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Zufall oder Sinnbild: In den Tagen nach dem Brexit tobten über dem Ärmelkanal schwere Stürme.

Brexit

Nachwirkende Sperrwerke

  • vonReinhart Wustlich
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Nach dem Brexit den Ärmelkanal entlang: Schritt für Schritt an einer Abbruchkante, England fest im Blick.

Das Old Royal Naval College in Greenwich. Der Ort, der Briten unendliche Freiheit der historischen Meere zu evozieren scheint, Erinnerungen an das Empire. Hier nennt man den Ärmelkanal „English Channel“, die Meerenge zwischen den White Cliffs und dem Cap Gris Nez in Frankreich nicht anders als „Strait of Dover“. Der symbolische Ort der „address“ des britischen Premiers: Painted Hall, in der 1805 der Leichnam Lord Nelsons, des Admirals der Seeschlacht von Trafalgar, aufgebahrt war.

Am 3. Februar 2020 tritt hier Boris Johnson unter dem Deckengemälde des Barockmalers Roger Thornhill auf: „This is the newly forged United Kingdom on the slipway“, das neu geschmiedete Vereinigte Königreich – nun ja, auf der Gleitbahn. Beim Stapellauf, so die Metapher. Unvermittelt die nächste Metapher: „We are ready for the great multi-dimensional game of chess“. Das neu gestählte Großbritannien, es würde sich, so der Premier, in der komplexen Schach-Partie gegen die EU behaupten („Take back control“). Konnte anderes gemeint sein als eine allegorische Schach-Anspielung auf das klassische Kriegsspiel (zwei Heere stehen sich gegenüber), weit vorausgeplant, „souverän jeder Tyrannis des Zufalls“ (Stefan Zweig) entzogen?

War mit dem Eröffnungszug die dynamischste Figur auf der Gegenseite gemeint? Der strategische Springer Emmanuel Macron? Oder die statische Dame? In der der Europa-Historiker Timothy Garton Ash – nun recht enttäuscht – nur noch die Vertreterin einer „Status-quo-Macht“ sah?

Wenn dem so war, zielte die britische Eröffnung auf den Mangel an strategischen Positionen der anderen Seite. Und darauf, dass Großbritannien sich selbst, anders als die EU zu akzeptieren bereit war, bereits „außerhalb des Orbits des EU-Rechts und seiner Gerichtshöfe“ wahrnahm (so ein Sprecher der britischen Regierung).

In David Camerons legendärer Referendums-Rede vom 23. Januar 2013 („I am not a British isolationist“) klang die Botschaft anders: „The challenges come not from within this continent but from outside it.“ Die Herausforderungen, denen Europa mit einer Reform des Euro, neu begründeter Wettbewerbsfähigkeit und echter Bürgernähe begegnen sollte, seien außerhalb der EU zu verorten, nicht innerhalb. Es gehe um eine neue, positive Vision der Zukunft der EU. Und: „Britain’s national interest is best served in a flexible, adaptable and open European Union and that such a European Union is best with Britain in it“ – dem nationalen Interesse Großbritanniens sei am besten mit einer flexiblen, anpassungsfähigen und offenen EU gedient, die sich am besten mit Großbritannien als bleibendem Teil der EU (!) entwickele. Noch konnte er sich Großbritannien als „wichtigen Teil der potenziellen Stärke der EU“ vorstellen (Timothy Garton Ash). Jedenfalls ging es nicht um die zutiefst antieuropäischen Reflexe anderer Tories, war es eher ein tiefes Luftholen. Aus dem sich ein Sturmtief auflud.

Der Rede vom Januar 2013, so die Erinnerung beim Einräumen der Bücher und topografischen Karten in die neue Reisebibliothek, folgte im selben Jahr der Sturmherbst. Auf einmal war die Reise durch die Orkanzone wieder präsent, mit dem Zug vom Regionalbahnhof Lille Flandres durch Frankreichs Norden – nach Amiens, dann nach Rouen. Wenige Stunden nach der vehementen Passage des Orkans „Christian“, einem berüchtigten Schnellläufer, der, alimentiert vom begleitenden Sturmtief „Burkhard“ vom Süden der britischen Inseln auf die bretonische Küste fiel, den Ärmelkanal hinauftobte, entlang der Normandie die Fähren im Hafen hielt, um bei Sylt mit 172 km/h aufzutrumpfen.

