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Marcel Cachin (M.), Mitglied der Sozialistischen Partei Frankreichs und Komintern-Unterstützer, spricht am 25. Dezember 1920 in Tours.
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Marcel Cachin (M.), Mitglied der Sozialistischen Partei Frankreichs und Komintern-Unterstützer, spricht am 25. Dezember 1920 in Tours.

Kommunismus

Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vor hundert Jahren gründeten sich zahlreiche kommunistische Parteien und schienen eine sehr verführerische Perspektive zu bieten.

Als die CDU 1953 das berühmt-berüchtigte Plakat in den Wahlkampf warf: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“, da predigte sie nichts anderes als die Moskauer Kommunisten. Diese behaupteten, sie wären die wahren Marxisten und hätten darum die Aufgabe, alle andern zu bekämpfen. So waren sie die größten Feinde der Marxisten.

Hunderttausende waren von den Moskauern im Laufe der vergangenen dreißig Jahre umgebracht worden. Viele von ihnen hatten zuvor über kürzere oder längere Zeit den Moskauer Blick auf die Welt und die Moskauer Praktiken unterstützt. Das hatte ihnen nicht geholfen. Sie wurden Opfer der sogenannten Säuberungen, wurden ermordet oder verschwanden im Gulag. Ihre Begeisterung für den sowjetischen Kommunismus bezahlten sie mit dem Tode. Nirgendwo, auch nicht in Nazideutschland, starben so viele Kommunistinnen und Kommunisten wie in den kommunistischen Regimes.

Vor einhundert Jahren, Anfang Januar 1921 tritt das erste Mal das Direktionskomitee der am 29. Dezember 1920 in Tours gegründeten Kommunistischen Partei Frankreichs zusammen. Am 21. Januar 1921 wird dann in Livorno die italienische kommunistische Partei gegründet. Auf der italienischen Wikipedia-Seite über das Ereignis ist das sehr bescheidene Haus zu sehen, in dem das stattfand. Im selben Jahr wurde aus der sozialistischen Partei Irlands die kommunistische Partei. Schon am 2. Januar des Jahres war in Niederkorn die kommunistische Partei Luxemburgs gegründet worden. Auch die portugiesische, die rumänische, die Schweizer und die tschechoslowakische kommunistische Partei bildete sich im Jahre 1921. Zur allerwichtigsten KP-Gründung kam es am 23. Juli 1921, in der französischen Konzession Shanghai.

Seit 1918 war es in vielen Ländern zur Gründung kommunistischer Parteien oder doch ihrer Vorformen gekommen. Dass nicht nur der Zarismus gestürzt worden war, sondern dass schon wenige Monate später – im Oktober 1917 – eine sozialistische Partei hatte Revolution machen können, hatte zahllosen Linksradikalen überall auf der Welt signalisiert: „Revolution ist machbar, Herr Nachbar“. Diese Parole stammt aus ironischeren Zeiten. Aber genau das war doch die Botschaft: Wenn die revolutionäre Situation da ist, liegt es nur daran, dass ein paar entschlossene Revolutionäre das Richtige tun, und die Bourgeoisie kann gestürzt und der Sozialismus aufgebaut werden.

Was das Richtige ist – das konnte man von den russischen Revolutionären lernen. Ganz sicher nicht von der einst – auch von Lenin – verehrten deutschen Sozialdemokratie. Die hatte, als es zu Beginn des Ersten Weltkriegs auf ihn angekommen wäre, den Internationalismus aufgegeben und war „vaterländisch“ geworden. Wie die meisten anderen sozialistischen Parteien Europas auch. Die, die sich dieser Entwicklung entgegenstellten, sympathisierten mit den Bolschewiki, die den Krieg stets als innerimperialistische Auseinandersetzung betrachtet hatten. Als die Oktoberrevolution die erst im Februar etablierte bürgerliche Regierung stürzte, schien vielen das neue Zeitalter einer befreiten Menschheit aufzuscheinen. Als dann noch das Habsburgerreich und die Hohenzollernherrschaft stürzten, als in Ungarn eine Räterepublik ausgerufen wurde, erschien alles möglich. Man durchlebte eine revolutionäre, eine weltrevolutionäre Phase.

