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Skulptur des haitianischen Freiheitshelden Toussaint Louverture (1743-1803). Der Künstler ist der Senegalese Ousmane Sow.
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Skulptur des haitianischen Freiheitshelden Toussaint Louverture (1743-1803). Der Künstler ist der Senegalese Ousmane Sow.

200. Todestag

Napoleon und die Sklaverei: „Ganz einfach, ich bin für die Weißen, weil ich weiß bin“

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Napoleon und die Wiedereinführung der Sklaverei.

Aus Amerika schiebt sich zu Napoleons 200. Todestag ein besonderer Aspekt in den Vordergrund: die Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien durch Bonaparte, wie er damals noch hieß. Louis-Georges Tin, Ehrenpräsident des Dachverbandes schwarzer Organisationen in Frankreich (Cran), erklärte unlängst, im Lebenswerk des nachmaligen Kaisers klaffe „nicht nur ein Makel, sondern ein Verbrechen“. Selbst konservative Politiker wie Ex-Innenminister Jean-Louis Debré räumen ein, dass Napoleons „große Träume für viel Unglück gesorgt“ hätten.

Die aus Haiti stammende Historikerin Marlene L’Daut schreibt in der „New York Times“, Napoleon habe keinerlei Gedenkfeier verdient. Mit Bezug auf „Black Lives Matter“ führt sie aus: „Schwarze Leben zählten für Napoleon weniger als seine Eroberungen und zivilen Errungenschaften.“

War Napoleon ein Kolonialist, Rassist, ja ein Sklaventreiber? Auf jeden Fall ein Kind seiner Zeit. „Ganz einfach, ich bin für die Weißen, weil ich weiß bin“, sagte er und höhnte: Die Afrikaner seien so unzivilisiert, dass sie nicht einmal wüssten, „was Frankreich ist“. Bonapartisten geben zu bedenken, ihr Idol habe in seinen Armeen auch Dunkelhäutige bis in den Generalsrang befördert, so den Vater des Schriftstellers Alexandre Dumas. Doch das wiegt wenig im Vergleich zur Wiedereinführung der Sklaverei 1802. Die Französische Revolution hatte sie erst acht Jahre zuvor abgeschafft und damit Hundertausenden auf der ganzen Welt Hoffnung, wenn nicht die Freiheit gegeben. Bonaparte verschärfte aber sogar den furchtbaren „Code Noir“ (Schwarzes Gesetz), der die importierten Sklaven Möbelstücken gleichstellte.

Rückblickend lässt sich sagen: Napoleon unterschätzte die Wirkung seiner Anordnung völlig. In Haiti und anderen französischen Besitzungen der Antillen waren 1794 zahllose Menschen freigekommen. Es war die schönste, sichtbarste und effektivste Umsetzung des Gleichheitsgebotes der Französischen Revolution. Dass Napoleon die Ketten in den Kolonien wieder hervorholen ließ, hatte handfeste wirtschaftliche und geostrategische Gründe. Saint-Domingue – heute Haiti – galt als Juwel des französischen Kolonialreichs; es produzierte fast die Hälfte der Weltproduktion an Baumwolle, Kaffee und Zucker. Genauer gesagt taten dies die 450 000 Sklavinnen und Sklaven von Saint-Domingue. Diese Inselhälfte in den Antillen war damals der Hauptsklavenmarkt Amerikas, genährt durch die unmenschlichen Bedingungen – wegen Todesfällen mussten jedes Jahr 36 000 Afrikaner herbeigeschifft werden. Vor allem wegen des rentablen Zuckerrohrs verfügten die Pflanzerdynastien – denen auch Bonapartes Gattin Joséphine de Beauharnais entstammte – in Paris über eine mächtige Lobby.

Der nachmalige Kaiser hatte auch ein persönliches Motiv, die Sklaverei wieder zuzulassen. Haiti bildete den Mittelpunkt seiner Amerika-Pläne, die er nach dem Scheitern seines Ägypten-Feldzugs wälzte. So wollte er den gesamten Golf von Mexiko in einen „lac français“, einen französischen See, verwandeln. Dazu gehörten das prosperierende Haiti, weitere Karibikinseln wie Guadeloupe und Martinique, aber auch die französische Gründung Nouvelle Orléans, heute New Orleans. Diese Stadt galt den Franzosen als Tor zum endlosen Mississippi-Einzugsgebiet im Norden.

Jedoch: Vom revolutionären Freiheitsatem erfasst, ließen sich die Sklaven von Saint-Domingue nicht länger unterjochen. Trotz furchtbarer Strafdrohungen organisierten sie den Aufstand. Bonaparte schickte über 20 000 Mann auf die Karibikinsel. Sie massakrierten die Rebellen, hetzten Bluthunde auf sie, entwickelten in den Schiffsbäuchen sogar eigentliche Gaskammern, in denen Gefangene mit Schwefeldioxid umgebracht wurden. Mit einem Verrat gelang es Bonapartes Offizieren, den schwarzen General François-Dominique Toussaint Louverture festzunehmen. Der Freiheitsheld wurde nach Frankreich abtransportiert und starb ein Jahr später in einem Verließ im Jura. In Haiti rieb das Gelbfieber derweil die französischen Truppen auf. In der Schlacht von Vertières im Norden der Insel gab ihnen eine schlecht ausgerüstete Sklavenarmee den Rest. Die letzten Franzosen segelten nach Hause.

In den Chroniken der Napoleonischen Kriege findet diese Schlacht kaum Erwähnung. Dabei hatte sie gewaltige, ja globale Folgen. Nach dem ersten erfolgreichen Sklavenaufstand der Neuzeit wurde Haiti 1804 unabhängig, und von Brasilien bis in die USA begehrten Sklaven auf. Napoleon wiederum brach sein Nordamerika-Abenteuer ab: Er verkaufte Nouvelle Orléans und ganz „Louisiane“ – das einem Gebiet von 14 US-Staaten bis an die kanadische Grenze entspricht – für den lächerlichen Betrag von 15 Millionen Dollar an die jungen USA.

Ein undurchdachter Traum

Mit dem Geld im heutigen Gegenwert von 250 Millionen Dollar wollte der rastlose Franzose seine nächsten Feldzüge in Europa finanzieren. Aus der eurozentrierten Sicht jener Zeit war das vielleicht nachvollziehbar. Doch man stelle sich vor, Napoleon hätte sich in Kontinentaleuropa mit dem Erreichten zufriedengegeben und dafür das riesige Territorium westlich des Mississippi gesichert und entwickelt. Etliche Amerikaner sprächen heute französisch …

Aber der Franzose hatte seinen amerikanischen Traum zu wenig durchdacht. Indem er die Sklaverei 1802 wieder einführte und die Geknechteten in die Revolte trieb, verlor er nicht nur eine strategische Kolonie, sondern auch „Louisiane“. Kein Ruhmesblatt. In Paris aber ließ Bonaparte gar nicht erst Kritik aufkommen: 1804, ein Jahr nach dem „Louisiana Purchase“, dem Verkauf der nordamerikanischen Besitzungen, krönte er sich zum Kaiser.

Zu seinem Vermächtnis gehört, dass die Sklaverei in Frankreich erst ein Vierteljahrhundert später endlich abgeschafft wurde. (Stefan Brändle)

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