Von der Verheißung des Orkans angezogen, war die Hafenstadt Le Havre am Mittag erreicht. Ein Wolkenbruch ging im Windschatten der Torbauten der Avenue Foch nieder. Auf der Nordmole („Digue Nord“) zur Mündung der Seine hätte man sich Stunden zuvor nicht aufrecht halten können. Auch so war die Atmosphäre berauschend heftig: die fabelhafte Rallye der Brecher, die Brandungsfahnen, die sich über das Leuchtfeuer hinauf aufbäumten. Der Geschichte des Ortes entsprechend hätte man von Angriffswellen sprechen können.

Nach Südwesten, die Sonne war herausgekommen, leuchtete die Küste auf mit Deauville, Cabourg, der Mündung der Orne bei Caen, der Küste des „Débarquement“ – den Stränden der Landung der Alliierten. Guy de Maupassants Roman „Pierre und Jean“ (1888/dt. 1983), ein Werk, das in der Geografie der Region verankert ist, beginnt in Le Havre mit einer Bootstour zu „den weißen Klippen von La Hève“. Die enge Verbindung nach England findet in Fährschiffen Gestalt. „Seht, das Schiff aus Southampton!“, heißt es. „Über das spiegelglatte Meer, das wie ein Stoff gespannt war, grenzenlos, leuchtend im goldenen, feuerfarbenen Widerschein, erhob sich in der angegebenen Richtung, vor rosigem Himmel ein schwärzliches Wölkchen. Darunter war, ganz winzig aus dieser Entfernung, das Schiff zu sehen.“

Bis zur Ankunft des Dampfers erläutert der Skipper die „große Klippenwelt, zerrissen und gezackt, stolz und unnahbar. Sie stellt bis nach Dunkerque eine gewaltige, weiße Mauer dar, in deren Schießscharten sich Städte und Häfen bergen: Étretat, Fécamp, Saint Valéry, Le Tréport, Dieppe und so weiter.“

Ging man an dieser Küste hinauf auf den famosen Wanderwegen vor dem Abbruch zum Meer bis zum markanten Cap Gris Nez, der Engstelle zwischen Festland und britischen Inseln, konnte man das Gegenüber, trotz des britischen Nationalstolzes über die „splendid isolation“, auch als Ausdruck einer erdgeschichtlichen Ironie verstehen.

Ohne Kreideküste wäre Britannien, selbst bei klarstem Wetter, vom Festland aus kaum wahrnehmbar. Zudem waren die geologischen Gegenüber von heute erdgeschichtlich eine Einheit. Britischen Forschern des Imperial College London zufolge, Jenny Collier, Juli Hennings und Harry Lynch, ging dem Brexit vor 8500 Jahren bereits der „Ice Age Brexit“ voraus. Der Ärmelkanal, ursprünglich kein Meeresarm, vielmehr eine extrabreite Flussniederung mit Nebenläufen und Delta nach Westen, war durchgehende Flussniederung. Der Wasserstand des Meeres vor den Eiszeiten lag um 120 bis 130 Meter tiefer. Die Rücken der Kreideformationen zwischen Calais und Dover waren um 6500 v. Chr. so weit erodiert, dass das Wasser der südlichen Nordsee über den sich langsam bildenden „Channel“ in den Atlantik abfließen konnte. Dieselben massiven Kreidelagerstätten, welche die südenglischen South Downs in den Ärmelkanal hinein formen, notierte Robert Macfarlane in seiner bemerkenswerten Abhandlung „Alte Wege“ (2012), heben sich hinauf zur französischen Küste im Gebiet des Pas de Calais.