1919 wurde in Moskau, das im Jahr zuvor von den siegreichen Revolutionären zur Hauptstadt des russischen Reiches gemacht worden war, die Komintern gegründet. Nach langen Debatten war klar: die Komintern werde nicht der Zusammenschluss unabhängiger Parteien verschiedener Länder sein, sondern, so wurde es 1920 geregelt, „alle Beschlüsse der Kongresse der Kommunistischen Internationale wie auch die Beschlüsse ihres Exekutivkomitees sind für alle der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien bindend. Die Kommunistische Internationale, die in einer Periode des schärfsten Bürgerkrieges tätig ist, muss viel zentralisierter aufgebaut sein als die II. Internationale.“ Ebenfalls wurde festgelegt: „Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale beitreten will, muss den Namen führen: Kommunistische Partei dieses oder jenes Landes (Sektion der III. lnternationale)“ Im November 1920 erschien ein Plakat, das Lenin auf der Weltkugel stehend zeigte, wie er mit einem Besen in der Hand Kapitalisten, Großgrundbesitzer und Kleriker wegfegte.

Aber „die Periode des schärfsten Bürgerkrieges“ ging bald zu Ende. Das diagnostizierten auch die Köpfe der Komintern. Die meisten KP-Gründungen kamen erst zustande, als die Revolutionen schon gescheitert waren. In Italien zum Beispiel war das Biennio rosso 1919/1920, die Jahre mit Streiks, Fabrik- und Landbesetzungen vorbei und der Rollback des Faschismus hatte Erfolg. In Deutschland trug die Kommunistische Partei wesentlich dazu bei, den Bürgerkrieg zu verlängern und damit den Ruf nach Ordnung lauter werden zu lassen. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass viele der russischen Revolutionäre keine Chance sahen für eine sozialistische Revolution in Russland, wenn sie nicht von einer deutschen Revolution gestärkt werden würde.

Zu den Grundvoraussetzungen einer jeden kommunistischen Partei gehörte, dass sie neben ihrem legalen einen illegalen Apparat einzurichten hatte. So wie auch die Komintern selbst neben der öffentlichen eine Geheimbürokratie aufbaute. Es gab Kader, die weltweit unterwegs waren und überall, wo sie hingeschickt wurden, erklärten, wie eine siegreiche Partei und wie eine militärische Hierarchie in oder auch neben ihr auszusehen hätte.

Dazu gehörten von Anfang an die „Säuberungen“. Die waren keine Erfindung Stalins, sondern Punkt 13 der 21 Punkte, auf die Lenin 1920 die Kominternmitglieder einschwor: „Die kommunistischen Parteien aller Länder, in denen die Kommunisten legal arbeiten, müssen periodisch Reinigungen (Umregistrierungen) des Mitgliederbestandes der Parteiorganisationen vornehmen, um die Partei planmäßig von den kleinbürgerlichen Elementen zu säubern, die sich unvermeidlich an sie anschmieren.“

Dass die russische Oktoberrevolution nicht ein Schritt auf dem Weg der Befreiung der Menschheit war, wurde sehr bald klar. Wer auf die inneren Parteistrukturen achtete und wer, wie zum Beispiel Rosa Luxemburg, wusste, wie wichtig ihre demokratische Verfassung war, der wusste, dass die bolschewistische Politik ein Weg in die Sklaverei war. Die polnisch-deutsche Revolutionärin hatte das von Anfang an gesehen und gesagt. Wer beobachtete, wie die Bolschewiki andere sozialistische - sprechen wir gar nicht erst von den bürgerlichen – Gruppierungen niederkartätschten, der hätte nicht auf die Idee kommen können, sein Prinzip Hoffnung ausgerechnet in Moskau verwirklicht zu sehen.

