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Kassel: Neuer Antisemitismus-Fall auf der documenta wirft Fragen auf

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Von: Lisa Berins

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Nach dem weitreichenden Antisemitismus-Skandal bei der documenta gibt es erneut Vorwürfe wegen antisemitischen Zeichnungen. Sie wurden in einer Broschüre entdeckt, die im Fridericianum zu sehen ist.
Antisemitischen Zeichnungen wurden bei der Documenta in einer Broschüre entdeckt, die im Fridericianum zu sehen ist. © Foto: Schaumlöffel

Nach dem weitreichenden Antisemitismus-Skandal bei der documenta gibt es erneut Vorwürfe wegen antisemitischen Zeichnungen.

Kassel - Das Documenta-Debakel geht weiter: Erneut sind am Mittwoch (28. Juli) antisemitische Motive auf der Kasseler Weltkunstausstellung bekanntgeworden. Wieder sind alle schockiert. Und die Schuldige ist schnell gefunden. Sabine Schormann, die geschasste Generaldirektorin der documenta fifteen, hat scheinbar auch die Bearbeitung dieses Vorfalls in den Sand gesetzt.

So zumindest interpretieren es die Gesellschafter der Documenta – das Land Hessen und die Stadt Kassel – am Donnerstag in einer Mitteilung: Schon vor drei Wochen, also noch bevor Alexander Farenholtz als Interimsgeschäftsführer eingesetzt wurde, habe die damalige Documenta-Leitung von dem Vorfall gewusst, nachdem eine Besucherin auf die Zeichnungen aufmerksam gemacht hatte. Scheinbar wurden die Werke dann rechtlich geprüft, allerdings für nicht diffamierend befunden und wieder in die Ausstellung zurückgebracht.

documenta Kassel: Leiter der Bildungsstätte Anne Frank ist fassungslos

Die Frage, „ob hier antisemitische Bildsprache vorliegt, wurde leider lediglich intern bewertet“, bedauern die Gesellschafter der Documenta, die nach eigenen Angaben erst am Dienstagabend durch die sozialen Medien von den erneuten Vorwürfen erfuhren. Die Zeichnungen des Künstlers Burhan Karkoutly, die in der 34 Jahre alten Broschüre „Presence des Femmes“ antisemitische Stereotype reproduzieren, wurden vor drei Wochen demnach auch nicht Meron Mendel zur Sichtung vorgelegt.

Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank war damals als Berater der Documenta engagiert, er sollte weitere Werke auf ihren möglichen antisemitischen Gehalt prüfen. Bei ihm sei aber kein einziges Werk angekommen, wie er der FR schon damals sagte. Nun sei er „fassungslos“, dass entschieden wurde, „die problematischen Werke mit eindeutig antisemitischer Bildsprache in der Ausstellung zu belassen“.

documenta Kassel: Wie geht man mit Antisemitismus um?

Am Mittwoch hatte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (Rias Hessen) den neuen Fall von Antisemitismus auf der documenta fifteen publik gemacht. Die Broschüre liege im Fridericianum in einem Raum aus, in dem algerische Frauenkollektive vorgestellt werden.

Erneut kommen nun dieselben Fragen auf wie in der ersten Woche der Documenta, als das Taring-Padi-Banner „People’s Justice“ aufgrund seiner antisemitischen Darstellungen erst mit Stoff verhüllt und dann abgebaut wurde: wie umgehen mit diesem „Fall“? Kommentiert in der Ausstellung lassen oder entfernen? Für Mendel ist eine Erklärung in der Schau nicht genug. Er sieht die künstlerische Leitung, das Kollektiv Ruangrupa, in der Pflicht, bezweifelt aber, „dass Ruangrupa Expertenmeinungen zu Antisemitismus wirklich ernst nimmt und respektiert“, sagte er der FR.

Man arbeite „mit Hochdruck an der Konstituierung“

Von den Gesellschaftern der Documenta wurde Druck aufgebaut. Sie „gehen davon aus“, so formulieren sie in ihrer Mitteilung, „dass die künstlerische Leitung die diskutierten Zeichnungen bis zu einer angemessenen Kontextualisierung aus der Ausstellung nimmt“. Dieser Forderung schließt sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) an. Der verfehlte Umgang mit antisemitischen Zeichnungen zeige erneut, „wie wichtig und notwendig ein externes Gremium von Expertinnen und Experten“ sei.

Wann das seit fast zwei Wochen versprochene Expertengremium seine Arbeit aufnimmt und wer die Expert:innen sind – das ist bisher unklar. Man arbeite „mit Hochdruck an der Konstituierung“ hieß es beim Hessischen Kunstministerium unter Angela Dorn (Grüne). Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte unterdessen gegenüber der dpa, dass Alexander Farenholtz sich sträube, eine fachwissenschaftliche Begleitung einzusetzen. Offenbar sei „es unerheblich, wer dort die Geschäftsführung innehat“, fügte er in einem Statement hinzu. „Dass diese Documenta wirklich bis zum 25. September laufen kann, erscheint kaum mehr vorstellbar.“

FDP fordert Unterbrechung der documenta

Nach den jüngsten Ereignissen häufen sich erneut Zweifel: Wann wird man das Kuratorenkollektiv an seine Verantwortung erinnern? Wie viele „Einzelfälle“ wird es noch geben? Und wie kann es sein, dass die Verantwortlichen bei der Documenta, nicht nur Schormann, antisemitische Motive als solche nicht erkennen?

Mittlerweile sind Forderungen nach einer Unterbrechung der Documenta laut geworden, unter anderem von Stefan Naas, kulturpolitischer Sprecher der FDP im Hessischen Landtag. Es gebe nur noch zwei Möglichkeiten: „Aussetzen der Documenta, bis alle Kunstwerke überprüft wurden, oder umgehender Abbruch.“ (Lisa Berins)

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