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Natalie Zemon Davis: „Ich empfand es als meine Pflicht, etwas über den Islam zu lernen“

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Von: Michael Hesse

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Blick auf die Stadt Granada.
Blick auf die Stadt Granada. © afp

Die US-amerikanische Historikerin über den Sinn von Reisen gerade in Zeiten der Pandemie und ihren Helden Leo Africanus.

Professorin Zemon Davis, das Reisen war in der Pandemie stark eingeschränkt. Sie haben vor einigen Jahren ein gefeiertes Buch über den Reisenden Leo Africanus, der eigentlich al-Wazzan hieß, geschrieben. Haben Sie es Ihrem Helden im Buch gleichgetan und die Welt erkundet?

Ich bin selbst in viele Länder gereist und habe viele Menschen aus anderen Kulturen getroffen. Frankreich und Westeuropa waren der erste Schauplatz für meine Archivrecherchen. Ich habe Marokko und Tunesien besucht, um ein Gefühl für die Sehenswürdigkeiten und Geräusche zu bekommen, die al-Wazzan gesehen oder gehört haben könnte. In den letzten Jahren habe ich auch Surinam besucht, im Zusammenhang mit einer anderen Arbeit, die ich zum Thema Sklaverei begonnen habe. Es war wichtig für mich, ein Gefühl für die Länder zu bekommen, deren Geschichte ich zu verstehen versuche.

Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beigetragen hat, darüber nachzudenken, dass unsere Welt ein friedlicherer und humanerer Ort sein könnte.

Zemon Davis

Wie wichtig war die Entdeckung der Welt für Ihre Arbeit und Ihre Entwicklung als Intellektuelle?

Nicht jeder Wissenschaftler, nicht jede Wissenschaftlerin hat die Zeit oder die Energie oder auch nur den Wunsch, die Rolle des oder der öffentlichen Intellektuellen zu spielen. Das ist auch nicht mein Ziel gewesen. Ich hoffe, dass meine Arbeit dazu beigetragen hat, darüber nachzudenken, dass unsere Welt ein friedlicherer und humanerer Ort sein könnte. Zumindest aber hoffe ich, dass sie meinen Leser:innen die Faszination für die Erfahrungen und Bestrebungen der Vergangenheit vermittelt, von denen einige im Leben des Leo Africanus zu finden sind.

Wer war dieser Leo Africanus, und was hat er erlebt?

Hassan al-Wazzan war ein marokkanischer Diplomat aus dem frühen 16. Jahrhundert, der in Nordafrika viel unterwegs war. Als er von einer seiner Reisen über das Mittelmeer zurückkehrte, wurde er von christlichen Piraten gefangen genommen und zum Papst nach Rom gebracht. Nachdem er zum Christentum übergetreten war, um seine Entführer zufrieden zu stellen, wurde er aus dem Gefängnis entlassen und konnte in Italien herumreisen. Dies tat er mehrere Jahre lang, bevor er nach Nordafrika und zum Islam zurückkehrte. Er hinterließ eine Geografie und Beschreibung Afrikas in italienischer Sprache, die er verfasst hatte, um Europäer:innen über Völker und einen Kontinent zu informieren, über den sie nur wenig wussten. In Europa wurde er Leo Africanus genannt.

Wir stellen uns diese vergangene Welt als sehr in sich abgeschlossen vor, gab es auch einen interkulturellen Austausch untereinander?

Zu al-Wazzans Zeiten gab es viel Bewegung zwischen den Welten des Christentums und des Islams, aber nur wenig Reisen dazwischen. Christliche und muslimische Soldaten und Piraten trafen auf dem Mittelmeer und in Osteuropa gewaltsam aufeinander, und es gab auch Handelsbeziehungen, insbesondere mit Venedig. Al-Wazzans Reisen waren also eine echte Erweiterung seines geistigen Horizonts, und er hatte sicherlich einen Einfluss auf die Menschen in Europa, denen er in den 1520er Jahren begegnete.

