Die Rheinpromenade in Düsseldorf im Juli des Jahres.
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Die Rheinpromenade in Düsseldorf im Juli des Jahres.

Corona-Krise

Nehmen wir uns ernst

  • vonOlivia Mitscherlich-Schönherr
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Weiterhin verlangt uns die Corona-Krise grundlegende Erneuerungsprozesse ab - die Gebote der Stunde müssen aber auch wahrgenommen werden.

Die Diskussion über Rettungsprogramme für die Regionalflughäfen, die bereits vor der Corona-Krise Defizite gemacht haben, spricht Bände. Ein nächster Autogipfel wird kaum auf sich warten lassen – auf dem dann vielleicht doch noch eine Prämie für den Kauf eines Neuwagens beschlossen wird? Und in jedem Fall stehen schon jetzt einige große Gewinner der Corona-Krise fest: der kleine Kreis der global tätigen Pharma-Unternehmen, die die Corona-Impfstoffe vertreiben werden. Diese Entwicklungen müssten nicht erstaunen. „Was wäre denn auch anderes angesichts der Macht der großen Konzerne zu erwarten gewesen?“ mag man sich fragen – wenn da nicht die Erfahrungen der Corona-Ausnahmesituation gewesen wären.

In der Ausnahmesituation des Frühjahrs, in der vieles fraglich geworden ist, wurden wir nicht nur von Erfahrungen des Nicht-Wissens, der existenziellen Ungewissheit, der Vulnerablität und der Ohnmacht eingeholt. In all dem konnten wir uns auch zum Überdenken früherer Selbstverständlichkeiten aufgerufen erfahren. Oft wurde das Brennglas als Metapher für die Lehren herangezogen, die die Krise uns erteilt hat. In einer eindrucksvollen Rede hat Bundespräsident Steinmeier von den „Geboten der Stunde“ gesprochen, denen wir in der Krise begegnet sind. Bei vielen waren diese Erfahrungen des Herausgefordert-Seins durch die Krise euphorisch gestimmt: von der Euphorie durchsetzt, dass vieles auch ganz anders geht. In all die Erstarrungen und vorgeblichen Alternativlosigkeiten der letzten Jahre schien ein Fünkchen des Unerwarteten, Unvorhersehbaren eingebrochen zu sein. In der Krise schienen wir nicht nur aufgefordert worden zu sein, grundlegende Aspekte unseres Lebens zu überdenken; die Krise schien zugleich auch die Freiräume zu eröffnen, um neue Anfänge zu machen: neue Anfänge in unserem Verhalten zur Natur, in unserem demokratischen Miteinander, vielleicht sogar in unserem spirituellen Leben. Die Aufbruchstimmung hat sich u.a. auch in der Serie „Die Welt nach Corona: Vieles neu und alles besser“ widergespiegelt, die die FR im Frühjahr ins Leben gerufen hat.

Im Vergleich scheint davon jetzt – im zweiten Lockdown – nicht mehr viel übrig zu sein. Es wird von der um sich greifenden Corona-Fatigue gesprochen. Kaum jemand scheint mehr gewillt zu sein, sich durch die Krise infrage stellen zu lassen. Vielmehr breitet sich die Sehnsucht nach Rückkehr zur alten „Normalität“ aus, die wir in den Corona-Monaten verloren haben. Dabei hat sich an den äußeren Parametern kaum etwas geändert. Nicht nur die virologische Situation stellt sich ähnlich dar. Trotz all der Lernprozesse, die wir in den letzten Monaten durchlaufen haben, sind unser Nicht-Wissen über die Pandemie und die praktisch-existenzielle Ungewissheit in Bezug auf das, was die kommenden Monate bringen werden, weiterhin groß.

Auch in unseren Formen der Pandemie-Bewältigung stoßen wir abermals auf Grenzen. Trotz aller Hygiene-Pläne mussten viele Kultureinrichtungen wieder schließen. Zugleich lässt sich noch nicht überblicken, welchen Schutz die Corona-Impfstoffe auf die Dauer und in der Breite gewähren können, die in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen werden: wie lange der Schutz durch die Impfungen anhalten wird, und welche möglichen Mutationen des Erregers von ihnen getroffen werden. Die Veränderungen haben sich nicht an den Parametern der Krise, sondern vielmehr in unserem Dasein in der Krise vollzogen. Nicht die Bedrohung hat sich grundlegend geändert, sondern unser Leben in und mit der Unsicherheit und Ungewissheit. Aus den aufregenden Augenblicken der Ausnahme im ersten wurde die Leere im zweiten Lockdown. Jetzt scheint uns die Gegenwart in ihrer Fraglichkeit nichts mehr zu sagen. Sie scheint sich vielmehr ins Diffuse, Unklare, in Sinnlosigkeit aufzulösen. Orientierung scheinen wir jetzt nur noch von den Lebensmustern erwarten dürfen, die wir vor all dem Spuk der letzten Monate ausgebildet haben.

