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Nachhaltiges Bauen: Architektur für die nächste Generation

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Von: Robert Kaltenbrunner

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Bausubstanz als kulturelle und ökologische Ressource: Küstendorf Oia auf der Insel Santorin.
Bausubstanz als kulturelle und ökologische Ressource: Küstendorf Oia auf der Insel Santorin. © IMAGO/YAY Images

Wir brauchen eine Bauwende– und zwar in Richtung Postwachstum.

Vor einigen Jahren zeichnete der Jenaer Karikaturist Bernd Zeller das Bild dreier Steinzeitmenschen. Einer hält eine Fackel in der Hand, die beiden anderen betrachten ihn mit entsetztem Gesicht und sagen: „Feuer ist ein unkalkulierbares Risiko. Auf solchen Fortschritt können wir verzichten.“ Tatsächlich kann man sich fragen, ob sich wohl vor einigen hunderttausend Jahren die Kulturtechniken, Essen zu kochen und Wohnungen zu heizen, durchgesetzt hätten, wenn es damals schon Kommissionen zur Risikobewertung und amtliche Zulassungsverfahren für neue Technologien gegeben hätte. Jedenfalls illustriert diese Karikatur treffend die Stimmung, die in weiten Teilen der Bevölkerung in Bezug auf den technischen Fortschritt herrscht.

Nun stehen wir allerdings vor einer großen Transformation, die unsere Spezies in diesem Jahrhundert leisten muss. Und Erkenntnisverweigerung ist dabei keine gute Idee. Welche Aspekte und Treiber auch immer angeführt werden – weltweite Migration etwa, die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, oder der Erhalt der Biodiversität –, zwei Aufgaben werden weithin als zentral anerkannt: der Klimawandel (sprich: Dekarbonisierung) sowie die Ressourcenwende (nachhaltige Kreislaufwirtschaft). Beides ist eng mit dem Bauwesen verwoben. 40 Prozent der Treibhausgase der Industrieländer werden durch Gebäude und Gebäudetechnik freigesetzt.

Angesichts dessen ist es nachvollziehbar, dass gelegentlich die Forderung erhoben wird, das Bauen zu verbieten. Als utilitaristisches Nutzenkalkül hätte dies wohl einen schnellen Skaleneffekt zur Folge. Doch einmal abgesehen von der Frage nach der gesellschaftlichen Auswirkung: Ist Nicht-Bauen nachhaltig? Wäre dies die Prämisse, dann würde es keine Entwicklung geben, keine Besserung. Tatsächlich ist im Bausektor ein noch nie dagewesener Innovationsschub notwendig, wenn die gesteckten Ziele der Reduzierung der CO2-Emissionen um 90 Prozent bis 2050 erreicht werden sollen. Gelingen aber kann das nur, wenn damit ein Mentalitätswandel einhergeht. Wenn beispielsweise die bestehende Bausubstanz als unverzichtbare Ressource begriffen wird – sowohl ökologisch als auch kulturell.

Sich mit dem Bestand zu beschäftigen, heißt so viel wie die Reset-Taste drücken. Den Begriff kennt jeder aus der Computersprache. Wenn man ihn rückübersetzt in den Lebensalltag, dann bedeutet das in etwa: Es geht um das Wiederherstellen eines neuen Funktionszustandes unter Rückgriff auf systemimmanente Elemente und Routinen. Dabei sind insbesondere zwei Fragen von Belang: Erstens, wie kann man bestehenden gebauten Räumen zeitgemäße Programmierungen einschreiben? Zweitens, wie können dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Gestaltung und Konzeption des Gebauten fruchtbar gemacht werden?

Recht eigentlich stellen diese beiden Aspekte das traditionelle Planungsverständnis auf den Kopf. Denn üblicherweise formuliert Planung zuerst ein (intendiertes) Ergebnis, um im zweiten Schritt zu überlegen, wie dieses erreicht werden kann. Hier dreht sich das Verhältnis um, weil zunächst gefragt wird, wie eine Entwicklungsdynamik entfaltet werden kann, ohne gleich einen idealen Endzustand zu definieren.

Eigentlich sind die Voraussetzungen dafür gegeben: Architektur war stets ein Schmelztiegel verschiedenster Forschungsrichtungen, ein Labor oft vorab kaum vorstellbarer Denk-, Handwerks- und Konstruktionsmodelle. Die „verantwortlichste Wissenschaft“, wie Goethe sie nannte, weil sie alle anderen vereint.

