1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Nachhaltigkeit im Bauen: Wir müssen eine Reparaturgesellschaft werden

Erstellt:

Von: Robert Kaltenbrunner

Kommentare

In Frankfurt wird fleißig abgerissen.
In Frankfurt wird fleißig abgerissen. © Imagebroker/Imago

Schießstände zu Jugendmusikschulen: Es braucht ein neues Paradigma in der Architektur – und das muss vom Bestand ausgehen.

Als 1972 die US-amerikanische Soulsängerin Lyn Collins, auch „The Female Preacher“ genannt, ihren großen Hit „Think (About It)“ landete, wurde das nicht nur zur Hymne für die aufkeimende Frauenbewegung, sondern bewies auch prophetische Qualität. Denn im Refrain „So from now on we got to use what we got – to get what we want“ wird eine Grundhaltung gepredigt, die unsere Gesellschaft nun, 50 Jahre später, dringend braucht.

Zu nutzen, was man schon hat: Das müsste namentlich in der Architektur zur zentralen Handlungsmaxime werden. Denn die Haltung gegenüber dem Vorhandenen, der Umgang mit dem Bestand ist längst so etwas wie die Gretchenfrage der Baukunst geworden. Doch allen entsprechenden Bekundungen zum Trotz: Es wird neu gebaut, was das Zeug hält. Nach wie vor scheint es nicht nur unkomplizierter, sondern auch schneller und billiger, etwas Neues abseits von etwas Altem zu bauen, als das Alte zu renovieren oder neu zu beziehen.

Eine ganzheitliche Lebenszyklusanalyse liefert freilich eine ganz andere Bilanz: Dass nämlich den größten Energieaufwand und die größte Treibhausgasemission das Bauen selbst verursacht, also die Erstellung von Gebäuden. Bereits heute kommen auf jeden Bundesbürger, auf jede Bundesbürgerin rund 363 Tonnen verbautes Material in Gebäuden und Infrastrukturen. Das entspricht dem Gewicht zweier Jumbojets oder eines voll besetzten ICE – wohlgemerkt: pro Person! Die Branche produziert zudem mehr als die Hälfte des gesamten Abfalls. Doch Besorgnis löst dies nicht aus. Ohne Glaube an das Wachstum von Renditen keine Immobilienwirtschaft in der derzeitigen Ausprägung! Steigendes Bauvolumen und neue Nachfragesituationen als Raison d’Être des Gemeinwesens! Das kommt einem Rückfall in unvordenkliche Zeiten gleich.

Volker Hassemer, der frühere Kultur- und Stadtentwicklungssenator in Berlin, hat einmal gesagt: „Wir recyceln jede Blechdose. Aber wir recyceln nicht Erkenntnisse, Verständnis, Überzeugungen hin zu einer besseren Zukunft – das ist eine Schwäche unserer Gesellschaft.“ Wenn man dies nun rückübersetzt, dann darf man Architektur nicht als einen Neuanfang begreifen, sondern als fortwährenden Prozess des Fort- und Überschreibens.

Beispiele, die zeigen, dass und wie es gehen kann, gibt es ja zuhauf. Dennoch werden ständig Gebäude abgerissen, die sich weiterhin gut nutzen ließen. Damit sich das ändert, müsste nicht nur die graue Energie des Bestands, die vernichtet wird, bepreist werden, um den Abriss unattraktiver zu machen. Es müsste zudem ein Umdenken stattfinden, das den Bestand auch dann wertschätzt, wenn er nicht zum Denkmal einer vergangenen Zeit und dem, was man in sie hineinträumt, taugt. Es geht um einen selbstverständlichen Umgang mit dem Alltag, mit dem Graubrot von Stadt und Land.

Was bedeutet das nun für diejenigen, die planen und bauen? Sich mit dem Bestand zu beschäftigen, heißt so viel wie die Reset-Taste drücken. Den Begriff kennt jeder aus der Computersprache. Wenn man ihn rückübersetzt in den Lebensalltag, dann heißt das in etwa: Es geht um das Wiederherstellen eines neuen Funktionszustandes unter Rückgriff auf systemimmanente Elemente und Routinen.

Im Fokus steht hier nicht nur das einzelne Gebäude, sondern auch der Städtebau. Zwei Fragen stehen dabei im Vordergrund: Erstens, wie kann man bestehenden städtischen Räumen zeitgemäße Programmierungen einschreiben? Und zweitens, wie können dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Gestaltung und Konzeption der Stadt von morgen fruchtbar gemacht werden? Recht eigentlich stellen diese beiden Hypothesen das traditionelle Planungsverständnis auf den Kopf. Denn üblicherweise formuliert Planung zuerst ein (intendiertes) Ergebnis, um im zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses erreicht werden kann.

Hier dreht sich das Verhältnis um, weil gefragt wird, wie eine Entwicklungsdynamik entfaltet werden kann, ohne gleich einen idealen Endzustand zu definieren. Und wenn man sich umschaut, kann man heute viele erfolgreiche Exempel für ein solches Herangehen finden: Eine Tuchfabrik kann zur Kunsthochschule werden, ein Teil eines Schießstands zur Jugendmusikschule, ein barockes Zehntenhaus zum Hotel oder ein Lagerschuppen zum Theaterhaus.