Er schrieb auch ein Buch über Afrika, das veröffentlicht und in viele Sprachen übersetzt wurde. Damit steht er in krassem Gegensatz zu den heutigen Identitätsbestrebungen.

Sein Afrikabuch bot ihm eine breite Palette von Möglichkeiten, die verschiedenen Welten zu beschreiben, die er in Nordafrika und im Land der Schwarzen bis hinunter nach Gao und Timbuktu kannte. Der einzige Wert, der durchscheint, ist seine Loyalität gegenüber dem Islam und den weisen Richtern und Imamen, die ihn unterstützen. Er ist kritisch gegenüber Teilen Afrikas, in denen Unwissenheit regiert. Im Laufe des Buches weist er manchmal auf Ähnlichkeiten zwischen europäischen und afrikanischen Bräuchen hin, aber er sagt nie etwas über das Christentum. Über seine Einstellung zu der Religion, zu der er gezwungen war zu konvertieren, sagt er nur, dass er hofft, eines Tages nach Afrika zurückzukehren.

Al-Wazzan ist ein Beispiel für eine kulturelle Überschneidung, ein Nichteuropäer, der auf die Europäer:innen schaut?

Al-Wazzans Reisen außerhalb der Welt des Islam brachten ihm viele Offenbarungen und neue Erkenntnisse. Zu seiner Zeit lebten muslimische Gefangene in römischen Haushalten, und vielleicht genossen auch einige von ihnen die Wahrnehmung einer Welt, die sich so sehr von ihrer eigenen unterschied. Das sechzehnte Jahrhundert war auch eine Zeit, in der die Reiseliteratur zunahm, wozu al-Wazzans Buch einen wichtigen Beitrag leistete.

Sie blicken auf ein langes Leben als Historikerin zurück – wozu ist seine Geschichte gut?

Ich war von al-Wazzans Geschichte beeindruckt, weil sie die Möglichkeiten zwischen Gewalt und kulturellem Austausch so klar darstellte. Ich wandte mich dem Buch recht spät in meiner Karriere als Historikerin zu, da ich mich zuvor auf protestantische, katholische und dann jüdische Gemeinschaften in Europa selbst konzentriert hatte. Außerdem zögerte ich, über die arabische Welt zu schreiben, wenn ich die arabische Sprache nicht beherrschte. Al-Wazzan war daher eine perfekte Lösung für mich, da er hauptsächlich auf Italienisch und Latein schrieb. Ich konnte auch auf viele verwandte Texte in Übersetzung zurückgreifen, wobei ich bei Bedarf von Spezialist:innen unterstützt wurde.

Was haben Sie von seiner Geschichte lernen können?

Ich war dankbar, dass eine solche Figur in mein Leben als Historikerin trat, nicht lange nach dem 11.9.2001. Seit langem bin ich besorgt über die Beziehungen zwischen jüdischen und arabischen Menschen in Israel/Palästina, so empfand ich es als eine – freiwillig übernommene – Pflicht, mir die Zeit zu nehmen, etwas über den Islam zu lernen. Mit al-Wazzan hatte ich besonderes Glück, da er während seiner Jahre in Italien selbst jüdische Verbindungen hatte.

Was ist die Aufgabe von Historikern und Historikerinnen?

Das Entscheidende sind immer die Beweise aus der Vergangenheit. Die Aufgabe des Historikers, der Historikerin besteht darin, zu beschreiben, zu verstehen und zu versuchen, die Entwicklung von Ereignissen und Ideen zu erklären, und nicht darin, sein oder ihr eigenes Urteil in den Text einzufügen. Mir ist es immer gelungen, von urteilsfähigen Menschen, über die ich schreibe, Stimmen und Ansichten aus ihrer jeweils eigenen Zeit und in ihrem eigenen Rahmen zu finden. Diese kann ich dann einfach im Text verwenden.

Interview: Michael Hesse

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