water in a cup, it becomes the cup; You put water into a bottle, it becomes the bottle; You put it in a teapot, it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water, my friend.“

Diese Seinsweise ist mir vielleicht das größte Rätsel dieser Insel.

„Stellt euch eine Insel vor, eine schöne, kleine, tropische Insel, mit einer jungen Demokratie, vielen verschiedenen Nationalitäten und Religionen. Und daneben ein riesengroßes Land, in dem es das alles nicht gibt, das dieses kleine Land ständig bedroht und schlucken möchte. Wie lebt es sich in so einem Land?“, fragt die Tänzerin F., wenn sie im Westen nach Taiwan gefragt wird. „Von einem Bürgerkrieg kann ich nicht erzählen, auch geht es uns materiell gesehen relativ gut. Deshalb interessiert sich auch niemand wirklich für Taiwan, wenn zum Beispiel in Künstlerkreisen die Herkunft thematisiert wird. Da mag die Bedrohung, so wie ich sie fühle, noch so existenziell sein.“

Unter den zwölf Taiwanerinnen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Profession und Herkunft, mit denen ich mich seit 2019 über die Bedrohung Taiwans unterhalte, ist die Tänzerin mit diesem Gefühl alleine.

Eine verstummt allerdings bei dieser Frage und antwortet erst nach einer Weile, dass man die Zuversicht verloren habe. „Was können wir schon tun?“ Ihre Eltern, ihr Bruder seien sicher, dass Taiwan eines Tages von China eingenommen werde. Ihr Vater werde deshalb auch kein Haus kaufen, keine Wohnung, wie es so viele für ihre Altersvorsorge tun, weil man nicht wisse, wie die Zukunft Taiwans aussehe.

Für viele ist diese Gefahr so alltäglich, dass sie sie nicht mehr ernst nehmen – was diverse Umfragen bestätigen.

Schon bei ihrer Geburt sei Taiwan bedroht gewesen, sagt die Journalistin. Es sei, als schimpfe ein Nachbar tagein, tagaus im Garten nebenan. „Der Garten gehört aber eigentlich uns.“ Dennoch stehe Taiwan derzeit nicht auf der Prioritätenliste der Volksrepublik, die sich auf Tibet, Xinjiang und Hongkong konzentrieren müsse. Andererseits – sie wird nachdenklich – schickten Taiwaner, die es sich leisten könnten, ihre Kinder ins Ausland, um sie dort studieren zu lassen und in Sicherheit zu bringen, das heiße, sie haben kein Vertrauen in Taiwans Zukunft. Und Hongkonger wanderten lieber gleich nach Neuseeland und Kanada aus statt nach Taiwan, weil sie glaubten, Taiwan sei als Nächstes dran.

Das sei früher so gewesen, sagt der queere Politpsychologe Wen Liu im Gespräch mit dem Blogger Brian Hioe, doch die jungen Leute wollten Taiwan nicht mehr verlassen, seien groß geworden mit Gefahren wie Erdbeben, Taifun und eben China. „Das Risiko ist zwar da, dennoch muss man nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen.“

Sie drohen schon so lange, machen die Drohung aber nicht wahr. Nie ist etwas passiert. Ich mache mir Sorgen, aber es bringt nichts, sich zu sorgen. Wir können eh nichts machen, wir können uns ja nicht verstecken. – Fast ungläubig höre ich diesem Chor zu.

Die Pilotin K. beschreibt die Gemengelage. Zwar habe man sich im Großen und Ganzen an diese Situation gewöhnt, und früher sei es noch schlimmer gewesen. 1996 zum Beispiel, als Raketen abgeschossen wurden, die direkt vor Taiwans Küste ins Meer stürzten, weil sich China vor Lee Teng-hui als erstem auf Taiwan geborenem Präsidenten fürchtete. „Aber ich erinnere mich an 1997. Meine Mutter nahm mich damals mit nach Hongkong. Es war meine erste Auslandsreise. Sie wollte mir zeigen, wie es dort ist, bevor die Kolonie zurück an China geht. Da war die Bedrohung für mich sehr real. Wir beobachten sehr genau, was in Hongkong vor sich geht. Und jedes Mal, wenn etwas passiert, ist das wie eine Krise, denn wir stellen uns vor, dass das auch in Taiwan passieren kann. Doch je mehr man hört und liest, desto größer wird der Widerstand dagegen. Im Luftraum bekomme ich ständig Meldungen und Warnungen, dass man den chinesischen Luftraum verletze. Weil man den Funk nicht abstellen darf, gehen sie zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus.“