Wir sollten es uns beim Verständnis der Veränderung unseres Lebens in der Krise nicht zu einfach machen. Der – zunächst naheliegende – Hinweis greift zu kurz, dass Augenblicke der Ausnahme nicht von Dauer sein können, und dass nach dem Rausch halt der Kater komme. Übersehen ist darin, dass nur der geschichtliche Rückblick Zwangsläufigkeiten konstruiert; und dass wir in den konkreten Situationen der Sommermonate – zwischen der ersten und der zweiten Corona-Krise – auch hätten anders leben können. Anstatt die Corona-Ausnahmesituation im Rückgriff auf unsere etablierten Verfahren gemeinsamer Lebensgestaltung anzueignen, hätten wir erste Neuanfänge setzen können. Damit wird deutlich: die Leere, die wir jetzt erfahren, resultiert nicht aus der zeitlichen Dauer bzw. der Wiederholung der Corona-Krise; sie ist vielmehr unserem bisherigen Umgang mit der Krise – bzw. genauer: unserem Umgang mit uns selbst in der Krise – verschuldet.

Die jetzige Leere speist sich aus der Missachtung unserer selbst. Da wir uns selbst und unser frühjährliches Aufgefordert-Werden zu grundlegenden Neuanfängen nicht ernst genommen haben, ist es jetzt kein Wunder, dass wir in Depression und Verzweiflung verfallen. Orientierung scheinen uns jetzt nur mehr die alten „Normalitäten“ zu bieten, die wir zumindest im Frühjahr guten Mutes meinten abschütteln zu wollen.

Ich möchte dafür plädieren, unsere Gegenwart nicht als Wiederholung sinnloser Naturprozesse aufzufassen und durchstehen zu wollen. Die herbstliche Corona-Krise ist keine Wiederholung, sondern vielmehr Bestätigung. Sie bestätigt aufs Neue die Forderungen, die bereits die frühjährliche Krise an uns gestellt hat, ohne dass wir bisher Antworten auf sie gefunden hätten. Weiterhin verlangt unsere krisenhafte Gegenwart uns grundlegende Neuanfänge ab: Neuanfänge in unserem Naturverhältnis, indem mit der Corona-Pandemie die zerstörerischen Konsequenzen unserer Formen der Naturbeherrschung nun auch in Mitteleuropa spürbar geworden sind; Neuanfänge zu einer Re-Demokratisierung unseres politischen Miteinanders, indem im Zuge der politischen Gestaltung der Corona-Krise die Entfremdung zwischen den politischen und intellektuellen Eliten und der breiten Bevölkerung überdeutlich hervorgetreten ist; und für einige von uns schließlich auch spirituelle Neuanfänge, nachdem die Vertreter der Kirchen zumindest der breiten Öffentlichkeit keine spirituelle Deutung der Krise haben vermitteln können.

Es hängt viel davon ab, ob wir die „Gebote der Stunde“ in ihrer aktuellen Neuauflage hören und ob wir hier und jetzt tatsächlich neue Anfänge in unseren Naturverhältnissen, in unserem demokratischen Miteinander und in unserem spirituellen Leben bahnen. Wenn wir uns jetzt abermals nicht ernst nehmen, dann ist nicht nur irgendwann der richtige Augenblick zum Handeln verpasst: der „point of no return“ im Klima-Wandel überschritten, eine weitere Aushöhlung unserer pluralen demokratischen Streitkultur zementiert, unsere spirituellen Traditionen abgebrochen. Hier und jetzt grüben wir uns zugleich Quellen gegenwärtigen Glücks ab, von dem wir im Frühjahr eine Ahnung bekommen haben: des Glücks, in all der Fraglichkeit unserer Existenz miteinander um eine gute Ausgestaltung unseres Lebens mit der Natur und mit den Anderen zu ringen.

Olivia Mitscherlich-Schönherr ist Dozentin für Philosophische Anthropologie an der Philosophischen Hochschule in München.

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