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Nationales Gedenken: „Dankbarkeit ist Pflicht“

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Wie umgehen mit der Holocaust-Erinnerung in einer „westlichen Memorialkultur“ einer zukünftigen europäischen Nation? Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Wie umgehen mit der Holocaust-Erinnerung in einer „westlichen Memorialkultur“ einer zukünftigen europäischen Nation? Holocaust-Mahnmal in Berlin. © dpa

Eine Entgegnung auf Aleida Assmann: Das Holocaust-Gedenken ist richtig, sollte aber nicht im Zentrum einer Erinnerungskultur stehen. Von Egon Flaig

Unter der Überschrift „Eine mahnende Hüterin des Vergangenen“ erschien am 22. Dezember in der Frankfurter Rundschau ein Artikel von Aleida Assmann. Darin entgegnet die Anglistin meinem Aufsatz „Schuldig gesprochene Vergangenheit“ vom 10.10.22 und meiner Replik auf Rebekka Habermas vom 14.11., beide erschienen in der FAZ. Sie lässt sich auf mein Thema – „Historische Gerechtigkeit“ – nicht ein. Stattdessen verschiebt sie die Diskussion auf das Feld des Gedenkens an den Holocaust und der historischen Verantwortung für die Untaten des NS-Regimes und rückt mich in die Nähe von Björn Höcke. Dabei argumentiert sie mit mehreren Unwahrheiten, wovon ich hier einige anspreche:

Als Aufhänger ihrer Polemik dient ihr eine Kontroverse bei der 18. Sitzung des „Ausschusses für Kultur und Medien“ des Deutschen Bundestages (am 16.1.2019). Nach Aleida Assmann hätte ich gesagt: „Für ein nationales Gedenken kämen nämlich nur positive Ereignisse in Frage, die das Selbstbild einer Nation stützen“. Derartiges habe ich nie gesagt.

Sie fährt fort: „Die nationale Erinnerung habe die Aufgabe, den gemeinsamen Stolz zu stärken, mit einer Schulderinnerung sei kein Staat zu machen.“ Auch dies entspricht nicht der Wahrheit. Das Thema jener Sitzung war „Pädagogische Konzepte bei der NS-Aufarbeitung“. Ich widersprach der einhelligen Ansicht der anderen acht Referenten, wonach die europäische Erinnerungskultur den Holocaust zum Zentrum haben müsse. Laut Protokoll sagte ich: „Demokratien werden zusammengehalten von gemeinsamen Normen und vom Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit. Ohne diese würden Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptiert. Politische Zusammengehörigkeit benötigt einen intensiven Bezug zur eigenen Geschichte, also eine Memorialkultur, die normativ orientiert und den Zusammenhalt bewusst macht und unablässig auffrischt. Daher muss jede Memorialkultur die Dankbarkeit gegenüber der kollektiven Vergangenheit zum Zentrum haben. Die europäische Kultur zeichnet sich aus durch drei Errungenschaften: 1. republikanische Gemeinwesen und Demokratien; 2. die Menschenrechte; 3. die Wissenschaft als Wahrheitsinstanz. Alle drei verdanken wir der europäischen Geschichte. Daher sagte Immanuel Kant: ,Dankbarkeit ist Pflicht.‘ Wir können diese drei Errungenschaften schnell verlieren und wir werden sie nur so lange bewahren, wie wir für sie dankbar sind.

Wenn die westliche Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ, dann entschwindet die Dankbarkeit und verkehrt sie in Ablehnung. Geschieht das, dann treten zwei böse Folgen ein: Erstens: Die Orientierung geht verloren. Eine Vergangenheit, für die man sich schämt, erzeugt nur den Ruf: ,Nie wieder!‘ Aber sie antwortet nicht auf die Frage: Warum sind Demokratie, Menschenrechte und Wissenschaft wichtig? Das bloße ,Nie wieder!‘ macht anfällig für moralische Hysterisierung. Zweitens: Das Gemeinwesen wird unfähig, Menschen politisch zu integrieren. Integration heißt eintreten in eine Wertegemeinschaft, egal, ob man als Fremder kommt oder im Wechsel der Generationen nachrückt. Erfolgt dieses Eintreten nicht, dann vollzieht sich keine Integration.