Schwankt man also zwischen Gewöhnung und Verdrängung? Wie ist Bedrohung, wenn sie alltäglich wird? Wenn sie in wohl-dosierten Portionen verabreicht wird, ist man irgendwann immun dagegen? Was dann?

Jedenfalls ist es keineswegs so, wie ich es mir vorgestellt hatte, dass ein Volk wie ein Kaninchen vor der Schlange erstarrt. Und die Menschen tanzen auch nicht aus lauter Verzweiflung wie auf einem Vulkan, als wollten sie den letzten Moment in Freiheit genießen.

„Krieg? Die Zeiten sind vorbei. Wir konzentrieren uns in Taiwan auf die Arbeit, die Familie, die Kinder und darauf, im Alltag zu überleben und Geld zu verdienen“, meint Kleiderverkäuferin Chi-Jing, die die Bedrohung und China mit einer kreisrunden Handbewegung wegwischt und mit einem Schluck bernsteinfarbenem Whiskey runterspült.

Jüngere Taiwaner empfinden eine Abneigung gegenüber China, die mit jeder Drohgebärde wächst. Doch bei einer Umfrage im Juli 2020 stellt sich heraus, dass weniger als fünfzig Prozent dafür eine Waffe in die Hand nähmen.

Taiwan könne leicht und schnell eingenommen werden, meint die Verlegerin Chuang Chin-chung. „Das Land muss Verbündete suchen, damit es im Notfall Unterstützung erhält, denn auf die USA kann man sich nicht verlassen.“ Das heißt, man müsse auf Diplomatie und soft skills setzen, um nicht noch mehr Länder als Verbündete zu verlieren, sondern im Gegenteil neue dazuzugewinnen, wenngleich es sehr schwer sei, Medien für Taiwan zu interessieren und Regierungen von ihrer zwiespältigen China-Politik abzubringen.

Die Geschichte von Prag ist insofern eine Erfolgsgeschichte. Da kündigte der Prager Oberbürgermeister die Partnerschaft mit Shanghai wegen weiterer unzumutbarer Klauseln und schloss stattdessen mit Taipei einen städtepartnerschaftlichen Vertrag. China schäumt und droht, aber passiert ist bislang wenig.

Auch Litauen wagte den Affront. 2021 trat es aus dem chinesischen 17+1-Bündnis mit mittel- und osteuropäischen Ländern aus und eröffnete eine Botschaft in Taipei. Slowenien intensivierte Anfang 2022 die Beziehungen zu Taiwan. China tobt, blockiert den Handelsaustausch; davon ist auch die EU betroffen.

„Wir sind bedroht, aber wir sind vorbereitet“, sagt Außenminister Joseph Wu wiederholt in Interviews mit westlichen Medien. Doch mit dem neuen Sicherheitsgesetz in Hongkong, Gesetz zur Wahrung der Sicherheit in der Sonderverwaltungszone Hongkong, das die Verhaftung kritischer Personen erleichtert, ist die Gefahr eines möglichen Krieges noch einmal gestiegen. Bei jedem Besuch eines US-amerikanischen Diplomaten – Gründe finden sich immer – wird die Daumenschraube angezogen, werden Militärmanöver in der Taiwanstraße intensiviert. In Taiwan spüre ich diese Bedrohung im Luftraum durchaus. Taiwanische Bekannte zucken jedoch nur die Schultern, ähnlich wie bei den Erdbeben, die mir meine App anzeigt.

Zur Person:

Alice Grünfelder ist geboren im Schwarzwald, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu (China), war 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Sie vermittelte und übersetzte Literaturen aus Asien. Sie veröffentlichte aber auch Gedichte, Essays, Erzählungen, den Roman „Wüstengängerin“ (2018).

