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Nach dem Holocaust: Die Last den anderen aufbürden

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Tränengas über dem Dorf Yabad nahe der Stadt Dschenin, Westjordanland.
Tränengas über dem Dorf Yabad nahe der Stadt Dschenin, Westjordanland. © Jaafar Ashtiyeh/afp

Die deutsch-israelische Freundschaft ist angespannt. Die unappetlichen Seiten der deutschen Solidarität mit Israel. Von Heiner Roetz.

In Medienbeiträgen zu Mahmud Abbas’ Auftritt in Berlin wurde von einer möglichen Mitschuld deutscher Palästina-Komitees am Attentat auf das israelische Olympia-Team 1972 in München gesprochen. Überdies wurden die Komitees in die Nähe des Antisemitismus gebracht. Als einer, der im Frankfurter Komitee dabei war, kann ich diesen pauschalen doppelten Verdacht nicht bestätigen. Die Unterstützer und Unterstützerinnen der Palästinenser, die ich kannte, hatten keine Affinität zum Terrorismus. Sie waren auch keine Antisemiten. Für die Solidarität gab es ganz andere Motive. Und eines von ihnen hatte in der Tat mit dem deutschen Antisemitismus zu tun – aber anders als heute suggeriert. Es bezeichnet einen blinden Fleck noch der aktuellen deutschen Debatte über den Umgang mit dem Holocaust.

Die „Aussöhnung“ mit Israel durch „Wiedergutmachung“ war ein zentraler Faktor der Wiederaufnahme Deutschlands – in Form der BRD – in die internationale Gemeinschaft. Der deutsche Bund mit Israel hat allerdings einen Geburtsfehler. Er war keineswegs Ausdruck einer gelungenen Überwindung des Antisemitismus. Der Staat, der ihn ins Werk setzte, war von Nazis und ihren Mitläufern auf allen Ebenen durchseucht – er stand mit dem Dritten Reich personell und oft genug mental in einer obszönen Kontinuität. Adenauers rechte Hand, Hans Globke, war bekanntlich Kommentator der Nürnberger Rassegesetze gewesen.

Deutschlands Israel-Freundschaft ging mit Antisemitismus zusammen

Es ging nicht darum, Schuld zu bearbeiten, sondern darum, sie loszuwerden – mit Geld und der bedingungslosen politischen Unterstützung Israels, die fortan deutsche Staatsräson wurde. Es ging um den größten noch fehlenden Persilschein, den für den deutschen Staat selbst, und Ben Gurion, der israelische Ministerpräsident, war bereit, ihn auszustellen, indem er versicherte, das neue Deutschland habe mit Nazi-Deutschland nichts mehr zu tun. Die für den Zionismus charakteristische Identifizierung jüdischer mit israelischen Interessen – heute ein offizielles Kriterium für Antisemitismus – machte es möglich. So kam es zur wechselseitigen Konstitution von Israel als Vertreter der Opfer des größten jemals an Juden begangenen Verbrechens, auch wenn diese sich gar nicht zum Zionismus bekannt oder ihn abgelehnt hatten, und Deutschland als geläutertes wieder aufgenommenes Mitglied der zivilisierten Welt.

Wer sich allerdings mit der Geschichte dieser Entwicklungen näher beschäftigte, merkte bald, dass etwas nicht stimmte. Die Israelfreundschaft ging mit Antisemitismus durchaus zusammen. Dass Deutschland Israel offiziell zu umarmen begann, dürfte dessen Repräsentanten und Repräsentantinnen ebenso angewidert haben wie es ihnen recht war, in der Überzeugung, dass die Deutschen – als die sich die Juden selber sahen, bevor der Antisemitismus die Namen trennbar machte – sich sowieso nicht ändern. Und man ersparte dem neuen Deutschland sogar, dass Globke, der lebende Beweis für die Verbindung mit dem alten, zum Prozess gegen den ihn belastenden Adolf Eichmann nach Jerusalem vorgeladen wurde. Adenauer konnte sich in Gewissheit wiegen, dass es mit der „Naziriecherei“ nun ein Ende haben würde.

Deutschlands Bekämpfung des Antisemitismus als Pflichtübung

Israel indes hat es verstanden, wieder mit Entzug der Absolution zu drohen, sollten die Deutschen sich ihrer unwürdig erweisen. Damit es nicht so weit kommt, hat Deutschland aus der Pflicht zur Bekämpfung des Antisemitismus eine Pflichtübung gemacht. Es hat einen obersten Wächter bestallt, den es sich nicht scheut „Antisemitismusbeauftragten“ zu nennen und der zur Sicherheit sogar bereit ist, sein Soll überzuerfüllen. Doch schaut er auch in alle Richtungen? Schauen wir auch auf uns selbst?