Zwar mag man der Auffassung sein, dass das Bauen, dass Architektur und Planung zu einer Disziplin gehören, die stark von der Logik des Machens geprägt ist – weshalb Werkzeuge und Prozesse möglicherweise wichtiger sind als Bewertungen und Anforderungen. Aber damit macht man es sich zu einfach. Das Bauen von Morgen muss sich der internationalen Debatte über „Degrowth“ bzw. „Postwachstum“ stellen und eigene Antworten darauf formulieren. Im Französischen wird übrigens der Begriff „Décroissance“ verwendet; er bezeichnet den Rückgang eines Flusses in sein ursprüngliches Flussbett nach einer zerstörerischen Flut. Mit anderen Worten: Das Leitbild vom Wirtschaftswachstum um jeden sozialen oder ökologischen Preis muss auf den Prüfstand gestellt werden. Dabei braucht es nicht „mehr“ oder „weniger“ Planung, sondern eine grundsätzlich veränderte Haltung dazu.

Die Verengung des Planens und Bauens auf technische, smarte und damit nur vermeintlich neutrale Vorhaben hat dazu geführt, dass sie problematische Ergebnisse zeitigt, weil sie übergreifende (ergo: in ihrer Durchsetzung eher „schwache“) Interessen in ihrer gesellschaftlichen Artikulation nicht besonders unterstützt. Dazu gehört beispielsweise das Recht der kommenden Generationen, auf diesem Planeten leben zu können. Ob nun Erdöl oder Lithium: Die Infrastrukturen heutiger Städte beuten die Rohstoffe der Erde überproportional aus und hinterlassen riesige Müllberge.

Die ganzheitliche Betrachtung des Bauens bedeutet, dass bei aller notwendigen Spezialisierung nicht der Blick aufs Ganze verloren gehen darf. Und genau diese Gefahr besteht, wie ein kurzer Seitenblick illustriert: In der vorindustriellen Zeit war Bauen zwangsläufig klimagerecht, wie die regional unterschiedlichen Bauweisen zeigen. Ein Gebäude in Griechenland war anders strukturiert als eines in Skandinavien. In den Bergen baut man anders als am Meer. Geometrie, Farbgebung, Fensterflächen, Dachformen, aber auch Grundrissgestaltung waren an die herrschenden Klimabedingungen dergestalt angepasst, dass mit möglichst geringem Energieeinsatz ein möglichst hoher Komfort für die Menschen erwuchs, die das Gebäude nutzten.

Nun soll hier weder einem romantisierenden Traditionsverständnis das Wort geredet noch der Eindruck erweckt werden, dass dies unmittelbar übertragbar wäre. Was man freilich zur Kenntnis nehmen sollte, ist, dass wir die größeren Zusammenhänge mehr und mehr vernachlässigen, indem wir vor allem einzelne Aspekte optimieren. So haben etwa die Fortschritte in der Klimatechnik dazu geführt, dass Gebäude jedweder Architektur in jeder Region dieser Erde unabhängig vom Außenklima gebaut werden konnten. Der Architekt entwarf, anschließend installierte der Haustechniker so viel Technik, wie benötigt wurde, um ein angeblich angenehmes Klima im Inneren zu schaffen – koste es, was es wolle.

Zugleich bewirkte diese Entwicklung eine fast völlige Trennung der Arbeit von Architektur und Haustechnik. Das aber ist entschieden der falsche Weg. Denn es geht nicht an, Fragen der Nachhaltigkeit an einzelne weiter zu delegieren, die sich auf Spezialgebieten auskennen. Und etwa darauf zu vertrauen, dass die Technologie es schon richten werde.

Bauen steht für einen Gesamtprozess, der Planen, Nutzen, Verwerten und so fort einschließt. Es geht beispielsweise um Gebäude, die nicht mehr mit der Schlüsselübergabe fertig sind, sondern die darüber hinaus in Zyklen die verschiedenen Leben danach und die Auswirkungen auf diese Leben mitdenken. Womöglich muss man von einem binären und reflexiven System zu einem rekursiven kommen, das einen Kreislauf bildet. Wie bei einem Ökosystem – da kann kein Einzelner bestimmen, was damit passiert, alles muss Teil dieses Systems sein. Und dann könnte man die Fackel mit dem Feuer auch getrost weiterreichen.

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