In Taipei , Taiwan, war sie von Februar bis Juli 2020 für ein Sabbatical. Unser Text ist ein Vorabdruck aus ihrem am 16. März erscheinenden Buch „Wolken über Taiwan“.
Alice Grünfelder: Wolken über
Taiwan. Notizen aus einem
bedrohten Land. Rotpunkt Verlag 2022. 260 S., 28 Euro.

Es ist ein Volk, das an Katastrophenwarnungen gewöhnt ist. Alljährlich wird die Insel von Tropenstürmen, Überschwemmungen, Erdbeben heimgesucht, doch weil die Regierung vorbereitet ist und entsprechende Katastrophenszenarien – die „Standard Operation Processes“ (SOPs) – aus der Schublade zieht, wird es im Kriegsfall schon klappen, hoffen die Menschen. So wähnt man sich in Sicherheit.

Geübt wird der Kriegsfall durchaus. Das habe ich zunächst nur am Rande in den Medien verfolgt, doch am Montag, dem 17. Juli, schreibt mir eine Freundin eine Nachricht, fragt, wo ich sei, denn ich müsse wissen, heute stehe das Land zwischen 13 Uhr 30 und 14 Uhr still. Die U-Bahnen, Busse, nichts fahre mehr; man übe für den Ernstfall, falls China Taiwan aus der Luft angreife. Tatsächlich erhalte ich, vermutlich wie alle Bürger Taiwans, wenige Minuten später eine SMS direkt von der Regierung, die auf den simulierten Luftangriff und den Sirenenalarm aufmerksam macht. Anders aber als all die Jahrzehnte zuvor, so schreibt mir meine Freundin kurze Zeit später, als ich gerade unweit von Taipei auf einem verlassenen Pfad durch tropischen Regenwald wandere, müssten sie dieses Mal nicht die Bunker und Evacuation Centers aufsuchen, weil während der Corona-Pandemie Menschenansammlungen zu vermeiden seien. Das Leben gehe weiter; das sei früher anders gewesen und stets eine echte Belastung im Alltag.

Dennoch sterben 2020 Menschen bei einer Übung im Vorfeld des einwöchigen Han-Kuang-Militärmanövers. Auf rauer See kentert ein Schlauchboot, zwei Soldaten bekommen zu viel Wasser in die Lungen und ertrinken; der verantwortliche Offizier nimmt sich daraufhin das Leben. Und das Manöver endet mit einem Hubschrauberabsturz, bei dem nochmals zwei Soldaten ihr Leben verlieren.

Überhaupt scheint die Ausstattung des Militärs in einem beklagenswerten Zustand zu sein. Soldaten sollen beispielsweise dazu angehalten worden sein, Ersatzteile aus eigener Tasche zu bezahlen.

Auch die USA monieren die Ausstattung der taiwanesischen Armee und treiben die Regierung zu immer mehr Waffenkäufen an. Je nachdem, wie hoch das alljährliche Militärbudget ausfallen solle, redeten die Falken in den USA die Gefahr groß, schreibt der Blogger Brian Hioe. Sie verdienten an den lukrativen Waffengeschäften mit. Doch werden die USA Taiwan im Notfall wirklich unterstützen? Ist es nicht womöglich unvernünftig und blauäugig, vor allem auf militärische Verteidigung zu setzen? Der Abzug der USA aus Afghanistan und die Folgen rufen in Taiwan stille Bestürzung hervor. Man vergleicht die Situation dort mit der eigenen.

In der westlichen Berichterstattung werden die Verletzungen des chinesischen Luftraums durch das US-amerikanische Militär indes kaum erwähnt. Seit zwei Jahrzehnten folgen die USA der Obsession, nach dem Kalten Krieg nun die chinesische Gefahr heraufzubeschwören – um die Militärausgaben aufzublähen, analysiert eine französische Journalistin.

Und dass Taiwan nach 1949 unter Chiang Kai-shek jahrzehntelang drohte, das Festland anzugreifen, scheint der westlichen Amnesie zum Opfer gefallen zu sein.

Meinungen, Analysen, Umfragen, die sich widersprechen und im Widerspruch gegenseitig hochschaukeln.

So geht es auch nicht.