Wenn nun die jüngere Generation die eigene Vergangenheit ablehnt, dann wird die politische Zugehörigkeit unbehaglich und unerträglich, dann verflüchtigt sich die Zusammengehörigkeit innerhalb von wenigen Generationen. Zudem wird das Gemeinwesen unfähig, Fremde zu integrieren. Die Integration von vielen zugewanderten Jugendlichen gelingt auch deswegen nicht, weil diese Jugendlichen nicht bereit sind, in eine Kultur einzutreten, in der sie sich als Nachfahren von Schuldigen begreifen sollen. Sie haben mit wenigen Ausnahmen für eine negative Memorialkultur nur Kopfschütteln übrig, tendenziell sogar Verachtung. Und sie werden nicht in die Kultur der europäischen Aufklärung eintreten. Wenn die Memorialkultur der Bundesrepublik auf die NS-Ära fokussiert bleibt, dann desintegriert sie die Demokratie.“

Soweit das Protokoll. Mir ging es vor allem um die Integration von Jugendlichen, die von ihrem kulturellen Hintergrund auf Stolz und Ehre ausgerichtet sind. Ich sprach nicht von der nationalen Erinnerung der Deutschen, sondern von der „westlichen Memorialkultur“ einer zukünftigen europäischen Nation, deren Basis die „Kultur der europäischen Aufklärung“ ist. Deren Wichtigkeit habe ich in zahlreichen Schriften immer wieder betont. Das übergeht Aleida Assmann; und damit verfälscht sie meine Aussage.

Ferner schreibt sie, Flaig führe einen „Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur“: „Er spricht dieser Erinnerung jegliche Berechtigung ab. Flaig negiert damit ein normatives Fundament, das im ersten Historikerstreit gelegt wurde und in die demokratischen Strukturen der Gesellschaft eingegangen ist.“ Nirgendwo habe ich bestritten, dass das Holocaust-Gedenken berechtigt ist.

Was ich bestreite ist, dass dieses Gedenken im Zentrum der deutschen (und schon gar nicht der europäischen) Erinnerung stehen solle. Denn wie soll das Holocaust-Gedenken zum normativen Fundament dienen? Die fundamentalen Normen unseres Gemeinwesens sind unsere Verfassungsprinzipien mitsamt den Grundregeln einer demokratischen Kultur: Volkssouveränität, Gewaltenteilung, Kontrolle der Amtsträger, Unabhängigkeit der Gerichte, Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, politische Gleichheit, Mehrheitsprinzip, Parteienpluralität. Diese sind das zuverlässigste Bollwerk gegen Menschheitsverbrechen wie der Holocaust eines war.

Doch keines dieser Prinzipien wird im Holocaust-Gedenken aufgerufen und erinnert. Aus diesem Grunde ist die Erinnerung an die antiken Demokratien – an ihre konstitutionellen Prinzipien und an die Regeln ihrer politischen Kultur – wichtiger als die Erinnerung an den Holocaust, wenn der Fortbestand der Demokratie zur Diskussion steht. Die Grundrechte stehen bereits im Grundgesetz von 1949. Sie können also nicht vom Holocaust-Gedenken „als normatives Fundament“ gelegt worden sein.

Zur Person

Egon Flaig, Jahrgang 1949, Professor emeritus, war seit 1998 an der Universität Greifswald und von 2008 bis 2014 an der Universität Rostock Ordinarius für Alte Geschichte. Hier reagiert er auf einen Text von Aleida Assmann in der FR vom 22. Dezember 2022.

Zu seinen Schriften zählen u.a.: „Die Niederlage der politischen Vernunft – Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen“, „Die Mehrheitsentscheidung – Entstehung und kulturelle Dynamik“ und „Weltgeschichte der Sklaverei“.

Aleida Assmann suggeriert: Wer das Holocaust-Gedenken nicht für das Zentrum der Erinnerungskultur hält, der negiert jenes normative Fundament, welches die deutsche Demokratie trägt. In diesem Sinne verlautbart sie, ein „demokratischer Konsens“ trage unsere Erinnerungskultur. Wer hat diesen ‚demokratischen Konsens‘ hergestellt? Wann gab es darüber eine Volksabstimmung? Wann einen Beschluss des Parlamentes? Stellt sich, wer diese Erinnerungskultur nicht befürwortet, damit gegen den Grundkonsens unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung? Mit einer solchen Exklusion der Andersdenkenden entzieht Aleida Assmann die Erinnerungskultur der freien Debatte. Vor den Konsequenzen sollte jedem bange werden. Ferner behauptet Aleida Assmann, ich verwürfe die „Geschichtserinnerung“ und baute diese „zum gefährlichsten Feind“ der historischen Disziplin auf: „Von dieser Doppelung hält Flaig jedoch nichts, weshalb er den Gegensatz zwischen legitimer ‚Geschichtsforschung‘ und illegitimer ‚Geschichtserinnerung‘ auf die Spitze treibt.“ Das ist unwahr. Jene Dichotomie von wissenschaftlicher „Historie“ und kollektiver „Erinnerung“ ist seit der fundamentalen Schrift „Verlust der Geschichte“ von Alfred Heuss (1959) gar nicht zu umgehen; und ich habe in mehreren Büchern betont: Politische Gemeinschaften können ohne kollektive Erinnerung nicht bestehen.

