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Über den Ortsnamen Unterneger wird derzeit heftig diskutiert.
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Über den Ortsnamen Unterneger wird derzeit heftig diskutiert.

Rassismus-Debatte

Diskussion über Umbenennung: Was soll aus dem Negertal werden?

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Ist der Ortsname Neger fremdenfeindlich, obwohl es keinen Bezug zu einem rassistischen Kontext gibt? Darüber wird derzeit debattiert. Ein Zwischenruf von Harry Nutt.

  • Das Negertal ist wegen seinem Namen im Gespräch.
  • Sprachforscher fordern eine Änderung des Namens.
  • Und das obwohl kein Bezug zu einem rassistischen Kontext hergestellt werden kann.

Neger - Die Autokorrektur meines Computerprogramms schlägt das Wort Unternehmer vor, als ich den Namen des im Sauerländischen gelegenen Dorfes hinschreibe: Unterneger. Die Ortsbezeichnung hat es in den letzten Tagen zu einer gewissen Bekanntheit gebracht, die sogleich bedeutungsverstärkend mit dem Wort Debatte angereichert wurde. Via Agenturmeldung wird auf die semantische Kuriosität folgendermaßen aufmerksam gemacht: „Ein kleines Dorf im Sauerland erregt Aufsehen, weil es einen Namen hat, der rassistisch klingt. Sollte es sich umbenennen? Die Debatte darüber läuft.“

Umbenennung des Negertals im Kreis Olpe: Debatte seit dem Tod von George Floyd

Der Ort heißt Neger, er liegt nahe des Biggesees im Negertal und ist unterteilt in Unterneger, Mittelneger und Oberneger. Die Namen, heißt es weiter, seien mehrere Jahrhunderte alt. Rund 400 Menschen leben dort. Die Dorfaffäre begann bereits im Mai 2020 im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Tod des Afro-Amerikaners George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt. Die Stadt Olpe, zu der der Dorfverbund gehört, wurde umgehend zu einer Namensänderung aufgefordert. Dabei gibt es keinerlei etymologischen Bezug zu einem rassistischen Kontext.

Benannt sei das Dorf nach dem kleinen Flüsschen Neger, zitierte die Deutsche Presseagentur den Namensforscher Markus Denkler vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Gebildet sei das Wort aus einem nicht eindeutig herzuleitenden Stamm „Nag-“. Über Herkunft und ursprüngliche Bedeutung lasse sich nichts Genaues sagen. Allerdings lasse sich in der Forschung keine Ableitung vom lateinischen Wort „niger“ finden, das „schwarz“, „dunkel“ bedeutet.

Damit ist das in die Deutungsmühlen geratene Dorf aber noch lange nicht entlastet. Wortführer, die es anders sehen, meldeten sich umgehend zu Wort. Man solle Debatten über Ortsnamen nicht gleich abblocken, befand etwa der Berliner Sprachforscher Anatol Stefanowitsch. Sie seien nicht heilig, wenn eine Gesellschaft und ihre Werte sich ändern. Und Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) findet: „Es wäre sinnvoll, wenn das Dorf und die Kommune überlegen, dass es Menschen gibt, die sich durch den Namen diskriminiert fühlen könnten.“ Und für den Fall, dass die Dorfbewohner doch eine Namensänderung in Betracht ziehen, hat der Sprachforscher einen wohlmeinenden Vorschlag: Wenn der Name historisch von „Nag-“ herzuleiten ist, warum dann nicht „Nager“?

Kämpfe um symbolische Terraingewinne im Negertal

Der Fall lässt vermuten, dass die Konjunktur identitätspolitischer Debatten auch im Jahr 2021 ungebrochen ist, und wohl auch weiterhin von paternalistischen Stimmungen und Interventionen geprägt sein wird. Weder der Sprachforscher noch der Vertreter der Initiative ISD haben bei ihren gönnerhaften Einlassungen einen Gedanken daran verschwendet, wie überfordert die Bewohner eines Dorfes sein müssen, wenn sie in derlei Kämpfe um symbolische Terraingewinne hineingezogen werden.

Der Rat jedenfalls, es doch mal mit einer weniger rassistisch anmutenden Lautverschiebung zu probieren, mutet unfreiwillig komisch an. Indem die Dörfler ein Stück ihrer Identität hergeben, leisten sie einen Beitrag für eine höhere identitätspolitische Gerechtigkeit, die in den erstaunlichsten Gegenden ausgefochten werden kann und sich dem kaum mehr zu entziehen vermag.

Debatte um das Negertal: Freiwillige Umbenennung würde als Erfolg und höhere Einsicht verbucht

Eine freiwillige Umbenennung würde in diesem Fall als Erfolg und höhere Einsicht verbucht – und nicht etwa die Umsetzung eines aus dem Innern des Dorfes kommenden Impulses. Eine derart auf schnelle Triumphe zielende Identitätspolitik verkennt das eigene Dominanzgebaren, das in diesem Fall nicht über Autoritarismus und Gewalt verläuft, sondern auf Diskursmacht setzt.

Im Zusammenhang mit identitätspolitischen Fragen, die fast immer von komplexen gesellschaftstheoretischen Überlegungen begleitet werden, denen nicht immer ganz leicht und voraussetzungslos zu folgen ist, mag der Verweis auf einen kleinen Text des französischen Sprachwissenschaftlers Roland Barthes hilfreich sein. In seiner Antrittsvorlesung im Collège de France im Januar 1977 artikulierte er seine tiefe Skepsis gegenüber jeder Form von Argumentation, die sich auf der sicheren Seite wähnt, weil sie meint, sich auf die Vernunft berufen zu können.

Roland Barthes aber war keineswegs vernunftkritisch, sondern riet zur Vorsicht gegenüber der Sprache. Die Macht, so Barthes, sei vielfältiger, als wir ahnen, und sie finde sich nicht zuletzt in der Sprache derer, die eine Fremdherrschaft zu brechen beabsichtigen. „Sobald sie hervorgebracht wird, und sei es im tiefsten Innern des Subjekts, tritt die Sprache in den Dienst einer Macht. (...) Ich kann immer nur sprechen, indem ich aufsammle, was in der Sprache umherliegt. Sobald ich etwas ausspreche (...) bin ich Herr und Sklave zugleich. Ich begnüge mich nicht damit, zu wiederholen, was gesagt worden ist, mich bequem in der Knechtschaft der Zeichen einzurichten: Ich sage, ich behaupte, ich hämmere ein, was ich wiederhole.“

„Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen“

Roland Barthes’ sprachkritische Haltung, die er zur Literatur hin aufgelöst sehen möchte, mündete in einer Zuspitzung, die gerade in erbittert geführten Debatten ins Gedächtnis gerufen werden sollte, insbesondere, wenn es um sprachliche Interventionen geht. Sprache als Performanz aller Rede sei weder reaktionär noch progressiv, sagt Barthes, „sie ist ganz einfach faschistisch, denn Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, es heißt zum Sagen zwingen.“

Identitätspolitik ist immer auch Symbolpolitik, bei der der emanzipatorische Fortschritt allzu leicht auf der Strecke bleibt, erst recht, wenn sie orientierungslos über die Dörfer zieht. (Harry Nutt)

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