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Die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin, eröffnet 1866, hier auf einem Stich von 1887.
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Die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin, eröffnet 1866, hier auf einem Stich von 1887.

1871

Neues Reich und neuer Judenhass

  • VonMicha Brumlik
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Heinrich von Treitschke und das angebliche Tabu: 1871 schlug auch die Stunde des weltanschaulichen und rassistischen Antisemitismus.

Mit – oder wegen? – der Gründung des Deutschen Reiches durch Otto von Bismarck trat der Judenhass im deutschsprachigen Raum in eine neue Phase, indem er neue, zeitgemäße, nämlich organisierte Formen annahm. Daran waren weite Teile des protestantischen Bildungsbürgertums wesentlich mit beteiligt. Verstand sich doch das 1871 von Bismarck gegründete Reich in seiner Abwehrhaltung gegen die sozialistische Arbeiterbewegung, den katholischen „Ultramontanismus“ und den als „jüdisch“ bezeichneten Liberalismus als deutsch und protestantisch.

So stellte das Erbe von Luthers Zwei-Reiche-Lehre die ideale Basis für eine autoritäre und letztlich undemokratische Staatsräson dar – eine Staatsräson, die das Eintreten für einen „deutschen“ Staat mit der von Thomas Mann sogenannten machtgeschützten Innerlichkeit bildungsbürgerlichen Familienlebens verband.

Bei alledem war das neu gegründete Reich – was die Entwicklung von Industrie, Wirtschaft und Wissenschaft betraf – von hoher Neuerungskraft; allerdings ließ die schwere ökonomische Krise der 1890er Jahre diesen zunächst noch positiv getönten Fortschrittsglauben verblassen und gab einer tiefgreifenden Kulturkritik Raum. Diese Kritik stellte Urbanisierung, Kapitalisierung, Szientifizierung, aber auch Militarismus, Bürokratie und nicht zuletzt die soziale Frage ins Zentrum und fragte nach anderen Möglichkeiten der Vergesellschaftung.

Die aus diesem Geist, deren deutlichster Protagonist Friedrich Nietzsche war, geborenen Antworten reichten von Spekulationen über eine völkische Neugeburt Deutschlands bis hin zur „sozialistischen Entscheidung“. Die Kulturkritik, die alle gebildeten Schichten Deutschlands ergriff, schlug indes unter gebildeten Protestanten deshalb besonders durch, weil sie – wie keine andere gesellschaftliche Gruppe – das Scheitern der im Idealismus und dem auf ihn folgenden Kulturprotestantismus entwickelten Synthese von moderner Kultur und Innerlichkeit erfahren hatten.

Vor diesem Hintergrund entstanden in den 1880er Jahren verschiedenste Gruppierungen und Parteien, die ihr wichtigstes Ziel darin sahen, gegen die Juden als Inbegriff des Liberalismus zu agitieren; die modernsten unter ihnen verabschiedeten sich dabei vom traditionell kirchlichen Antijudaismus und stellten sich – vermeintlich naturwissenschaftlich aufgeklärt – auf den Boden von Rassen- und Sprachwissenschaft: So prägte der Journalist Wilhelm Marr 1879 zum ersten Mal den Begriff „Antisemitismus“ mit dem ausdrücklichen Interesse, die Frage der Juden nicht mehr vom „confessionellen Standpunkt“ aus zu betrachten.

Im neuen Reich fand dieser weltanschauliche Antisemitismus in sich selbst so bezeichnenden „Antisemitenvereinen“ seinen Ort. Diese Vereine wurden von politisch interessierten, weit rechts stehenden Intellektuellen gegründet: genannt seien nur der Göttinger Theologe Paul de Lagarde sowie der erwähnte Publizist Wilhelm Marr. Grundlage dieser – nun rassistischen – Form der Judenfeindschaft war der Anspruch, eine „deutsch-christliche“ Kultur wider die Kräfte der Moderne zu verteidigen, sie war auch und gerade im politischen Milieu des organisierten Protestantismus in der Nachfolge des antisemitischen Hofpredigers Wilhelms II., Adolf Stoecker, des Begründers der „Christlich-sozialen Bewegung“, prominent: War doch Stoecker ein Erstunterzeichner der sogenannten Antisemitenpetition.

Diese Petition forderte 1880/81 im preußischen Abgeordnetenhaus die Einschränkung der 1869 für den Norddeutschen Bund und 1871 für das Deutsche Reich erfolgten verfassungsrechtlichen Gleichstellung der Juden. Begründet wurde dies durch die angebliche wirtschaftliche Ausbeutung und vorgebliche soziale wie rassenmäßige Zersetzung des deutschen Volkskörpers durch die Juden. Daher müsse ihr Vordringen in gesellschaftliche Schlüsselpositionen verhindert werden.

