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Homers Held (hier Kirk Douglas in „Die Fahrten des Odysseus“, 1954) bei einer begründeten freiheitsbeschränkenden Maßnahme.

Corona-Geographie

Was wir von Odysseus über die Corona-Krise lernen können

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Homers Odysseus sucht und hält den Kurs in unbekannten Gewässern, im Nicht-Wissen, im Beharren gegen die Schwarmintelligenz der Gefährten.

  • Die weltweite Corona-Krise: Ein Nebel über allen Ländern
  • Ob Donald Trump oder Emmanuel Macron: Kampf gegen Coronavirus ist kein Krieg

Nun, da mit dem schwarzen, gutgebauten Schiff die Passage „auf dem weitbahnigen Meer“ bei der Insel der Sirenen gemeistert war, das Panorama bereits achteraus, nicht mehr in Hörweite, ließ Odysseus die Fesseln lösen, die ihn, auf Anraten der Kirke und eigenen Wunsch hin, bewegungslos am Mastschuh fixiert hatten. 

Der Held am Mast, ein Mann der Antike – doch wozu die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen, den Odysseus jeglicher Bewegung zu berauben, nur damit er die Versuchung zu hören bekomme? Weshalb den sensiblen Hörsinn der Gefährten zu blockieren, nur um sie nicht vom Kurs abzubringen? Und wie gestaltete ein Homer von heute die Liste der Sirenengesänge – vom verblendeten Turbokapitalismus, vom verstockten Autoritarismus?

Corona-Krise und die Führer: All die Kriegsmetaphern von Macron bis Trump

„Wir tragen das Bild Homers in uns“, notierte die spanische Schriftstellerin Nuria Labari, „aber wir haben die Geschichte falsch verstanden.“ Lesen sie „aus männlicher Perspektive so, wie wir alle Geschichte(n) gelesen haben“. Doch müssten wir sie vom Ende her verstehen, vom gegen alle Tücken der Verhältnisse bewahrten Haushalt auf Ithaka. Von Penelope her. Vom Bewahren, vom Heilen, von der Fürsorge, vom Warten, vom Wiederaufbauen aus.

All die Kriegsmetaphern, die zurzeit in Umlauf sind: von Pedro Sánchez bis zu Emmanuel Macron, von Donald Trump bis zu all denen, die in Zeiten globaler Existenzgefährdung von ungestörten Jahrestagen vergangener Siege, von militärischen Großparaden träumen. „Was stattfindet“, so der französische Soziologe Alain Touraine, „ist das Gegenteil eines Krieges“. Auf der einen Seite „eine biologische Maschine“, auf der anderen Seite „Menschen, Gruppen ohne Ideen, ohne Richtung, ohne Programm, ohne Strategie, ohne Sprache. Es herrscht Stille“.

Corona-Geografie: Kurs halten, Rückschläge erdulden

Die Selbstinszenierungen, die der „Männer der Tat“, bewirkten, so Nuria Labari, „weniger, als wir von ihnen erwartet hatten, füllen unser Gewissen mit einem kriegstreibenden Diskurs. Lassen so ihre Ineffektivität episch, sogar herrlich klingen“.

Nicht die Heimkehr aus dem Krieg ist Odysseus’ Metapher, sondern das Suchen und Halten des Kurses auf unbekannten Gewässern, im Nicht-Wissen, im Widerstehen gegen den Sog der Rückschläge, im Beharren gegen die Schwarmintelligenz der Gefährten. Navigieren im Jetzt? Durch die Corona-Geografie, die sich wie Nebel über alle Länder legt, die Terra incognita, die uns zurückwirft auf ein eingeschränktes Weltverständnis: „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln zu müssen, gab es noch nie“ (Jürgen Habermas in der FR).

In der Corona-Krise fehlen die Schutzmächte

Während die Akteure des antiken Epos getragen und bestärkt waren durch göttliche Voraussicht, durch Handlungsanweisungen göttlichen Wohlwollens, können die Akteure im Jetzt auf Schutzherren jeglicher Art nicht zurückgreifen. Ihren Weg in der „Risikogesellschaft“ hatte Ullrich Beck vor Zeiten als Versetzung „in die Turbulenzen der Weltrisikogesellschaft“ skizziert.

Als wiederholt schwierige Etappen auf Odysseus’ Reise nahten, Passagen, auf denen Opfer oder Totalverlust drohten, vor den Inseln der Sirenen, der Skylla und Charybdis, hatte der Held weiblichen Beistand, neben der Mentorin Athene, durch Kirke – eine Beraterin mit historischem Weitblick: die mächtige Zauberin. Nachdem er den Hades begangen und dennoch zurückgekehrt war, riet sie: „Geht zugleich mit dem aufgehenden Frühlicht in See“, mit dem schwarzen Schiff. „Ich aber will euch den Weg weisen und will euch alles einzelne bezeichnen, damit ihr nicht durch einen schmerzlichen bösen Anschlag, sei es auf der Salzflut, sei es auf dem Lande, ein Unheil erleiden und Schmerzen haben werdet.“

„Dann werde ich dir“, so die Kirke, die eigene Entscheidung des Odysseus herausfordernd, „nicht mehr weiter der Reihe nach ansagen, welcher der beiden Wege der deine sein wird, sondern auch selber musst du es in dem Gemüt bedenken. Doch will ich dir beiderlei Richtung sagen.“

In der einen Richtung der Meerespassage sind es die überhängenden Felsen des Scheiterns, die „Plankten“, die „Irrfelsen“, die nur ein einziges Schiff zu passieren vermocht hatte, die „Argo“ mit Orpheus an Bord. Und das auch nur, weil sie unter dem Schutz der Hera stand. In dieser Richtung drohte Totalverlust.

Die Corona-Krise: wie die Fahrt durch Skylla und Charybdis

In der anderen Richtung der Meerespassage drohte eine Durchfahrt, die zugleich, je nach Kurs und zugemessener Zeitspanne, auf der einen Seite mit großen Opfern, auf der anderen Seite mit Totalverlust belegt sein würde, die Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis.

Selbst aus der Jetztzeit beschrieben galt die Passage von Skylla und Charybdis, die Linie zwischen Tyrrhenischem und Ionischem Meer, als „ein Schrecken von Meer, gut, wenn man’s wusste, ein zweifaches Meer, (…) mit Abwärts- und Aufwärtsströmungen, mit Bastardellen, diesen gefährlichen kleinen Strudeln, von zerzaustem Fell und tückisch: Das ging so weit, dass es mehr Schiffe und Segler und Barken waren, die, sozusagen, unter ihm navigierten (also gesunken waren), dort, an den beiden Meeren, als die, die auf seiner Oberfläche navigierten“, wie der Italiener Stefano D’Arrigo (in seinem Roman „Horcynus Orca“, 1975) zu verstehen gibt.

Die Odyssee vom Ende her zu lesen, hieße nicht nur, auf dem Kurs die Insel des Helios (mit seinen Rinderherden, einer sanktionierten, verfrühten Selbstbelohnung) zu vermeiden, sondern der Krise „eine andere Semantik zu geben“. Da es nicht um Kriegsmetaphern gehe, „sondern um eine Realität, die noch nie zuvor so erlebt worden war“, notiert Nuria Labari („Wir sind alle Penelope“), gehe es um eine Semantik der Nachhaltigkeit, der Voraussicht, „einer neuen Gesellschaft der Fürsorge und des Wissens“, eine Semantik, „die Konflikte und Konfrontationen“ nicht zum Kernbestandteil macht.

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