Die deutsche Rechnung nun rentierte sich umso mehr, als es einen Dritten gab, der ungefragt einen Großteil bezahlte: die palästinensischen Araber, ohne deren Land sie nicht aufging. Zwar ist ihre Vertreibung und Entrechtung keine alleinige Folge der deutschen Untaten, da sie dem zionistischen Projekt eines jüdischen Staates von Anfang an inhärent war. Sie ist aber doch eine mittelbare und durchaus ein Unrecht, das mit in deutscher Verantwortung liegt. Zu ihm bekennen wollte man sich allerdings nicht, und wer sich seiner annahm, wurde schnell zum Außenseiter.

Israel: Palästinenser selbst für ihr Schicksal verantwortlich gemacht

Viel einfacher war es, die Palästinenser selbst für ihr Schicksal verantwortlich zu machen, zumal als manche von ihnen schließlich zu Terroristen und Islamisten wurden. Und nun konnte man sie sogar als neuerliche Gefahr für die Juden sehen – hatten die Deutschen diese schon nicht vor sich selbst, den Deutschen, schützen wollen, dann doch nun wenigstens vor den Arabern.

Und die Palästinenser erfüllten noch eine weitere Funktion, die von Schuld reinigte. Dass sie Opfer Israels wurden, schien „die Juden“ selber zu Tätern zu machen, die doch „dasselbe wie wir“ taten, zumindest in Form der Eroberung fremden Territoriums – ich habe es oft genug gehört. Besonders der Sechs-Tage-Krieg berührte die deutsche Seele: Die Juden waren nun selbst zu Soldaten geworden. Und in die Tätergemeinschaft aufgenommen, konnte man sie sogar zu lieben beginnen.

Sicherlich gab es in der deutschen Gesellschaft, von der ich hier sehr pauschal aus der Sicht meiner Eindrücke spreche, auch echte Zeichen der Sühne. Aber dagegen steht eine sehr verbreitete Bereitschaft zur sühnefreien Exkulpierung.

Israel: Die Projektionen deutscher Schuld

Wie absurd die Identifizierungen auch sein mochten, man war mit seinen Verbrechen nicht mehr allein. Das Bedürfnis nach Verteilung der allein gar nicht zu tragenden Last der Vergangenheit schlich sich in deren „Bewältigung“. Es blieb bis heute als Quelle von Projektionen deutscher Schuld, hierin dem Antisemitismus hintergründig verwandt, lebendig.

Aber es ist allzu bequem, überall Unseresgleichen zu entdecken und dann reuige Bekenntnisse zu erwirken. Indonesische Karikaturen und der Ausraster eines palästinensischen Präsidenten, der das Wort Holocaust nicht mehr hören kann, weil es ihm beharrlich zur Begründung der Lage seines Volkes entgegengehalten wird, der aber tatsächlich mit Israel zusammenarbeitet, gehören kaum in eine Reihe mit dem deutschen Antisemitismus. Man hat noch nicht gezeigt, dass man aus ihm etwas gelernt hat, wenn man sich überall zum Mahnen anderer berufen fühlt.

Die unappetitlichen Seiten der deutschen Solidarität mit Israel

Die unappetitlichen Seiten der deutschen Solidarität mit Israel und die darüber vergessene nachfolgende Schuld gegenüber den Palästinensern waren aber nur ein Grund, nach Gerechtigkeit für jene zu fragen, auf denen der Schutt der deutschen Geschichte abgeladen wurde. Denn die Solidarität galt einem Projekt, das nicht nur ein Unrecht an ihnen bedeutete, sondern auf längere Sicht auch den Juden selbst keine Befreiung und nur eine trügerische Sicherheit bringen konnte.

Seine tiefste Aporie liegt darin, dass es sich mit dem ethnischen Nationalstaat eben jener aus dem europäischen 19. Jahrhundert stammenden, die Exklusion anderer bedeutenden Idee verschrieb, in deren Namen das schlimmste Unheil über die Juden gebracht worden ist. Max Horkheimer sah in der Konstituierung Israels als Staat einen der Wege zum „Untergang des Judentums“: den „Umschlag in den Nationalismus der anderen“. Die jüdische Zionismus-Kritik hat auf die hierin liegende bedrohliche Dynamik zu Recht immer wieder hingewiesen – doch wer will sie hören. Auch die Alternative ist indes für Horkheimer beunruhigend: um sich retten, seinen „Gott zu verleugnen“ – der Weg der zum „Verschwinden“ führenden Assimilation. Ist aber nicht deren übelste Form der Nationalismus selber?

