Abwehr jeglicher Autorität

Der Staat als Gegner 

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Formen und Inszenierungen der Vereinzelung sind vielfältig. Was sie verbindet, ist eine Abwehr von Autorität jeglicher Art.

  • Viele Menschen arbeiten an ihrer Individualisierung
  • Die Abgrenzung von anderen kann zu ganzen Bewegungen führen
  • Viele Bewegungen eint die Ablehnung der Staatsmacht

Gundula mag nicht mehr für andere kochen. Hat es ihr früher großes Vergnügen bereitet, Rezepte zu studieren und das Entdeckte auszuprobieren, um ihre Gäste mit neuesten kulinarischen Errungenschaften zu überraschen, so ist ihr das nunmehr verleidet. Immer häufiger wird abgewunken, die Freude der anderen über die Aussicht auf Nachschlag hat nachgelassen. „Für mich keinen Salat, ich esse leider keine Zwiebeln.“ 

Darüber hinaus haben es Veganismus und der starre Blick auf Kohlenhydrate nahezu unmöglich gemacht, zum gemeinsamen Abendessen ein Gespräch zu führen, das nicht irgendwann unweigerlich auf die Idiosynkrasien der Nahrungsaufnahme gelenkt wird.

Identitätsbildung beginnt schon bei Essgewohnheiten

Das niemals zur Ruhe gelangende Projekt der Identitätsbildung vollzieht sich bevorzugt beim gemeinschaftlichen Essen, dort jedenfalls haben sich bewusste Formen der Selbstbeschränkung zuletzt nach Lust und Laune entfalten können. Zunächst hat Gundula nichts unversucht gelassen, sich auf die Bedürfnisse ihrer Gäste einzustellen. Ein vegetarisches Ergänzungsgericht für alle Fälle gehörte irgendwann zum obligatorischen Repertoire, später hat sie sich angewöhnt, gänzlich fleischlos zu kochen. Es schmeckt ja auch ohne. 

Das jedoch linderte die Wünsche nach Sonderbehandlung nicht. Immer wieder kam es zu Momenten peinlicher Stille, wenn jemand die Gastgeberin der Tafelrunde mit einer neuen Diät konfrontierte oder auch nur darüber berichtet wurde, dass die 14-jährige Tochter eine radikale Umstellung der Essgewohnheiten eingefordert habe. Nicht selten nahmen die Gespräche, an die sich alsbald Kontroversen zur Erziehung knüpften, einen seltsam kompetitiven Charakter an.

Bewegungen können schnell in viele Richtungen mit Gesinnung aufgeladen werden

Man kann es sich leicht machen und derlei kapriziösen Eigensinn als Merkmale gewöhnlicher Individualisierungsstrategien auffassen. Gemeinschaft hat sich noch nie allein auf der Basis gleicher oder ähnlicher Vorlieben konstituiert, sondern auch durch Abgrenzung und Unterscheidung. Der Karneval der Individualisierung hat das Soziale deswegen nicht völlig hinter sich gelassen. Irgendwem muss immer noch mitgeteilt werden, dass man anders ist. Die Gesellschaft zerfällt in lauter Atome, aber diese sind doch darauf angewiesen, umeinander zu kreisen.

Gundulas wachsende Enttäuschung stand dennoch im Raum, und als jemand, der fast alles isst, hatte ich nachher oft ein schlechtes Gewissen, ihre Bemühungen – hier noch ein Schuss Balsamico, dort ein Blatt Rucola – womöglich nicht genügend gewürdigt zu haben. In Gegeneinladungen bin ich nicht sonderlich gut. Nun aber entdecke ich anhand von Gundulas Resignation über die Selbstbehauptungskämpfe im Ernährungsring doch auch so etwas wie ein allgemeines Prinzip zur Herausbildung gesellschaftlicher Konfliktlinien. 

Es bleibt ja nicht dabei, sich von den anderen zu unterscheiden und es beim Verzicht auf Milchprodukte bewenden zu lassen, aus welchen berechtigten Gründen auch immer. Man geht nach Hause und bleibt auch dort am Ball. Mühelos lassen sich über das Internet Gemeinschaften der Sonderlinge bilden, und aus dem mit einer auffälligen Tendenz zur Humorlosigkeit versehenen Bestreben, die eigene Lebensführung zu kommunizieren, entsteht schnell eine Bewegung, die in nahezu jede Richtung mit Leidenschaft und Gesinnung aufgeladen werden kann.