Im März 1921 schlugen die Bolschewiki unter der Führung von Leo Trotzki zum Beispiel den Kronstädter Matrosenaufstand nieder. Die anarchistische Machnobewegung in der Ukraine erlitt 1922 das gleiche Schicksal.

Peter Scheibert legte 1984 eine Arbeit vor, die, die Lokalpresse auswertend, zu einem erschreckenden Bild der bolschewistischen Praktiken während der ersten Jahre kommt. Der Band heißt „Lenin an der Macht – Das russische Volk in der Revolution 1918-1922“. In der Zeitung „Roter Terror“ hieß es damals: „Wir führen Krieg nicht gegen einzelne Personen, wir rotten die Bourgeoisie als Klasse aus; als erstes ist der Beschuldigte zu fragen, zu welcher Klasse er gehört, seine Herkunft, sein Beruf. Diese Fragen sollen über sein Schicksal entscheiden.“ Die Klassenfrage gewissermaßen rassistisch zu nehmen, war von Anfang an russische revolutionäre Praxis.

Es sei an dieser Stelle noch auf drei weitere Bücher hingewiesen, die man unbedingt lesen sollte, wenn man sich besser vertraut machen möchte mit dem „Kommunismus“: Gerd Koenens „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ und Karl Schloegels „Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt“ (beide bei C. H. Beck). Die Autoren sind beide mehr als siebzig Jahre alt und sympathisierten vor fast einem halben Jahrhundert – wie auch der Autor dieser Zeilen – mit dem Kommunismus. Sie haben also nicht nur Wissen, sondern auch Erfahrung. Das hilft manchmal.

Brigitte Studers Buch „Reisende der Weltrevolution“ (Suhrkamp) nennt sich im Untertitel „Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale“, Die Autorin zeigt uns die Berufsrevolutionäre der Komintern, die Festangestellten der Weltrevolution. Die Revolution war eine Aufgabe für Experten und Expertinnen. In den hohen Zeiten gab es 800 davon. Die Weltrevolution kam also bis 1942, als Stalin die Komintern auflöste, nie über die Dimension eines mittelständischen Betriebes hinaus.

Man begreift die Faszination des Kommunismus nicht, wenn man nicht sieht, was in ihm zusammenkommt: Da ist erstens die Hoffnung, dass es nicht immer oben und unten, arm und reich, Unterdrückte und Unterdrücker geben muss. Zweitens ist das Gefühl übermächtig, dass es keinen Ausweg aus dieser Situation gibt. Drittens aber gibt es die Erfahrung, dass die Mächtigen ohnmächtig gemacht werden können, dass nichts ewig währt. Viertens gibt es ein Handbuch des Aufstands, klare Regeln. Wer die befolgt, wird Erfolg haben. Fünftens: Es gibt immer Gegner, die vernichtet werden müssen. Sechstens: Für den Revolutionär gelten nicht die herrschenden Gesetze. Es gibt „ihre Moral und unsere“. Siebtens: Der Revolutionär führt eine Doppelexistenz. Er ist Buchhalter in einem kleinen Betrieb und er ist ein Geheimagent der Weltrevolution.

Das war eine sehr verführerische Perspektive. Es gab einem die Möglichkeit, zum Beispiel als Beamter einen Eid auf das Grundgesetz zu schwören und gleichzeitig für dessen Abschaffung zu sein. Wie wir alle wissen, sind die kommunistischen Parteien weitgehend verschwunden, während es das Grundgesetz – zwar durchlöchert – immer noch gibt.

Anton Tschechows im Jahr 1901 zum ersten Mal aufgeführtes Theaterstück „Drei Schwestern“ erfreut sich bis heute großer Beliebtheit. Das hat zahlreiche Gründe. Eine winzige Rolle in dem Riesenerfolg des Stücks mag spielen, dass der baldige Umsturz der bestehenden Welt voller Hoffnung und voller Angst immer wieder anklingt. Und dass es in diesem Stück einen Code gibt für diese Hoffnung, diese Angst und der lautet ausgerechnet „nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“

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