Die Idee eines gemeinsamen Staates noch immer utopische Vorstellung

Die Palästinenser nun schienen auf diese vielfach verfahrene Lage eine überzeugende Antwort zu haben: die Idee eines gemeinsamen Staates, in dem Juden, Christen und Moslems gleichberechtigt miteinander leben sollten. Sie ist noch immer eine blasse Utopie. Sie hätte für die Palästinenser selbst die Perspektive auf etwas anderes als eine der üblichen arabischen Diktaturen geboten und für die Juden auf ein Gemeinwesen, das um sich zu erhalten sich nicht bis an die Zähne bewaffnen und seine moralische Substanz aufs Spiel setzen muss. Und sie erschien trotz allem, was passiert war, nicht als völlig unrealistisch, ließen sich doch etwa der Libanon und Jugoslawien als Belege für die Möglichkeit einer solchen Multikulturalität anführen.

Mit dieser Idee vor Augen sich für die Belange der Palästinenser zu engagieren, war keineswegs terrorträchtig. Allerdings hat sie sich schon angesichts der Tatsache, dass jene „Belege“ sich in Luft aufgelöst haben, als blauäugig erwiesen, und es ist schwer zu beurteilen, wie ernst es den Palästinensern mit ihrem offiziellen Ziel tatsächlich war. Vielen war es dies sicher, aber es wäre gewagt zu sagen, dass sie und nicht eher Attentäter wie jene von 1972 angesichts der Vorgeschichte die Mehrheit hinter sich hatten.

Eine Schule in einem Flüchtlingslager in Beirut hatte Hebräisch auf dem Lehrplan – ein Beweis, so schien es, dass ihr eine gemeinsame Zukunft mit den Juden wichtig war. Doch dann erklärte der Lehrer: „You have to know the language of your enemy.“

Israel: Der Moment eines Bruchs und Abschieds

Es war für mich ein Moment eines Bruchs und Abschieds, der mir zugleich als höchst ungerecht erschien – es war, als hätte mit ihm der deutsche Fluch, der sich über die halbe Welt gelegt hat, einen selbst eingeholt. Ich hatte mich mehr mit dem eigenen Los beschäftigt als mit dem der anderen. Aber gleichgültig wurde es mir nie – sie haben etwas anderes verdient, als ihnen widerfahren ist. Eine letzte Fahrt führte in ein jüdisches Viertel Beiruts, das, so hieß es, von der PLO im Bürgerkrieg beschützt worden war. Keines der großen eisernen Hoftore öffnete sich. Warum auch?

Kann es eine gemeinsame Sprache geben zwischen einem Sohn der Täter und denen, die sich primär als Opfer der Opfer bzw. ihrer Nachfolger sehen müssen? Ja, aber sie hat Grenzen. Die Traumata sind nicht dieselben; sie kollidieren, und das eigene kann nicht beanspruchen, das maßgebende zu sein. Die Unterdrückungserfahrungen eines Kolonisierten, der die Welt von der anderen Seite her kennengelernt hat, sei es ein Araber, ein Indonesier oder ein Südafrikaner, haben ihr eigenes Recht. Warum sollte ausgerechnet ein Palästinenser die deutsche Last, unter der er ohnehin schon litt, gleich doppelt tragen?

Heiner Roetz studierte ab 1968 Soziologie in Frankfurt am Main und beschäftigte sich mit dem Nahost-Konflikt. Später Studium der Philosophie und Sinologie, heute emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie Chinas.

Ein deutscher Soziologe, der auf einer internationalen Konferenz die Beherzigung der Lehren der Nazi-Zeit zum Prüfstein aller künftigen Wissenschaft erklärte, wurde von einem indischen Kollegen gefragt, warum eigentlich auch für ihn Adolf Hitler das Paradigma liefern solle und nicht etwa Mahatma Gandhi. Wie überzeugend ist es, von dem einen Teil der Menschheit Beistand zu erwarten und ihm Lehren zu erteilen, nachdem man den anderen umgebracht hat?

Dies, so scheint mir, ist die eigentliche Singularität der von Deutschen und niemand anderem zu verantwortenden Vernichtung: Sie sticht nicht als eine historische, sondern als eine biographische Kategorie. Sie lässt den Nachgeborenen des Tätervolks mit seinen Alpnächten und seiner Sprache, in der noch an harmlosen Worten das Grauen klebt, in einem letzten Abgrund allein. Sie ist das, was nicht teilbar ist. Könnte man – aber man kann es nicht – das Verstummen des Olaf Scholz auch so verstehen, dann spräche aus ihm eine tiefere Betroffenheit als aus der Empörung seiner Kritiker. (Heiner Roetz)

Auch der Holocaust-Eklat von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas belastete die deutsch-israelischen Beziehungen, die ohnehin angespannt sind.

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