Abwehr von Autorität jeder Art

Anfangs hat man es noch mit einiger Verwunderung zur Kenntnis genommen, dass Menschen ihr eigenes kleines Anwesen mit heiligem Ernst als Staatsgebiet ausgegeben und es mit entsprechenden Grenzvorrichtungen versehen haben und sich dabei auf krude historische Theorien beriefen. Inzwischen scheinen sich die Formen des sogenannten Reichsbürgertums rasant verbreitet zu haben, und sie lassen sich längst nicht mehr nur auf jene beschränken, die sich ausdrücklich als solche bezeichnen.

Was die Inszenierungen der Vereinzelung verbindet, ist eine Abwehr von Autorität jeglicher Art, und deren reaktionäre Erscheinungsformen vermischen sich ungut mit jenen, die man einst unkritisch als progressiv begrüßt hat. Begleitet werden sie von einer manifesten Staatsfeindschaft, die mitunter im bunten Gewand des Auslebens von Freiheiten reüssiert. Auffällig an den neuen Formen der Autoritäts- und Staatsfeindschaft ist, dass sie sich nicht mehr nur hinter großen Allgemeinbegriffen wie Sozialismus, gegen Bürgerlichkeit oder Kapitalismus formieren, sondern in variablen Bekenntnissen zu einem seltsam verbitterten Widerstand zirkulieren.

Für Skepsis gibt es gute Gründe

Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten. Das Bedürfnis nach einer konsequenten Wahrung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit etwa ist in einen politischen Kampf gegen die Impfpflicht gemündet und hat Anschluss zu anderen Frontstellungen gegen den als paternalistisch wahrgenommenen Staat und seinen Institutionen gefunden. 

Und es gibt ja tatsächlich gute Gründe, gegenüber einem forcierten Regelungsbedarf von oben skeptisch zu sein. Noch immer ist beispielsweise nicht vollends einzusehen, warum die Gebührenerhebung für die Hervorbringungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Rundfunks anstelle eines Nachweises der tatsächlichen Nutzung nahezu ausnahmslos an die jeweilige Wohnung geknüpft werden musste. So jedenfalls wurde dem Wirtschaftsbürger selbst noch die Freiheit genommen, die Gebühr abzulehnen und gegebenenfalls eine Strafzahlung in Kauf zu nehmen.

Die anschließende Bestätigung dieses Prinzips durch das Bundesverfassungsgericht hat für viele nicht zu einer Akzeptanz des Verfahrens geführt. Vielmehr ist die sogenannte Zwangsgebühr zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem man sich demonstrativ gegen den Übermut der Ämter zu positionieren versucht. 

Die staatliche Ordnung ist liberaler geworden

Das Beispiel zeigt, dass die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mehr als jemals zuvor über Reizbegriffe verläuft, die weit über ihren jeweiligen Gegenstand hinaus Wirkung entfalten. Und zweifellos läuft der moderate Impfgegner Gefahr, als Angehöriger einer politischen Sekte stigmatisiert zu werden, selbst wenn ihm derlei Gemeinschaftsbildungen zuwider sind.

Die Recht sprechenden Instanzen werden in diesem Zusammenhang nicht als gesellschaftlich notwendiges Regulativ zur Wiederherstellung des Rechtsfriedens betrachtet, sondern als Verlängerung der rigoros abgelehnten Staatsmacht. Aus solch einer Perspektive bleibt weitgehend unbemerkt, dass die staatliche Ordnung insgesamt Prozesse einer erstaunlichen Liberalisierung durchgemacht hat.

Wie man Strömungen der Staatsfeindschaft auch deuten kann

Der Trend zu mehr Privatschulen, die weitgehende Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und die Etablierung von Tierrechten sind nur drei weitere Beispiele eines gesellschaftlichen Wandels, in dem der demokratische Staat seine Flexibilität und Lernfähigkeit unter Beweis gestellt hat. 

Gerade dies aber stellt für die Allianzen der neuen Staatsfeindschaft nur eine zusätzliche Angriffsfläche dar. Die Komplexität staatlicher Entscheidungen und deren einander oft widersprechenden Folgen werden ausschließlich als Versagen gewertet und evozieren eine fundamentale Ablehnung, die von deren Beobachtern wiederum als Bereitschaft zur permanenten Verschwörung verstanden wird.

Tatsächlich aber käme es auf den Versuch an, die verschiedenen Strömungen der Staatsfeindschaft als Erzählungen des Unbehagens an einem gesellschaftlichen Individualisierungsdruck zu deuten, dem nicht dadurch beizukommen ist, dass man ein partikulares Interesse mit aller Macht und Einfallsreichtum gegen andere durchsetzt. Wie soll man denn auf den Geschmack kommen, wenn sich so viele gute Dinge ausschließen und verbieten?

Von Harry Nutt

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/dpa

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