Es geht um eine neue Wertschätzung dessen, was existiert. Das hat der Schweizer Architekt Roger Diener vorgelebt, indem er in Zürich bei zwei Wettbewerben – zum Kongresszentrum und zum Schlachthof – vorschlug, nichts zu tun. Oder genauer: das Bestehende nicht unnötigerweise durch Neues zu ersetzen. Er hat sich mit Erfolg in beiden Fällen der Aufgabenstellung widersetzt; beide Gebäude stehen heute noch. Lässt sich daraus nicht folgern, dass dies nicht nur dem Ansatz der immer stärker werdenden Degrowth-Bewegung folgt, sondern eine Handlungsanweisung für die Zukunft darstellt?

Wie man das Banal-Vorhandene in den Mittelpunkt kreativen Schaffens rückt, zeigt das Schweizer Büro in situ. So hat es unlängst ein Pionierprojekt in Sachen „Urban Mining“ verwirklicht: das Kultur- und Gewerbehaus ELYS in Basel. Es handelt sich um den Umbau eines knapp 32 000 Quadratmeter großen Gewerbebaus von 1982, der als Verteilzentrum und Großbäckerei der Schweizer Supermarktkette Coop diente, wobei man so weit wie möglich auf die Verwendung bestehenden oder gebrauchten Materials setzte. Bei den Fenstern handelt es sich um Restbestände verschiedener Hersteller aus der Umgebung, die Lamellen des Holzrahmenbaus wurden aus rückgebauten Holzkonstruktionen zugesägt, und bei der Dämmung setzte man zu einem großen Teil auf Steinwolleverschnitt von anderen Baustellen. Das spart reichlich CO2. Welche Lehren lassen sich daraus ziehen? Vielleicht dass die Fähigkeit, sich in den Bestand hineinzuversetzen, auf Dauer mehr zählt, als ihm Neues entgegenzusetzen. Es geht nicht darum, ohne Bedacht auf die Mittel größer, besser und schneller zu gestalten, sondern darum, nach anderen Bedeutungen zu suchen.

„Lieber gar nicht bauen als zu viel bauen!“, postulierte Frei Otto einmal. Auch das Nichtbauen ist eine Option, wenn man nach räumlichen Lösungen sucht. In einem neu zu definierenden Bilanzrahmen müsste der Gebäudebestand als Wert verstanden werden: Denn jeder Bau, der schon existiert, bringt den Primärenergieinhalt seiner Baustoffe und Bauprozesse – und das damit verbundene Kapital von Umweltbelastungen – ja schon mit. Mit anderen Worten: Je länger wir erhalten, auf einen desto längeren Zeitraum von Nutzungsjahren verteilt sich diese Belastung. Notwendig wäre der Paradigmenwechsel zurück zum Ideal der Langfristigkeit nicht nur im Gebrauchsgüterbereich, sondern auch aus einem ganzheitlich-kulturellen Anspruch heraus. Für die Architektur hieße das durchaus weitere technische Innovation, aber eben auch ein Prüfen der Möglichkeiten, Aufwand zu vermeiden. Und auf neue Architektur auch mal zu verzichten.

Die Beantwortung der Frage, was ein vorhandenes Gebäude leisten kann, setzt Erfahrungswissen und perspektivische Kreativität voraus. Auch Nutzer und Nutzerinnen müssen lernen, ihre Ansprüche kritisch zu hinterfragen. Der berühmte, Ludwig Mies van der Rohe zugeschriebene Satz „Less is more“ – der freilich die Moderne mit einer gewissen Ambivalenz umgab – könnte nun tatsächlich zum Leitsatz einer umweltbewussten Reparaturgesellschaft werden, die ihr Hab und Gut wieder lernt zu pflegen. Denn auch das muss man anerkennen: Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Unterhalt und Pflege.

Nun kann man der Auffassung sein, dass Architektur und Planung zu einer Disziplin gehören, die stark von der Logik des Machens geprägt ist – weshalb Werkzeuge und Prozesse möglicherweise wichtiger sind als Bewertungen und Anforderungen. Gleichwohl ist es überfällig, eine neue, bestandsorientierte Theorie der Architektur zu formulieren, weil nur so die Messlatte richtig justiert wird. Es ist doch heute immer noch so, dass das Kunstmuseum am Ufer, ein Theaterbau auf einer innerstädtischen Brache oder das Stadterweiterungsprojekt auf der grünen Wiese so etwas wie die Königsklasse der Architektur darstellen: an den Universitäten so gelehrt und medial gern kommuniziert. Das müsste man endlich revidieren, auch im Sinne einer kulturellen Wertung: Denn genau das ist doch das weniger Komplizierte, weniger Anspruchsvolle – und deshalb auch das weniger Bedeutsame.

Auch interessant

Kommentare