1871 - Eine FR-Reihe

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. Zum Auftakt erschien am 31.12.2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs, gefolgt von einem Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn (4.1.), einem Text über den kriegerischen Weg zur Reichsgründung (9.1.), einem Bismarck-Porträt (13.1.) und Analysen zu den Reaktionen im Ausland (16.1.) sowie zum fortwirkenden Erbe (18.1.). Im Anschluss an den heutigen Beitrag zum Antisemitismus im Kaiserreich folgen noch die Themen Arbeiterbewegung und Frauenbewegung.

Gefordert wurden im Einzelnen: 1. Entfernung von Juden aus dem Staatsdienst und dem Heer sowie ihre Zurückdrängung im Justizwesen (speziell der Ausschluss vom Richteramt). 2. Verbot der Anstellung jüdischer Lehrer an Volksschulen, nur in Ausnahmen ihre Zulassung an höheren Schulen und Hochschulen. 3. Wiederaufnahme der amtlichen Statistik über die jüdische Bevölkerung sowie 4. Einschränkung der Einwanderung von Juden aus Österreich-Ungarn und Russland.

Vieles erinnert bei alledem an die Gegenwart. Die derzeit häufig geäußerte Angst vor der „Überschwemmung“ aus den Ländern des Südens, die heute rechtspopulistische Parteien und Agitatoren angesichts der Flüchtlingsbewegungen des Jahres 2015 in allen Nachbarländern Deutschlands in die Parlamente spült, wurde hierzulande schon einmal beschworen. Es war der bedeutende nationalliberale Historiker Heinrich von Treitschke, der schon damals dies Thema aufnahm und damit den sogenannten Berliner Antisemitismusstreit vom Zaun brach, in dem ihm der liberale Historiker Theodor Mommsen deutlich und begründet widersprach.

In einem berüchtigt gewordenen Aufsatz aus dem Jahr 1879 – er erschien in den „Preußischen Jahrbüchern“ – schrieb Treitschke: „Über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können.“ Daher fordert Treitschke von „unseren israelitischen Mitbürgern“ einfach: „Sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge.“

Dabei war Heinrich von Treitschke durchaus bewusst, dass man sich mit pöbelnden Judenfeinden zwar nicht gemein machen darf, es aber auf jeden Fall sinnvoll sein kann, ihre Wut als Anlass zu nutzen, ein angebliches Tabu zu knacken, um ein kollektives „Wir“ zu postulieren: „Die natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls hat zum mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: (...) Bis in die Kreise höchster Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: Die Juden sind unser Unglück.“

Noch Jahrzehnte später protestierten Konservative und reaktionäre Parteien – etwa die „Volkskonservative Vereinigung“ und der „Christlich-Soziale Volksdienst“ – am Ende der Weimarer Republik, 1928, „gegen alle unchristlichen und undeutschen Einrichtungen, die den inneren Zusammenbruch und den äußeren Umsturz herbeiführen“ könnten, und forderten eine „echte Volksgemeinschaft“. In diesem Milieu wurde das Judentum als jene Instanz identifiziert, die den destruktiven Kräften der Moderne Vorschub geleistet oder – mehr noch – diese Moderne geradezu inauguriert habe.

In diesem Geist predigte noch 1933 der in Basel lehrende Theologieprofessor Adolf Köberle, indem er sich den Unterschieden von orthodoxem Gesetzesjudentum und modernem, säkularem Judentum zuwendete.

Seine Predigt wurde in der Zeitung des Christlich-Sozialen Volksdienstes von Hessen-Nassau veröffentlicht: „Daneben gibt es noch einen anderen Typus von Judentum: Es ist der säkulare, religionslose Jude. Er ist den Weg der Empörung gegen Gott konsequent bis zum Ende gegangen. Er hat auch dem letzten Rest von Gottesglauben und Gottesfurcht den Abschied gegeben. Sein Ideal ist der Geist der französischen Revolution, der Geist des Liberalismus und Materialismus, des Marxismus und Bolschewismus, aber auch, wenn es gerade sein kann, der Geist des skrupellosen Mammonismus und der unbegrenzten zäsarischen Weltherrschaftsgier. Überall, wo es etwas zu zersetzen gibt, zu zerstören gilt, heiße es Ehe und Familie, Vaterlandsliebe oder christliche Kirche, Zucht und Ordnung, Keuschheit und Anstand, überall, wo es etwas zu gewinnen gibt, da ist er dabei, da ist er vorne dran mit geistreich witzelndem Spott, mit klug geschäftiger Begabung, mit zäh wühlender Energie. Ein atheistischer Mensch wirkt immer zerstörend; aber nirgends wirkt sich die verderbliche Kraft dieser Haltung so verheerend aus wie bei einem jüdischen Menschen, der sein reiches alttestamentliches Erbgut verschleudert hat und unter die Schweine gegangen ist.“

Micha Brumlik, Jg. 1947, ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er war Direktor des Fritz-Bauer-Instituts und ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. zur Geschichte des Judentums und zum Antisemitismus.

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