Schon vor Jahren hat der Krieg an einer ganz anderen Front begonnen. Taiwan ist das Land, das die meisten Cyber-Angriffe zu gewärtigen hat, das von einem Fake-News-Tsunami überschwemmt wird. Um dem zu begegnen, ernannte die Präsidentin Tsai Ing-wen Audrey Tang, den früheren Hacker Autrijus Tang, zur Digitalministerin. Fake News kontert diese unter anderem mit „Humor“, beauftragt Komiker mit Berichtigungen, die gerade in den sozialen Medien für Lacher und Aufmerksamkeit sorgen – und Stoff für meinen Sprachunterricht bieten. Aus denselben Gründen hat die Regierung entschieden, dass ab 2022 Behörden keinerlei Elektronik mehr aus China verwenden dürfen; ursprünglich war geplant, eine Liste mit den Namen der zu boykottierenden chinesischen Firmen zu veröffentlichen, was aber aufgrund der schieren Anzahl nicht mehr machbar sei.

Laut westlicher Berichterstattung spitzt sich 2021 die Lage weiter zu. Regelmäßig frage ich bei meinen Freunden in Taiwan nach, wie schlimm es dieses Mal ist. Jedes Mal sagen sie: „Wie immer. Sorge dich nicht, uns geht es gut!“ Aber ich mache mir Sorgen. Es beruhigt mich nicht zu lesen, die chinesische Armee könne nicht so schnell so viele Truppen verlagern oder Taiwan sei nur an wenigen Küstenabschnitten angreifbar.

Ich fürchte, die Strategie, so lange zu drohen, bis sich der Westen an diesen erwartbaren Angriff gewöhnt hat und deshalb nicht oder nur schwerfällig reagieren würde, ist klug. Gleichzeitig soll das hingehaltene taiwanische Volk mit Nadelstichen zermürbt werden.

Einzelne werden sich in die Berge und Wälder zurückziehen, von wo aus die Inselbewohner noch jedem begehrlichen Eroberer die Stirn zu bieten versuchten. Was passiert, wenn Taiwan und die USA auf einen Guerillakampf in unterirdischen Gängen setzen, Reservisten im Häuserkampf ausbilden, unter Stränden Tunnel anlegen und mit Sprengstoff füllen?

Im Jahr 2021 nahmen die Bedrohungen jedenfalls weiter zu, Medien sprechen von den schlimmsten Spannungen seit der Krise 1996, als Chinas Raketen vor der Küste Taiwans einschlugen. 2021 drangen so viel Militärflugzeuge wie nie zuvor in Taiwans Identifikationszone zur Luftverteidigung ein.

Welche Behörden, welche Organisationen wären im Falle eines Falles zu kontaktieren? Auf welchem Weg könnten Bekannte und Freunde vor dem Inferno gerettet werden? Wie könnte man ihnen nach einer Invasion helfen? Fragen ziehen sich manchmal wie Schleier vor die Nachrichten aus Taiwan.

„Sorge dich nicht, es geht uns gut, es ist wie immer, früher war es einmal schlimmer.“ Dieser Refrain beruhigt mich nicht wirklich. Sehen die Menschen die Gefahr nicht? Sehe nur ich, sehen nur wir im Westen sie, weil sie aus geopolitischen Interessen heraufbeschworen wird? Sollte ich tatsächlich auf die Widerstandskraft der Taiwaner vertrauen? Meine Zweifel und Fragen finde ich in den Zeilen der Kurzgeschichte „The old capital“ der Autorin Chu T’ienhsin wieder:

Du gehörtest zu jenen, die glaubten, jeden Moment könne ein Krieg ausbrechen, hattest aber keine Angst.

Es gab aber auch noch andere Menschen, die glaubten, der Krieg käme, und die mächtig Angst hatten.

Und jene, die glaubten, es gäbe keinen Krieg und deshalb auch keine Angst hatten.

Aber auch jene, die nicht an einen Krieg glaubten und dennoch Angst hatten.

Du hattest keine Angst, weil dir schon früh klar war, dass man als einzelne Person nur wenig ausrichten kann.

Genaue Quellenangaben zu diesem Auszug finden sich im Buch.

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