Ferner behauptet sie: „In der Diskussion um historische Verantwortung für koloniale Verbrechen sieht Flaig nichts weniger als eine Selbstabschaffung seiner Zunft“. Demgemäß wolle er „den zweiten (Historikerstreit) verhindern“.

Das ist doppelt unwahr. Erstens beabsichtigte ich mit meinem Aufsatz vom 10.10.22 in der FAZ, eine Diskussion darüber zu eröffnen, gerade weil mir daran liegt, dass die Geschichtswissenschaft sich nicht selber abschafft. Zweitens: Was ich ablehne, ist das Konzept der „historischen Gerechtigkeit“; hingegen akzeptiere ich den Begriff der historischen Verantwortung sehr wohl – im Sinne Karl Jaspers’: Die unschuldigen Nachgeborenen tragen als Bürger eines Staates, der für Verbrechen haftet, historische Verantwortung.

Indes, es muss sich um verübtes Unrecht handeln; die Akteure mussten wissen, dass sie Verbrechen begingen; das war bei den NS-Verbrechen der Fall, und darum besteht hier zweifelsohne eine historische Verantwortung. Zum andern ist jede Haftung für verübtes Unrecht – als juridisches Verhältnis – versehen mit einem Ablaufdatum. Bliebe die Haftung über die Zeiten bestehen, ergäben sich asymmetrische Beziehungen absurdester Art. Über diesen Punkt hat Jaspers in seinen großartigen Reflexionen nie nachgedacht. Diese Hohlstelle hat Michael Schefczyk in seiner Studie über „Historische Verantwortung“ (2011) behandelt und ein einleuchtendes Kriterium für das Erlöschen jedweder politischen Haftung gefunden: nämlich in der Abfolge der Generationen. Er plädiert für das Ende des Haftens in der dritten Generation, ich plädiere für die vierte, ganz biblisch.

Die Verbrechen des 20. Jhs. unterfallen – wahrscheinlich – zumeist der Kategorie „historisches Unrecht“. Doch dort, wo die kulturelle Semantik üble Handlungen und Zustände nicht als Verbrechen markierten, ist es ungemäß, die Geschehnisse nach unseren Maßstäben juridisch zu qualifizieren. Daher lässt sich die Sklaverei nicht als „historisches Unrecht“ erfassen. Aleida Assmann differenziert nicht, weder rechtsphilosophisch, noch geschichtsphilosophisch.

Schließlich kritisiert Aleida Assmann meine Ablehnung der „historischen Gerechtigkeit“. In der Tat habe ich die mit diesem Unbegriff verbundene Haltung als „eine pseudoreligiöse Ideologie bezeichnet, welche ‚einen moralischen Neubeginn‘ forcieren und die Vergangenheit ‚erlösen‘ wolle und eine ‚messianische Allversöhnung‘ anstrebe“, womit die Jetztzeit sich anmaße, „gottgleich die Welt neu zu erschaffen“.

Dem entgegnend mahnt Aleida Assmann: „Nach 1945 war genau das die Aufgabe der deutschen Nachkriegsgesellschaft: Die Welt neu zu erschaffen ‚durch bewusste Umkehr der politischen Denkungsart‘, wie es Karl Jaspers in seiner Friedenspreisrede in Frankfurt 1958 ausdrückte.“

Man staunt. An keiner Stelle ging es Jaspers darum, die „Welt neu zu erschaffen“. Die „Umkehr der politischen Denkungsart“ bezieht er ausschließlich auf das deutsche Volk, genauer: auf die schuldig gewordene Generation dieses Volkes, welcher er eine „Reinigung“ verordnete. Mit dem Programm einer Erlösung der Menschheit durch Schuldbekenntnisse hat seine Philosophie nichts zu tun. Zudem ist diese „Umkehr“ völlig sinnlos für Nachgeborenen, weil diese eben nicht schuldig sind. Aleida Assmann verwischt die Differenzen, die Jaspers zwischen die Generationen und zwischen die Schuldtypen setzt. Gerade weil Jaspers diese Trennlinien scharf zieht, lässt er sich nicht vereinnahmen für das Ideologem einer „historischen Gerechtigkeit“ – weder hinsichtlich sogenannter kolonialer Verbrechen noch hinsichtlich der Sklaverei.

Das möge genügen. Die Nachdenklichen dürften sich fragen, wieso Unwahrheiten nötig seien, um einem Kontrahenten zu entgegnen. Um diese Frage zu beantworten ist vielleicht eine Kritik vonnöten, welche Kant ganz ferne lag, nämlich eine Kritik der diffamatorischen Vernunft.

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