Direkt der Küstenlinie folgend, erstrecken sich am Ärmelkanal zwei symbolische Routen, mal parallel, mal sich überkreuzend. Der Europäische Fernwanderweg E 9, der, von Belgien kommend, dem Saum der Kreideküste folgt, an der Peripherie der Departements Hauts-de-France und Normandie nach Westen verläuft, nach der Querung der Pont de Normandie über die Seine den Saum der westlichen Normandie bis zur Halbinsel Cotentin, zum Cap de la Hague begleitet. Der Wanderer, der dieser Linie, ihren Verwerfungen nachspürt, den Weg und das Gehen nicht als Escape trail begreift, sondern, mit dem französischen Soziologen David Le Breton, als „Akt des Widerstands und der Langsamkeit, die Offenheit fördert“, der „sensiblen Aufnahmebereitschaft, die zugleich Stille, Neugierde, Freundschaft und Zweckfreiheit meint“, entdeckt damit „ein Mittel gegen die alles beherrschende, neoliberale Form der Reizbarkeit, der Erregungsbereitschaft, die unser Leben zu bestimmen sucht“.

Wer, Schritt für Schritt, diesem Pfad folgt, bekommt wohl an den schönsten Passagen, den landschaftlich hervorgehobenen Punkten eindringliche Lektionen erteilt: die zweite Strecke meint den aggressiven faschistischen „Atlantikwall“, der den zivilen Weg beständig kreuzt und akzentuiert. Kommt man von Belgien über die offene Grenze am Strand, beginnt fast unmittelbar danach „Le mur du Nord“, die Mauer des Nordens, eineinhalb Kilometer weiter folgt der erste Bunker, in den topografischen Karten 1:25 000 als „Blockhaus“, „Fort“ oder „Batterie“ vermerkt. Im Takt der autoritären militärischen Überformung der Landschaft verbindet er historische Orte des Grauens. Paul Virilio hat ihnen die Dokumentation „Bunkerarchäologie“ (1975/dt. 1992) gewidmet. Es ist ein Buch, in dem Virilio an den unvergleichlichen Wert der „Unverstelltheit des Blicks auf das Meer“ erinnert, der erst nach dem Krieg wieder zu gewinnen war – oder anders: der freie, ideologisch unverstellte Blick auf die Welt.

An das, was am „Atlantikwall“ zutage tritt, diese tiefste europäische Zerrissenheit, hatte selbst David Cameron in seiner Referendums-Rede erinnert, an das, was Europa nur siebzig Jahre zuvor gewesen war: „being torn apart by its second catastrophic conflict in a generation“ – das Europa der zwei katastrophischen Konflikte in nur einer Generation.

Mit dem Schriftsteller Julien Gracq, der im März 1941 mit einem Schweizer Sanitätszug aus einem deutschen Lager in Schlesien repatriiert worden war, teilte Paul Virilio diese Erfahrung: „In meiner Jugend war der freie Zugang zur europäischen Küste wegen Bauarbeiten verboten; man baute dort gerade einen Wall. So sah ich das Meer zum ersten Mal im Sommer 1945 an der Mündung der Loire.“

In Julien Gracqs Buch „Witterungen II“ (2005; in Frankreich 1974 erschienen), einem kunstvollen Text-Labyrinth von Miniaturen – Beobachtungen, Marginalien, Aphorismen, Landschaftsbeschreibungen, ist eine ähnliche Erfahrung vermerkt: „Zwei Jahre lang, von 1942 bis 1944, war mir, als ich in Caen wohnte, der Zugang zu der kaum fünfzehn Kilometer entfernten Küste von der deutschen Besatzung verboten, doch auf abstrakte Weise bestimmte die Richtung des Meeres dennoch die Routen meiner Wanderungen.“

Nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944, notierte Gracq: „Kaum war ich im Oktober zurück, verließ ich am ersten freien Tag den schlammigen Schutt der Stadt und pilgerte zu Fuß zum Meer, das ich in Langrune erreichte: diese unbekannte, so nahe, so lockende und mir so lange verbotene Küste. (…) Am Rand des Strandes sah man im Aufriss einen entzwei gesprengten Bunker und längs der abgetrennten Betonfläche auf eineinhalb Metern Länge, rußig und regelmäßig wie ein Kaminrohr, den Einschusskanal einer Panzergranate. (…) Die apokalyptischen Spuren der Katastrophe, die an seinen Ufern stattgefunden hatte, entzogen (…) dem grauen und fröstelnden Meer das Besitzrecht und beeinträchtigten für den Geist eine unvordenkliche und vereinbarte Ordnung“.

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